René Char: Poesiealbum 74

Char/Sagert-Poesiealbum 74

DIE BURGHERREN VON MAUSSANE

Einer nach dem andern haben sie uns eine glückliche
aaaaaZukunft vorhersagen wollen,
Mit einer Sonnenfinsternis mit ihrem Maß und aller
aaaaaAngst, wie sie uns gebührt.
Wir haben diese Gleichheit von uns gewiesen,
Ihren eifernden Worten ein Nein entgegengesetzt.
Wir sind der Schotterstraße gefolgt, wie unser Herz sie
aaaaasich vorgezeichnet hatte,
Bis zu den Ebenen des Windes und der
aaaaaunvergleichlichen Stille.
Bluten ließen wir unsre heischende Liebe,
Ankämpfen unser Glück gegen jeden Kiesel.

Jetzt sagen sie, jenseits des Absehbaren
Sei ihnen der Hagel schrecklicher als der Schnee der
aaaaaToten!

Übertragen von Gerd Henniger 

Den Lesern

ist die Entdeckung eines Vokabulars vorbehalten, mit dem das Porträt eines eigenwilligen Mannes – eines Dichters – gezeichnet wird, energisch, von schöpferischer Ungeduld, unruhig, von erregender und bedeutender Kraft. Nichts provoziert ihn mehr als Unbeweglichkeit, daß heißt: das Hinnehmen, der Status quo, die Resignation… René Char oder die Jugend der Worte, der Welt… Man muß ihn lesen und immer wieder lesen, um in sich selbst nach und nach das Verhängnis alter Hindernisse zu spüren.

Yves Berger, Klappentext, 1973

(…)

Hart lastet auf jedem Tag die Apokalypse der Jetztzeit. Sie zeigt sie an mit ihren tragischen Wolken, ihrem bleiernen Licht. Nun vermag Char gerade im schlimmsten Sturm seinen Mitmenschen am stärksten zu packen, seinem Dasein auf den Grund zu gehn, seine Angst zu teilen und ihn als Bruder zu lieben.

Die Ausübung des Lebens, etliche Kämpfe, zwar ausgegangen ohne Lösung, aber aus gültigem Anlaß geführt, haben mich gelehrt, die menschliche Person unter dem Himmelswinkel zu betrachten, dessen Gewitterblau ihr am förderlichsten ist.

Doch das Unheil, das er ankündigt und für das der Mensch verantwortlich ist, hindert ihn nicht, andererseits auf jenen heimlichen Gefährten zu zählen, zu dem er sagt:

Du bist in deinem Wesen beständig Dichter, beständig im Zenit deiner Liebe, beständig dürstend nach Wahrheit und Recht.

Dieser Mensch, der an das von sich weist, was ihn heute verfälscht, dieser „poetische Mensch“, muß mit Inbrunst und Kraft begabt sein. „Wir brauchen einen Atem, der Scheiben zerbricht. Und trotzdem einen Atem, den wir lange anhalten könnten.“
Wahrlich, Char ist ohne Illusion. Der Dichter hat teil an der Zerrissenheit menschlichen Wesens. Er kennt die Kraft und die Ohnmacht des Menschen. Er sieht ihn unstet, vereinsamt, zerbrechlich.

Bald üppig wuchernder Hügel, bald trostloser Fels, leichtes Obdach, so ist der Mensch, der liebe verwirrende Mensch.

Doch schöpft seine Ethik eine paradoxe Kraft aus dem Bereich, den sie der Verwundbarkeit anweist. Ja, gerade in dieser streitbaren Spannung findet er schließlich eine Kraft, die ihm Halt gibt: die „Gesundheit des Unglücks“.

Wenn ich soviel Achtung vor der Verwundbarkeit und Schwäche, der Bangigkeit und der Angst habe, so deshalb, weil die ersten nicht Macht über mich besitzen in dem Maße, wie die zweiten mich geprägt und genährt haben.

