Robert Gernhardt: Lichte Gedichte

Gernhardt-Lichte Gedichte

DREIAKTER
Nach Motiven von F. Kafka

Das Leben ist ein Fenster,
in dem du kurz erscheinst.

Mit deinem Auftritt öffnet sich
das Fenster jenen Augenblick,
der deiner Rolle zugedacht,
dann wird es wieder zugemacht,
wie du auch fluchst und greinst:

Dein Leben ist ein Fenster,
in dem du kurz erscheinst.

Auf deinen Auftritt wartet hier
kein Inspizient, kein Regisseur,
kein Stichwort, kein Szenarium,
kein Text, auch ist das Publikum
viel kleiner, als du meinst:

Dein Leben ist dies Fenster,
in dem du kurz erscheinst.

Zu deinem Abtritt nur so viel:
Wenn mal das Rampenlicht erlischt,
dann ist der Vorgang hausgemacht,
der Pförtner hat es ausgemacht,
nach Plan, nicht nach Verdienst:

Dein Leben war dies Fenster,
in dem du kurz erschienst.

 

 

 

Als Robert Gernhardt

1987 den Gedichtband Körper in Cafés veröffentlichte, behandelte er auf 160 Seiten zehn Themen, die von „Körper“ über „Heimat“ bis zu „Schicksal“, „Sinn“ und „Leere“ reichten: Der bisherige Nonsens-Dichter war unübersehbar dabei, sich dem Megasens zuzuwenden. Das setzte sich 1994 fort, als der Gedichtband Weiche Ziele erschien, 208 Seiten stark und in sieben Kapitel unterteilt, die mit „Zu Paaren“ und „Auf Reisen“ begannen und mit „Im Gespräch“ und „Am Leben“ endeten.
Lichte Gedichte, 1997 erschienen, widmet sich in neun Abteilungen den ewigen Themen aller Dichtung ebenso wie sehr zeitgenössischen, ja privaten Sujets. Von der Liebe („lieblich“), der Person („persönlich“), der Natur („natürlich“) und der Kunst („künstlich“) ist anfangs die Rede, mit Tod („endlich“) und Erkrankung („herzlich“) schließt die Sammlung, wobei „Herz in Not“, das „Tagebuch eines Eingriffs in einhundert Eintragungen“, wider Erwarten für ein gutes Ende und dafür sorgt, daß das Versprechen „licht“ nicht zu einem schlichten „lich“ verkümmert.
Lichte Gedichte ist mit 256 Seiten der umfangreichste der drei Gedichtbände, die so etwas wie eine poetische Trilogie des zurückliegenden Jahrzehnts bilden. Der für Gernhardt typische Spagat zwischen ungenierter Komik und dezidierter Ernsthaftigkeit hat in seinen begeistert aufgenommenen Gedichten eine neue Qualität erreicht: Der dunkle Grund der Erdenschwere kommt ständig zur Sprache und verwandelt sich ebenso beständig vor unser aller Augen in Helligkeit und Schnelligkeit.

Fischer Taschenbuch Verlag, Klappentext, 1999

 

Meisterschaft stets spürbar

Dass Robert Gernhardt der bedeutendste deutschsprachige Lyriker der Nachkriegszeit war, wird wohl keiner ernsthaft bezweifeln. So ist auch in dieser Gedichtsammlung die Meisterschaft hinter jedem Gedicht spürbar. Das bezieht sich nicht nur auf den Inhalt, den ungewöhnliche Themen wie Geburt des Teufels oder Toilettensitzung auszeichnen. Sondern auch auf die Sprache: Gernhardt beherrscht alle lyrischen Formen und sprachlichen Ausdruckselemente, die man sich nur denken kann.
Sein Humor ist stets von Wehmut geprägt, was den Humoristen gegenüber dem Comedian auszeichnet. Überall spürbar ist die ungeheure Kenntnis und poetische Bildung, Gernhardt ist mit allen Stilrichtungen vertraut.
Am Ende enthält dieser Band auch „Herz in Not“, eine Sammlung an Gedichten, die des Dichters einige Herzerkrankung lyrisch verarbeitet. Sprachlich-stilistisch sicher nicht sein Meisterwerk, aber menschlich ungeheuer intensiv.
Kleines Aber: manche Gedichte dieser Sammlung sind schon arg „licht“ geraten, so dass einiges an Gewicht verloren ging. Die eine oder andere kleine Kürzung, insbesondere bei den Gelegenheitsgedichten, die der Dichter während seiner offenbar zahllosen Bahnfahrten schrieb, hätte dem Band nicht geschadet.

