Quirinus Kuhlmann: Poet’s Corner 5

Kuhlmann-Poet’s Corner 5

Perl über Alls! Ach flamme meines Lichts!
Wi wandelst du di Angst in deine freude?
O schönes Lib! Ich wurde dir zum Nichts:
Nun werd ich dir, du mir zur Augenweide.
Als ich in Adam dich verlohr,
Und fremde Buhlschafft mir erkohr,
So ward mein feur in wollust misgebraucht,
Gelibt di welt, di euserlich verraucht,
Di Eitelkeit stat himmlisches erhaben,
Das ich verschertzt di Paradisesgaben.

Mein Augentrost! Was war aldar dein thun?
Du woltest treu mit treu auf neu verneuen.
Ich solt und solt im finstern ewig ruhn:
So wolstu schnell di finsternis zerstreuen.
Du drangest durch den finstern Tod,
Durch Gotteszorn, durch Höllennoth,
Als, Heldin, du so ernstlich si bekrigt,
Den sturm entstürmt, gewonnen und gesigt.
Du eiltest drauf in meines Elends kammer,
Und rifst: Triumf! Vollendet ist dein jammer.

O Libewig! Du hast mich neu beseelt!
Dein Feuerquall hat sanfftmutt sanfft verlihen!
O Geistewig! was mir in mir verhöhlt,
Das wil nun itzt im höchstem wachsthum blühen.
O Lichtewig! Ich war sehr matt,
Sehr hungerig und nimmer satt!
In grossem durst, den du so bald gestillt,
Mit güttern mich, O süsse Lib, erfüllt!
Du brachtest mir des Himmellebens wasser:
Erquikktest mich, ob ich war dein Verlasser.

O Libewig! Was hab ich nun ersehn?
Welch Vater? Ach! Barmhertzig sonder endnis!
Mein Gott, mein Gott! Wer wil zu dir nich flehn?
Nun merk ich recht der fremden Buhlschafft blendnis.
Di Feuerangst, di vor beschwert,
Schau, schau, wi si in Anmutt kehrt!
Holdseelges Lib! Mein schätzchen! Ach gewehr,
Was ich von dir, mein Libchen, nun begehr!
Gib, schönste, gib di Perle doch zueigen,
Das solche Lust auf ewig könne steigen.

Hertzlibster Buhl! Hochtreuer! meine Zird!
Ach du erfreust mich hoch im anbeginne!
Ich brach zu dir aus reinster Libbegird,
Durch zorn und höll und brach des Todes zinne!
Entthorte thor, und was verschlos,
Entkettend kett und mache los.
Doch deine Bitt ist schwerer als der Kampff:
Di Perl ist hoch, dein Leben Rauch und Dampff.
Di Perle ward in Adam strakks verschertzet!
Ach leicht entperlt, doch ewigst dann verstertzet!

Seelleibewig! Dich schlüssen noch zwei Reich!
Gefahr, gefahr geht stündlich dir zur seite!
Hier eifert Gott im feuer ohne gleich:
Dort ist dein fleisch mit dir im stetem streite.
Wann du der wonn zuvil nachhängst,
Ist leicht, das du mir Erd einmengst.
Ja wann du würdst, wi Lucifer, mir stoltz,
So trügestdu zur Hölle schwefelholtz.
Du möchtest dann vom einem Ein dich wenden,
Und meine Lib auf ewigewigst enden.

Ich eigne erst di Perl im Paradeis;
Doch wohn ich hir in deinem Seelenhimmel.
Ich strahl und strahl auf diser Lebensreis
Im innerm Chor, nicht im vernunfftgetümmel.
Dein Fleisch ist irrdisch staub und raub:
Verwelket schneller als das Laub.
Ich herrsche dort bei Gott als Königinn,
Nicht hir, weil ich auf irrdisch nichts hab inn:
Doch werd ich offt zu deiner Menschheit kommen,
Weil dise dort wird himmlisch einst vernommen.

Gib, Libster, gib dich gar zu Gottes Lob,
Ich werde dir in Fährlikeit beistehen.
Wahr ist, dein Leib ist thirisch, irrdisch, grob:
Gott schuf dich nicht im vorsatz zuvergehen.
Drum kommt, das Gotteszorn herzeucht,
Da gantz von dir offt Tröstung fleucht.
Du meinst und meinst, weil du mich ni erkennst,
Das du aufs neu von mir dich wider trennst.
Ach nein! Dein Amt ist diser zeit gebähren,
Und meines ist dein feur ins licht zuklähren.

