Nelly Sachs: Ausgewählte Gedichte

Sachs-Ausgewählte Gedichte

DIESE KETTE VON RÄTSELN

Diese Kette von Rätseln
um den Hals der Nacht gelegt
Königswort weit fort geschrieben
unlesbar
vielleicht in Kometenfahrt
wenn die aufgerissene Wunde des Himmels
schmerzt

da
in dem Bettler der Raum hat
und auf Knieen gehend
ausgemessen hat alle Landstraßen
mit seinem Leib

denn es muß ausgelitten werden
das Lesbare
und Sterben gelernt
im Geduldigsein −

 

 

Nachwort

Das poetische Werk der Nelly Sachs ist groß und geheimnisvoll: zwei Attribute, die zu vergeben die literarische Kritik in unsern Tagen selten Grund hat. Sie sind altertümlich. Erklären wir uns über ihre Bedeutung. Größe hat nichts mit Talent zu tun; ebensowenig mit dem bürgerlichen Begriff des Genies, der den Urheber eines Werkes zur absoluten Ausnahme machen und ins Unvergleichliche entrücken möchte. Der Dichter als Übermensch, Geistesfürst, Olympier, Titan gehört zum Repertoire des neunzehnten Jahrhunderts und ist mit ihm verblichen; Größe ist von älterer Herkunft, sie kann auf Taubenfüßen gehen. Sie wird nicht verdient und nicht belohnt, am allerwenigsten durch die Prämien, die unsere Gesellschaft auszusetzen hat: durch Erfolg oder „Prominenz“. Größe bleibt fremd in der Welt, und die Welt kann sich keinen andern Reim auf sie machen als den des Ruhms, der seinerseits eine altertümliche Replik ist. Ruhm, und zwar lautloser Ruhm, ist Nelly Sachs in den letzten Jahren auch zugewachsen, spät und unversehens. So sehr aber Größe an der Person haftet, nicht nur am Werk, so wenig ist sie exklusiv; sondern im Gegenteil nicht zu denken ohne ein Moment der Stellvertretung. Sie tritt ein für die andern und deren Sache; aus ihrem Mund spricht mehr als sie selbst. Jene Sache ist aber namenlos, nicht ausgemacht. Damit hat das Geheimnis dieses Werkes zu tun, das stets, mit Gottes Wort, ein offenbares Geheimnis ist, ohne Vergleich mit Mystifikation und trüber Tiefe.
Von solcher Art sind die Gedichte der Nelly Sachs: hart, aber durchsichtig. Sie lösen sich nicht in der Lauge der Deutungen auf. Leicht, auf Anhieb, sind sie nicht zu lesen. Daß sie schwierig sei, pflegt man der modernen Poesie insgesamt und gleichsam unbesehen nachzusagen, und zwar gern im Ton des Vorwurfs, als läge es nur an den Autoren, ein wenig entgegenkommender sich auszudrücken. Darüber wird leicht vergessen, wo .die Schwierigkeit liegt. Bei Nelly Sachs ist sie niemals technischer Herkunft; sie hat weder Verfremdung noch Kalkül im Sinn, ihre Poesie ist weder Codeschrift noch Vexierbild; wir haben es hier mit Rätseln zu tun, die in ihrer Lösung nicht aufgehen, sondern einen Rest behalten – und auf diesen Rest kommt es an. Da kommt Interpretation leicht zu früh. Das Werk fordert vom Leser weniger Scharfsinn als Bescheidenheit; es will nicht dingfest gemacht, nicht übersetzt sein, sondern geduldig und genau erfahren werden. Nicht, was es bedeutet, wäre also hier zu sagen; wir können uns allenfalls Hinweise, Vorschläge erlauben, um die Lektüre auf den Weg – auf einen möglichen Weg – zu bringen.
Gottfried Benn hat von seinen Gedichten so gesprochen, als verstünden sie sich einzeln, ein jedes für sich: kostbare, im Glücksfall „hinterlassungsfähige Gebilde“, abgelöst von jedem Kontext und sich selbst genug. Nicht so Nelly Sachs, deren Poesie als eine Reihe einzelner Artefakte gar nicht gedacht werden kann. Seit ihrer ersten, 1946 erschienenen Gedichtsammlung In den Wohnungen des Todes schreibt sie im Grund an einem einzigen Buch. Dieser Vorrang des Ganzen vor dem Einzelnen ist keine formale Eigentümlichkeit; er drückt sich nicht im Baugesetz, in der Komposition, als zyklische oder epische Struktur aus; er wurzelt tiefer. Die Idee des Buches, die diesem Werk zugrunde liegt, ist religiösen Ursprungs. Beda Allemann hat in seinem Aufsatz „Hinweis auf einen Gedicht-Raum“ dargetan, daß sie sich die Kabbala zum Vorbild nimmt, und zwar besonders das Buch Sohar, einen Kommentar zum Pentateuch.