Liberaler, amazon.de, 27.2.2014

Nonsensfreudig, satirisch und äußerst zitierfähig

Eine Zeit lang war Peter Handke das Thema
Jetzt ist auf einmal Durs Grünbein das Thema

Das Thema ist immer: Erfolg

Der Erfolg ist diesem Bändchen zu wünschen (aber auch ziemlich sicher). Wieder einmal eine spaßig-kreative Mischung aus intelligentem Nonsens, Humoristischem und satirisch verpackten klugen Einwürfen. Die „großen Themen der Dichtung“, Liebe, Natur, Krankenhaus und Sonstiges, kommen hier erfrischend undeutsch-unterhaltsam zur Sprache; das Buch ist ausgesprochen zitierfähig. Etwas nervig sind dabei die üblichen, leicht spätpubertär anmutenden eingestreuten Chauvinismen und Anzüglichkeiten.
Den Lesegenuss im Ganzen schmälern sie aber nicht. Wie kürzlich in der FAZ zu lesen war (ich hatte sie geliehen, nicht gekauft!), hat mit dem HipHop auch die Reimfreudigkeit wieder Einzug in die Dichtkunst weiter Teile der deutschen Bevölkerung gehalten. So gesehen ist Gernhardt dem Trend schon lange voraus. Wie schön, dass die Frankfurter Schule auch so leichtfüßig daherkommen kann. Die Freude an scheinbar sinnarmer Minimal-Poesie mit gewollt gewollten Reimen überträgt sich flugs auf den Leser: Wer Robert nicht Gernhardt / Der niemanden gern hat. Viel Spaß! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)

Ein Kunde, amazon.de, 4.9.1999

Geistlose Kalauer, Phrasen und zynische Witzchen

Der baltendeutsche Schriftsteller Robert Gernhardt (1937–2006) schrieb in diesem vorliegend Buch etwas, das er mittels der Namenfolge Lichte Gedichte benannte. Aber nicht jedes Falles ergeben gereimte Wortfolgen oder Versformen auch Gedichte. Die Zugabe zu Geschriebenem, die wichtiger denn Reime oder Gestaltung ist, wird mittels des Namens ,Geist‘ benannt. Und den verknausert Gernhardt ego-hörig und ego-typisch.
Im vorliegenden Band ohne Gedichte sind neun Sinn-Gruppen mit folgenden Namen übertitelt: „I lieblich“, „II persönlich“, „III natürlich“, „IV künstlich“, „V lässlich“, „VI beweglich“, „VII alltäglich“, „VIII endlich“ bis „IX herzlich“. Aber schon in der ersten Gruppe „I lieblich“ steht zu lesen:

Ein guter Abend, um Pflaumen zu schneiden,
vorausgesetzt, es stimmt mit euch beiden.
Man kann beim Entkernen Gefühle erleben,
die schlichtweg erheben.

Das ist aber geistreich! Und vier Seiten fürder:

Über Liebe kann man nicht schreiben.
Man liebt oder lässt es bleiben.

O welche Weisheit!
In „IV künstlich“ lesen wir:

Horch! Es klopft an deine Tür:
„Mach auf und lass mich rein!“
„Wer da?“ „Die Einfallslosigkeit!“
„Das fällt mir gar nicht ein!“

Schon steht sie neben deinem Tisch:
„Was wird das? Ein Gedicht?“
„Ein Lob der Kreativität“.
„Das, Freundchen, wird es nicht.“

Das ist wenigstens aufrichtig, wenn es nicht doch als „autoironisch“ gedacht und somit doch wieder unaufrichtig und ego-betonend ist. Diese latente Egothesis ist durchgängig zwischen den Versen zu sehen. In „VIII endlich“ ist unter der Überschrift „Ein Glück“ zu lesen:

Wie hilflos der Spatz auf der Straße liegt.
Er hat soeben was abgekriegt.

