René Char: Porträt & Poesie

Char-Portrait & Poesie

DER WALD VON EPTE

Ich war an jenem Tage nichts als zwei schreitende Beine.
Trockenen Blicks, das Nichts mitten im Antlitz,
Begleitete ich den Bach durchs Tal.
Im Niederen laufend, mengte dieser schale Eremit sich nicht
Ins Ungestalte, wo ich immer weiter mich verbreitete.

Aus einem nach dem Brand verbliebenen Gemäuer sprießend,
Tauchten jäh ins graue Wasser
Zwei wilde Rosenstöcke voll von sanftem unbeugsamen Willen
Man ahnte dort gleichsam ein Weben von verschollenen Wesen,
aaaaadie sich nochmals bekunden wollten.

Das rauhe Inkarnat einer Rose beim Aufschlag aufs Wasser
Schuf neu das Urgesicht des Himmels mit dem Rausch der Fragen,
Erweckte unter liebenden Worten die Erde,
Stieß mich ins Künftige wie ein gierig-fieberndes Werkzeug.
Der Wald von Epte begann an der nächsten Biegung.
Nicht zu durchqueren brauchte ich den teuren, der den Samen des Aufstiegs in sich hütet.
Die Fersen halb gewendet, sog ich ein den dumpfigen Geruch der Wiesen,
aaaaawo ein Tier zerschmolz;
Das Huschen der furchtsamen Natter vernahm ich;
Die Wünsche eines jeden – seid nicht hart gegen mich – ich wußte, daß ich sie erfüllte.

Übersetzt von Jean Pierre Wilhelm

 

René Char

Dem Anschein nach bin ich zugleich in meiner Seele und außerhalb meiner Seele, weit ab von der Glasscheibe und dicht davor, geborstener Steinbrech. Meine Begierde ist unendlich. Ich bin nur vom Leben besessen.
René Char.

Die unauslöschliche Dürre verströmt. Der Mensch ist dem Frührot ein Fremder. Doch auf der Jagd einem Leben nach, das noch nicht vorstellbar ist, gibt es bebenden Willen, Gemurmel, die sich Trotz bieten werden, und Kinder, gesund und munter, die ENTDECKEN.
René Char

Im Winter vor allem, oder im Frühling, wenn die Sonne noch laut ist, blendet das Licht auf den Wegen um L’Isle-sur-Sorgue, zwingt fast, die Augen zu schließen. Nicht das pompöse, träge Licht der provenzialischen Küste, sondern ein hartes und wildes, ein pralles Licht, das der Provence am Fuße der unteren Alpen.
Die Straßen, die nach L’Isle-sur-Sorgue führen, werden von Schilfrohr gesäumt. Gelb und vertrocknet vom Ende des Herbstes an, hochragend und grün im Sommer. Hört man, wie es im Winde rauscht, weiß man, daß man in der Heimat René Chars ist. Die Ebene breitet ihre Felder aus, zwischen denen sich dunkle Zypressenreihen hinziehn, jede Hecke leuchtet festlich in der Sonne, jeder Wasserlauf sorgt für Frühgemüse und Obst. Niedrig schließt das Gebirge den Horizont. Quer durch die Felder zieht schmiegsam wie eine Frau ein Fluß seine Bahnen, bald glatt, bald funkelnd und blitzend, zerrt an langen Gräsern, fließt träg unter freundlichen Zweigen. So viel Feuchtigkeit, Helle und Wärme ist ein Paradies für die Vögel. In der Ferne zieht sich hell der Lavendel die steinigen Hügel entlang, und an den Bauernhöfen bellen die Hunde während der Mittagsruhe. Das ist die Heimat René Chars.

So weit meine Erinnerung reicht, seh ich mich hingeneigt über die Pflanzen im verwilderten Garten meines Vaters, wie ich die Säfte beobachte und mit den Augen Formen und Farben küsse, die der halb nächtliche Wind besser feuchtete als die machtlose Hand der Menschen.