Da schrieb der Schreiber des Sohar
Und öffnete der Worte Adernetz
Und führte Blut von den Gestirnen ein.

So beginnt eine Gedicht-Reihe von Nelly Sachs, überschrieben mit den Worten „Sohar: Schöpfungskapitel“, in der sich diese Nachfolge bezeugt. Buch und Schrift, Urkunde und Alphabet: das sind Begriffe, die in ihrer Poesie immer wiederkehren. Sie bezeichnen nichts Literarisches; eher nehmen sie die alte Vorstellung vom Buch der Natur beim Wort und wenden es gleichsam um:. die Schreiberin kopiert nicht im Gedicht die· Zeichen der Natur, sie nimmt sie auf, um künftige Muster zu entwerfen:

Des Alphabetes Leiche hob sich aus dem Grab,
Buchstabenengel, uralter Kristall,
Mit Wassertropfen von der Schöpfung eingeschlossen…
Und wickelt aus, als wärens Linnentücher,
Darin Geburt und Tod ist eingehüllt,
Buchstabenleib, die Falterpuppe
Aus grüner, roter, weißer Finsternis.

Das Buch Nelly Sachs entfaltet sich, allmählich, mit seiner Sprache. Nichts in ihm steht vereinzelt; von Gedicht zu Gedicht sagt sich das konkrete Detail weiter bis zum kosmischen Zusammenhang. Eins der Bilder, die das ganze Buch hindurch variiert und entfaltet werden, spricht diesen Vorgang selber aus: das Bild des Schmetterlings. Das Werk selbst ist „Buchstabenleib“ und „Falterpuppe“. Zum ersten Mal erscheint der Sommervogel in dem frühen Gedicht „Chor der Ungeborenen“, zwar noch als scheinbar konventioneller Vergleich, als bloße Metapher:

Schmetterlingsgleich
Werden wir von den Häschern eurer Sehnsucht gefangen –

In einem späteren Gedicht aus dem Kreis „Und niemand weiß weiter“ wird das Bild weitergeführt:

Bereit sind alle Länder aufzustehn
Von der Landkarte…
Bereit das letzte Schwermutgewicht
Im Koffer zu tragen, diese Schmetterlingspuppe
Auf deren Flügeln sie die Reise einmal
Beenden werden…

Was in dem Bild von Anfang an gleichsam verpuppt war, befreit sich schließlich und geht ein in eins der zentralen Themen der Dichtung von Nelly Sachs, in das Thema der Verwandlung:

In der Flucht
Welch großer Empfang
Unterwegs – …
Der kranke Schmetterling
Weiß bald wieder vom Meer −
Dieser Stein
Mit der Inschrift der Fliege
Hat sich mir in die Hand gegeben −
An Stelle von Heimat
Halte ich die Verwandlungen der Welt.

Diesem Gesetz der Verwandlung unterliegen so wie die Erscheinungen auch die Worte und Bilder des Buches Nelly Sachs. Einem der vollkommensten unter seinen Gedichten wird der „Schmetterling“ Thema und Titel zugleich. Darin heißt es:

Welch schönes Jenseits
ist in deinen Staub gemalt.
Welch Königszeichen
im Geheimnis der Luft.

