René Char: Porträt & Poesie

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von René Char: Porträt & Poesie

Char-Portrait & Poesie

DER WALD VON EPTE

Ich war an jenem Tage nichts als zwei schreitende
aaaaaBeine.
Trockenen Blicks, das Nichts mitten im Antlitz,
Begleitete ich den Bach durchs Tal.
Im Niederen laufend, mengte dieser schale Eremit
aaaaasich nicht
Ins Ungestalte, wo ich immer weiter mich verbreitete.

Aus einem nach dem Brand verbliebenen Gemäuer sprießend,
Tauchten jäh ins graue Wasser
Zwei wilde Rosenstöcke voll von sanftem unbeugsamen Willen
Man ahnte dort gleichsam ein Weben von verschollenen Wesen,
aaaaadie sich nochmals bekunden wollten.

Das rauhe Inkarnat einer Rose beim Aufschlag aufs Wasser
Schuf neu das Urgesicht des Himmels mit dem Rausch der Fragen,
Erweckte unter liebenden Worten die Erde,
Stieß mich ins Künftige wie ein gierig-fieberndes Werkzeug.
Der Wald von Epte begann an der nächsten Biegung.
Nicht zu durchqueren brauchte ich den teuren, der den Samen des Aufstiegs in sich hütet.
Die Fersen halb gewendet, sog ich ein den dumpfigen Geruch der Wiesen,
aaaaawo ein Tier zerschmolz;
Das Huschen der furchtsamen Natter vernahm ich;
Die Wünsche eines jeden – seid nicht hart gegen mich – ich wußte, daß ich sie erfüllte.

Übersetzt von Jean Pierre Wilhelm

 

René Char

Dem Anschein nach bin ich zugleich in meiner Seele und außerhalb meiner Seele, weit ab von der Glasscheibe und dicht davor, geborstener Steinbrech. Meine Begierde ist unendlich. Ich bin nur vom Leben besessen.
René Char.

Die unauslöschliche Dürre verströmt. Der Mensch ist dem Frührot ein Fremder. Doch auf der Jagd einem Leben nach, das noch nicht vorstellbar ist, gibt es bebenden Willen, Gemurmel, die sich Trotz bieten werden, und Kinder, gesund und munter, die ENTDECKEN.
René Char

Im Winter vor allem, oder im Frühling, wenn die Sonne noch laut ist, blendet das Licht auf den Wegen um L’Isle-sur-Sorgue, zwingt fast, die Augen zu schließen. Nicht das pompöse, träge Licht der provenzialischen Küste, sondern ein hartes und wildes, ein pralles Licht, das der Provence am Fuße der unteren Alpen.
Die Straßen, die nach L’Isle-sur-Sorgue führen, werden von Schilfrohr gesäumt. Gelb und vertrocknet vom Ende des Herbstes an, hochragend und grün im Sommer. Hört man, wie es im Winde rauscht, weiß man, daß man in der Heimat René Chars ist. Die Ebene breitet ihre Felder aus, zwischen denen sich dunkle Zypressenreihen hinziehn, jede Hecke leuchtet festlich in der Sonne, jeder Wasserlauf sorgt für Frühgemüse und Obst. Niedrig schließt das Gebirge den Horizont. Quer durch die Felder zieht schmiegsam wie eine Frau ein Fluß seine Bahnen, bald glatt, bald funkelnd und blitzend, zerrt an langen Gräsern, fließt träg unter freundlichen Zweigen. So viel Feuchtigkeit, Helle und Wärme ist ein Paradies für die Vögel. In der Ferne zieht sich hell der Lavendel die steinigen Hügel entlang, und an den Bauernhöfen bellen die Hunde während der Mittagsruhe. Das ist die Heimat René Chars.

So weit meine Erinnerung reicht, seh ich mich hingeneigt über die Pflanzen im verwilderten Garten meines Vaters, wie ich die Säfte beobachte und mit den Augen Formen und Farben küsse, die der halb nächtliche Wind besser feuchtete als die machtlose Hand der Menschen.

Dieses Stück Erde gilt es als erstes vor Augen zu führen, wenn man von diesem Dichter sprechen will. Gewiß kann man Char auch im entferntesten nicht als Heimatdichter betrachten. Keine Poesie umfaßt mehr als die seine Mensch und Welt als Ganzes, keine ist weiter entfernt von jeder Beschränkung, also auch von jeder geographischen. Immer aber ist sein Geburtsland gegenwärtig in seinen Worten, erscheint als der unsichtbare, ständige Zeuge seines Schaffens. Oft spielt es bei der Verdichtung seiner Gedanken die Rolle eines Gegengewichts und hat vielleicht Char gestattet, eine Poesie von so dichter Stofflichkeit wie die seine zu schaffen. Es ist unerschöpfliches Besitztum, Bürgschaft für die Wahrheit seiner Worte.

Du meine ganze Erde, wie ein Frucht gewordener Vogel in einem ewigen Baum, ich bin dein.

Sicher tauchen auch andere Gegenden in seinen Gedichten auf, die Vogesen, die Ile-de-France, die Pyrenäen, selbst Griechenland, aber in L’Isle-sur-Sorgue, in der „Sonne der Gewässer“ ist seine Poesie am deutlichsten sichtbar.

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Ich rufe mir ins Gedächtnis, wie ich den Dichter im Hause seiner Familie besuchte. Unweit jener Straßenkreuzung der kleinen Stadt, wo überraschend wie eine Kathedrale die parkumgebene Sparkasse aufragt, galt es, aus dem Schatten der Häuser zu treten, fort von dem Lärm, den Caféterrassen und ihren Marmortischen, um für ein kurzes Stück auf einen stilleren Weg einzubiegen.
Wenn man die Gitterpforte durchschritten hatte, war man im Park.
Die zarte Melancholie seiner Platanen, des hohen Grases, der Kastanienbäume, des anheimelnden Laubwerks der Linden vielleicht und der ungeharkten Alleen erstreckte sich bis an die Sorgue, die am anderen Ende des Gartens aufschimmerte, lautlos und mit wechselnden Lichtern.

Ich war zehn Jahre alt. Die Sorgue faßte mich ein. Auf dem weisen Zifferblatt der Wasser sang die Sonne die Stunden.