Dieses Stück Erde gilt es als erstes vor Augen zu führen, wenn man von diesem Dichter sprechen will. Gewiß kann man Char auch im entferntesten nicht als Heimatdichter betrachten. Keine Poesie umfaßt mehr als die seine Mensch und Welt als Ganzes, keine ist weiter entfernt von jeder Beschränkung, also auch von jeder geographischen. Immer aber ist sein Geburtsland gegenwärtig in seinen Worten, erscheint als der unsichtbare, ständige Zeuge seines Schaffens. Oft spielt es bei der Verdichtung seiner Gedanken die Rolle eines Gegengewichts und hat vielleicht Char gestattet, eine Poesie von so dichter Stofflichkeit wie die seine zu schaffen. Es ist unerschöpfliches Besitztum, Bürgschaft für die Wahrheit seiner Worte.

Du meine ganze Erde, wie ein Frucht gewordener Vogel in einem ewigen Baum, ich bin dein.

Sicher tauchen auch andere Gegenden in seinen Gedichten auf, die Vogesen, die Ile-de-France, die Pyrenäen, selbst Griechenland, aber in L’Isle-sur-Sorgue, in der „Sonne der Gewässer“ ist seine Poesie am deutlichsten sichtbar.

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Ich rufe mir ins Gedächtnis, wie ich den Dichter im Hause seiner Familie besuchte. Unweit jener Straßenkreuzung der kleinen Stadt, wo überraschend wie eine Kathedrale die parkumgebene Sparkasse aufragt, galt es, aus dem Schatten der Häuser zu treten, fort von dem Lärm, den Caféterrassen und ihren Marmortischen, um für ein kurzes Stück auf einen stilleren Weg einzubiegen.
Wenn man die Gitterpforte durchschritten hatte, war man im Park.
Die zarte Melancholie seiner Platanen, des hohen Grases, der Kastanienbäume, des anheimelnden Laubwerks der Linden vielleicht und der ungeharkten Alleen erstreckte sich bis an die Sorgue, die am anderen Ende des Gartens aufschimmerte, lautlos und mit wechselnden Lichtern.

Ich war zehn Jahre alt. Die Sorgue faßte mich ein. Auf dem weisen Zifferblatt der Wasser sang die Sonne die Stunden.

Nie habe ich ein Stück Erde gesehn, so zart und doch männlich zugleich. Hier webte noch eine ganze Kindheit beim leisesten Wind in den Bäumen, beim leisesten Grillenzirpen im Gras. Immer waren die Zweige wie von Sehnsucht bewegt, zu jeder Stunde des Tages, von einer Sehnsucht jedoch, die heilt und stärkt. Die Allee führte in einem Bogen zum Hause. Am Morgen zart in den weißen Spitzen des Reifs. Doch abends breiter und geheimnisvoll. Taub auf der einen Seite und durchrauscht auf der andern, wenn der Mistral blies. Eine grüne Allee, schattig und efeuumsäumt …
Meist wartete Char schon auf mich. Von einem Fenster aus, an der Ecke des Hauses, konnte er, wie ich wußte, den Besucher kommen sehn. Ein paar Augenblicke lang war man immer im Zweifel, ob er vielleicht noch unterwegs ist auf den benachbarten Wiesen oder den Fluß entlang, oder ob er einen nicht doch schon gesehen habe. Ein Weilchen hörte man die hohen Platanenwipfel im Winde rauschen. Dann öffnete sich oberhalb der Treppe, unter dem vorspringenden Schutzdach, die Tür. So stieg ich die granitenen Stufen hinauf, wo der Staub unter meinen Schritten knirschte.
Es war ein großes Haus im bürgerlichen Stil des ausgehenden Jahrhunderts, da man an die Dogmen der Wissenschaft und des Fortschritts glaubte. Es war noch nicht so alt, daß ihm die Liebe von Generationen gegolten hätte, besaß aber den Reiz aller etwas veralteten Dinge. Man spürte, dies Haus war feinfühlig und verwundbar, also gefährdet. Kurz, wenn sich die Türen drehten, klang ein Widerhall nach.
Char hatte sich in einem Zimmer eingerichtet, das in mäßiger Höhe auf den Garten hinaussah. Es war recht geräumig, und die im Stil der Bürgermeistereien gehaltene Deckenmalerei stellte Handel und Industrie in allegorischen Figuren dar. Die Einrichtung des Zimmers war seit Jahren fast unverändert. Ein kleiner Tisch vor einem Kamin, wo Char arbeitete. Ein verglaster Bücherschrank; in der Nähe des Fensters ein anderer Tisch, bedeckt mit Papieren und Büchern. Auf dem Kaminsims, an eine alte Pendüle gelehnt, die Photographie des jungen Rimbaud; auf ein Holzbrett geheftet, die Farbreproduktion des „Gefangenen“ von Georges de la Tour, rot und schwarz, die Char aus dem Maquis mitgebracht hatte. Das schlafbefangne Gesicht einer Schlummernden unter hochgezogenem Laken: die Heilige Ursula von Carpaccio. In der Ecke war auf einem durchsägten Baumstumpf ein Vogel aus bemaltem Holze befestigt, wie sie die Jäger als Köder benutzten. Im Raume lag ein angenehmer Geruch von verbrannten Scheiten.
René Char steckte sich eine Zigarette an, ging zum Fenster, sprach. Um uns waren die Jahreszeiten. Im Herbst knisterte manchmal im Garten ein Feuer von Reisig und Laub, die Sonne fiel farblos durch die Fensterscheiben. Im Sommer stieg vom Erdboden her ein feuchtwarmer Hauch, drang durch die Schatten der Jalousien ins Zimmer.
Heute sind infolge einer Erbschaftsregelung die Bäume im Parke abgehauen, das Haus wird von der häßlichsten aller Mietskasernen verdeckt. Der Dichter ist ausgezogen. Seiner Trauer hat er in dem Gedicht „Le deuil de Névons“ Ausdruck gegeben:

Ein Mädchenschritt
Liebkoste die Allee,
Trat durch das Gittertor.

Die Heuschrecken schlafen
Im Park von Les Névons.
Rauhreif und Schloßen.
Leiten den Herbst ein.
…………………………………..

Wenn das Bett sich schloß
Um meinen todmüden Leib,
Glitten schöne Augen
Von ihrer Arbeit zu mir.

Es blitzte die Nadel;
Und ich spürte den Faden
In den kostbaren Fingern,
Die Batist bestickten.
Ach! wie fern diese Zeit.
……………………………………

Da man entsagen muß dem,
Was unaufhaltsam entgleitet,
Was sich verwandelt
Für oder wider das Herz −
Es rundweg vergessen,

Dann die Gebüsche durchstreifen,
Um vergeblich zu suchen,

Was uns zu heilen vermag
Von unserm undeutbaren Leid,
Das wir überall mit uns tragen.

Heute besitzt Char ein Haus außerhalb der kleinen Stadt, auf einer der Hügelketten. Der Weg dorthin führt über die Sorgue, und man folgt einer freundlichen Straße bis vor das hölzerne Tor. Es ist ein weißes Haus mit Kirschbäumen, einer Platane und erst jüngst gepflanzten Stämmen vor einem Lavendelfeld. Weit schweift der Blick in die Ebene, wo ein paar Dächer rauchen, bis hin zu den blauen Ketten des Luberon und der Alpillen.

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Einmal sprach ich mit jemandem über die Feuillets d’Hypnos („Hypnos“), der daraufhin fragte: „Das ist doch Chars erstes Werk, nicht wahr?“ Dieser Irrtum ist sinnvoller, als es im ersten Augenblick scheinen mag. Gewiß kann nicht davon die Rede sein, die früheren Werke, Le Marteau sans maître („Der herrenlose Hammer“) und Dehors la nuit est gouvernée („Draußen die Nacht wird regiert“) auszuschließen oder schlichtweg zu verleugnen. Wohl aber ist sein poetisches Werk weiter geworden und hat seine spezifischen Mittel erst finden müssen, bis es zu jenem „unverrückbaren Strahlenherd“ wurde, von dem André Rousseaux spricht.

Für den Dichter gibt es zwei Lebensphasen: eine, in der die Poesie ihn in jeder Hinsicht schindet, und eine andre, in der sie sich leidenschaftlich küssen läßt. Aber keine ist streng begrenzt. Und die zweite ist nicht souverän.