Das Bild des Falters und die Idee der Schöpfung als Zeichen und Inschrift verbinden sich hier mit einem andern Grundwort, das von seinen Anfängen her das ganze Werk durchzieht, dem Wort „Staub“. Verfolgen wir, zum Beispiel dafür, wie man in diesem Buche lesen kann, seinen Weg und seine Verwandlungen vom ersten bis zum letzten Gedicht.
Am Anfang dieses Weges steht nicht eine Metapher, sondern die finsterste Realität unserer Epoche. So beginnt das erste Gedicht, das Nelly Sachs veröffentlicht hat:

O die Schornsteine
Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes,
Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch
Durch die Luft…
O die Schornsteine!
Freiheitswege für Jeremias und Hiobs Staub −

Staub, Asche, Rauch stehen fürchterlich genau und konkret über den Verbrennungsöfen der deutschen Konzentrationslager. Das ist der Anfang, der durch alle Verwandlungen des Staubes hindurch behauptet, stets mitgedacht und nie vergessen wird. Er wird ausdrücklich überliefert „An euch, die das neue Haus bauen“:

Ach, es sind die Wände und die Geräte
Wie die Windharfen empfänglich
Und wie ein Acker, darin dein Leid wächst,
Und spüren das Staubverwandte in dir.
Baue, wenn die Stundenuhr rieselt,
Aber weine nicht die Minuten fort,
Mit dem Staub zusammen,
Der das Licht verdeckt.

Staub ist auch der Sand in der Stundenuhr; er wird zum Zeichen der Zeitlichkeit überhaupt. Staub ist nicht allein der Mensch, sondern die ganze Erde, und mit ihr alle Geschöpfe; Staub, in dem das Lebendige seinen Abdruck, sein Zeichen, seine Schrift als Spur hinterläßt, abzulesen wie vom Flügel des Schmetterlings die Figur:

Wer aber leerte den Sand aus euren Schuhen,
Als ihr zum Sterben aufstehen mußtet?
Den Sand, den Israel heimholte,
Seinen Wandersand?
Brennenden Sinaisand,
Mit den Kehlen von Nachtigallen vermischt,
Mit den Flügeln des Schmetterlings vermischt…

Als Sand ist der Staub in der Wüste zu Hause, also dort, wo überhaupt kein Obdach ist. Die Heimat im Heimatlosen der Wüste ist auf den Namen Israel getauft. Nelly Sachs ist die letzte Dichterin des Judentums in deutscher Sprache, und ihr Werk ist ohne diese königliche Herkunft nirgends zu begreifen. Sie hat, in ihrer Stockholmer Zuflucht, den Völkermord der „Endlösung“ genauer erfahren als wir, die wir in der Nähe der Lager lebten, und ihr Buch ist das einzige poetische Zeugnis geblieben, das sich neben dem sprachlosen Entsetzen der dokumentarischen Berichte behaupten kann. So unvergleichlich diese poetische Tat ist, so wenig läßt sich das Werk der Nelly Sachs auf sie begrenzen. Unrecht tut ihm, wer es auf dieses Zeugnis, auf diese Klage, am Ende gar auf rettende Auskunft zur „Bewältigung“ dessen, was keine Gewalt bewältigen kann, reduzieren möchte. Wer es darauf abgesehen hätte und auf nichts anderes, könnte nicht wahrhaftig davon sprechen, wie Nelly Sachs. Ihr, wie den alten heiligen Schriften, ist Israel stellvertretend für die Heils- und Unheilsgeschichte der ganzen Schöpfung. Staub, Rauch, Asche sind nicht „Vergangenheit“, die sich abfertigen ließe, sondern stets gegenwärtig. Auch heute noch und alltäglich heißt es:

Schwarz flaggen die Schornsteine
Das Grab der Luft.
Aber der Mensch
Hat ,Ah‘ gesagt
Und steigt
Eine grade Kerze
In die Nacht.

Und selbst der Stein hat seinen Teil an den „Verwandlungen der Welt“. „Die Sonne gebietet Halt den Reisenden“,

Während die Grille fein kratzt
Am Unsichtbaren
Und der Stein seinen Staub
Tanzend in Musik verwandelt.

