Marie Luise Knott: Zu Andreas Altmanns Gedicht „Schneefarben“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Andreas Altmanns Gedicht „Schneefarben“ aus Andreas Altmann: Art der Betrachtung

 

 

 

 

 

ANDREAS ALTMANN

Schneefarben

holzschnee ist auf das braune gras gefallen.
es hatte den weg durch die bäume geführt.
zwei tage haben sie stämme geschnitten.
jetzt ist die stille ohne geräusch.

du hast immer gesagt, es gibt keinen ort,
der dir gehört. die erinnerungen stoßen ihn ab.
blicke, in denen dir die augen nach
sahen, verbrannten im weißen licht des sommers.

das tor, durch das du seit jahren zurück
gekehrt bist, war aufgebrochen. du bist
dir zuvorgekommen. hast lange gerufen,
bis du gehört hast, es gibt hier kein echo.

nur einen brief hast du zurückgelegt, und im herbst
überlegt, ob du ihn öffnest. zu lang war
der winter für ihn, verwaist sind seine worte
im schnee, die schritte in ihm untergegangen.

 

Der Schnee und das Perfekt

Jedes Wort in diesem Gedicht ist verständlich, und doch schweben die Bilder darin wie in einem Traumgesicht. Angefangen beim Titel. Was ist das schließlich, „Schneefarben“? In diesem Gedicht gibt es „holzschnee“, in anderen Versen Altmanns ist von „erdschnee“ und „eisschnee“ die Rede; es schimmert – mal braun, mal schwarz, mal blau. „Schneefarben“ assoziiert also mitnichten jene gleißendweiße dichte Kristalldecke, aus der wir als Kinder die Schneemänner rollten. Eine Schicht aus Holzspänen bedeckt den Untergrund („das braune Gras“), dort, wo die Holzfäller gewesen und gegangen sind, der Holzschnee legt eine Spur über das Gewesene; er bleibt, wenn das geschäftige Treiben der Waldarbeiter zum Erliegen gekommen ist – der Schnee hält das Vergangene gegenwärtig:

jetzt ist die Stille ohne Geräusch.

Das Perfekt ist das zeitliche Pendant zum Schnee, denn anders als das Präteritum betont das Perfekt das Fortwirken des Vergangenen in der Gegenwart, weshalb Altmann ein anderes Gedicht, das Gedicht „gewesen sein“, mit dem Satz beginnen lässt: „manche fragen stellen sich erst nach der antwort“, und im gleichen Gedicht heißt es:

ohne fotografien würden die erinnerungen nur mir gehören.

Schnee – er Niederschlag des Gewesenen im Wort. Zunächst meint man, mit dem „du“ sei eine zurückerwartete Geliebte angesprochen, die gegangen ist, weil sie nicht mehr zu Hause sein konnte an diesem gemeinsamen Ort, abgestoßen von den Erinnerungen, ausgebrannt von den hitzigen Momenten der Gegenwart. Doch „Schneefarben“ ist kein Liebesgedicht. Das „du“ meint wohl eher das Alter Ego des Schriftstellers, dem sich bei seiner Tätigkeit, dem Schreiben, das Vergangene in den Weg stellt, weil die Worte sich nicht vom Gedächtnis befreien; in der Niederschrift sind sie ausgebrannt.
Tore, jene Schwellen zwischen draußen und drinnen, heißen gemeinhin die Herantretenden willkommen. Doch das Tor im Gedicht ist aufgebrochen und kündet so von einer Gefahr, die offensichtlich von dem „du“ selbst ausgeht:

du bist dir zuvorgekommen.

Wer sich selber zuvorkommt, findet den Ort, den er aufsuchen will, besetzt vor. Jemand hat sich bereits niedergelassen, gleich dem bucklicht Männlein, weshalb der Ankommende sich nicht mehr ausbreiten kann:

es gibt hier kein echo.

Gefährdet ist die Tätigkeit des Schriftstellers im Gedicht von dreierlei: von der allzu raumgreifenden Erinnerung, von der allzu brennenden Gegenwart und von der drohenden Antwortlosigkeit. Die Bewegung im Gedicht kommt vom Walde her, führt ins Haus des Seins und von dort wieder hinaus ins Freie – wo die Schritte längst untergegangen und die Worte längst verwaist wären, gäbe es nicht den Schriftsteller, der die untergegangenen Spuren notiert.
Die magische Schönheit dieser Verse verdankt sich der Intensität der Bilder. Altmann knüpft Bezüge und lockert sie sofort. Die Gedanken geraten ins Schwingen, Klang und Rhythmus, die sinnlichen Aspekte der Sprache, kommen zu ihrem Recht. „ge-“, „ge-“, „ge-“ tönt es wie ein Faden durch die Strophen. Bei Altmanns Poesie denkt man unweigerlich an Penelope, die tags ihre Muster webte und sie nachts wieder auftrennte. Nur so konnte sie sich das Glücksversprechen ihres Lebens erhalten. „Schneefarben“ handelt vom Schreiben.

Marie Luise Knottaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band, Insel Verlag, 2014

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.