Vor dem Hause der Familie in L’Isle lag eine Wiese, die bis an den rauschenden Schilfrain am Ufer der Sorgue reichte. Heute liegen vor dem Fenster des Dichters ein Lavendelfeld mit zwei ehrgeizigen jungen Ölbäumen und der Horizont, der sich im glücklichen Lichte des Morgens verliert. Char liebt den Menschen:

Nur meinesgleichen, Gefährtin oder Gefährte, kann mich aus meiner Starre wecken, die Poesie auslösen, mich an die Grenze der alten Wüste schleudern, daß ich sie besiege. Kein anderer. Nicht Himmel, noch begnadete Erde, noch Dinge, vor denen man schaudert. Fackel, tanze ich nur mit ihm.

Der Dichter ist vor allem brüderlich. Nichts kann seine Liebe zum Menschen schmälern.

Der Mensch ist nur eine Blume der Luft, von der Erde getragen, von den Sternen verflucht, vom Tode eingeatmet; Hauch und Schatten dieser Verbindung heben ihn manchmal darüber hinaus.

Dem Menschen – „dem irdischen Menschen, dem Schreitenden, dem Bürgen, der Raum schafft“ – bietet Char die Dichtung, denn er kennt seinen Durst nach Gerechtigkeit und Wahrheit. Gabriel Bounoure schreibt, das Charsche Gedicht sei „durchdrungen von einer Bewegung zur Wahrheit“. Und weiter: „Die Bewegung zur Wahrheit, die Chars Gedicht beseelt, ist das Bedürfnis nach Totalität: das bedeutet, daß die Dinge bei sich selbst sind nur in der Poesie und daß die Poesie bei sich selbst ist nur in den Dingen, allen Dingen.“ So versöhnt der Dichter den „verwirrenden“ Menschen und die Schönheit, verleiht ihnen eine gemeinsame Sprache. Er schafft ein Gleichgewicht, das die Gegensätze des Menschen mit einbezieht und rings das Scheitern des physischen und menschlichen Universums wettmacht. In diesem Sinne ist der Dichter unablässig und instinktiv Verteidiger. „Man könnte sagen, die Poesie sei eigentlich die Welt an ihrem rechten Fleck“, hat Char einmal auf die Frage eines Journalisten geantwortet.
René Ménard hat darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, die Poesie vor Kompromissen und dem allzu Gefälligen zu bewahren:

Die Poesie – und ich finde (meiner Meinung nach) eine Definition dafür in einem Texte René Chars: „Dieser Augenblick: die Schönheit tritt, nachdem sie lange auf sich warten ließ, auf einmal aus den gewöhnlichen Dingen hervor, geht mitten durch unser strahlenhelles Feld, bindet, was gebunden werden kann, entfacht alles, was leuchten soll an unserer Garbe Finsternis“ – ist ein rein menschliches Gut, das es zu bewahren und, wo es gefährdet ist, zu retten gilt, selbst wenn man Zugeständnisse, die man dem Leben machen kann, opfern müßte.

Auf Fragen des Literaturkritikers antwortete Char mit dem Hinweis auf den hohen Anspruch der Poesie: „Es gibt Poesie oder Leben ohne Hoffnung. – Poesie: höchste Hoffnung; Existenz: relative Hoffnung.“ Und er führt den Gedanken fort:

Zu der Zeit, in der wir leben – und ich denke vor allem an jene, die in dieser eigentümlichen Hypnose leben, die aus dem Klima unserer Epoche erwächst – ist die Hoffnung tatsächlich die einzige wirksame Sprache und die einzige Illusion, die sich in gute Aktivität verwandeln läßt.

Das Unheil kann das tägliche Geschehen mit seinen trüben Farben überziehen, der Mensch kann stets vom schmutzigen Scheitern bedroht werden. Der Dichter verkündet, inmitten dieses Lebens, einen grenzenlosen Glauben:

Beim Bersten der Welt, das wir erleben, sind, o Wunder! die Stücke, die niederstürzen, LEBENDIG.

Zu dem doch so hinfälligen Menschen hat René Char Vertrauen:

Wir sind stark. Alle Kräfte sind gegen uns vereint. Wir sind verwundbar. Viel weniger als unsere Angreifer, die zwar das Verbrechen haben, doch nicht den ZWEITEN Atem.

Der „zweite Atem“, das ist die Geduld und der Einsatz René Chars und das, was in ihm weder Zweifel noch Unsicherheit aufkommen läßt, wenn man auch noch so sehr den Wert des Menschen und seinen Sieg in Frage stellt. Eine Rose, damit es regne. Das ist, am Ende unzählbarer Jahre, dein Wunsch.

