Matthias Unger (Hrsg.): Die Kartoffelernte

Unger/Goltzsche-Kartoffelernte

***
So war’s:
Das Leben gab uns
auf die Fresse, und auf die Nase noch dazu
Und wir spien unsern Lebenslauf
wie blutig eingeschlagene
Zähne aus.

Giorgi Lobzhanidze
Übersetzt von Norbert Hummelt

 

 

 

Zur Anthologie Georgischer Lyrik der Gegenwart

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein intensiver Austausch zwischen Georgien und Westeuropa statt, und auch die georgische Literatur öffnete sich in den ersten Dekaden den europäischen und russischen Avantgarde-Bewegungen. So bildete sich 1915 im Haus der Georgischen Künstlergesellschaft in Tiflis die 13-köpfige Gruppe Tsisperi Kantsebi, Blaue Hörner, deren Inspirator der durch die deutsche Kultur geprägte Autor Grigol Robakidse war. Die Schriftsteller der Gruppe zielten auf eine Verbindung von georgischer Tradition und kultureller Moderne. Autoren wie Baudelaire, Rimbaud, Mallarmé, jedoch auch der Dadaismus eines Kurt Schwitters oder Hugo Balls, die mit ihren Unsinns-Gedichten auf den Kriegswahnsinn des I. Weltkriegs reagierten, faszinierten sie und beeinflussten ihr Schaffen.
Die Besetzung Georgiens durch die Rote Armee 1921 wirkte sich verhängnisvoll auf das kulturelle Leben aus. Die bolschewistische Eroberung des Landes suchte mit allen Mitteln die ästhetische Modernisierung der georgischen Literatur zu unterdrücken, das stalinistische Terrorregime vernichtete fast die Hälfte der Avantgarde-Künstler der Blauen Hörner. Dennoch wirkte der Einfluss der Künstlergruppe, die sich dezidiert den ästhetischen Innovationen der westlichen Kultur geöffnet hatte, bis in die Literatur der Moderne nach. Der Zusammenbruch der UdSSR, der Georgien wieder zu einem selbständigen Staat machte, ermöglichte eine neue freie kulturelle Entwicklung, schuf jedoch zunächst auch neue Schwierigkeiten. Es folgten Jahre des wirtschaftlichen Niedergangs, der sich massiv auf die georgische Literaturszene auswirkte. Es gab keine finanziellen Mittel für die Buchkultur, kaum noch Verlage, Buchhandlungen, und erst sehr langsam bildeten sich erneut Förderinitiativen. Dass Georgien zum Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018 ernannt wurde, wirkt sich seinerseits positiv auf die literarische Produktion aus.
Die Literatur der postsowjetischen Ära knüpft kaum noch an Lyriker der sowjetischen Zeit an, deren innovative Kreationen gegen jedes Parteidiktat allen Realismen abschworen, eine Dichtkunst im Sinne geistiger Autonomie anstrebten. Das Konzept der Blauen Hörner hat seinen Einfluss verloren. Die georgische Lyrik der Gegenwart in ihrem Misstrauen gegen die heroische Geste, gegen Pathos und elitäre Artistik zeigt sich skeptisch gegenüber allen Erscheinungsweisen einer poésie pure, gegenüber kühner Metaphorik oder Formen hermetischen Entwerfens. Stattdessen gehen die Autoren von ihrem eigenen Erfahrungshorizont aus, verkleinern den Abstand zwischen biographischem und lyrischem Ich.