Nie habe ich ein Stück Erde gesehn, so zart und doch männlich zugleich. Hier webte noch eine ganze Kindheit beim leisesten Wind in den Bäumen, beim leisesten Grillenzirpen im Gras. Immer waren die Zweige wie von Sehnsucht bewegt, zu jeder Stunde des Tages, von einer Sehnsucht jedoch, die heilt und stärkt. Die Allee führte in einem Bogen zum Hause. Am Morgen zart in den weißen Spitzen des Reifs. Doch abends breiter und geheimnisvoll. Taub auf der einen Seite und durchrauscht auf der andern, wenn der Mistral blies. Eine grüne Allee, schattig und efeuumsäumt …
Meist wartete Char schon auf mich. Von einem Fenster aus, an der Ecke des Hauses, konnte er, wie ich wußte, den Besucher kommen sehn. Ein paar Augenblicke lang war man immer im Zweifel, ob er vielleicht noch unterwegs ist auf den benachbarten Wiesen oder den Fluß entlang, oder ob er einen nicht doch schon gesehen habe. Ein Weilchen hörte man die hohen Platanenwipfel im Winde rauschen. Dann öffnete sich oberhalb der Treppe, unter dem vorspringenden Schutzdach, die Tür. So stieg ich die granitenen Stufen hinauf, wo der Staub unter meinen Schritten knirschte.
Es war ein großes Haus im bürgerlichen Stil des ausgehenden Jahrhunderts, da man an die Dogmen der Wissenschaft und des Fortschritts glaubte. Es war noch nicht so alt, daß ihm die Liebe von Generationen gegolten hätte, besaß aber den Reiz aller etwas veralteten Dinge. Man spürte, dies Haus war feinfühlig und verwundbar, also gefährdet. Kurz, wenn sich die Türen drehten, klang ein Widerhall nach.
Char hatte sich in einem Zimmer eingerichtet, das in mäßiger Höhe auf den Garten hinaussah. Es war recht geräumig, und die im Stil der Bürgermeistereien gehaltene Deckenmalerei stellte Handel und Industrie in allegorischen Figuren dar. Die Einrichtung des Zimmers war seit Jahren fast unverändert. Ein kleiner Tisch vor einem Kamin, wo Char arbeitete. Ein verglaster Bücherschrank; in der Nähe des Fensters ein anderer Tisch, bedeckt mit Papieren und Büchern. Auf dem Kaminsims, an eine alte Pendüle gelehnt, die Photographie des jungen Rimbaud; auf ein Holzbrett geheftet, die Farbreproduktion des „Gefangenen“ von Georges de la Tour, rot und schwarz, die Char aus dem Maquis mitgebracht hatte. Das schlafbefangne Gesicht einer Schlummernden unter hochgezogenem Laken: die Heilige Ursula von Carpaccio. In der Ecke war auf einem durchsägten Baumstumpf ein Vogel aus bemaltem Holze befestigt, wie sie die Jäger als Köder benutzten. Im Raume lag ein angenehmer Geruch von verbrannten Scheiten.
René Char steckte sich eine Zigarette an, ging zum Fenster, sprach. Um uns waren die Jahreszeiten. Im Herbst knisterte manchmal im Garten ein Feuer von Reisig und Laub, die Sonne fiel farblos durch die Fensterscheiben. Im Sommer stieg vom Erdboden her ein feuchtwarmer Hauch, drang durch die Schatten der Jalousien ins Zimmer.
Heute sind infolge einer Erbschaftsregelung die Bäume im Parke abgehauen, das Haus wird von der häßlichsten aller Mietskasernen verdeckt. Der Dichter ist ausgezogen. Seiner Trauer hat er in dem Gedicht „Le deuil de Névons“ Ausdruck gegeben:

Ein Mädchenschritt
Liebkoste die Allee,
Trat durch das Gittertor.

Die Heuschrecken schlafen
Im Park von Les Névons.
Rauhreif und Schloßen.
Leiten den Herbst ein.
…………………………………..

Wenn das Bett sich schloß
Um meinen todmüden Leib,
Glitten schöne Augen
Von ihrer Arbeit zu mir.

Es blitzte die Nadel;
Und ich spürte den Faden
In den kostbaren Fingern,
Die Batist bestickten.
Ach! wie fern diese Zeit.
……………………………………

Da man entsagen muß dem,
Was unaufhaltsam entgleitet,
Was sich verwandelt
Für oder wider das Herz −
Es rundweg vergessen,

Dann die Gebüsche durchstreifen,
Um vergeblich zu suchen,

Was uns zu heilen vermag
Von unserm undeutbaren Leid,
Das wir überall mit uns tragen.

Heute besitzt Char ein Haus außerhalb der kleinen Stadt, auf einer der Hügelketten. Der Weg dorthin führt über die Sorgue, und man folgt einer freundlichen Straße bis vor das hölzerne Tor. Es ist ein weißes Haus mit Kirschbäumen, einer Platane und erst jüngst gepflanzten Stämmen vor einem Lavendelfeld. Weit schweift der Blick in die Ebene, wo ein paar Dächer rauchen, bis hin zu den blauen Ketten des Luberon und der Alpillen.

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Einmal sprach ich mit jemandem über die Feuillets d’Hypnos („Hypnos“), der daraufhin fragte: „Das ist doch Chars erstes Werk, nicht wahr?“ Dieser Irrtum ist sinnvoller, als es im ersten Augenblick scheinen mag. Gewiß kann nicht davon die Rede sein, die früheren Werke, Le Marteau sans maître („Der herrenlose Hammer“) und Dehors la nuit est gouvernée („Draußen die Nacht wird regiert“) auszuschließen oder schlichtweg zu verleugnen. Wohl aber ist sein poetisches Werk weiter geworden und hat seine spezifischen Mittel erst finden müssen, bis es zu jenem „unverrückbaren Strahlenherd“ wurde, von dem André Rousseaux spricht.

Für den Dichter gibt es zwei Lebensphasen: eine, in der die Poesie ihn in jeder Hinsicht schindet, und eine andre, in der sie sich leidenschaftlich küssen läßt. Aber keine ist streng begrenzt. Und die zweite ist nicht souverän.