Die zweite „Lebensphase“ des Dichters ließe sich exakt von Feuillets d’Hypnos an datieren. Von dieser Zeit an zeigte sich sein Werk, das fern aller Publizität entstanden ist, als ein Gebäude, das mit jedem neuen Band beachtlicher wurde, wie ein Turm mit jedem Steine höher ins Licht des Tages emporwächst. Als eine gewisse Höhe erreicht war, wurde auch das Publikum aufmerksam. Das eben war die mit Hypnos erreichte Höhe. Die ganze Bedeutung dieses wesentlichen Buches haben wir vielleicht noch gar nicht ermessen. Denn es ist der dramatische Konflikt zwischen Tat und Kontemplation, zwischen der Angst und ihren Gegenkräften.
Auch der Krieg von 1914 hat uns ein Buch hinterlassen: Calligrammes. Für Apollinaire war der Krieg ein poetischer Stoff, ein alles in allem glücklich sich bietendes Thema, während Char hingegen im vollen Bewußtsein der unmittelbaren und künftigen Gefahren für die Menschlichkeit den Krieg im Maquis führte und sich dafür entschied, auf den Menschen und seinen Wert zu setzen.
So gewinnt er durch den Widerstandskampf eine neue Dimension. Die Feuillets d’Hypnos sind das Zeichen für die Begegnung Chars mit einer stärkeren Realität, die dem Menschlichen näher ist, zu einer Zeit, da das ganze Dasein des Menschen in Frage gestellt zu sein schien und zu scheitern drohte. Die Stellung des Dichters, Tragweite und Verlauf seines Engagements im Kriege hat er mit größter Klarheit in den „Quatre billets à F.C.“ zum Ausdruck gebracht, deren Datierung von 1941 bis 1948 reicht. In ihnen finden sich Großzügigkeit und Mannesmut, Pflichterfüllung als Richtschnur, die dem Gebot der Ehre folgt, nirgends der Rausch des Abenteuers, sondern immer das doppelte Gefühl für Schrecken und Unausweichlichkeit und schließlich der unaufdringliche Wunsch, das immer stärkere Bedürfnis, sich zurückzuziehen.

Am Sprung bleiben. Nicht am Gelage, seinem Epilog.

Doch gerade der bewaffnete Widerstand und seine Erfordernisse für Leben und Kampf haben Char in innige Beziehung zur Erde und zu ihren Kräften gesetzt, zu den Hinterhalten und Schlupfwinkeln, aber auch in Beziehung zu den Menschen, von denen im tragischen Licht der Tat alles Unwesentliche abfiel.

Die Angst, Skelett und Herz, Stadt und Wald, Schmutz und Magie, unversehrte Wüste, nur in der Einbildung besiegt, siegreich, stumm, Herrin des Wortes, Frau jedes Mannes, beide zugleich, und Mensch.

Während der Jahre im Maquis bei Céreste haben Poesie und Gefahr einander genährt. Die Feuillets d’Hypnos sind das Kind ihres erregenden Bundes. In der rasch vergänglichen, unerbittlichen Tat hat der Dichter die dauerhaftesten Richtlinien einer ungewöhnlichen Ethik gefunden, die er ohne Zögern in den Alltag hineinnimmt.
Als Char im Jahre 1948 einen Text überliest, den er bald nach der Befreiung für den Rundfunk geschrieben hatte und der an die ehemaligen Partisanen gerichtet war, kann er nicht umhin, seiner Enttäuschung Ausdruck zu geben.
„Kaum hat sich die Woge des Zorns geglättet“, so schreibt er als Anmerkung, „da scharen sich schon die Muränen, verliert sich der weiße Wal in der Ferne, zerfällt der gemeinsame Glaube…“
Und doch fährt er fort:

Aber es bleibt die Kraft der bestandenen Tat, die wetterleuchtende Freundschaft zwischen ein paar Männern, und jener Duft von Aufschwung, den nichts zu schmälern vermag.