(…)

Wen leiden zu sehn, ist nicht angenehm.
Wenn wer sterben will, ist das sein Problem.

So red ich mir zu und geh rascher voran.
Ein Glück, dass ein Spatz nicht schreien kann.

Welch ein Glück, dass das, was Gernhardt mittels des Namens „Tod“ benennt, stumm an ihm vorüberschwebt! Aber in „IX herzlich“ kommt „er“ ihm nahe. Statt „herzlich“ sollte dort „kardiologisch“ stehen, denn der eigenmächtige Dichter erlitt zehn Jahre nach der letzten Cigarette auf der selben Terrasse in Montaio in Italien einen Herzinfarct. Wer nun tieferen Sinn des Kalauerschreibers in Richtung des Jenseitigen erwartet, der tut es vergeblich. Seine tiefste egothetische Weisheit liegt hierin („Kopf hoch“):

Was soll deine Sorge,
du müsstest zu früh gehn
und könntest das Ende
des Films verpassen?
Du bist doch der Star!
Mit deinem Abtritt
endet in jedem Fall dein Film.

Und hierin („Tote Freunde“):

Einzig die Unsicherheit ist sicher.

Seine Freunde sind nicht nur gestorben, doch leben ewig in ihm, sondern, nein, sie sind in seiner Denke tot. So, wie schon vor dem Sterben ein jeder Geistvermeider.

Basileus Bibliophilos, amazon.de 23.8.2016

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Gunhild Kübler: Haltung bewahren, wenn es einem an den Kragen geht
Die Weltwoche, 31.7.1997
Auch in: Der Rabe. Nr. 50, 1997, S. 1 17–139

Thomas Steinfeld: Pochen im Kostüm
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1997
Auch in: Der Rabe. Nr. 50, 1997, S. 139–141

Volker Hage: Da sprach der Knecht zum Herrn
Der Spiegel, 4.8.1997
Auch in: Der Rabe. Nr. 50, 1997, S. 142–145
Sowie in: Deutsche Literatur 1997. Jahresüberblick, 1998, S. 114–120

Andrea Köhler: Im Herzkammerton. Er und sein Körper
Neue Zürcher Zeitung, 21.8.1997
Auch in: Der Rabe. Nr. 50, 1997, S. 145–147

Elke Heidenreich: Lichte Gedichte
Radio Bremen, 15.9.1997
Auch in: Der Rabe. Nr. 50, 1997, S. 147f.

Klaus Modick: Wo bleibt das Negative, Herr Gernhardt?
Frankfurter Rundschau, 11.10.1997
Auch in: Der Rabe. Nr. 50, 1997, S. 148–151

Jakob Stephan: Lyrische Visite [6]
Neue Rundschau, Heft 4, 1997. S. 159–166

Dieter E. Zimmer: Der heiße Tag. Das Summen wilder Bienen
Die Zeit, 14.11.1997

Lutz Hagestedt: Licht-, luft- und geistdurchlässig
Süddeutsche Zeitung, 13./14.12.1997

 