Schon 2015 erschien in der Corvinus Presse Berlin die georgische Lyrik-Anthologie Aus der Ferne – Neue Georgische Lyrik, die sechs Lyriker bzw. Lyrikerinnen der deutschen Leserschaft in einer bibliophilen Ausgabe nahebrachte. Die neue Anthologie Die Kartoffelernte. Neue Georgische Lyrik II, translinear ins Deutsche übertragen von Nana Tchigladze und nachgedichtet von Norbert Hummelt und Sabine Schiffner, setzt diesen Prozess fort, sie enthält jeweils vier Gedichte von vier Lyrikern und drei Lyrikerinnen und u.a. auch das lange Gedicht „Die Kartoffelernte“ von dem Nestor der georgischen Lyrik, BESIK KHARANAULI (geb. 1939), der zahlreiche Preise erhielt und 2010 von Georgien für den Nobelpreis für Literatur nominiert wurde. Sein Gedicht gab der vorliegenden Edition den Namen, symptomatisch der Titel, der auf ein Ereignis aus dem bäuerlichen Alltag verweist. Und in der Tat erinnert sich das lyrische Ich an die Worte der Mutter „Morgen müssen wir die Kartoffeln ausmachen!“, bei denen sich der fünfzehnjährige Sohn demonstrativ zur Wand drehte. Das Gedicht evoziert das bäuerliche Leben mit Kühen, Kartoffeltausch gegen Pfirsich und Zwiebel und das vertraute Miteinander beim Kartoffelernten. Die Kartoffelernte gestaltet sich als Leitmotiv eines Lebens, das in seinen vielen Aspekten in diesem Prosagedicht veranschaulicht wird. „Poèmes en Prose“ nannte Baudelaire eine Textsorte, die anders als die Fleurs du Mal auf alle lyrischen Formelemente verzichtet und kleine Prosastücke arrangiert. Kharanauli behält zwar die Zeilenbrechung bei, gliedert seinen Text in verschieden lange Sequenzen – der Begriff Strophe trifft nicht –, doch er erzählt letztlich Geschichten von und beim Ernten. Alltagssprache bestimmt den Ton, und eine Metapher wie „Ackergold“ ist ein seltenes Edelwort, das im Prosafluss aufblinkt. Und das ist symptomatisch für das moderne georgische Gedicht.

TEMUR CHKHETIANI (geb. 1955) thematisiert in seinem Gedicht „Juli“ die Nachtträume des Ich, das stets auf der Suche, stets unterwegs ist und schweißgebadet aus seinem Albtraum erwacht. Die Hitze wird ihm zur Plage; und die Träume vom Regen lassen das Ich sich an die beschwerliche Beschaffung des Wassers erinnern, von ferne hertransportiert, „in großen Milchkannen festgezurrt auf einem Karren“. Die georgische Wirklichkeit dringt in das Gedicht ein, so die gelegentlichen Stromsperren gerade zur Fernsehzeit, wenn sich die Straßen leeren. Auch Temur Chkhetiani verzichtet auf feste lyrische Strukturen wie Strophenform, Reim, Metrum oder rhythmische Tonfolgen, er wählt die Nähe zur Prosa-Kurzform, um sich ungefiltert durch artistische Formzwänge der Wirklichkeit zu nähern. In dem Gedicht „Manhattan im Hof“ fordert das Ich sein Gegenüber auf, die Gedichte des jüdischen amerikanischen Autors Hans Promwell (1986) zu lesen, die Lektüre wird seinen Horizont und die Enge der gegebenen Wirklichkeit durchbrechen. Auch das Gedicht „Der Stuhl“ – hier spricht der anthropomorphisierte Gebrauchsgegenstand von seinen diversen ,Besetzern‘ – endet mit der Pointe:

Und habe auch
nur einen Freund auf Erden –
ein Buch, das auf mir liegt, mit dem Gesicht nach unten.

Es ist also lesbar. Deutlich wird die enorme Bedeutung der Literatur für den Lyriker, die sein Leben weitet, bereichert und dem Ich neue Welten beschert.

RUSUDAN KAISHAURI (geb. 1957) hebt sich von den beiden vorher genannten Autoren insofern ab, als sie auch das gereimte Gedicht pflegt. In ihrem Gedicht mit dem eigenwilligen Titel „Frau Konfitüre“ wählt sie die gebundene lyrische Form, deren 16 Zeilen sich durchaus in vier Strophen teilen ließen, einen am Jambus orientierten Rhythmus aufweisen und bis auf die zweite Strophe (a b b a) mit alternierendem Reim auftreten. Ihre Gedichte lassen sich als Empfindungspoesie bezeichnen, die sich jedoch von der klassischen Erlebnislyrik insofern entschieden abheben, als sich ihre Erlebniswirklichkeit keineswegs in einer lyrischen Stimmung, in einem Zusammenstimmen von Ich und Welt ausdrückt. Glückserwartung und Resignation prägen den Ton. Schon die erste Zeile „Ich weiß, ich lebe nicht, ich bleib bloß in der Spur“ intoniert das desperate Selbstverständnis des Ichs, nur zu funktionieren, statt sein Selbst in seinen Möglichkeiten zu entfalten: In dem Bild der Konfitüre als Selbstcharakteristik stellt sich das Ich als konformes, d.i. jedem angenehmes Wesen dar, als selbst angerührten, süßen Eintopf, der unfähig zur klaren bitteren Revolte ist. Nur die Poesie – so deuten die Schlusszeilen an – bietet einen Gegenraum zum niederdrückenden Alltag; das ist ein Aspekt, der im heutigen georgischen Gedicht vielfach begegnet.