Du zweigst in Angst, als wurtzel deine zweig;
Bist stamm und baum, der sich sol rings beästen.
Ach merke, das in deinem safft ich steig,
Befruchtend dich vor allen Erdengästen!
Gib ni dem fleisch und blutte raum!
O halt, mein Schatz, dis Ross im zaum!
So grüss und küss ich dich im Weltverdrus
Mit Paradis in meinem himmelkus!
Ich kräntze dich, befreue deine Glider:
Allein di Perl zueignen ist mir wider.

Höhr, eintzig, höhr, was Jesus in dir spilt!
Gib ihm gesang und klang aus meinen kräfften!
Du wirst ein Bot aus Gottesmund erzilt!
Solst Gottesruhm befruchten und besäfften!
Dis ist, darum ich dir geschikkt,
Und ritterlich di Feind erdrükkt:
Dir aufgesätzt dis kräntzlein von dem sig,
Di heilge kron, di ich zurükke krig.
Ich werde si so lange dir bewahren:
Du trägst si recht, wann Du bei Jesusscharen.

 

 

Quirinus Kuhlmann –

1651 geboren, 1689 auf dem Scheiterhaufen „zu todte gebracht“. Als ein „verstiegener Schwärmer“, ein „Größenwahnsinniger“, ein „rücksichtsloser Subjektivist“, ein „Abenteurer“ galt er den Zeitgenossen. Auch ein Dichter war er, „ein Dichter von originaler Kraft“, wie Johannes Bobrowski schrieb, „eine solche absonderliche, durch Lebensweg wie künstlerische Leistung faszinierende Gestalt, die nicht einfach literarischen oder theologisierenden Kuriositätensammlungen überlassen“ werden sollte. Ein Ketzer also in einem dunklen Jahrhundert, das in unseres hineinzuleuchten kaum geeignet scheint. Abgelöst von Aufklärung und Rationalismus und nüchternem bürgerlichen Tun, blieb es in der Originalität (die man nicht selten als Absurdität bezeichnet findet) und wüsten Fülle seiner geistigen wie künstlerischen Bestrebungen wohl unterschätzt. In Kuhlmann ist vieles zu finden, was dieses Jahrhundert, seine Dichtung und seine religiös-politische Opposition prägte, aber in einem ungleich übersteigerten Maß (– Maßlosigkeit –) und einer radikal-ekstatischen Ich-Bezogenheit, die seine Figur an den Rand der Geschichte der Häresie und auch an den Rand einer Literaturgeschichte drängt.
Seine Dichtung diente – vom Tage seiner Erleuchtung an – der Legitimation, Erklärung und Kommentierung seiner Sendung. Jeder der Texte ist Selbstdarstellung, Selbstüberhöhung, Selbststilisierung; keiner der Texte ist ohne religiös-mystisch verklärten biographischen Hintergrund entschlüsselbar. Aber fast jeder besteht für sich in seiner surreal-sinnlichen Gestalt, in seiner expressiven Klang- und Wortfülle, in seinen waghalsigen Bild- und Wortfindungen, in seiner ungestümen Ich-Behauptung.