Verteidigung des Gesprächs mit dem Wolf

Im Jahr 2001 war Robert Gernhardt die Poetik-Dozentur der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität übertragen. Zu den damit verbundenen Veranstaltungen gehört neben der öffentlich stets stark beachteten Poetik-Vorlesung auch ein Seminar, das Gernhardt in Form eines Lyriktribunals abhielt: Aus der Mitte des Seminars vorgeschlagene Gedichte wurden von jeweils einem Teilnehmer angeklagt und verteidigt. Das Urteil, das schließlich von allen gefällt wurde, konnte nur auf „Olymp“ oder „Orkus“ lauten. Vieles aus dieser Szenerie erinnert an Gernhardts Werk: Die Suche nach handfesten, ja handwerklichen Kriterien zur Beurteilung von Gedichten zieht sich wie ein roter Faden durch seine literaturtheoretische Schriften spätestens seit den 1990 erschienenen Gedanken zum Gedicht bis hin zu seiner Tätigkeit als „Lyrikwart“.1 Die Indienstnahme der Strafprozessualistik für die Beurteilung von Kunstwerken kennt man aus der Erzählung „1982 – Das Jahr der Kröte“,2 wo das Jüngste Gericht über den Ich-Erzähler gehalten wird. Dieser wird von einem Engel verteidigt und einem Teufel angeklagt, wobei vor allem sein – Gernhardts – Œuvre zur Debatte steht. Und so wie Strafgericht, Jüngstes Gericht und Lyriktribunal nur verurteilen oder freisprechen können, sieht sich Kunstschaffen bei Gernhardt oft dem Manichäismus des Hop-oder-Top ausgesetzt:

Es gibt in Leben wie in Kunst
nur Schrott und allererste Sahne
.
3

Oder noch drastischer:

Der Künstler geht auf dünnem Eis.
Erschafft er Kunst? Baut er nur Scheiß?
4

Schließlich können der Logopheros aus Was bleibt5 und das überpersönliche Gericht aus „Der große und der kleine Dichter“6 die Werke nur der Ewigkeit erhalten oder dem Vergessen anheim geben. So zeigte die Einsetzung des Lyrik-Tribunals einmal mehr, wie sich Verfahrensweisen und Bilder bei Gernhardt nicht nur über die Zeiten und Gattungsgrenzen hinweg ausbreiten, sondern auch die Gräben zwischen Primär- und Sekundärliteratur,7 zwischen Praxis und Lehre, zwischen Spiel und Ernst leichtfüßig überspringen.
Ein Student machte Gernhardts Gedicht „Gespräch mit dem Wolf“8 zum Verfahrensgegenstand.

GESPRÄCH MIT DEM WOLF

Wo kommst du her?
Ich? Aus dem hohen Norden.
Wo gehst du hin?
Ich? In die tiefe Nacht.
Wen stellst du dar?
Ich? Bin ein Wolf geworden.
Wem stellst du nach?
Ich? Alles taugt zum Morden.
Wen frißt du auf?
Dich! Was hast du gedacht?

Gernhardt, der sich in Gedanken zum Gedicht nicht scheute, die handwerkliche Meßlatte auch an das eigene Gedicht („Pizzeria Europa“) anzulegen,9 hüllte sich bei dieser Verhandlung wie der Erzähler in „1982 – Das Jahr der Kröte“ in Schweigen. Um Anklagepunkte waren die Seminarteilnehmer nicht verlegen: Das Gedicht sei „nicht so knackig wie es hätte sein können“, die Pointe sei erwartbar und wahlweise zu lasch, zu bemüht, oder zu wenig subtil. Der wiederholte Zeilenanfang „Ich?“ nerve. Auch sei das Ausrufezeichen fehl am Platz, weil es die Lakonie im Part des Wolfs verwässere. Mit diesen Begründungen wurde das Gedicht vom Tribunal verworfen.10
Unterstellen wir die Berechtigung der Einwände und nehmen statt der Rolle des Richters die ohnehin recht ähnliche des Lyrikwarts ein, so ließe sich das Gedicht sehr einfach, nämlich durch reine Streichungen verbessern. Dafür, daß man mit fremden Gedichten so verfahren darf, berufen wir uns natürlich auf Robert Gernhardt.11

GESPRÄCH

Wo kommst du her?
Aus dem hohen Norden.
Wo gehst du hin?
In die tiefe Nacht.
Wen stellst du dar?
Bin ein Wolf geworden.
Wem stellst du nach?
Was hast du gedacht?