LELA TSUTSKIRIDZE (geb. 1964) favorisiert eine Poesie der Alltäglichkeit, kultiviert das Prosagedicht, das auf die tradierten Versformen, Reim, Strophe, lyrische Genres wie Sonett oder Ode verzichtet, und, wie ihre Vorgänger, surreale Bildlichkeit und kühne Metaphorik ausschließt. Dennoch erzeugt ein Gedicht wie „Ferienhaus“ durchaus Irritation ob der alogischen Kombination der Sätze, obwohl die Sätze selbst für sich keinerlei kühne Metaphorik oder hermetische Bildlichkeit aufweisen. Schrank, Kleid, Wald, Wiese, Duft, Pfad entwerfen ein kryptisches Beziehungsgeflecht, das eine neue Form der Hermetik schafft. Das Gedicht „Die Wohnung meines Vaters“ dagegen, ein Erzählgedicht, evoziert den Angsttraum des lyrischen Ichs, das den Tod des Vaters erlebt, da er Tochter und Enkelkind nicht in der von ihm gefertigten Wohnung antrifft. In den sorgsam aufgelisteten Details der väterlichen Mühen um die Wohnung, in der lebhaften Vorstellung von seinem Kommen mit Wassermelone und Holzkrücke spiegelt sich die fürsorgliche Liebe des Vaters zugleich mit der innigen Wertschätzung der Tochter. Das Prosagedicht mit seiner schnörkellosen anschaulichen Sprache verleiht der engen Verbundenheit der Tochter mit dem Vater Ausdruck, und gleichzeitig deutet es die beängstigenden Fallstricke familiärer Bindungen an. Auch in dem Gedicht „Ich muss in den Krieg ziehen“, das auf die russische Besetzung Abchasiens verweist, spielt die Familie in Form eines Hemdes, das vom Urgroßvater bis in die Jetztzeit der Anverwandten reicht und das der Feind zerschnitten hat, eine bedeutende Rolle. Das Zerschneiden des Familienerbstücks, in dem sich das Zerschneiden des Landes symbolisiert, wird zum politischen Emblem, das das Ich zum Widerstand bewegt. Die politische Dimension spricht sich nicht plakativ in agitatorischer Rhetorik aus, sondern in den melancholischen Erinnerungen des Subjekts. Agitprop ist der georgischen Poesie der Gegenwart fern.

Auch NATO INGOROKVA (geb. 1969) fügt sich in den Kreis derer, die das Prosagedicht fortführen. Ihre Gedichte lassen sich unter das Genre Liebeslyrik subsumieren, jedoch eine Liebeslyrik, die nicht den glücklichen Moment festhält, sondern das Risiko erotischer Beziehungen thematisiert. Das Gedicht „Niemand“, das das mögliche Ende einer Liebe beschwört, endet mit den Zeilen:

dir dämmert,
dass
es nicht so leicht ist, den zu lieben,
der sich einst in dich verliebt hat.

Offenkundig der logische Widerhaken der Zeilen, die die Schwierigkeit der gelebten Liebe vermerken. Auch das Gedicht „Die Empfängerin“ formuliert die Ambivalenz des Liebens, darin der deutschsprachigen Tendenz der modernen Liebeslyrik ähnlich, die reich an Gedichten ist, die das Scheitern, die Vergänglichkeit oder die Schwierigkeit des Liebens formuliert. In dem Gedicht „Der Brief“, einem in freien Versen entworfenen Gedicht, das auch als Brief verfasst ist, öffnet sich das Ich dem Du, das „nah“ ist, und zugleich „so fern“, deshalb „ist es nicht einfach, dir zu schreiben“. In rhythmisch melodiösen Zeilen, die dem Gefühlsfluss folgen, den ,Atem‘ der Empfindung aufzeichnen, wagt das Ich das Risiko, seine Sehnsucht, sein ungeduldiges Drängen nach Nähe zum Du preiszugeben. Obwohl sie längst ein Paar sind, sie seit vielen Nächten beieinander schlafen, bleibt die paradoxe Furcht des Ich, nur neben einem Wunschbild des Du zu liegen. Die Schlusszeilen: „Ich schreibe dir / und gebe preis, wie ich mich fürchte, / dass ich sterben könnte, / bevor du mir beweist, dass es die Liebe gibt“ besiegeln das Liebesbekenntnis als gefährliche Offenbarung.

