Rolf Dieter Brinkmann: Vorstellung meiner Hände

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Rolf Dieter Brinkmann: Vorstellung meiner Hände

Brinkmann-Vorstellung meiner Hände

GEDICHT: 1960

Mond Katzen Fische und Vögel
aaaaaliebe ich trotz einsteinscher Formeln
aaaaaund Kernspaltung und mir
aaaaagilt viel ein Vers von
aaaaaBo-djü-i über den Regen

Ich will auch nicht sagen
aaaaadie Welt sei schlechter geworden zu leben mit
aaaaaUKW und Frigidair, mit Mozart
aaaaaim Stereoton
aaaaaaber ich sah in den Augen
aaaaader Frauen, die ich liebe die lautlose
aaaaaFurcht geschrieben in schwarzen Lettern

Und in der Wochenschau neulich
aaaaasah ich den Aschentod wieder lächeln
aaaaaim Mund eines japanischen Fischers
aaaaaund wußte mehr über das Grauen
aaaaaals Professoren, die
aaaaaNobelpreis erhielten

Leute wie ihr tagtäglich in Trams
aaaaaPAA und Zügen fahrt, frühmorgens und raucht
aaaaaZigaretten zwischen Paris
aaaaaund N. Y.
aaaaamißtraut dieser Gleichung
aaaaavon Masse und Gewicht

Gestern sah ich
aaaaawie der Mond zerfiel
aaaaawie die Katzen schrien
aaaaawie die Vögel aus allem Gedächtnis fielen
aaaaawie die Fische tot durch Lungen trieben

 

 

 

Nachwort

Rolf Dieter Brinkmanns frühe Gedichte sind gefunden worden. „Wo / mein Gesicht altert / und Rauch wird, darin / kein Trost ist“, schrieb er 1963.
Er versucht, was ihn verletzt hat, den Schmerz, die Wunde, den Tod, Verzweiflung und Verfolgung, in Bildern zu fassen.

Genau
an der Stelle, wo ich verwundbar bin und wo mein Dasein
auf die Poesie traf, stoßen sie zu
öffnen Achseln und
Schultern, wogegen
keine Mühsal hilft
keine Grammatik
kein Gedicht.

Demgegenüber die Sehnsüchte, die Träume der Kinder, auch Musik und Lieder sind, mit Tod besetzt, Geschlecht, Lust, Leidenschaft wie ein gehetzter Albtraum. Unruhe und Unordnung schaffen Gewalt in den dunklen Wochen. Der junge Autor flieht davor in den Wald, zum Eis, zur Kälte, versucht zu entkommen, beschwört, was er verloren hat. Dort liest er sein Buch, schreibt sein Gedicht, die Formel für eine magische Welt, für Stille.
„du siehst die / vögel nicht“ (…) „und mond ziehend durch winter / wälder unter deinen kleinen händen“ (…) „die vögel / hör zu hör wie sie singen geliebte / im schnee im dunkeln des schnees im dunkeln der au / gen“ (…) „ich weiß sie lachen sie sprechen in deiner / stimme geliebte im schnee bei tag –“ (…)
Brinkmann las damals die Texte der zeitgenössischen Lyriker, die Gedichte und Aufsätze in Hans Benders Sammlung Mein Gedicht ist mein Messer von 1955, darin: Karl Krolow, Gottfried Benn, Wolfgang Weyrauch, Peter Rühmkorf und andere, die zu Gefährten werden, teilweise auch zu Briefadressaten.
Im Alter von fünfzehn Jahren, 1955, dachte Brinkmann erstmals an eigene Veröffentlichungen. Später gelang ihm das: zuerst in Zeitungen und Zeitschriften wie Alphabet, blickpunkt, Essener Jugend und Die Welt, Akzente, Merkur, bei dem Herausgeber Hans Paeschke, dem er höflich immer wieder Briefe mit Gedichten schickte, um vielleicht eine Publikation seiner Lyrik zu erreichen.
Die hier vorliegenden Gedichtsammlungen wurden von Rolf Dieter Brinkmann sorgfältig für einen Buchabdruck vorbereitet, geschrieben in Maschinenschrift, teilweise nachträglich handschriftlich korrigiert:

Don Quichotte auf dem Lande
Gedichte 1959–1961
(in der Fassung von 1961)

Vorstellung meiner Hände
Gedichte von 1963.