Der Weg, den das Buch durchmißt, beginnt als Flucht und endet als „Fahrt ins Staublose“: dies ist der Titel einer späten Gedichtsammlung, den die Dichterin über ihr poetisches Gesamtwerk geschrieben hat. So handgreiflich, als nackte Realität wie die Asche und der Rauch in den Vernichtungslagern, so gegenständlich beginnt die Reise, als Exil, besitzlose Verbannung, Flucht vor den Schergen des Jahres 1940 in das gefriedete Schweden, und wie der Staub, so endet die Fahrt als kosmische, als Weltfigur.
Schrift, Schmetterling, Verwandlung, Flucht: so wie diese Elemente ihrer Poesie entfalten und verzweigen sich alle Worte, die in diesem Buch stehen. Wo der Leser auch beginnt, beim Bild des Haares und des Feuers, des Jägers und des Gejagten, bei Meer und Flügel, oder bei Finger und Schuh: von jedem Punkt aus wird sich ihm „der Worte Adernetz“ eröffnen, und noch die waghalsigste Verkürzung des Ausdrucks, der kryptisch ausgesparte Vers wird ihm durchsichtig werden, wenn er die Mannigfaltigkeit dieser Korallenbank aus Bildern nachgeht. Kabbalistisch ist diese Poesie auch in diesem sprachlichen Sinn: als das Werk einer zaubrischen „ars combinatoria“, die noch das Ungeheure je weiter je schwereloser zu fassen weiß.
So mag das „Königswort weit fort geschrieben“ lesbar werden, auch wenn das Buch,

Diese Kette von Rätseln
Um den Hals der Nacht gelegt,

sein offenbares Geheimnis gegen jeden, der es liest, behaupten und also weiterleben wird.

Nachschrift. Die dreißig Gedichte, die sich zu dem Kreis der „Glühenden Rätsel“ zusammenschließen, sind im Sommer 1962 entstanden. Sie werden hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Hans Magnus Enzensberger, Nachwort

Über die Lyrik der Nelly Sachs,

die hier in einer konzentrierten Auswahl vorgelegt wird, schrieb Hans Magnus Enzensberger: „Adorno hat einen Satz ausgesprochen, der zu den härtesten Urteilen gehört, die über unsere Zeit gefällt werden können: Nach Auschwitz sei es nicht mehr möglich ein Gedicht zu schreiben. Wenn wir weiter leben wollen, muß dieser Satz widerlegt werden. Wenige vermögen es. Zu ihnen gehört Nelly Sachs. Ihrer Sprache wohnt etwas Rettendes inne. Indem sie spricht, gibt sie uns selber zurück, Satz um Satz, was wir zu verlieren drohten: Sprache.“

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1963

 

Nelly Sachs: Ausgewählte Gedichte

Als 18. Band der Reihe Edition Suhrkamp gab Hans Magnus Enzensberger 1963 das Buch Ausgewählte Gedichte von Nelly Sachs (1891-1970) heraus. Die Auswahl beginnt mit den Gedichten, gefolgt von Enzensbergers achtseitigem Nachwort, einer Kurzbiographie von Nelly Sachs und schließlich einem Inhaltsverzeichnis, das auch die Bände kenntlich macht, aus denen die Gedichte entnommen sind.

Das Werk umfasst 54 Gedichte, die Enzensberger als „hart, aber durchsichtig“ charakterisiert. Ihm zufolge bedürfen sie sorgfältiger Lektüre und Analyse, der Leser darf weder ungeduldig noch darauf fixiert sein, die Gedichte exakt zu übersetzen und zu deuten. In ihnen steht immer ein Rest, der geheimnisvoll bleibt, und das macht das Werk von Nelly Sachs aus. Sie tritt ein für andere und leiht ihnen bildlich gesprochen eine Stimme. Enzensberger beschreibt Sachs vielschichtige Arbeit als ein einziges Buch, an dem sie viele Jahre geschrieben hat, dessen Ursprung ein religiöser ist. Schlagworte wie „Buch“, „Schrift“, „Urkunde“ und „Alphabet“ kennzeichnen ihr Werk als Anlehnung an biblische Vorbilder. Enzensberger stellt einige Elemente fest, die immer wieder in den Gedichten vorkommen: Als erstes Bild nennt Enzensberger den Schmetterling, der ein Zeichen für Evolution und Verwandlung und dennoch Gleichheit ist. Der Aspekt der Flucht scheint ebenfalls wichtig zu sein, denn auch dieser tauche in vielen Gedichten auf. Enzensberger untermauert seine Thesen immer wieder durch Zitate aus den Texten, wodurch das Nachwort einen sehr griffigen, runden Charakter bekommt und es dem Leser leicht gemacht wird, die Argumentationsstruktur nachzuvollziehen.