Die neue Dimension im Ablauf des Charschen Werkes, die sich in Feuillets d’Hypnos zeigt, ist fraglos aus diesem Miteinander von Auflehnung und gedanklicher Reflexion hervorgegangen, diesem Miteinander von Poesie und Tat.

Alle Verstellungen, zu denen die Umstände mich zwingen, erweitern nur meine Unschuld. Eine Riesenhand trägt mich auf ihrer Fläche. Jede ihrer Linien bestimmt mein Verhalten. Und ich bleibe dort wie eine Pflanze in ihrem Boden, obwohl meine Jahreszeit niemals und nirgend ist.

Ich danke dem Zufall, der es gewollt hat, daß die Wilderer der Provence in unserem Lager kämpfen. Das Waldgedächtnis dieser schlichten Menschen, ihr Geschick im Vorausberechnen, ihr scharfer Spürsinn bei jedem Wetter – ich wäre überrascht, wenn von dieser Seite ein Versagen käme. Ich werde darüber wachen, daß man sie wie Götter beschuht!

Wir gehören niemandem als dem winzigen goldenen Licht jener Lampe, uns unbekannt und unzugänglich für uns, die den Mut und das Schweigen wachhält.

Das Einverständnis mit dem Engel, unsere dringendste Sorge.

Nüchterne Mandelbäume und ihr, Ölbäume, Kämpfer und Träumer, auf den Fächer der Dämmerung setzt unsre wundersame Gesundheit.

Ich habe aus Gebirgstrümmern Menschen gemacht, die für einige Zeit die Gletscher umduften werden.

Leidenschaftliche Vollmacht und streng geregelte Tat.

Klarsicht ist die Wunde, die der Sonne am nächsten ist.

Die Tat, die Sinn für die Lebenden hat, ist wertvoll nur für die Toten, vollendet nur im Bewußtsein derer, die sie beerben und prüfen.

Heute erlebte ich die Minute schrankenloser Macht und Unverwundbarkeit. Ich war ein Bienenschwarm, der zu den Quellen der Höhe entflog mit all seinem Honig und allen seinen Bienen.

Erst heute beginnen wir, und zwar besser als das intuitive Gefühl, das uns beim Erscheinen des Buches beseelte, die Ergebnisse des Hypnos Bandes für das Werk Chars abschätzen zu können. Wir entdecken vielleicht, unter anderm, eine bestimmte Vision der Ethik und jene Art von Glauben an das Glück, von der wir noch sprechen werden. Mit diesem Buch jedenfalls – und Partage formel („Unanfechtbarer Anteil“), geschrieben um dieselbe Zeit – dringt der Dichter nun entscheidend in die moralische Sphäre. So daß bis zur Stunde sein Werk in gleicher Weise dem poetischen Bereich und dem der Moral angehört (unter gewissen Vorbehalten hinsichtlich dieses Wortes, die noch zu erörtern sein werden).

—————

Die Dichte, der Grad gedanklicher Konzentration, die sprachliche Vollkommenheit, der gleichsam verschlossene Sinn, der Schatten, der über gewissen Gedichten liegt, sie dürfen uns nicht, bei aller Bewunderung – ja Bestürzung −, auf Abwege bringen und uns zu ungerechten Unterscheidungen innerhalb des Charschen Werkes verführen. Ein solches Vorgehen, das in gewisser Weise auf eine Rangordnung der einzelnen Werke abzielen würde, um einige ihrer bedeutenden Aussage wegen zu bevorzugen, widerspräche dem Schaffen des Dichters.

Wir haben in uns, wo wir ins Sanftere neigen, eine Folge von LIEDERN, Flügel uns zur Seite, die an unsern ruhigen Atem und unsere heftigsten Fieber rühren (…). In einer Zeit, da der Tod, den falschen Zauberern fügsam, die entscheidenden Glücksmöglichkeiten besudelt, zögern wir nicht, jede Sekunde in Freiheit zu setzen, die uns zu Gebote steht.