Die zweite „Lebensphase“ des Dichters ließe sich exakt von Feuillets d’Hypnos an datieren. Von dieser Zeit an zeigte sich sein Werk, das fern aller Publizität entstanden ist, als ein Gebäude, das mit jedem neuen Band beachtlicher wurde, wie ein Turm mit jedem Steine höher ins Licht des Tages emporwächst. Als eine gewisse Höhe erreicht war, wurde auch das Publikum aufmerksam. Das eben war die mit Hypnos erreichte Höhe. Die ganze Bedeutung dieses wesentlichen Buches haben wir vielleicht noch gar nicht ermessen. Denn es ist der dramatische Konflikt zwischen Tat und Kontemplation, zwischen der Angst und ihren Gegenkräften.
Auch der Krieg von 1914 hat uns ein Buch hinterlassen: Calligrammes. Für Apollinaire war der Krieg ein poetischer Stoff, ein alles in allem glücklich sich bietendes Thema, während Char hingegen im vollen Bewußtsein der unmittelbaren und künftigen Gefahren für die Menschlichkeit den Krieg im Maquis führte und sich dafür entschied, auf den Menschen und seinen Wert zu setzen.
So gewinnt er durch den Widerstandskampf eine neue Dimension. Die Feuillets d’Hypnos sind das Zeichen für die Begegnung Chars mit einer stärkeren Realität, die dem Menschlichen näher ist, zu einer Zeit, da das ganze Dasein des Menschen in Frage gestellt zu sein schien und zu scheitern drohte. Die Stellung des Dichters, Tragweite und Verlauf seines Engagements im Kriege hat er mit größter Klarheit in den „Quatre billets à F.C.“ zum Ausdruck gebracht, deren Datierung von 1941 bis 1948 reicht. In ihnen finden sich Großzügigkeit und Mannesmut, Pflichterfüllung als Richtschnur, die dem Gebot der Ehre folgt, nirgends der Rausch des Abenteuers, sondern immer das doppelte Gefühl für Schrecken und Unausweichlichkeit und schließlich der unaufdringliche Wunsch, das immer stärkere Bedürfnis, sich zurückzuziehen.

Am Sprung bleiben. Nicht am Gelage, seinem Epilog.

Doch gerade der bewaffnete Widerstand und seine Erfordernisse für Leben und Kampf haben Char in innige Beziehung zur Erde und zu ihren Kräften gesetzt, zu den Hinterhalten und Schlupfwinkeln, aber auch in Beziehung zu den Menschen, von denen im tragischen Licht der Tat alles Unwesentliche abfiel.

Die Angst, Skelett und Herz, Stadt und Wald, Schmutz und Magie, unversehrte Wüste, nur in der Einbildung besiegt, siegreich, stumm, Herrin des Wortes, Frau jedes Mannes, beide zugleich, und Mensch.

Während der Jahre im Maquis bei Céreste haben Poesie und Gefahr einander genährt. Die Feuillets d’Hypnos sind das Kind ihres erregenden Bundes. In der rasch vergänglichen, unerbittlichen Tat hat der Dichter die dauerhaftesten Richtlinien einer ungewöhnlichen Ethik gefunden, die er ohne Zögern in den Alltag hineinnimmt.
Als Char im Jahre 1948 einen Text überliest, den er bald nach der Befreiung für den Rundfunk geschrieben hatte und der an die ehemaligen Partisanen gerichtet war, kann er nicht umhin, seiner Enttäuschung Ausdruck zu geben.
„Kaum hat sich die Woge des Zorns geglättet“, so schreibt er als Anmerkung, „da scharen sich schon die Muränen, verliert sich der weiße Wal in der Ferne, zerfällt der gemeinsame Glaube…“
Und doch fährt er fort:

Aber es bleibt die Kraft der bestandenen Tat, die wetterleuchtende Freundschaft zwischen ein paar Männern, und jener Duft von Aufschwung, den nichts zu schmälern vermag.

Die neue Dimension im Ablauf des Charschen Werkes, die sich in Feuillets d’Hypnos zeigt, ist fraglos aus diesem Miteinander von Auflehnung und gedanklicher Reflexion hervorgegangen, diesem Miteinander von Poesie und Tat.

Alle Verstellungen, zu denen die Umstände mich zwingen, erweitern nur meine Unschuld. Eine Riesenhand trägt mich auf ihrer Fläche. Jede ihrer Linien bestimmt mein Verhalten. Und ich bleibe dort wie eine Pflanze in ihrem Boden, obwohl meine Jahreszeit niemals und nirgend ist.

Ich danke dem Zufall, der es gewollt hat, daß die Wilderer der Provence in unserem Lager kämpfen. Das Waldgedächtnis dieser schlichten Menschen, ihr Geschick im Vorausberechnen, ihr scharfer Spürsinn bei jedem Wetter – ich wäre überrascht, wenn von dieser Seite ein Versagen käme. Ich werde darüber wachen, daß man sie wie Götter beschuht!

Wir gehören niemandem als dem winzigen goldenen Licht jener Lampe, uns unbekannt und unzugänglich für uns, die den Mut und das Schweigen wachhält.

Das Einverständnis mit dem Engel, unsere dringendste Sorge.

Nüchterne Mandelbäume und ihr, Ölbäume, Kämpfer und Träumer, auf den Fächer der Dämmerung setzt unsre wundersame Gesundheit.

Ich habe aus Gebirgstrümmern Menschen gemacht, die für einige Zeit die Gletscher umduften werden.

Leidenschaftliche Vollmacht und streng geregelte Tat.

Klarsicht ist die Wunde, die der Sonne am nächsten ist.

Die Tat, die Sinn für die Lebenden hat, ist wertvoll nur für die Toten, vollendet nur im Bewußtsein derer, die sie beerben und prüfen.

Heute erlebte ich die Minute schrankenloser Macht und Unverwundbarkeit. Ich war ein Bienenschwarm, der zu den Quellen der Höhe entflog mit all seinem Honig und allen seinen Bienen.

Erst heute beginnen wir, und zwar besser als das intuitive Gefühl, das uns beim Erscheinen des Buches beseelte, die Ergebnisse des Hypnos Bandes für das Werk Chars abschätzen zu können. Wir entdecken vielleicht, unter anderm, eine bestimmte Vision der Ethik und jene Art von Glauben an das Glück, von der wir noch sprechen werden. Mit diesem Buch jedenfalls – und Partage formel („Unanfechtbarer Anteil“), geschrieben um dieselbe Zeit – dringt der Dichter nun entscheidend in die moralische Sphäre. So daß bis zur Stunde sein Werk in gleicher Weise dem poetischen Bereich und dem der Moral angehört (unter gewissen Vorbehalten hinsichtlich dieses Wortes, die noch zu erörtern sein werden).

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Die Dichte, der Grad gedanklicher Konzentration, die sprachliche Vollkommenheit, der gleichsam verschlossene Sinn, der Schatten, der über gewissen Gedichten liegt, sie dürfen uns nicht, bei aller Bewunderung – ja Bestürzung −, auf Abwege bringen und uns zu ungerechten Unterscheidungen innerhalb des Charschen Werkes verführen. Ein solches Vorgehen, das in gewisser Weise auf eine Rangordnung der einzelnen Werke abzielen würde, um einige ihrer bedeutenden Aussage wegen zu bevorzugen, widerspräche dem Schaffen des Dichters.