Die Auswahl der Gedichte wird nicht näher begründet, aber ihr inhaltlicher Zusammenhang mehrfach hervorgehoben. So beschreibt Enzensberger am Schluss seines Nachworts das „Buch“, also das gesamte Werk der Nelly Sachs, als Weg, als Flucht und als Ankunft und als untereinander an allen Punkten verbundenes „Adernetz“.

Julia Schocke, enzensberger.germlit.rwth-aachen.de, 2006

 

Zwischen den Welten

− Skizze über den Standort von Nelly Sachs. −

1 – als ich vor einigen Monaten Nelly Sachs in Stockholm besuchte, sagte sie zum Abschied, nach der Aufforderung, bald wieder zu kommen: „Wir sind doch Familie.“ Damit meinte sie unseren gemeinsamen Ausgangspunkt und gewisse Parallelen unserer Wege. Beide stammen wir aus einem Berliner Milieu, in dem das Deutsche wichtiger war als das Jüdische. Beide kamen wir früh mit dem Chassidismus in Verbindung, und beide wurden wir nach Schweden gerettet, wo dieselben Menschen unsere Freunde wurden. Aus dieser persönlichen Perspektive schreibe ich meine Bemerkungen über ihren Standort.

2 – Als der Nationalsozialismus die Macht in Deutschland übernahm, war ich zehn Jahre alt und ging in das Gymnasium Zum Grauen Kloster in Berlin. Ein Schulfreund, Sohn des Rabbiners Landau und Enkel des Besoiner Raw, nahm mich in die „Schul“ seines Großvaters mit. Zum ersten Mal erlebte ich die Kraft der Ekstase, spürte, wie das Gebet die ausgemergelten kleinen Schneider und Händler völlig von der Außenwelt abschloß, in der die Stiefel der SA auf dem Pflaster dröhnten und der Ruf „Juda verrecke!“ sich immer wieder von neuem erhob. Damals ahnte ich zum ersten Mal, daß die rohe Gewalt zwar diesen unscheinbaren Betsaal zerstören könne, was dann auch ein paar Jahre später geschah, daß aber der Geist in diesem Raum für die Verfolger unerreichbar war.
Von dieser Erfahrung her erlebe ich die Dichtung von Nelly Sachs. Ihre Gedichte sind in mein Leben eingedrungen, seit ich vor fast zwanzig Jahren über In den Wohnungen des Todes schrieb und ihre Briefe zu kommen begannen, mit Gedichten, die so lange niemand drucken wollte. Ich denke an die Erstauflage von Eli, die in 200 Exemplaren in Malmö erschien, weil ich dort eine Druckerei kannte, an Nellys Leben in der Stille und an die ersten Ehrungen. Ich sehe in Dankbarkeit einen Strauß frischer Blumen von Nelly und ein Gedicht in ihren dünnen, steilen Lettern vor dem offenen Grab meiner Mutter liegen, an einem kalten Novembertag im Süden Stockholms, vor zwei Jahren.