Die machtvolle Stimme René Chars, die hörbar wird auf den Seiten der Werke Seuls demeurent („Es bleiben aber“), Le Poème pulvérisé („Das pulverisierte Gedicht“), oder Le Consentement tacite („Schweigende Zustimmung“) ist kein unmittelbarer Gesang, sondern Prophetie, Würde und Schmerz. Nicht Schaustellung oder Schein, sondern höchste Gewißheit. Jedesmal neu, jedesmal wiederbeginnend entspringt sie der Begegnung zwischen der menschlichen Natur und der Welt der Dinge.

Erde, stets in Bewegung, schrecklich und auserlesen, und Bedingtheit des Menschen, heterogen, berühren und bestimmen sich wechselseitig. Der begeisterten Summe ihrer schimmernden Seide entstammt die Poesie.

Der Dichter umfängt Mensch und Welt, enthüllt ihre subtile Wechselbeziehung, entdeckt, wie nützlich und reich die beiderseitigen Bindungen sind. Seine Sache ist es, deutlich zu machen:

Das Gedicht geht hervor aus subjektivem Zwang und objektiver Wahl.

Für dieses Ziel bemüht er sich um das unfehlbare Gleichgewicht zwischen Wachsein und Schlaf, zwischen Wirklichkeit und Vision.

Wahren muß der Dichter das völlige Gleichgewicht zwischen der physischen Welt des Wachseins und der furchtbaren Leichtheit des Schlafes, den Linien der Erkenntnis, in die er den zarten Leib des Gedichtes bettet – und geht dabei zwischen diesen gegensätzlichen Lebenszuständen von einem zum andern, unterschiedslos.

Ein für allemal befreit der Dichter die Wirklichkeit, seine eigne und die der andern, und von dieser im wörtlichen Sinne magischen Operation ist sein Gedicht gezeichnet.

In der Dichtung, und dort nur auf Grund der Verbindung und freien Anordnung aller Dinge untereinander durch uns hindurch, finden wir Verpflichtung und Definition, um unsre ursprüngliche Form und bewährte Eigenart zu erreichen.

Dies Abenteuer ist nicht ohne Wagnisse möglich, die ihren Ausdruck finden in manchmal schmerzhaften Dialogen.

Der Dichter ist das Werden eines Wesens, das verstößt, und eines Wesens, das innehält. Vom Liebenden borgt er die Leere, von der Geliebten das Licht. Dieses erklärte Paar, dieser Doppelposten, gibt ihm feierlich seine Stimme.

Als „Magier der Unsicherheit“ geht der Dichter sogar so weit, das Spiel der gegensätzlichen, doch unentbehrlichen Kräfte für sich in Anspruch zu nehmen:

Mann des Regens und Kind des schönen Wetters, eure Hände aus Niederlage und Fortschritt sind mir gleich unentbehrlich. 

(…)

Pierre Guerre, Vorwort

Porträt und Poesie

− Eine Paperbackreihe der modernen Poesie. −

Von den „Klassikern der Moderne“ – Baudelaire, Hopkins, Whitman, Nietzsche, d’Annunzio, Dario – über Apollinaire, Eluard, Yeats, Pound, Brecht, Benn, Lorca, Neruda, Ungaretti, Majakowski bis zu den jungen porgressiven Lyrikern soll Band um Band der Reihe: Porträt und Poeise ein Spektrum der modernen Poesie auffächern. Diese Poesie ist Weltsprache geworden, es gibt keine nationalen Prioritäten mehr. So werden neben deutschen und französischen Autoren finnische und türkische stehen, die englische und spanische Lyrik wird ebenso zu Wort kommen wie die der Tschechen und der Brasilianer.
Jedem Autor wird ein eigener Band von etwa 200 Seiten gewidmet sein. Anthologien werden die Poesie eines Landes vorstellen.

Luchterhand Verlag, Klappentext, 1968

 

CHAR

Je neige ich mich
desto einiger mit ihm ein Blick
zu viert. Die Sorge
schwarzer Rest von Frohnatur
erwärmt sich unter
Charons Lid
strahlt sie monarchisch. Je
neige desto einziger
vereist der Blick
klar über soviel Liedern.
Epochal das Lachen
wie es uns verneint und
klafft. Verschieden
für immer.

Felix Philipp Ingold

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG

 

René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.

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