Auf den ersten Blick scheint es funktioniert zu haben. Die inkriminierten „Ich“-Fragen und das Ausrufezeichen sind eliminiert. Durch die Streichung der Zeilen 8 und 9 und die Kürzung der Überschrift kommt die Pointe überraschender und beschwingter. Auch ist das Gedicht auf einmal perfekt konstruiert. Die vier Antworten des Wolfs reimen sich nach dem Schema ABAB. Die Fragen des Menschen sind paarweise (aabb) durch je ein identisches Wort („Wo“, „stellst“) verbunden. Es ergibt sich in zwingender Kombinatorik: aAaBbAbB. Dreimal wechseln Frage und Antwort ab, die letzte Antwort auf die letzte Frage des Menschen hüllt sich in das Gewand einer rhetorischen Frage und setzt trotz des Fragezeichens gerade den Schlußpunkt. Als besonders kunstvoll erweisen sich die Kreuzreim-Antworten des Wolfs, die zugleich das Paarhafte der Fragen im Stabreim („Norden“ – „Nacht“, „geworden“ – „gedacht“) und zusätzlich im Gegensatzpaar „hoch“ – „tief“ widerspiegeln. All diese Strukturen fanden sich natürlich schon im ursprünglichen Gedicht, waren dort aber durch die nun gestrichenen Zeilen 8 und 9 etwas verunklart. Haben wir also Gernhardt verbessert?
Viel spricht dafür, daß der Mensch mit dem Wolf tatsächlich das „verbesserte“ Gespräch führen wollte. Abgesehen von den formalen Vorzügen läßt dieses Gespräch den Menschen gut aussehen. Dieser stellt die entscheidenden Fragen ohne Rücksicht darauf, ob die Antworten – wie die letzte – für ihn unangenehm sein können. Der Wolf, der die beiden ersten, harmlosen Fragen noch bereitwillig beantwortet, versucht den letzten beiden auszuweichen. Seine dritte Antwort „ Bin ein Wolf geworden“ klingt entschuldigend, so als ob er früher mal ein anderer gewesen sei und widrige Umstände dazu geführt hätten, daß er ausgerechnet die Rolle des Wolfs übernehmen mußte. Und auf die vierte Frage antwortet der Wolf sogar nur mit einer Gegenfrage. Er kneift davor, seine Absichten explizit darzulegen, und gesteht damit deren Unredlichkeit ein. Zwar setzt der Wolf damit die Schlußpointe. Aber der kluge und unbeirrbar sich der Realität stellende Mensch versteht – wie die Kritiker des Ausgangsgedichts – diese natürlich sofort. Er weiß um die Antwort, daß der Wolf ihm nachstellt, und kann mit dieser Wahrheit leben. Ob der Wolf Erfolg haben wird, steht dahin; jedenfalls kann er nach dem Gespräch nicht mehr hoffen, ein argloses Opfer zu überraschen. Dazu hätte er früher aufstehen müssen.
Ein schöner Plan des Menschen. Doch dann gibt der Wolf auf die erste Frage eine Erwiderung, die von der Erwartung des Menschen ein bißchen abweicht. Er fragt zunächst „Ich?“ und läßt sich erst dann zur Beantwortung der Frage herab. Welche Funktion hat dieses „Ich?“? Der Wolf hat doch keinen Anlaß zum Zweifel, daß er gemeint ist. Warum nervt das „Ich?“ so? Weil es jeder kennt, der einmal eine Schule besucht hat:

Wolf-Dieter, wer hat dir erlaubt, während des Unterrichts zu essen?

Wolf-Dieter entzieht sein Pausenbrot dem Blick des Lehrers und fragt mit vollem Mund:

Ich? Ich esse doch gar nicht.