Hoffnung braucht, um fruchtbar zu sein, weder Form noch Formel. Sie ist Elan, Steigerung, die uns immer zur Verfügung steht. Der eigentliche Antrieb der Ethik.

Zu leben vermögen wir nur im Halboffenen, genau an der hermetischen Scheidelinie von Schatten und Licht. Doch unwiderstehlich reißt es uns vorwärts. All unser Wesen leiht diesem Drange Hilfe und Rausch.

Die Hoffnung kehrt die Vorzeichen um. Sie ist für Char „das unzähmbare Gegenteil vom Schicksal“, all denen zugänglich, die nicht zögern, in schwersten Stunden darauf zu bauen.

Erst wenn du von Kummer trunken bist, spürst du vom Kummer nicht mehr als der Kristall.

Man muß sich ansiedeln außerhalb seiner selbst, am Rande der Tränen, dort, wo der Hunger kreist, wenn etwas Außergewöhnliches Wirklichkeit werden soll, etwas, das uns nur bestimmt ist.

Und der Dichter kann hinzufügen, nachdem er uns aufgefordert hat, uns eine „Gesundheit des Unglücks“ zu schaffen:

Sollte ihr gleich etwas anhaften von der Arroganz des Wunders.

Dies ist seine Herausforderung an die Gegenkräfte. Er weiß, daß sich dadurch, und vielleicht dadurch allein, aus dem Mittelmaß unserer Tage die höchste Triebkraft erhebt.

Die Wirklichkeit stillt zuweilen den Durst der Hoffnung. Deswegen lebt, wider alles Erwarten, die Hoffnung fort.

So macht es wenig aus, daß der Tag grausam, die Unterdrückung vollkommen und die Erde traurig und bitter ist. Für den Menschen gibt es eine Zuversicht, die ins Morgen strahlt.

Auf jeden Zusammenbruch der Beweise antwortet der Dichter mit einer Salve Zukunft.

—————

Häufiger als die anderen Bände beruft sich A une sérénité crispée auf jenes Unbekannte, das sich vor dem Menschen ausdehnt, das aber doch im Laufe der Zeit in ihm nur ein verblaßtes Bild erweckt.

Wer aber hüllt uns wieder in dies Unermeßliche, Dichte, wirklich für uns geschaffen, das uns von allen Seiten, ungöttlich, umflutete?

Es handelt sich um das menschliche Werden, diese mächtige Achse, die vom Vergangenen ausgeht und in die Zukunft weist, eine Kraft ähnlich der Schwerkraft im All und eine grenzenlos verfügbare Macht, die dem Künftigen das ganze Gewicht des Gewesenen zuweist. Das Werden, das immer mit der Tat verschwistert ist, ist zugleich deren Basis und deren Schwung.

Das Werden vollzieht sich einhellig in uns und um uns herum. Den Äußerungen der Natur ist es nicht unterworfen; es tritt zu ihnen hinzu und wirkt auf sie ein. Unversehrt sind die Verflechtungen der magischen Vorkommnisse, die sich dennoch vor unseren Augen abspielen können. Sie verwirrn und erweitern eine allzuoft schnöde Ordnung. Das Gefühl des Verhängnisvollen, die ununterbrochene Nähe der Gefahr und jenes Stück Dunkelheit, das wie ein großes Ruder ins Wasser taucht, halten die Stunde in Atem und uns in Bereitschaft auf der Höhe der Stunde.

In der Unruhe und Unsicherheit, in der wir uns befinden, spüren wir das Bedürfnis, der Gegenwart die Fülle ihres Sinns zu verleihen. Auf dem Inhalt des Vergangenen, seiner Sicherheit, beruht jene Zuflucht, für die Char mehr als jeder andere empfänglich ist. Doch er weiß Abstand zu halten von der Geschichte und ihr, wenn’s sein muß, ins unerbittliche Auge zu blicken.

Die Geschichte ist nur die Kehrseite der Haltung der Herrschenden. Sodann eine Erde voll Schrecken, wo der Lykaon jagt und die Viper Furchen reißt. Trauer ist im Blick der menschlichen Gemeinschaften und der Zeit, neben aufsteigenden Siegen.