Wir haben in uns, wo wir ins Sanftere neigen, eine Folge von LIEDERN, Flügel uns zur Seite, die an unsern ruhigen Atem und unsere heftigsten Fieber rühren (…). In einer Zeit, da der Tod, den falschen Zauberern fügsam, die entscheidenden Glücksmöglichkeiten besudelt, zögern wir nicht, jede Sekunde in Freiheit zu setzen, die uns zu Gebote steht.

Die machtvolle Stimme René Chars, die hörbar wird auf den Seiten der Werke Seuls demeurent („Es bleiben aber“), Le Poème pulvérisé („Das pulverisierte Gedicht“), oder Le Consentement tacite („Schweigende Zustimmung“) ist kein unmittelbarer Gesang, sondern Prophetie, Würde und Schmerz. Nicht Schaustellung oder Schein, sondern höchste Gewißheit. Jedesmal neu, jedesmal wiederbeginnend entspringt sie der Begegnung zwischen der menschlichen Natur und der Welt der Dinge.

Erde, stets in Bewegung, schrecklich und auserlesen, und Bedingtheit des Menschen, heterogen, berühren und bestimmen sich wechselseitig. Der begeisterten Summe ihrer schimmernden Seide entstammt die Poesie.

Der Dichter umfängt Mensch und Welt, enthüllt ihre subtile Wechselbeziehung, entdeckt, wie nützlich und reich die beiderseitigen Bindungen sind. Seine Sache ist es, deutlich zu machen:

Das Gedicht geht hervor aus subjektivem Zwang und objektiver Wahl.

Für dieses Ziel bemüht er sich um das unfehlbare Gleichgewicht zwischen Wachsein und Schlaf, zwischen Wirklichkeit und Vision.

Wahren muß der Dichter das völlige Gleichgewicht zwischen der physischen Welt des Wachseins und der furchtbaren Leichtheit des Schlafes, den Linien der Erkenntnis, in die er den zarten Leib des Gedichtes bettet – und geht dabei zwischen diesen gegensätzlichen Lebenszuständen von einem zum andern, unterschiedslos.

Ein für allemal befreit der Dichter die Wirklichkeit, seine eigne und die der andern, und von dieser im wörtlichen Sinne magischen Operation ist sein Gedicht gezeichnet.

In der Dichtung, und dort nur auf Grund der Verbindung und freien Anordnung aller Dinge untereinander durch uns hindurch, finden wir Verpflichtung und Definition, um unsre ursprüngliche Form und bewährte Eigenart zu erreichen.

Dies Abenteuer ist nicht ohne Wagnisse möglich, die ihren Ausdruck finden in manchmal schmerzhaften Dialogen.

Der Dichter ist das Werden eines Wesens, das verstößt, und eines Wesens, das innehält. Vom Liebenden borgt er die Leere, von der Geliebten das Licht. Dieses erklärte Paar, dieser Doppelposten, gibt ihm feierlich seine Stimme.

Als „Magier der Unsicherheit“ geht der Dichter sogar so weit, das Spiel der gegensätzlichen, doch unentbehrlichen Kräfte für sich in Anspruch zu nehmen:

Mann des Regens und Kind des schönen Wetters, eure Hände aus Niederlage und Fortschritt sind mir gleich unentbehrlich. 

(…)

Pierre Guerre, Vorwort

Porträt und Poesie

− Eine Paperbackreihe der modernen Poesie. −

Von den „Klassikern der Moderne“ – Baudelaire, Hopkins, Whitman, Nietzsche, d’Annunzio, Dario – über Apollinaire, Eluard, Yeats, Pound, Brecht, Benn, Lorca, Neruda, Ungaretti, Majakowski bis zu den jungen porgressiven Lyrikern soll Band um Band der Reihe: Porträt und Poeise ein Spektrum der modernen Poesie auffächern. Diese Poesie ist Weltsprache geworden, es gibt keine nationalen Prioritäten mehr. So werden neben deutschen und französischen Autoren finnische und türkische stehen, die englische und spanische Lyrik wird ebenso zu Wort kommen wie die der Tschechen und der Brasilianer.
Jedem Autor wird ein eigener Band von etwa 200 Seiten gewidmet sein. Anthologien werden die Poesie eines Landes vorstellen.

Luchterhand Verlag, Klappentext, 1968

 

Schritte mit René Char

Es war im Jahre 1953 oder 54 – die ersten Char-Übersetzungen von Johannes Hübner und mir waren in Deutschland bereits erschienen –, als Paul Celan, den wir in Paris aufgesucht hatten, uns fragte:

Sollte es nicht doch einen Schlüssel zur Poesie René Chars geben, einen Schlüssel, der zu den hermetischen Texten einen Zugang verschafft?

Wir schüttelten den Kopf. Einen Schlüssel könne es schon deshalb nicht geben, weil der ja eine Verschlüsselung voraussetzte, also eine Verzerrung oder Verdunkelung eines ehemals klaren Bedeutungszusammenhangs. Nun, in diesem rigiden Sinne wollte es Celan auch nicht verstanden wissen; aber er bestand darauf, daß es eine Möglichkeit geben müsse, sich den Zugang zum Charschen Gedicht zu erleichtern. Erleichterungen – allerdings. Davon Gebrauch zu machen, hatte uns René Char selber empfohlen. Wie hilfreich war es für uns gewesen, den Ort und die Landschaft kennenzulernen, in der Char aufgewachsen war; die Stätten in der Provence zu sehen, die in seinen Kriegsgedichten eine Rolle spielten, als er Kommandant der Partisanen im Departement Basses-Alpes war. Zweifellos kommen manche Unsicherheiten über Textstellen gar nicht auf, wenn man weiß, wie die Steine wandern im Luberon, wo die Sorgue Befehle raunt, wo ihre Wasser sich teilen, wie die Menschen des Midi ihre Ernte einbringen, ihre Vögel kartätschen, hinterm Haus ihre Feste feiern. Da mag einem Leser in Paris oder Berlin in der Tat manches dunkel erscheinen. Aber das sind Adiaphora, die mit dem Kernproblem der Charschen Dunkelheit nichts zu tun haben. Der Hermetismus, von dem Celan sprach, ist ja nichts anderes als der dunkle Rest, der verbleibt, wenn alles Intelligible am Tage ist. Der Wunsch, für jenen Rest einen Schlüssel, ein Sesam-öffne-dich in die Hand zu bekommen, ist verständlich und legitim. Hinter dem Wunsch steht die Überzeugung, daß in jenem Rest mehr enthalten ist als die ,reine Subjektivität des Dichters‘. Daß dort, wie die Nuß in der Schale, das Überpersönliche verborgen liegt, das uns alle angeht.
Daß es keinen Schlüssel gäbe, ist eine ebenso richtige wie voreilige Feststellung, die den Kern der Celanschen Frage nicht recht trifft. Zielt die Frage doch indirekt nach dem Wesen von Chars Dunkelheit. Schließlich ist Dunkelheit nicht gleich Dunkelheit. Für einen, der aus dem Hellen kommt, ist jede Dunkelheit Schwärze. Für einen, der aus dem Dunklen kommt, aus der eigenen Dunkelheit neben die fremde tritt, konturiert und nuanciert sich das Dunkel zu einem umfassenden Panorama. Zurücktreten ins eigene Dunkel ist also der erste Schritt, der den Zugang erleichtert, ja unter Umständen erst gewährt. (Richtig: sprechen wir von Schritten und nicht mehr vom Schlüssel, obwohl jedem Schritt dieser Art die Funktion des ,Aufschließens‘ eignet.)
Es lohnt sich, beim ersten Schritt etwas zu verweilen. Wenn wir ins eigene Dunkel zurücktreten, wo stehen wir dann? Wir stehen am Anfang, im Vorgeburtlichen (wenn man figurativ reden will); konkret: im Nicht-Wissen, im Nicht-Ordnen, in der Überwältigung durch das Ungeordnete, durch die chaotischen Weltfetzen. Eine Vegetativform der Existenz. Ein Somnambulismus ohne Schlaf und ohne Wandel.

