Peter Ludewig: Zu Andreas Koziols Gedicht „Morgenandacht Anfang März“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Andreas Koziols Gedicht „Morgenandacht Anfang März“ aus Andreas Koziol: 7 Gedichte. 

 

 

 

 

ANDREAS KOZIOL

Morgenandacht Anfang März

Der Frost tritt auf den Nebelbart der Frühe
und fällt aufs Feld mit einem leisen Klirren.
Die Amsel unterm Heckensaum hat Mühe
ihr unterkühltes Tonknäuel zu entwirren.

Das Schwarz der Nacht weicht träge aus dem Fenster
als wär es ein ermüdetes Klischee.
Mein Spiegelbild irrt noch herum im Ginster
und fragt sich wohl ob ich es nicht mehr seh.

Der Tag springt an mit fauchenden Motoren.
Jetzt rappelt sich ein Rot am Horizont.
Die Sonne geht nicht auf. Sie scheint erfroren.
Ich hoffe daß sie in den Himmel kommt.

 

Jenseits der Wortspielhölle

Henryk Gericke hatte lange bei mir für Andreas Koziol geworben und damit offene Türen eingerannt. (Meist dauert die Umsetzung von neuen Vorschlägen bei Kleinstverlegern länger als gewünscht, weil andere Titel bereits zugesagt sind.) Als ich das Manuskript der 7 Gedichte erhielt, war ich überrascht. Statt auf Wortneubildungen „wie verbale Molotow-Cocktails“ (Adolf Endler) zu setzen, bedient sich Andreas Koziol heute des eleganten „ironischen Floretts“ (AK). Er hat „das Zeitalter des engagierten Zwielichts“ (AK) hinter sich gelassen, in dem seine Verse zuweilen mit Überanspielungen prangten, und trifft das Eichendorffsche Zauberwort, das in allen Dingen das schlafende Lied weckt, so dass die Welt zu klingen anhebt. Zuweilen meint man, einen vertrauten Ton zu vernehmen, als würde er sich „an die Alten anlehnen“ (AK) und sie nicht ablehnen, aber Andreas Koziol unterläuft diese Erwartung mit Bildern vom laufenden Tage und überraschenden Wendungen. Bei ihm dämmert der Tag nicht mehr geruhsam herbei, sondern springt mit fauchenden Motoren an. Der Amsel gefriert der Gesang zum Knäuel. Und der Sonnenaufgang ist längst nicht mehr gesichert, höchstens noch eine Hoffnung. Selbst das Spiegelbild trennt sich vom Dichter und scheint sich vor ihm zu verstecken. Angesichts einer zutiefst unheilen Welt ist die Hoffnung der Jahre nach 1990 Skepsis und Melancholie gewichen. Fast scheint es so, dass Andreas Koziol durch genaues Hinschauen versucht, das endgültige Entschwinden der Welt in der Digitalisierung ein wenig abzubremsen. Nicht einmal ein „Sandkorn“ mehr, das im Getriebe der Datenströme kein Hindernis darstellt. Hoffen wir, dass ihm allein um dieses Gedichtes willen ein Plätzchen auf dem Parnass eingeräumt wird, und sei es auch nur auf seinen Thüringer Ausläufern.

Peter Ludewigaus Jens Kirsten und Christoph Schmitz-Scholemann (Hrsg.): Thüringer Anthologie. Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

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