Mit diesem scheinbar nichtssagenden „Ich?“ begeht der Wolf einen Stilbruch. So pennälerhaft redet keine ernst zu nehmende Metapher. Damit macht der Wolf auch den wahrheitssuchenden Menschen zum Pauker, der nur Fragen stellt, die er sich selber beantworten könnte, denn natürlich hat niemand Wolf-Dieter das Essen erlaubt.
Der Mensch unterschätzt die Relevanz dieser Planabweichung. Er hält das „Ich?“ für harmloses Geplänkel, solange der Wolf danach brav die vorausberechneten Antworten gibt. Ungerührt zieht er seinen Fragenkatalog durch. Den Effekt, daß der Wolf zunächst auf die Eingangsfragen offenherzig eingeht und ab der dritten Frage schlingert (was den Menschen als geschickten Frager ausgewiesen hätte), macht der Wolf damit zunichte, da immer schon das „Ich?“ sein schlechtes Gewissen holzschnitthaft betont.
Die ganze Tücke des „Ich?“ offenbart sich bei der vierten Frage „Wem stellst du nach?“. Was könnte der Wolf darauf antworten? „Ich? Was hast du gedacht?“ wären zwei rhetorische Fragen hintereinander. Die erste heuchelte – sattsam bekannt – Unschuld, die zweite würde als Schlußpointe gerade umgekehrt davon ausgehen, daß die Mordabsichten des Wolfs doch offen zu Tage liegen. Das wäre so, als würde Wolf-Dieter antworten: „Ich? Wer sollte das schon erlaubt haben?“ So selbstwidersprüchlich wird der animalische Wolf das Gespräch nicht beenden. Sollte der Wolf statt dessen „Dir! Was hast du gedacht?“ antworten, ließe auch dies den Menschen schlechter dastehen als die von ihm vorausgedachte Zeile. Denn nun bliebe dem Menschen nichts zum Auflösen übrig. Der Wolf sagt schlicht die Antwort und die abschließende rhetorische Frage erfüllt nur noch die Funktion, die Überflüssigkeit der Frage des Menschen zu dekuvrieren.
Aber es kommt noch schlimmer. Mit „Ich? Alles taugt zum Morden!“ offenbart der Wolf inhaltlich schon alles, trickst aber formal den Menschen mit einem klassischen Trugschluß aus. Er verweigert den erwarteten Kreuzreim und untergräbt den Konstruktionsplan des Menschen, indem er statt aAaBbAbB nun aAaBbAbA fortfährt. So kann der Mensch das Gespräch nicht enden lassen. Sein eigener Formwille zwingt ihn, noch einmal nachzuhaken. Doch wie, wenn doch alles geklärt ist? Ihm fällt nichts Besseres ein, als selber unter sein Niveau zu gehen: War die Frage „Wem stellst du nach?“ noch im hohen Stil gehalten und erlaubte in ihrer Abstraktion, im Wolf kein vierbeiniges Raubtier, sondern eine Bedrohung zu sehen, ist „Wen frißt du auf?“ an platter Eindeutigkeit nicht mehr zu überbieten. Der Mensch fügt sich in die Rolle des naiven Rotkäppchens, das auch wenn es eben gehört hat, daß die vermeintliche Großmutter mit den großen Händen sie besser packen kann, sich nicht vorzustellen vermag, wozu deren großer Mund da ist.
Damit ist die Bastion des Menschen sturmreif geschossen: Mit „Dich! Was hast du gedacht?“ nimmt der Wolf dem Menschen nicht nur die Beantwortung der rhetorischen Frage und damit die ehrenvolle Arbeit des Witzeverstehens ab (was er ja schon in Zeile 8 mit „Dir! Was hast du gedacht?“ hätte tun können), er setzt ihn inhaltlich und formal schachmatt: Inhaltlich, weil eben nicht mehr offenbleibt, ob seine Nachstellung von Erfolg gekrönt wird. Formal, weil mit aAaBbAbAcB der Mensch als Stümper dasteht, dessen fünfte Frage (Zeile 9) in der Luft hängt, während der Wolf seine fünf Zeilen gekonnt mit nur zwei Endreimen bestreitet. Außerdem hat er mit dem „Dich!“ (das in Zeile 8 noch nicht möglich gewesen wäre) elegant einen Anfangsreim hingelegt und damit dem so peinigenden „Ich?“ einen überraschenden Sinn gegeben. In der Notation von Schachspielen hat sich eingebürgert, gute Züge mit einem Ausrufezeichen, schwache mit einem Fragezeichen zu versehen. Spätestens damit rechtfertigt sich auch das beanstandete Ausrufezeichen.