Wenn man sich nicht mehr zurechtfindet, o du, die mich ansprach, dann ist man an Ort und Stelle. Vergiß es nicht.

So heißt es in Chars „Aromates chasseurs“. Ein Zustand der Leere und Hilflosigkeit, ein Ausgesetztsein – was sollte an solcher Grenzsituation menschlicher Existenzerfahrung verheißungsvoll sein? Immerhin, wenn das Bewußtsein sich freiwillig seines Primats begibt, ideologische Programmierungen zurücknimmt und gleichsam in den Wartestand, noch genauer: in den Stand entspannter Erwartung getreten ist, kommt es zu einer erheblichen Steigerung der Sensibilität. Diese Sensibilisierung ist ein unerläßlicher Vorgang sowohl für den Dichter, will er mit dem, was er schreibt, über das Bekannte hinausgehen und geistiges Neuland erschließen, als auch für den Rezipienten der Poesie, der doch nur hierdurch die Chance erhält, mit dem Dichter kommunizieren zu können. Erst durch das erhöhte Sensibilitätsniveau kann das zu Worte kommen, d.h. sich artikulieren und verstanden werden, was René Char ,Instinkt‘ nennt: eine Instanz im Triebleben des Menschen, die verlorenzugehen droht, im Grenzbereich zwischen Bewußtsein und Unbewußtem anzusiedeln. In der Tat ist dieser Instinkt das kreative Element, das aus der Phase der Entleerung ein Potential der Fülle macht. Wenn man will, kann man darin eine Parallele zu Gedanken sehen, die im Taoismus und im Zen-Buddhismus eine Rolle spielen. Warten, bis ,Es‘ schießt, wie es der Meister des Bogenschießens lehrt, das ist die gleiche Zucht und Lässigkeit, denen der Dichter unterworfen ist. (Maurice Blanchot hat diesen schöpferischen Wartezustand mit seinen vielfältigen Paradoxen meisterhaft in seinem Buch Warten Vergessen beschrieben.) In der gleichen Situation befindet sich aber auch der Rezipient, der instinktiv erfassen muß, was das ,Es‘ ihm an poetischer Realität zu vermitteln hat.
Damit stehen wir bereits vor dem zweiten Schritt: sich Eingang verschaffen. Zweifellos über das Medium der Sprache, in einem durchaus bewußten Vorgang. Dementsprechend bleibt bei Char die Syntax intakt, die Grammatik die bewährte und der Bedeutungsgehalt der Wörter derselbe, den die Übereinkunft festgelegt hat. Was da im Text steht, gilt, wie es geschrieben ist; jedes Wort weiß, was es will: das ist im Auge zu behalten, auch wenn wir, die Texte nach ihrem Sinn befragend, an unser Scheitern herangeführt werden. Noch einmal: der Bedeutungsgehalt ist nicht zu vernachlässigen, muß realistisch genommen werden, sei er auch noch so bruchstückhaft. Die Spannungen, die hier aufgebaut werden zwischen Wissen und Nicht-Verstehen wie auch zwischen Nicht-Wissen und Verstehen, sind konstitutiv für die Charsche Poetik, sie sind geradezu die tragende Konstruktion in der Architektur seines Prosagedichts. Das hat nichts mehr mit surrealistischem Bildbau zu tun, geht auch weit über das hinaus, was Walter Benjamin das ,auratische Kunstwerk‘ genannt hat. Char begnügt sich nicht mit dem Phänomen, das Federico García Lorca mit dem Satz umschrieb:

Die Metapher verbindet zwei entgegengesetzte Welten mit einem Reitersprung der Bildvorstellungskraft.

Zwar hatte schon diese Bildtechnik bei der Sprache den diskursiven Charakter zerstört und sie ihrer Herkunft aus der Konvention weitgehend entfremdet (denn an die Stelle der festumrissenen Begriffe war die diffuse Aura zwischen den Begriffen getreten), aber man las doch die poetische Botschaft, wenn auch zwischen den Zeilen, mit rein sprachlichen Augen.
Char geht nun einen entscheidenden Schritt weiter. Er ,pulverisiert‘ das Gedicht, läßt an gewissen sprachlichen Barrieren die Gedanken zerschellen, den Sinn zerstieben und sich außersprachlichen Partikeln anhaften, Partikeln, die man als ,Emotionsmaterie‘ bezeichnen könnte. Char läßt sie in einem Kraftakt aus der Diskrepanz zwischen felsenhafter Bestimmtheit der Diktion und Unbestimmbarkeit der Bezugskoordinaten entstehen. Sie ist eine Emanation des Instinkts, der sich hier zu voller Souveränität aufgeschwungen hat. Nach Belieben (oder nach Notdurft – wer kann da unterscheiden?) erlaubt sich dieser Instinkt Umgruppierungen der ihm erreichbaren Kräfte: stellt die affektiven Bindungen, die sonst in der Etappe schmoren, ins erste Glied und schickt die bewußten Weltbezüge in die Reservestellung, wo sie ihren Standesdünkel ablegen und sich zur totalité des choses nivelliert wiederfinden.

In der Dichtung, und dort nur aufgrund der Verbindung und freien Anordnung aller Dinge untereinander durch uns hindurch, finden wir Verpflichtung und Definition, um unsere ursprüngliche Form und bewahrte Eigenart zu erreichen.