Diese Beziehung auf die Geschichte rührt keineswegs von einer intellektuellen Forderung her. Der Dichter verläßt sich vielmehr auf eine Art von historischem Unterbewußtsein, auf einen Instinkt für die Vergangenheit. Keineswegs kann natürlich die Rede sein von einer herrischen Tradition, die dem Menschen auf den Wegen ins Abenteuer Einhalt geböte.

Verbrecher ist, wer die Zeit im Menschen anhält, um ihn zu hypnotisieren und ihm die Seele zu töten.

Die Einführung der Zeit in die Moral ist eine wohlüberlegte Maßnahme René Chars; sie macht den Kern seiner Ethik aus. Denn wo heute so mannigfache äußere Knechtschaft immer härter auf dem Menschen lastet, ist man sich darüber klar, daß die Freiheit nicht ohne Mithilfe, ja Mittäterschaft der Zeit aufblühen könne. Der Dichter bringt sie oft in Zusammenhang mit der Freiheit, die sich Raum schafft. So ist es nicht verwunderlich, daß er sie enthusiastisch begrüßt.

Herrscher Zeit! Wuchernde Gräser! Machtvolle Wanderer!

René Chars Dichtungen appellieren beständig an jenen Begriff des Werdens, der Sinnbild des Lebens und der Zeit ist, Bewegung, unerläßlich für die Vollendung des Menschen. „Die Poesie des Werdens“, schreibt G. Bounoure, „tangiert an ihrem Punkt äußerster Dichte und auf der Höhe des Augenblicks einige Ewigkeit.“ Das lautet beim Dichter:

Bewohnen wir einen Blitz, so ist er der Ewigkeit Herz.

—————

Man könnte in der Ethik René Chars vielleicht Züge einer Epoche sehen, die an das Tragische rührt, wenn die Leidenschaft nicht immer so gezügelt wäre und die Klarheit so überwältigend. Unmaß vermag hier nichts. Wenn Char an das Gute glaubt, so kennt er auch das Böse im Menschen. Doch er liebt ihn. Er glaubt, daß es immer, unter allen Umständen, einen Augenblick gibt, wo der Mensch antwortet. Für ihn verfügt der Mensch immer noch, selbst in der heikelsten Lage, über unerschöpfliche Hilfsquellen. In einer Zeit, in der man durchaus Befürchtungen für die nächste Zukunft hegen durfte, führte Char gegen alle Entmutigung die menschliche Hartnäckigkeit ins Feld:

Glauben Sie doch nicht, ich wolle über meine Zeit den Stab brechen. Nicht ohne Verantwortlichkeit und Skrupel beobachte ich, wie sie ihrem Schicksal verfällt, in dem wahrlich nicht die Großzügigkeit regiert, wahrlich nicht das Böse in harmlosen Grenzen bleibt. Aber ich weiß, daß mein Nächster, inmitten unzähliger Widersprüche, herzbewegende Kräfte besitzt. Man darf ihn nur nicht zwingen, bevor er sie anwendet, über sie zu erröten.

Warnen allein genügt nicht, wenn die höchste Gefahr droht, sagt Char. Man muß sich an die Menschen halten, an ihren Mut.

Ach! wenn jeder, edel von Natur und so bindungslos, wie er kann, sein eignes Gebirge erhöbe, gefährdend Habe und Herz, dann würde von neuem der irdische Mensch erscheinen, der Schreitende, der Bürge, der Raum schafft, während die Besten das Wunder säen.

Aber dann müssen sämtliche Vorzeichen wechseln.

Der ganze Unterbau ist trotzdem neu zu erfinden. Das verfehlte Leben ist neu zu fassen mit dem ganzen Gold des verlöschenden Gestirns und mit dem Versprechen des Wiedererweckens, nacheinander.

Unter den verfügbaren Mitteln reicht die bloße Geduld nicht aus. Eine umfassende Weigerung ist dem gegenwärtigen Stand der Revolte angemessen.