GIORGI LOBZHANIDZE (geb. 1974) verbindet die Liebesthematik in dem Gedicht „Der Logos“ mit metapoetischer Reflexion, er spielt auf den Beginn des Johannes-Evangeliums an: “Gesalbter, schau hin, / ich bin doch das Wort. / Genauer gesagt, ich bin/ der fleischgewordene Logos“, er spricht der Poesie einen metaphysischen Ursprung zu, attestiert ihr gleichzeitig eine existentielle Sinnlichkeit, wenn er sie mit dem Mädchen vom Dorf vergleicht, das mit Erschrecken seine Geschlechtlichkeit, seine tiefe sinnliche Erregung spürt –, „dem wird die Höhle zum ersten Mal feucht“ –, und er verweist auf den Widerspruch von Logos und sinnlichem Begehren. Das Poem „Altmodisches Gedicht“, dessen Titel wohl auf die Form, fünf Vierzeiler mit alternierendem Reim (a b a b) anspielt, kommt mit idyllischen Attributen einher, „Schneeglöckchen“, „Schneeflockenrosen“, schlummernder Katze und einem lyrischen Ich, das von leidenschaftlichen Gefühlen durchdrungen ist. Ein Gedicht in Reimen, die die schwelende Emotion, die das Ich schüttelt, in Form bannen. Ein Vergleich – die Katze schnurrte wie die vorübergehende Liebe – schafft den Blickwinkel ins Innere des Ich, evoziert gleichsam im Nebenbei den Schmerz über den Liebesverlust. Die Außenwelt, Schnee, der zu Matsch wird, der Feigenbaum, der nicht knospen will, entspricht der düster resignierten Innenwelt. In der verzweifelten Frage, wie „dem Schoß der Lüge“ zu entrinnen sei, klingt Misogynie an, doch das Bild des wütend am Tor Schlagenden wirft ein kritisches Bild auf den aggressiven Liebhaber. In dem Gedicht „Von der anderen Nachbarin“ dagegen zeigt der Autor das Lebensschicksal einer alten Dame, das sie mit vielen Frauen teilt, die „fünf Kinder großzog“ und sich nach ihrer Kindheit zurücksehnt, ihrer glücklichen Zeit, die ihr langes Leben als aufopferungsvolle Mutter fast zugeschüttet hat. Poetische Neuschöpfungen geben dem Erinnern gegenüber dem tristen Jetzt poetischen Glanz. Lobzhanidze verweist hier indirekt auf den Rollendualismus der Geschlechter, der vor allem die Frau um vielfältige Entfaltungsmöglichkeiten brachte.

NIKA JORJANELI (geb. 1978) beginnt und schließt sein Gedicht „Mexican standoff“ mit den Zeilen:

Acht junge Männer, die Waffen aufeinander gerichtet
standen wie erstarrt an einer Kreuzung bei Nacht

Der Tod der acht Männer bleibt unerklärlich, die Umstände undurchsichtig, der Staat in Gestalt des Staatsanwalts sprachlos und tatenlos trotz großer Worte. Nicht der Tod der Männer wird angeprangert, er bleibt mysteriös, sondern der Umgang der Macht mit der Öffentlichkeit.

Die georgische Lyrik der Gegenwart, wie sie sich in der Anthologie Die Kartoffelernte darstellt, wendet sich der Alltagswirklichkeit zu mit ihren Widrigkeiten, Überraschungen, freundlichen Momenten. Das lyrische Ich spricht sich vornehmlich als biographisches Ich aus, das den Unterschied zum artistischen autonomen Subjekt reduziert, von seiner Erfahrungswirklichkeit ausgeht. Sofern es politische Aspekte thematisiert, erscheinen sie als Erfahrungsmomente der subjektiven Wirklichkeit. Neben der Familie spielt auch das klassische lyrische Thema der Liebe in der gegenwärtigen georgischen Lyrik eine wichtige Rolle, jedoch – wie auch in der deutschsprachigen Lyrik – nicht in einem ungebrochenen Verständnis als Seelenharmonie zweier Menschen, sondern als schwieriger Akt, der Risiken birgt. Obwohl das heutige Gedicht der offenen Form des Prosagedichts zuneigt, verschließt es sich nicht gebundenen Versformen und erweist sich so als flexibles vieldimensionales Genre.

Hiltrud Gnüg, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Interview mit Norbert Hummelt am 22.5.2008

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Richard Pietraß: Dichterleben – Norbert Hummelt

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