Der existentielle Bezug („durch uns hindurch“) steht derart im Vordergrund, daß die Dinge in ihrer Totalität untereinander austauschbar werden. Dementsprechend sind dann, als sprachliche Konsequenz, auch ihre Begriffe durchlässig: hinter ihrer festumrissenen Kontur erscheint ein Gegenbild, vom Affekt suggeriert; in einer Aura von Turbulenzen und Interferenzen gebiert diese eigentlich unmögliche Mischung eine neue Begrifflichkeit, halbbewußte Synthesen von Realität und Abstraktion mit einem eigentümlichen Symbolwert, rätselhaft oft und doch auf innerliche Weise anschaulich.
Was sich sprachlich äußert als neue Begrifflichkeit (ohne Begriff zu sein), ist in der Sprache nicht heimisch; es ist nurmehr eine Verweisung auf Außersprachliches, auf Veränderungen in der Welt, auf Neuordnung der Dinge innerhalb der Totalität. Das ist nicht mit der Schöpfung einer Utopie zu verwechseln, macht auch nirgends Anspielung auf eine solche. Das Verweisungssystem der Poesie braucht sich keine Realität auszumalen, es ist bereits Realität, eine Realität für sich: poetische Realität; und wo es über sich hinausweist, schafft es keine abgerundeten Vorstellungen, sondern belebt Bruchstücke einer berstenden Welt.
Ich möchte die Ausstrahlung von Emotionsmaterie, der ich diese sprachüberschreitende und weltverändernde Wirkung zuschreibe, mit Vorstellungen vergleichen, die Novalis sich im Rahmen seiner Enzyklopädie von einer Physik und einer Physiologie gemacht hat, die Poesie werden sollten. Er war fest davon überzeugt, daß erst die Poesie den in der Natur schlummernden Geist zu vollem Leben erwecken könne; daß erst die Poesie den Wissenschaften zur letzten Vollendung verhelfen würde:

Die vollendete Form der Wissenschaften muß poetisch sein.

Hier soll nun sicher nicht einem Synkretismus das Wort geredet werden, der aus Poesie, Natur- und Geisteswissenschaften einen harmonischen Brei präsentiert. Weder bei Novalis noch bei Char gibt es dafür ein Indiz. Aber daß die Emanationen des Instinkts und die Stringenz der Ratio einander ergänzen, daß beide voneinander profitieren, wo ein Grenzaustausch stattfinden kann, scheint mir außer Frage zu stehen. Jedenfalls führt die Grenzüberschreitung, die in der Charschen Poesie sinnfällig wird, zu einer Kraftbündelung, die auf manche Bereiche der realen Welt ein erhellendes Schlaglicht wirft.

Warum pulverisiertes Gedicht? Weil am Ende seiner Reise zur Heimat, nach vorgeburtlichem Dunkel und irdischer Härte, die Endlichkeit des Gedichtes Licht ist, Beitrag des Seins zum Leben.

Die neue Begrifflichkeit der Charschen Poesie kennt keine Starre; bei ihr ist alles in Fluß. Jeder Gedanke findet sein Ende, findet seinen Gegenpol in sich selbst; wie ja auch die Dinge ihr ,Wesen‘ verändern nach Maßgabe der Aspekte, unter denen man sie betrachtet. Eine dialektische Poesie also? Das sagt viel zu wenig. Der Dialog, der in dieser Poesie seinen Niederschlag findet, ist kein Zwiegespräch, sondern ein vielstimmiger Erfahrungsaustausch zwischen sämtlichen Strebungen geistiger und affektiver Art, die in Char lebendig sind. Das artikuliert sich in Überschneidungen, Echos, überraschenden Einwürfen und, wie es mitunter scheinen möchte, zusammenhanglosen Urteilen oder Splittern von Gedanken. Im Grunde ist das Gedankliche bei Char immer nur Zeichen: Fragezeichen, Ausrufungszeichen, Auslassungszeichen, Andeutung. Es weist von der Sprache weg ins Leben, das wurde schon gesagt. Es hat aber noch eine andere Funktion: alles Gedankliche steht im Dienste der Schönheit.
Die Schönheit ist die Herrin, der Char überall einen Platz anbietet.

In unserem Dunkel: nicht einen Platz hat die Schönheit darin. Der ganze Platz ist ihr, der Schönheit, zugedacht.