3 – Vieles, und Gutes, ist bereits darüber geschrieben worden, wie Nelly Sachs das Leiden Israels gestaltet hat, und Israel in ihrem Werk Symbol der Existenz des Verfolgten überhaupt und der Verknüpfung des Göttlichen und des Menschlichen ist. Der schwedische Freund, der sie eine Schwester Kafkas nannte, dachte wohl nicht nur an die gemeinsame jüdische Herkunft und die deutsche Sprache als die einzige wirkliche Heimat von Nelly Sachs und Franz Kafka, sondern in erster Linie daran, daß Nelly Sachs in einem Buch wie In den Wohnungen des Todes eine Wirklichkeit zeichnete, die Kafka vorausgeahnt hatte. Man kann auch die äußere Situation vergleichen. Kafka war ein Deutscher unter Tschechen und ein Jude unter Deutschen, und dieses doppelte Fremdsein ist der jüdischen Dichterin deutscher Zunge mit dem schwedischen Paß vertraut. Aber Kafka erlebte nicht die Nähe Gottes, sondern seine Ferne. Er konnte nicht den Weg zu der großen jüdischen Tradition finden und wurde nie Sprecher der jüdischen Gemeinschaft. Er suchte die Frömmigkeit einer Nelly Sachs, die in ihrer Einsamkeit das Martyrium Israels gestaltet und aus den Quellen jüdischer Überlieferung schöpft.
Allerdings knüpft Nelly Sachs nicht an das konservative Judentum an, das unbeirrbar in der Befolgung strenger Verordnungen und genauer Textdeutungen ist. Sie ist eine Schwester jener prophetischen Gestalten in der Geschichte des Judentums, die die Geschichtsschreibung, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt, und die doch zur Erneuerung des Judentums Wesentliches beigetragen haben. Ihre Dichtung wird von den Lehren der Kabbala und des Chassidismus genährt.
Wenn ich an Nelly Sachs in der kleinen Wohnung in Stockholm denke, wo seit Jahrzehnten ihre Werke entstehen, so kommt mir die Geschichte von Simon Bar Jochai in den Sinn, einem der ersten Kabbalisten, der Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Chr. in Palästina lebte. Zur Zeit der Judenverfolgungen durch die Römer hielt er sich dreizehn Jahre mit seinem Sohn in einer Grotte verborgen, im Sande vergraben, mit Datteln und Johannisbrot als einziger Nahrung. In der Grotte sagte er zu seinem Sohn: „Dai le-olam ani weatta“ – „Der Welt genügen ich und du“. Er stellte das geistige Leben, das er in seiner Grotte führte, der Welt der Verfolgung gegenüber. Als er sein Versteck verließ, reinigte er zusammen mit seinem Sohn die Stadt Tiberias von den Gebeinen der Toten, die die stummen Zeugen des großen Mordens von damals waren. Sind hier nicht das Dasein der Nelly Sachs und das Thema ihrer Dichtung vorweggenommen? In ihrer Kammer „kniet das Universum wie überall / um erlöst zu werden / von der Unsichtbarkeit –“

4 – Martin Buber hat gesagt: „Das Wandern und das Martyrium der Juden haben ihre Seelen immer wieder in die Schwingungen der letzten Verzweiflung versetzt, aus denen so leicht der Blitz der Ekstase erwacht.“ Der Zusammenhang zwischen der Verfolgung und der Mystik, wie er sich im Werk von Nelly Sachs ausdrückt, knüpft an eine alte Linie in der geistigen Entwicklung der Juden an. Zwei Gestalten aus der chassidischen Welt, der „Baal-Schem-Tow“, der „Meister des guten Namens“, und sein Urenkel Rabbi Nachman, kommen direkt in ihren Gedichten vor.
Ich zitiere aus der Legende des Baal-Schem, wie sie Martin Buber wiedergibt:

In der Ekstase rückt alles Vergangene und alles Zukünftige zur Gegenwart zusammen. Die Zeit verschrumpft, die Linie zwischen den Ewigkeiten verschwindet, einzig der Augenblick lebt, und der Augenblick ist die Ewigkeit. In seinem unzersplitterten Licht erscheint alles was war und was sein wird, einfach und gesammelt. Es ist da, wie ein Herzschlag da ist, und wird offenbar wie er.

Bei Nelly Sachs heißt es:

Der Augenblick Verlassenheit
aus dem die Zeit fortfiel
getötet von Ewigkeit.

5 – Bei der Standortbestimmung von Nelly Sachs sei auch nicht vergessen, was hier nur angedeutet werden kann, nämlich die Übereinstimmung zwischen ihrer geistigen Haltung und dem, was der große neuhebräische Dichter Bialik über „Offenbarung und Verhüllung in der Sprache“ zu sagen hat. Bei Nelly Sachs klingt wie auch in der modernen neuhebräischen Dichtung der Assoziationsreichtum der biblischen und prophetischen Tradition zwischen den Worten mit.