Immer wenn man uns zwingen will, mit unseren besten Möglichkeiten, mit unserer Moral zu brechen und uns in ein vereinfachendes Schema zu fügen, mahnt uns das, was dem Menschen nichts schuldet, aber uns wohlwill: Aufruhr, Aufruhr, Aufruhr…

Die Revolte, man sollte besser sagen der Aufstand, da er mehr Heftigkeit fordert, ist die natürliche Bewegung des Herzens und der Poesie; sie richtet sich gegen jeden Konformismus, sie vermag dem Menschen die Kenntnis und den Gebrauch seiner Kräfte wiederzugeben. Die Dichtung verleiht ihm diese „aufrührerische Ordnung“, die der Dichter aus innigster Erfahrung kennt. Revolte in ganzer Reinheit, deren Glanz weder Trübung noch Erbitterung noch Niedertracht entstellen:

Die wahre Gewalt (die Revolte ist) hat kein Gift.

Sie schützt den Menschen, richtet ihn auf, einzeln oder geschart, angesichts der feindlichen Kräfte und bewahrt ihn vor völliger Entmutigung.

Wie kommen wir, angegriffen von allen Seiten, zerbissen, gehaßt, gerädert, trotzdem dazu, zu genießen, aufrecht, aufrecht, aufrecht, mit all unserm Abscheu, mit unseren Lenden?

„Aufrecht“, dieses Wort, das Char dreimal nennt, ist wie ein Echo auf das dreifache „Aufruhr“ im eben zitierten Satz aus „Rougeur des Matinaux“. Hier finde ich die beiden Pole der Revolte, zugleich Anlage des Menschen und Verpflichtung für den Menschen, Mahnung und Notwendigkeit. Das Recht und die Pflicht zur Revolte. Sie ist so etwas wie ein unantastbarer Vorzug, eine unkündbare Berufung, eine unerläßliche Forderung, die unterschiedslos gegen jede Art von Zwang einzuschreiten nötigt.

Wir wachsen in offener Revolte, fast ebenso zornig auf das, was uns mitreißt, wie auf das, was uns hemmt.

Aber die Revolte ist nur die Zuflucht der Freiheit. Wenn Char das Wort „frei“ viermal in einem Gedicht aufruft, gibt es eine unendliche Resonanz, gleich der Luft- und Lichttrunkenheit des Vogels:

Sommer, Fluß, Weiten, Liebende im Versteck, ein ganzer Wassermond – die Grasmücke singt und singt: „Libre, libre, libre, libre…“

Die Freiheit steht genau im Mittelpunkt der Charschen Ethik, sie bildet deren Kern. „Die Freiheit muß sich überall zeigen.“ Als letzt gültiger Wert, als Begründung des Menschen steht sie noch über seiner Würde und seinem Mut.

An Regentagen reinige dein Gewehr. (Was heißt, die Waffe, die Sache, das Wort instand halten? Freiheit von Lüge zu unterscheiden wissen, Tötung von Mord).

Man glaube aber nicht, die Freiheit sei bei Char leidenschaftlicher, unüberlegter Schwung, totale Freisetzung, Anarchie. Sie ist vor allem Kontrolle, Urteil und Sieg. Es kommt darauf an, den Menschen nicht mutwillig in Gefahr zu bringen, ihn nicht zu belasten, nicht seiner zu spotten. Die Freiheit ist ebenso sehr Verständnis des eigenen Wesens wie der anderen.
Fortschreitende Evidenz ist die absolute Richtschnur des Seins: das Freie und das Lebendige sind im Grunde so sehr eines, daß es in jedem Wesen so etwas wie ein heiliges Recht auf Widerspruch gibt, das alle Arten von Gegensätzen erlaubt. „Pro und contra sind unerläßlich“, hat Char bei einem Gespräch erklärt.

Der Vogel und der Baum sind in uns vereint. Der eine kommt und geht, der andre grollt und wächst.

Der Dichter ist der erste, in dem sich diese feindlichen Kräfte begegnen:

Ich liebe, ich nehme und ich gebe weiter. Ich bin Pfeil und ich tränke mit Licht den Gefangenen der Blume. Das sind meine Widersprüche, meine guten Dienste.

Der Dichter ist der Ursprung eines Wesens, das vorstößt, und eines Wesens, das innehält.

Weil die Freiheit die Grundlage seiner Moral bildet, sind die Gegensätze darin bewundernswert harmonisch eingebettet.

Niemals endgültig ausgeformt, schließt der Mensch sein Gegenteil in sich ein.