So schrieb Char im Maquis mit Bezug auf das Dunkel der Poesie und das Dunkel, in dem wir leben. Die Schönheit zu grüssen auf der freien Wildbahn des Lebens, das hat er von Rimbaud. Schon für den Verfasser der „Illuminations“ war die Schönheit gleichbedeutend mit Poesie. Wo Poesie sich im Leben ereignete, da war Schönheit; wo die Schönheit im Leben Gestalt gewann, da war Poesie. Der Schönheit wie der Poesie genügt ein Fingerbreit, um Wurzel zu schlagen. Auf einer verblichenen Tapete, auf einer zerkratzten Hauswand blühen sie auf. – Das klingt sehr allgemein, tönt wie eine Präambel. Aber wie steht es nun im Detail? Welche Bewandtnis hat es im Sprachkunstwerk mit der Schönheit? Gibt es Gesetzmäßigkeiten?
Es gibt sie. Aber glücklicherweise sind wir nicht in der Lage, wegen der Vielzahl von Parametern, die hier in das Kräftespiel eingehen, sie exakt zu bestimmen. Wie schwer ist es schon (und letztlich unmöglich), obwohl es sich doch nur um ein Spiel von Formen und Farben handelt, eine Ästhetik der lyrisch-abstrakten Malerei (die man auch als ,informelle Malerei‘ bezeichnet) aufzustellen! Das pulverisierte Gedicht Chars hat mit dieser Malerei Ähnlichkeiten aufzuweisen, allerdings nur in einer Hinsicht: was die Vielfalt der divergierenden Strebungen anlangt, die sich in ihm zu Wort melden. In anderer Hinsicht, was die Entschiedenheit der Charschen Diktion betrifft, in der ein im besten Sinne rhetorisches Element, ein Pathos der Aufrichtigkeit steckt, müssten wir nach Vergleichbarem innerhalb der gegenständlichen Malerei suchen, bei Picassos mediterranen Motiven etwa, die in Technik und Stil breit variieren, bald klassizistischen, bald manieristischen, bald abstrahierenden Formen sich nähern.
Nein, selbst wenn wir hier Exaktes ermitteln könnten, würde das wenig zur Lösung der Frage beitragen, wie Schönheit und Sprache im Werk René Chars verknüpft sind. Auch wenn wir feststellen, daß manchem seiner Gedichte eine schöne Naturstimmung zugrunde liegt, oder wenn wir in einigen Gedichten das schöne Bild im surrealistischen Sinne wiederfinden, beweist das im Grunde nur, daß die Schönheit sich keine Vorschriften machen läßt, wo und in welcher Vermummung sie vor uns hintreten will, sondern daß sie jeden Platz und jede Spielart zu nutzen weiß. An uns liegt es aber, nun den dritten Schritt zu tun, ihr entgegenzukommen, sie wiederzuerkennen trotz vielfach wechselnder Gesichter, sie nackt und auch hinter jeglicher Maske zu grüssen. Wie soll das zugehen?
Wir müssen, um voranzukommen, einen Schritt zurücktreten, Abstand gewinnen, so daß das Auge, das soeben noch bei der Entzifferung von Gedankensplittern punktuelle und vergebliche Feinarbeit leistete, auf einmal weit sich öffnet und das ganze Panorama in den Blick bekommt, den großen Atem gewahrt, der über alles hinstreicht, der belebt und mitreißt. Dieser verhilft dazu, sogar Stellen von nüchterner Präzision in Schönheit umzumünzen oder Passagen zu genießen, die von schneidender sérénité crispée sind, von einer „barschen Heiterkeit“ wie an einem strahlenden Januartag, der ins Fleisch kneift. Haben wir diesen alles umfassenden Atem aufgenommen, können wir die Schönheit selbst unter der Maske des Grauens und der Dürre im Detail studieren, ihr in die Tiefe nachsteigen, aus der sie aufgebrochen war, sie in ihrer Wiege aufsuchen. Diese Wiege heißt ,Verinnerlichung‘.
Das ist nun ein Reizwort seit über zehn Jahren. Ich hätte es vermeiden, hätte ,Wahrheitsfindung‘ hinschreiben können. Richtig ist beides; in unserem Fall sind die Wörter fast synonym. Aber warum sollte ich das tun? Nur weil ein paar Literaten der Meinung waren, was man verinnerlicht, gehe der Praxis verloren, lenke von revolutionären Aktivitäten ab? Diese Behauptung ist schon oft widerlegt worden, aber Vorurteile sind zählebig. Weitgehend gehört es zum modischen Habitus, sich jeder sensiblen Regung zu schämen. Und eine Poesie der Innerlichkeit steht ohnehin in dem Geruch, aus dem Leiden der Menschheit nicht nur ästhetisches Kapital zu schlagen, sondern es auch ethisch zu verherrlichen und eine säkularisierte Theologie der Schicksalsergebenheit zu vermitteln. So jedenfalls argwöhnen diejenigen, die auf keinen Fall bereit sind, ihr Leben zu ändern, sich aus ihrer Neurose helfen zu lassen, sondern die von Kunst und Poesie lediglich die Ideologie ihrer Wahl bestätigt sehen wollen. Wer alles schon weiß, ist für jede Art von Wahrheitsfindung verloren, für die mittels Dichtung zuallererst.
Tatsächlich geht es bei der Dichtung um die Wahrheit. Und die Schönheit ist das ästhetische Signal, das die Auffindung beurkundet. Die Schönheit quillt aus den Fugen des Gedichts, Bindemittel, das ihm, dem Gedicht, Konsistenz verleiht und exakt seine Stimmigkeit markiert.

Im Gedicht heißt Werden Wiederversöhnen. Die Wahrheit: der Dichter sagt sie nicht, er lebt sie; und wird, indem er sie lebt, unwahr. Paradox der Musen: Stimmigkeit des Gedichts.

Was hier „Stimmigkeit“ genannt wird, bedarf noch der Klärung. Das Wort (im Französischen „justesse“) besagt mehr als Schlüssigkeit der Teile des Gedichts untereinander, das Zueinanderpassen von Emotionalem und Gedanklichem, Musikalität und Präzision, Pathos und Realitätsbezügen. Stimmigkeit geht hier über das Sprachliche hinaus. Der Begriff meint die Übereinstimmung zwischen den gestaltlosen Kräften in der Subjektivität des Dichters und der objektiven Gestalt des Gedichts und attestiert zugleich die innere Wahrhaftigkeit bei dem Vorgang der Wahrheitsfindung, besagt also, daß die Verinnerlichung der Realität des Lebens ohne Selbstbetrug vonstatten ging.
Das alles kann im Rahmen dieses Aufsatzes nur kurz und apodiktisch skizziert werden. Wenn ich dem Leser nur die Richtung weisen konnte, in die er seine Schritte lenken muß, um ein Stück Weges mit dem Charschen Gedicht zu gehen, halte ich meine Aufgabe für erfüllt. Die Schritte selbst und eigenes Nachdenken über den Weg möchte ich ihm gar nicht ersparen.

Welche Erfahrungen mit der Realität des Lebens sind es nun, die Char vorzugsweise verinnerlicht? An erster Stelle stehen die schmerzhaften Zusammenstöße mit einigen schmutzigen Errungenschaften der zeitgenössischen Zivilisation: Knechtssinn bei den einen, skrupellose Ausübung der Herrschaft bei den anderen; ungehemmte Profitgier; Mangel an edlem Denken und Handeln; Mißbrauch und Schändung der Natur – wir alle kennen diese Dinge, ich kann mir die Aufzählung eines solchen Katalogs der Schande ersparen. Sprechen wir von den positiven Weltbezügen, die Char ins Gedicht hineinholt. Er nimmt Partei für die Leidenschaften – selbstverständliches Erbe aus surrealistischer Vorzeit; stellt uns den künftigen Menschen vor, den er den „morgendlichen“ nennt, bei dem Kopf und Herz sich nicht mehr befehden, so daß an eine Wiederversöhnung von Natur und Kultur zu denken ist, aber auch an eine von Ewigkeit und Sekunde, von göttlichem und irdischem Wesen. Das bedeutet nun nicht, daß hier abgestandener Wein aus religiösen Gefäßen in neue Schläuche gefüllt wird. Aber Char wendet den Blick des Menschen wieder nach oben, heraus aus dem Kehricht, in dem der eine den anderen niederhält, zu jenen Gipfeln, auf denen ehemals die Götter thronten. Er weiß wohl, daß es sie nicht gibt.

Gehorcht euern Schweinen, die sind. Ich unterwerfe mich meinen Göttern, die nicht sind.

In der poetischen Realität läßt er sie wieder auferstehen, als anthropologische Feldzeichen, als Symbole für die Erfülltheit einer Sekunde, die auch heute noch möglich ist:

Bewohnen wir einen Blitz, so ist er das Herz der Ewigkeit.