Kuhlmann wird am 25. Februar 1651 in Breslau in einer Kaufmannsfamilie geboren. Die Mutter verwitwet früh. Den Gymnasiumsbesuch des hochbegabten Jungen ermöglichen Breslauer Patrizier, denen er in schmeichelhaften Briefen zu danken weiß. Seine Pläne sind hochfliegend; enzyklopädisches Wissen will er erwerben und sich zu diesem Zweck ein Universitätsstudium finanzieren lassen. Schon als Zwölfjähriger verfaßt er Verse. Als er 1670 Breslau verläßt, liegen drei gedruckte Schriften vor. Er geht zum Jurastudium an die Jenenser Universität. Auch als er 1673 nach Holland aufbricht, folgt er ganz dem von seinen Gönnern und Geldgebern vorgezeichneten Weg: An der angesehenen Leidener Universität soll er den juristischen Doktortitel erwerben, soll als Rechtsgelehrter in seine Heimatstadt zurückkehren. Was dann, im „weltberuffenen Holland“ passiert, hat nichts mehr mit der für einen Stipendiaten vorgesehenen Laufbahn zu tun! Der „antichristliche Thorentitel des Doctors“ gilt Kuhlmann nichts mehr!
Gerade ein paar Tage in Holland, bekommt er die Schriften Jacob Böhmes in die Hand. Für Tage, Wochen zieht er sich zurück, vertieft sich in das Werk des mystisch-spekulativen Philosophen. Später wird er die Zeit die „Leidener Groß-“ oder „Wunderwoche“ nennen. Es ist die Zeit seiner Visionen, ihm wird göttliche Offenbarung zuteil. Gott ist ihm erschienen, und die Begegnung mit dieser höchsten Autorität legitimiert ihn, Kuhlmann: Von nun an ist er Prophet!, ist der Prinz Gottes, von Gottvater beauftragt, gegen die Amtskirche, die falsche Hure Babel, zu ziehen und einen gerechten Gottesstaat auf der Basis des wahren Christentums, seine „Monarchie Jesuelitica“, zu errichten. An der Spitze wird der „Fridesprintz“, der „Kühlmonarch“ stehen, umgeben von den Kühlpropheten. Daß er, Ouirinus Kuhlmann, der Berufene ist, steht außer Zweifel und wird Gegenstand seiner Dichtung. In endlosen Assoziationsketten und etymologischen Verwandtschaften bezieht er sich beispielsweise auf die Verheißung des Apostels Petrus, „tempora refrigeríi“ (von Luther als „Zeiten der Erquickung“ übersetzt), als „Zeiten der Kühlung“; „Kühlmann des Höllenbrands“; er schloß den „Kühlbund“ mit Gott; seine Lehre – die keine ist, denn Kühlmann ist Visionär, nicht Doktrinär – ist das „Kühlmannstum“, die zu erwartende Zeit die „Kühlzeit“. Sein Hauptwerk, der „Kühlpsalter“ (mit Ausnahme des ersten Textes der hier vorliegenden Sammlung sind alle dem „Kühlpsalter“ entnommen, einem monströsen, unvollendet gebliebenem Werk), verbindet Heils- und Weltgeschehen, interpretiert Kuhlmanns Taten und Leiden, seine täglichen Erlebnisse und erotischen Beziehungen als Erfüllung von Weissagungen, spiegelt biblische Motive und Visionen. Kuhlmann wird keine Unternehmung scheuen, um den Grundstein für seine Jesusmonarchie zu legen. Er wird nach London, Paris, Amsterdam reisen und Anhänger sammeln und wieder verlieren, er reist nach Rom, um den Papst zu bekehren, er reist nach Konstantinopel, um den Sultan für sich zu gewinnen. Mit knapper Not entgeht er Kerker und Tod. Und gibt nicht auf: Sein Ziel ist, den Zaren für seine Lehre zu begeistern. Seine Zukunftsvisionen und Zeitkritik will er in Moskau verkünden. Im Frühjahr 1689 trifft er dort ein; der russischen Sprache nicht mächtig, findet er seinen Wirkungskreis in einer von Deutschen besiedelten Vorstadt. Die Priester der dortigen lutherischen Gemeinde denunzieren ihn. Ihm wird der Prozeß gemacht, in dem staatliche und kirchliche Instanzen Hand in Hand gegen diesen Unruhestifter vorgehen.
Am 4. Oktober 1689 wird Kuhlmann auf Anordung des Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche als Ketzer in Moskau verbrannt.
Auch nach seiner Hinrichtung steht auf den Besitz seiner Schriften die Todesstrafe.

„Er ist unbequem, er ist wahnsinnig, er ist ein Ketzer. Er ist ein Genie“, schrieb Oskar Loerke 1925.

Er ist noch heute unbequem. Sein Wahnsinn hat sich freilich für die sprachkünstlerisch gleichstrebende Gegenwart beruhigt, aber ein Publikum wird er niemals haben. Er ist zu gedrängt, er verwirklicht seinen vermessenen Größenwahn in so ungeheurer Leidenschaft des Ausdrucks, daß diese Leidenschaft ihren Vater, den kranken Wahn, verschlingt und an der unnatürlichen Speise gesundet. Er ist ein Teufel in der Gewalt seiner Himmelsminne und machte es einleuchtend, daß nur ein Teufel den Himmel bis in solche Tiefen hinein erstürmen kann.

Dorothea Oehme, Nachwort

 

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Hans Joachim Funke: Poeten zwischen Tradition und Moderne. Eine neue Lyrikreihe aus der Unabhängigen Verlagsbuchhandlung Ackerstraße.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

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