Der Gesprächspartner, der alle Antworten seines Gegenüber vorausberechnet, bei scheinbar nebensächlichen Abweichungen dann von seinem so perfekten Plan nicht lassen kann und gerade deshalb Schiffbruch erleidet, ist ein komischer Archetyp. Gernhardt hat ihm in der ersten Geschichte der „Florestan-Fragmente“12 ein Denkmal gesetzt: Der Conte Ugo plant einen galanten Dialog, um die schöne Schäferin Beatrice zu verführen. Diese trägt jedoch wenig zum Fortgang des Gesprächs in die gewünschte Richtung bei, was Ugo dazu veranlaßt, seine geistreich ausgedachten Repliken auch ohne entsprechende Vorlagen – gewissermaßen präkoktisch – abzufeuern. Statt dessen erregt sie ihn nonverbal so sehr, daß ihm jegliche Souveränität abhanden kommt. Gernhardt erzeugt aber nicht nur mit Hilfe solcher Archetypen selber Komik, er referiert auf sie auch zur Kennzeichnung einer Situation. So erkennt Christian aus „Kornodo oder Erloschene Konten“,13 daß er in der uralten Komödie von Herrn und Knecht die undankbare Rolle des Herrn übernommen hat und leidet daran um so bewußter – freilich ohne an der Konstellation etwas ändern zu können.
Ähnlich zwangsläufig scheitert auch der Mensch in „Gespräch mit dem Wolf“. Die geniale Fortentwicklung des urkomischen Situationstopos liegt in seiner Erweiterung um das konstruktivistische Element. Wolf und Mensch reden und handeln nicht nur mit entgegengesetzten Interessen und unterschiedlichem Erfolg wie der Conte Ugo und Beatrice. Sie konkurrieren auch darum, wer den Bauplan des von ihnen gemeinsam verfaßten Gedichts bestimmt. Der Streit hierüber macht Form und Inhalt des Gedichts aus.
Die Pointe des Gedichts liegt also nur bei vordergründigster Sicht darin, daß der Mensch zum Schluß vom Wolf aufgefressen wird. Wenn überhaupt, wäre dies doch ein uralter Witz! Gernhardt führt einen Dialog zwischen dem Ordnung stiftenden Menschen und dem naturhaften Wolf auf. Der Mensch in seinem Streben nach einem perfekt gebauten Gedicht wie dem „verbesserten“ wird vom scheinbar chaotisch die Stil- und Reimregeln verletzenden Wolf aus dem Konzept gebracht und fällt seinem eigenen Konstruktionszwang zum Opfer. Der eigentliche Witz ergibt sich daraus, daß der Wolf trotz seines anarchisch anmutenden Spracheinsatzes im Endeffekt sinnfälliger, formenreicher und vor allem überraschender dichtet. Er hat sich neben dem Mittagessen auch die Dichterkrone redlich verdient.
Gernhardt kombiniert in konzentriertester Form märchenhaften Stoff mit archetypischer Situationskomik. Er inszeniert den Wettstreit zweier dichterischer Gestaltungskonzepte als Gegensatz zwischen Kultur und Natur mit einem waghalsigen, erfolgreichem Überholmanöver der Natur auf der Zielgeraden. Ganz nebenbei bringt er Form und Inhalt zu perfekter Deckung.
Hohes Weltgericht, das Urteil des Lyriktribunals Frankfurt am Main kann keinen Bestand haben. Ich beantrage dessen Aufhebung und die Aufnahme des Gedichts „Gespräch mit dem Wolf“ in den Olymp der Dichtkunst.

Johannes Möller, aus Lutz Hagestedt (Hrsg.): Alles über den Künstler. Zum Werk von Robert Gernhardt, Fischer Taschenbuch Verlag, 2002

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Jan Philipp Reemtsma: Robert Gernhardt zum 60sten ein Dank

Zum 75. Geburtstag des Autors:

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Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie
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Nachrufe auf Robert Gernhardt: Die Zeit 1 + 2 ✝ FAZ ✝
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Richard Pietraß: Dichterleben – Robert Gernhardt

 

Robert Gernhardt – Leben im Labor.

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