Das mag genügen, um anzudeuten, aus welchen Bereichen Char das Rohmaterial für seine Gedichte nimmt. Bei dem Prozeß, der das verinnerlichte Material der Realität zum Gedicht verdichtet, ist Char mit höchst aktiviertem Bewußtsein beteiligt. Und trotzdem eilt die Feder dem Bewußtsein oft um Jahre voraus, so daß auch dem Dichter selber nichts anderes übrigbleibt, als die Rätsel der Poesie als Rätsel vorerst unkommentiert stehen zu lassen. Keine Frage, auch wenn es dunkel ist, kann das Gedicht schön und sogar hilfreich sein. Bringt es doch etwas ins Leben, was dem schon lange fehlt: Impulse aus den heilsamen Bereichen des Instinkts. Indessen scheint mir der Ausdruck ,Irrationalismus‘ unangebracht, um die Dunkelheit bei Char zu charakterisieren. Ist doch bei seinen Gedichten immer ein gewisser Anteil von Rationalität beteiligt, der allerdings gehalten ist, sich mit der Emanation des Instinkts zu vertragen, die im Kräftespiel naturgemäß die Gegenrichtung vertritt. Jedenfalls kann man dem Gedicht ebensowenig Irrationalismus nachsagen, wie man bei seiner Rezeption von ,Glaubenssache‘ reden kann. Es geht gerade nicht darum, die Sinne zu vernebeln, bis sich eine blinde Gläubigkeit einstellt, es handelt sich ausschließlich um ästhetische Aneignung mit der ganzen Wachheit aller Sinne und in Tateinheit damit um den Versuch, das Ergebnis sofort im Bewußtsein zu verankern. An der Seite des Charschen Gedichts zu gehen ist kein Schlendern in flachem Gelände, eher ein rauher Anstieg über Felsen. Wer nicht davor zurückschreckt, wird seltsame Höhen kennenlernen mit erregenden Ausblicken. Aber der Weg erfordert den totalen Menschen, stellt hohe Ansprüche an seine Vorstellungskraft, an seine Vervielfältigungs- und Wandlungsfähigkeit (wie der Dichter, muß sich auch der Leser – und erst recht der Übersetzer! – in jede seiner Strebungen verwandeln können, in seinen Adler wie in seinen Frosch), stellt Ansprüche auch an seinen Mut, ungeahnten Paradoxen standzuhalten, sich zum Beispiel Niederlagen schenken zu lassen, die ihn ein Leben lang bereichern. Und so ist auch der Zugang zum Charschen Werk, den ich hier in ein Nacheinander von Schritten zerlegt habe, oft ein Prozeß der Gleichzeitigkeit, die Wirkung einer erleuchteten Zehntelsekunde. Sie kann nach Jahren eintreten, uns urplötzlich ein dunkles Wort erschließen, das wir, wohlverwahrt im inneren Ohr, unbewältigt mit uns herumgetragen hatten.
Auf jeden Fall sind wir nach einem guten Stück Weges an der Seite der Dichtungen René Chars nicht mehr dieselben wie zu Beginn:

– Wir sind nicht mehr in der Lage, ein Phänomen ausschließlich rational zu betrachten; wir werden es künftig wie eine Zange von zwei Seiten zugleich anpacken: es fest zwischen die kritische Kühle des Intellekts und die unbekümmerte Glut der Affekte nehmen.
– Wir lernen unsere Probleme, auch und gerade die sogenannten aktuellen, sub specie aeternitatis ansehen, was nicht heißt, daß sie in der Praxis vernachlässigt würden, nur müssen sie sich anderen Prioritäten beugen (was ihnen letztlich wieder zugute kommt).
– Im Gegensatz zur frostigen Arroganz der Kalküle, die uns langweilt, sprechen uns das Lebendige und das Leidenschaftliche brüderlich an, faszinieren.
– Wir sehen ein: solange der Mensch sich nicht ändert, sind Revolutionen nur lächerliche Schlächtereien.
– Ein dunkler Fetzen Gedicht ist eine eiserne Ration; wenn alle Nahrung sonst aufgezehrt ist, wird er reichlich den Tisch decken mit klarem Wein und hellem Brot.
– Ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem ganzen Kosmos entsteht; wir fühlen uns selbst für die Götter mitverantwortlich, erst recht für den Meteor und den Grashalm.
– Eine neue Existenzerfahrung schafft ein Fluidum, das ganz unter dem Zeichen des Paradoxes steht; Sicherheit ist also dort, wo nichts voraussehbar ist, und das Notwendige findet allenthalben mit dem Atem statt.
– In der Poesie kann (zum Beispiel durch Einfügen eines winzigen Negationspartikelchens) auch das Gegenteil der manifesten Aussage eines Verses schön und richtig (stimmig) sein; wir lernen, daß mitunter für die Ethik das gleiche gilt.
– Wir selbst packen mit an bei dem unmöglichen Werk, schieben die Schöpfung und damit den Menschen in einen neuen Morgen hinein.
– Wir wissen, wenn wir zurücksehen, daß jeder Schritt auf diesem Wege eine phosphoreszierende Fährte hinterläßt; viele werden ihr folgen können, und so wird der Weg niemals zu Ende sein.

Zum Schluß noch ein Wort zur Übersetzung. Gilt schon ganz allgemein von Übersetzungen, daß sie nie fertig werden, daß sie sich immer noch verbessern lassen, wieviel mehr dann von Übertragungen der Poesie René Chars! Hier wirkt sich besonders aus, was oben über die dunklen Stellen gesagt wurde: daß manchmal erst nach Jahren die Erleuchtung kommt, wie ein Vers hätte besser formuliert werden können. In der Regel wurde nach dem Grundsatz verfahren, das Original so wörtlich wie möglich wiederzugeben.
Char-Übersetzungen unterzeichnete ich stets zusammen mit Johannes Hübner.
Der Freund verstarb im Frühling des Jahres 1977. Nun geht diese Arbeit hinaus ohne seinen Namen, aber ihm gewidmet als Gruß des Gedenkens, ihm, der mir beim Formulieren über die Schulter sah.

Lothar Klünner, Neue Rundschau, Heft 3, 1979

 

CHAR

Je neige ich mich
desto einiger mit ihm ein Blick
zu viert. Die Sorge
schwarzer Rest von Frohnatur
erwärmt sich unter
Charons Lid
strahlt sie monarchisch. Je
neige desto einziger
vereist der Blick
klar über soviel Liedern.
Epochal das Lachen
wie es uns verneint und
klafft. Verschieden
für immer.

Felix Philipp Ingold

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG

 

René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.

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