Dieser eine Satz aus Feuillets d’Hypnos enthält, glaube ich, in hohem Maße den Leitgedanken Chars. Wie er nämlich gegen die Verfolger und Henker ist, so ist er auch gegen alles Zerreißen, Zerbrechen und Ausrotten. Die Dinge und die Wesen müssen sich im Lauf der Zeit unablässig ausformen. Diese schwierige Arbeit findet nie ein Ende. Die Formen werden immer wieder nachgebessert, durch das Spiel der Kontraste ergänzt. In ihnen sieht er, schreibt Char von Heraklit, „die vollkommene Voraussetzung und den unerläßlichen Motor, um Harmonie zu erzeugen“. Und aus diesem Grunde ist seine Freiheit eher duldsam als aggressiv.
So ist der Dichter überzeugt, daß die Ausübung der Freiheit dem Leben, seiner Mannigfaltigkeit, seinen Widersprüchen zugute kommt.

Wer der Sonnenblume vertraut, wird nicht im Haus meditieren. Alle Gedanken der Liebe werden seine Gedanken.

Hinwegspringen über die Wirklichkeit kann man nur, wenn Sie emporragt.

Der Dichter geht niemals und auf keine Weise sparsam mit dem Leben um. Er ist ein Verschwender.

Man muß seine Leidenschaft unversiegbar machen, zweideutigen Entmutigungen zum Trotz, und wie dürftig die Befriedigung sei.

Char steht weder auf der Seite der Lauen und Sparsamen noch der Zaghaften:

Was zur Welt kommt, um nichts in Aufruhr zu bringen, verdient weder Rücksicht noch Geduld.

Die Menschen müssen, gleichsam auf endlosen Straßen bis an den Horizont, nachdrücklich ihre Chancen vorantreiben.

Das persönliche Abenteuer, das vergeudete Abenteuer, Gemeinschaft unserer Morgenröten.

Unaufhörlich appelliert der Dichter an die Unbändigkeit des Lebens. Diese Unbändigkeit ist keineswegs Verblendung. Wer mit Chars Werk nicht vertraut ist, könnte sich in der Tragweite dieser Botschaft irren, könnte glauben, sie leiste der Verwahrlosung des Individuums Vorschub. Aber der Dichter erklärt sich zur Genüge und läßt keine Zweideutigkeit aufkommen. Seine Klarsicht ist in jeder Beziehung unanfechtbar.

Weisheit ist nicht, sich zu scharen, sondern gemeinsam im Schaffen und in der Natur unsere Zahl zu finden, unsere Gegenseitigkeit, unsere Unterschiede, unsern Durchgang, unsere Wahrheit und dies Gran Verzweiflung, das darin Ansporn und Nebelschwade ist.

(…)

Pierre Guerre, aus Pierre Guerre (Hrsg.): René Char – Porträt & Poesie, Luchterhand Verlag, 1968

 

ARGUMENTUM E SILENTIO
Für René Char

An die Kette gelegt
zwischen Gold und Vergessen:
die Nacht.
Beide griffen nach ihr.
Beide ließ sie gewähren.

Lege,
lege auch du jetzt dorthin, was herauf-
dämmern will neben den Tagen:
das sternüberflogene Wort,
das meerübergossne.

Jedem das Wort.
Jedem das Wort, das ihm sang,
als die Meute ihn hinterrücks anfiel –
Jedem das Wort, das ihm sang und erstarrte.

Ihr, der Nacht,
das sternüberflogne, das meerübergossne,
ihr das erschwiegne,
dem das Blut nicht gerann, als der Giftzahn
die Silben durchstieß.

Ihr das erschwiegene Wort.

Wider die andern, die bald,
die umhurt von den Schinderohren,
auch Zeit und Zeiten erklimmen,

zeugt es zuletzt,
zuletzt, wenn nur Ketten erklingen,
zeugt es von ihr, die dort liegt
zwischen Gold und Vergessen,
beiden verschwistert von je –

Denn wo
dämmerts denn, sag, als bei ihr,
die im Stromgebiet ihrer Träne
tauchenden Sonnen die Saat zeigt
aber und abermals?

Paul Celan

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

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Fakten und Vermutungen zum Autor + KLfG

 

René Char: Prometheus und Steinbrech zugleich gelesen von Bruno Ganz.

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