Paul Schuster (Hrsg.): 17 Ich – 1 Wir

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Paul Schuster (Hrsg.): 17 Ich – 1 Wir

Schuster (Hrsg.)/Jakobi-17 Ich – 1 Wir

BEKANNTMACHUNG

In meinem einzigen Zimmer, achter Stock, gegen die
aaaaaStraße,
hab ich ein Fundbüro der verlorenen Illusionen
aaaaaaufgemacht.
Tag und Nacht laufen sie mir zu,
die herrenlos gebliebenen,
abhanden gekommenen:
zerknitterte Wünsche eines Straßenbahnbilletts,
abgewaschene verregnete Zifferblätter,
zu lange gebrauchte Lügen,
zu lustlos umworbne Talente.
Um Herberge bitten auch
unbesetzt gebliebene Ämter und Titel,
die Meeresträume eines Krankenbetts,
dann, müde vor soviel Erscheinungsarten,
das Bild des Mitmenschen überhaupt.
Auch faule Ausreden, auch Kurzschlüsse, auch Aschenputtelhäubchen,
also allerlei einsame Dinge,
Kraut und Rüben,
Korn und Spreu, wie man sagt.

Es ist nicht einfach, meine hergestreunten Objekte
prinzipiell zu klassifizieren
und objektiv zu verwalten.
Die einen müssen einfach gebügelt werden,
über Dampf aufgefrischt,
bis Farbe und Duft wiederkehren.
Vermittels Röntgenstrahlen versuche ich,
zweifelhafte Gäste auf Milz und Leber zu prüfen.
Juckpulver, Pfeffer und andere Roßkuren
zeitigen oft verblüffende Ergebnisse.
Auch eine geduldige Lüftung bei Mittagsonne
wirkt Wunder bei vielen.
Vertrauen und Furchtlosigkeit heilt in den meisten Fällen.
Wo nichts mehr hilft, bin ich ratlos
und bastle an Ersatzteilen herum.
Im großen und ganzen jedoch pfeif ich bei der Arbeit,
bald so
und bald durch die Zähne,
fluch auf die Besitzer, die Treulosen,
beneide sie oft und mitunter nicht,
wünsch sie herbei.

Wenn es klingelt, klopft mein Herz zum Zerspringen:
werden sie ihre verlorenen Dinge
als ihre erkennen?
Unterschreiben sie mir den Empfangsschein?

Oskar Pastior

 

 

 

Der wahre Dichter

erschafft die Welt zum zweiten Mal. Er macht das Gewohnte, die tausend Nachbarschaften von Dingen und Menschen im Alltag, zum Erlebnis. Jedes gute Gedicht ist darum zugleich Gesetz: Es verbietet das achtlose Vorbeigehen. Und ist Geschenk: Es bereichert um ein Gefühl, um eine Erkenntnis.
Diese kleine Betrachtung – es sei ausdrücklich betont – soll nicht als ein Kriterium gedeutet werden, das die Auswahl der vorliegenden Gedichte bestimmt hätte. Sie will nur hervorheben, was allen Gedichten dieses Bändchens, trotz ihrer Verschiedenheit, gemeinsam ist, sie einigend in Klang und Licht. Die Auswahl war schwer und leicht zugleich. Leicht, weil von vornherein gerade auf Kriterien verzichtet wurde – thematischer wie stilistischer Art –, wofern man das Alter der Autoren nicht als ein solches ansehen will: denn alle hier versammelten Dichter, von den bekannten bis zu den neuesten Namen, sind jung. Alle haben erst nach dem Krieg zu schreiben begonnen. Dies Kriterium aber genügte. Jedes zusätzliche wäre eher eine Krücke gewesen – junge Lyrik aber geht immer ohne Krücken. Leicht auch, weil überraschend viel zur Durchsicht vorlag. Was in diese Seiten aufgenommen wurde, ist nur ein kleiner Teil des Gesichteten.
Schwer war die Entscheidung: Denn nicht eine Anthologie von Namen, sondern eine Anthologie von Gedanken, Bildern, Erlebnissen sollte zusammengetragen werden – also mehr der jungen Dichtung, als der jungen Dichter. Weil aber das Leben unseres ganzen Landes einen so einheitlichen Pulsschlag hat, mußten sich auch in seiner dichterischen Widerspiegelung viele Gedanken, Bilder, Erlebnisse wiederholen, und es war nicht immer einfach, unter den „Wiederholungen“ das Beste auszusuchen.
Doch bei Schwer und Leicht hat die Mühe der Auswahl dem Wählenden Freude gemacht, weil bei aller Vorsicht, manchmal sogar Unsicherheit dem eigenen Geschmack gegenüber, die Gewißheit da war, daß der Leser dieselbe Freude haben wird.
Und die gleiche Überraschung: Eine solche Fülle von Gedichten aus den Federn der jüngsten deutsch schreibenden Dichter unseres Landes! In der ganzen Geschichte der deutschen Literatur auf dem Boden der Sozialistischen Republik Rumänien gibt es keine Vergleichsperiode für die kaum fünfzehn Jahre, die diese Auslese gezeitigt haben.
Zum einzelnen Gedicht braucht nichts gesagt zu werden. Jedes spricht für sich selbst. Gewiß: Keines erschafft gleich eine Welt – aber jedes ist doch ein Baustein von gutem Stoff. Und ein Baustein unserer Welt. In jedem schwingt ein Bild unseres Landes, redet das Heute und Hier sein Wort – und bei aufmerksamem Zusehen erweist sich die Gebundenheit aller im Bändchen versammelten Dichter an unsere sozialistische Gegenwart in der zuversichtlichen Unbefangenheit, mit der alle ihren wachen Sinnen trauen: Weil sie ihre Sinne wie gut geschliffene Linsen zwischen die Welt und die eigenen Gedanken zu stellen verstehen, die Gedanken aber die Sinne dauernd sauber halten. Viele Gedichte dieser Auswahl machen die Wechselwirkung zwischen Bild und Gedanken, zwischen Schauen und Erkennen reizvoll augenfällig. Das politische Credo, das Bekenntnis zur Partei, ihrem Weg und Ziel, tritt im künstlerischen Ausdruck zutage – und ist Ursprung dieses Ausdrucks.
Es ist das Licht, das zwar nicht greifbar ist, aber dennoch die Dinge sichtbar macht, und in diesem Sinne – bei Oskar Pastior, Astrid Connerth, Christian Maurer oder Hans Schuller genauso wie bei den zehn Jahre jüngeren Anemone Latzina, Claus Stephani, Harald Mesch oder Reinhold Hermann – sind alle Gedichte hell.

Paul Schuster, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

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