6 – Dennoch steht Nelly Sachs allein, durch ihre Sprache außerhalb der neuhebräischen Lyrik; auf einsamer Höhe in der deutschen Dichtung.
Nirgendwo findet man Visionen, die ihren Gesichten entsprechen. Ihr persönliches Schicksal und die Tragödie des Lebens und Sterbens unter Bedrohung haben in ihrem Werk zeitlose Gültigkeit erhalten. Immer wieder durchleuchtet die Mystik des Ewigen ihren Alltag, nie vergißt sie das Leiden Israels:

Gefangen überall
die Straße die ich gehe
die Fahrzeuge denen ich ausweiche
Das Eingekaufte verstauen
alles hellsichtige Ausflüge in eure Gebiete −
Strauchelt mein Fuß – schmerzt
ein Umweg in eure Wohnungen −
Deborah wurde von Sternen zerstochen
und sang doch Siegesgesänge
als die Berge zerflossen
und auf weißglänzenden Eseln wie Wahrsager
die Reiterschar dahinzog

Aber Schweigen ist Wohnort der Opfer

7 – Im Talmud heißt es:

Wer auf einem Wege geht und lernt, und sich in seinem Studium unterbricht und sagt: Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld, dem rechnet es der Schriftvers an, als wenn er sich an seiner Seele versündigt hätte.

Bialik schreibt, die Ästheten hätten alle ihre Pfeile gegen diese arme Stelle verschwendet,

aber wer auf den Geist achtet, wird auch aus ihr zwischen den Zeilen das Rauschen des Herzens und die zitternde Sorge um das künftige Schicksal eines Volkes heraushören, das „auf dem Wege geht“ und nichts mehr von seinem Besitz in der Hand hat, als ein Buch, und dessen ganzer innerer Zusammenhang mit irgend einem seiner Aufenthaltsländer nur auf seinem Geiste beruht.

Mit dieser Erklärung im Ohr lese ich bei Nelly Sachs, daß sogar die Farben des Abendhimmels heimatlos sind, daß sie „anstelle von Heimat“ die „Verwandlung der Welt“ hält. Jean Amery fragt: „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ und sucht eine „Heimatverwurzelung“ nach siebenundzwanzig Jahren im Exil. Bei Nelly Sachs haben „alle Länder… unter meinem Fuß / ihre großen Schrecken angewurzelt“. Sie sagt:

Ein Fremder hat immer
seine Heimat im Arm
wie eine Waise
für die er vielleicht nichts
als ein Grab sucht

8 – Das Thema „Flucht und Verwandlung“ ist nicht nur jüdisch zu verstehen. Die Flucht des Verfolgten durch eine feindliche Welt und die Verwandlung des Irdischen durch die Berührung mit dem Kosmos sind zentrale Themen unserer Zeit. Bei Nelly Sachs steht Franziskus neben Baal-Schem und der namenlose jüdische Fromme neben Jacob Böhme. In ihrer „Landschaft aus Schreien“ zeigt sie die Skelette von Maidanek und Hiroshima. Sie weiß, was es bedeutet, in jeder Beziehung „enteignet“ zu sein, und spricht von der Eigenschaftslosigkeit des Sterbens und Schlafens. Als Gestalterin der Lage des Menschen in dieser Zeit steht sie mit der Schonungslosigkeit der Darstellung einer unsagbaren Wirklichkeit neben einem Dichter wie Beckett. Noch immer ist sie auf dem Wege zu neuen Tiefen, zu einer neuen Verdichtung.
Im Sohar heißt es: „Es gibt Räume im Himmel über uns, die sich nur der Stimme des Gesanges öffnen.“
Eine solche Stimme gehört Nelly Sachs.

Erwin Leiser, aus: Nelly Sachs zu Ehren, Suhrkamp Verlag, 1966

 

Peter Hamm: Besuch bei Nelly Sachs, einer „Schwester Kafkas“

Arne Grafe: „Der Tod war mein Lehrmeister“ Begegnung mit Nelly Sachs – Ein Gespräch mit Gisela Dischner

„Ich habe mich den Gedichten geöffnet, ihren Stimmen und auch ihrem Schweigen“ – Gespräch mit Christine Rospert

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Nelly Sachs zum 125. Geburtstag:

Christiana Puschak: Dichterin der leisen Töne
junge Welt, 9.12.2016

Eva Pfister: Lyrikerin und Symbolfigur der deutsch-jüdischen Versöhnung
Deutschlandfunk, 10.12.2016

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Fakten und Vermutungen zur Autorin + Archiv

 

Nelly Sachs – Ausstellung „Flucht und Veränderung“.

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