Die vom Autor selbst geänderte Textsammlung

Die wiederholte Schöpfung
Gedichte 1960–1963

ist nicht mehr beendet worden. Sie enthält Gedichte und Texte aus der Zeit, in der Brinkmann in Essen wohnte und später in Köln. Diese Texte sind nie erschienen. Einige der Gedichte hat Brinkmann mehrmals handschriftlich umgeschrieben; dabei zeigt sich in mehreren Schritten die intensive Arbeit des Autors, bis die endgültige Fassung eines Gedichts erreicht ist.
Dieser Band ist eine Leseausgabe, der den 1980 erschienenen Sammelband Standphotos. Gedichte 1962–1970, eine Zusammenstellung der Lyrikbände des Autors, ergänzt. Auf die Darstellung der Varianten einzelner Texte musste verzichtet werden; dies bleibt einer historisch-kritischen Ausgabe vorbehalten. Für die literaturwissenschaftliche Beschäftigung sei verwiesen auf das erwähnte Nachlass-Konvolut in der Universitätsbibliothek Vechta, Brinkmanns Geburtsort.

Im Jahr 2005 wurden die Texte von einem früheren Wohnungsmitbewohner und ehemaligen Mitschüler, Peter Hackmann, der 2010 verstorben ist, an die Universitätsbibliothek Vechta verkauft. Wie der Mitschüler der Texte habhaft wurde, ist nicht geklärt. Die lose überlieferten Seiten sind zerrissen und mit grobem Bürotesafilm überklebt, gelocht, in Ordner eingeheftet, mit Bemerkungen beschriftet, versetzt mit persönlichem Material des Überbringers. Erst 2009 wurde dieser Fund bekannt und für den Druck in diesem Gedichtband vorbereitet.

Maleen Brinkmann, aus dem Nachwort

„Pläne: schreiben“

− Aus der Inkubationszeit eines Dichters. −

„Rolf Diether Brinkmann, geboren 1940 im Oldenburgischen. Gymnasium, Trampreisen durch Deutschland und die westlichen Länder. Entscheidende Eindrücke in Paris. Zur Zeit Buchhändlerlehre. Pläne: schreiben“, so lautet die biographische Notiz zu einer der ersten Veröffentlichungen des Autors. 20 Jahre alt, konnte er um 1960 Proben seiner lyrischen Produktion in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen unterbringen, zunächst in Blättern wie der Essener Jugend (herausgegeben vom Jugendamt der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Kulturring und dem Stadtjugendring) und Neues Rheinland (herausgegeben vom Landschaftsverband Rheinland), bald aber auch in der gediegen-anspruchsvollen Zeitschrift blätter + bilder, die in den heutigen Künsten „hinterlassungsfähige Gebilde“ (Benn, zitiert im Editorial der Herausgeber in der ersten Ausgabe) aufspüren wollte, und in dem von V.O. Stomps edierten Lyrik-Jahrbuch Alphabet. Die Tageszeitung Die Welt rückte in ihrer Samstag-Beilage „Geistige Welt“ ein Brinkmann-Gedicht ein. Ermutigt von dieser Resonanz, schickte der junge Lyriker, 40 Pfennig Rückporto beilegend, seine Gedichte an renommierte Literaturzeitschriften.
Der Buchhändler-Lehrling formulierte in seinem Schreiben an den Merkur, 2. November 1960, sein poetologisches Credo: „In meinen Gedichten versuche ich jenseits einer manieristischen Artistik und automatischem Schreiben Wahrnehmungen sichtbar zu machen“; er bekannte, von den Bildern Klees und Chagalls beeinflusst zu sein, zitierte Günter Eich und verkündete selbstbewusst: „Ein Gedichtband ,in der windschaukel‘ wird vorbereitet.“ Der Band ist nie erschienen, aber die in der Essener Jugend veröffentlichten Texte geben Aufschluss über Stimmung und Tonlage des projektierten Buches: „Wind – / Bruder der Vögel: / wie du lächelnd / tief unterm / Auge liegst –“. Ein paar Monate später, in einem Brief an Hans Bender, dem Redakteur der Akzente, 27. Januar 1961, erklärte er erneut seinen Schreibansatz, mit dem er sich von den aktuellen Trends in der Gegenwartslyrik absetzte: „Ich versuche bewußt, den im Augenblick wohl modischen Beatnik-Ton in meinen Textversuchen zu vermeiden, stattdessen suche ich die alte (und eigentlich immer neue) Verzauberung innerhalb unserer Zeitlichkeit sichtbar zu machen.“ Sein Bemühen gelte einer „Metapher für die Stille (die ja durchaus nicht ,harmonisch‘ im überlieferten Sinne zu sein braucht)“. Im übrigen schreibe er, neben „in der windschaukei“, an einem Band mit „dreizehn großen LAMENTOS“. Die Einsendungen kamen zurück, auch ein erneuter Versuch zwei Jahre später beim Merkur hatte keinen Erfolg. Wieder grenzte sich Brinkmann ästhetisch ab; in dem Schreiben an Hans Paeschke, 18. Januar 1963, heißt es:

Ich versuche mit meinen Arbeiten nicht, gängige poetische Muster um ein paar Zeilen zu vermehren, sondern es geht mir vielmehr darum, die Fluchtwege, die sich durch eine Vielzahl heutiger Gedichte hindurchziehn, zu verstellen und den Text wieder offen zu machen für menschliche Grundbelange und Erfahrungen.

Der Band, den er nun konzipierte, trug den Arbeitstitel „Zerstörungen. Materielle Gedichte“, und die Erläuterung lieferte Brinkmann gleich mit: „Die Zerstörung wächst mit den Dingen. Den Kuhhandel zu Gunsten einer zurechtfrisierten ,Schönheit‘ möchte ich vermeiden.“
Bemerkenswert ist, auch wenn ihre Formeln zeitgebunden-epigonal erscheinen mögen, die poetologische Reflexion des jungen Autors. Dies ist keine naive Pennäler-Lyrik: Hier versucht kein Jüngling, mit literarischen Ergüssen seine erste Liebe zu beeindrucken, und kein Feierabend-Poet bemüht sich, traditionelle Formen wie Ballade, Sonett etc., mehr oder weniger kunstfertig, zu erfüllen. (Selbst in seinen frühesten Versen hat Brinkmann nie konventionell gereimt.) Sondern diese Arbeiten, zur Veröffentlichung bestimmt, sind Wortmeldungen zur literarischen Debatte: Sie wollen im Kontext der Gegenwartslyrik gelesen werden. Zu Brinkmanns Lektüre gehörte die Anthologie Mein Gedicht ist mein Messer, in der zeitgenössische Lyriker wie Hans Magnus Enzensberger, Helmut Heissenbüttel und Karl Krolow zu ihren Gedichten Stellung nahmen. Er kannte auch Gottfried Benns Abhandlung „Probleme der Lyrik“. (Als sechzehnjähriger Schüler in Vechta hatte er den Dichter angeschrieben, der diese Fan-Post aufhob, sodass der Brief sich heute im Literaturarchiv Marbach, Nachlass Gottfried Benn, befindet. In den Bannkreis Brechts, dem Antipoden Benns, geriet Brinkmann jedoch nie.)
Benn hatte in dem Essay postuliert:

Ein Gedicht entsteht überhaupt sehr selten – ein Gedicht wird gemacht.

Jedes seiner Gedichte, so sah es Brinkmann in seinem Brief an Bender, fixiert einen Augenblick, aber im zweiten Schritt, nach der ersten eruptiven Niederschrift, gilt es, den Vers zu überprüfen, ihn immer wieder zu bearbeiten. Diese Technik, die dem Mythos der literarischen Schöpfung als genialem Einfall widerspricht, hat Brinkmann schon früh praktiziert. Dreimal wurde das Gedicht „Eingedenk der Märchenzeit“ gedruckt, jedes Mal in leicht variierter Form. Hieß es bei der Erstpublikation im Neuen Rheinland noch, beim Wechsel von der ersten zur zweiten Strophe, „von blauen / Beeren aßen wir“, hat er daraus für den Druck in blätter + bilder „vom Kraut / der Morgenröte aßen wir“ gemacht (dies hatte wiederum Konsequenzen für den Schluss: Im letzten Vers wurde „des Morgens“ ersetzt durch „der Vögel“). Als das Gedicht, wiederum ein paar Monate später, in der „Welt“ gedruckt wurde, waren aus „zarte“ „schnelle Flügel“, aus „Gewänder“ einfach „Kleider aus Schatten und Licht“ geworden: Der poetische Aufputz wurde eliminiert.
Von fast allen hier gedruckten Gedichten liegen zahlreiche, zehn, zwölf oder gar 18 Fassungen vor, wobei es sich nicht nur um Details, Korrekturen oder kleinere Verbesserungen handelt: Im Prozess der Herausbildung – „das Gedicht ist schon fertig“, schreibt Benn, der Autor „weiß nur seinen Text noch nicht“ blieben oft nur ein paar Verse aus der Erstfassung in der endgültigen Version erhalten. Manchmal ist dies bereits dem Titel zu entnehmen: „Der verdammte Tod des Henri-Louis Destouches“ (der bürgerliche Name von Louis-Ferdinand Céline) hieß ursprünglich „Tod eines Märtyrers“; aus „Verlobung an einem Donnerstag“ wurde nach mehreren Überarbeitungen „Hochzeiten“. Gedruckt wird im vorliegenden Band jeweils die Fassung letzter Hand, mit folgenden Ausnahmen: „Le Chante du Monde“ und „My Bonny is over the ocean“ übernahm Brinkmann in veränderter Fassung in den Band Le Chant du Monde (1964, Wiederabdruck in Standphotos), sodass beide Gedichte hier in der vorletzten Fassung präsentiert werden und die Bearbeitungspraxis sich exemplarisch nachvollziehen lässt. So kann eine auf den ersten Blick kleine Modifikation die Aussage entscheidend radikalisieren und der formalen Struktur größere Stringenz verleihen: „unfähig das allgemeine Ende / in ein gültiges Bild / zu setzen, das / den Himmel / das Meer /und das Land umschließt / und dem Schrecken standhält“ (1963) ändert Brinkmann in:

unfähig
ein Ende
zu machen
zu schweigen
zu vergessen
einen Himmel
irgendwann
ein Meer
irgendwie
eine Stadt
irgendwo

(1964).

Die Genese der Gedichte, ihre Bearbeitungsstufen bis zur Reinschrift, lässt sich rekonstruieren dank eines umfangreichen Manuskript-Konvoluts, das Peter Hackmann im November 2005 an die Bibliothek der Universität Vechta verkaufte. Ungeklärt ist, wie diese Texte in seinen Besitz gelangten: Hackmann, 2010 verstorben, war ein Mitschüler Brinkmanns in Vechta und zeitweilig sein Wohnungsgenosse in Köln. Er hat diese Papiere – mehr als 500 Blatt DIN A4, handschriftliche Entwürfe wie Maschinen-Abschriften, Lyrik und Prosa, vollkommen unsortiert und in der Mitte durchgerissen, dazu Fragmentarisches und Privates auf Notizzetteln – offenbar über zwei Jahrzehnte bei sich zu Hause nur gelagert. Bis er auf die Idee kam, seine Schüler Ordnung in den Manuskript-Stapel bringen zu lassen: Der Studienrat an der Otto-Pankok-Schule, Mülheim an der Ruhr, übertrug diese Aufgabe dem von ihm geleiteten Literaturkurs an dem Gymnasium; anschließend verfasste er über diese seltsame Unterrichtseinheit einen Bericht für Blinklichter, das Jahrbuch der Schule. Für Archivare und Literaturwissenschaftier dürfte diese Szene eine reine Horror-Vorstellung sein: Die zerrissenen Seiten, handschriftliche Originale im ramponierten Zustand, größtenteils unveröffentlichte Texte, werden einer Schulklasse als Puzzlespiel vorgesetzt; am Ende, als alles zusammenpasste und nichts mehr übrig blieb, wurden unter Einsatz von Tesafilm die zerstörten Seiten wiederhergestellt. (Von einem „Klebekurs“ spricht Hackmann in seinem Jahrbuch-Aufsatz.) In einem zweiten Schritt hatte der Literaturkurs editionsphilologische Arbeit zu leisten: die Texte zuordnen und eine zeitliche Reihenfolge herstellen. Die Aufgabe, eher für die Promotion eines Germanisten geeignet denn als Thema für einen Deutsch-Leistungskurs, wurde den Schülern dadurch erleichtert, dass Brinkmann häufig die Textfassungen datierte und/oder nummerierte. Zudem konzipierte er, wie bereits erwähnt, Lyrikbände (die Veröffentlichung in Zeitschriften verstand er, so ist den Briefen an die Redaktion zu entnehmen, als „Vorabdruck“) und legte entsprechende Inhaltsverzeichnisse an.
Der vorliegende Band enthält zwei abgeschlossene Sammlungen: „Don Quichotte auf dem Lande“ ist eine Auswahl seiner Lyrik 1959–1961. Brinkmann verfuhr dabei selbstkritisch: Von den vier in der Essener Jugend veröffentlichten Gedichten z.B. nahm er nur eines auf. „Die wiederholte Schöpfung“, eine andere Auswahl, diesmal aus den Jahren 1960–1963, hat er später revidiert, indem er die wichtigsten Gedichte überarbeitete und in „Vorstellung meiner Hände“ einfügte. Dazwischen war als bibliophiles Bändchen Ihr nennt es Sprache, eine 32-seitige Broschur mit 18 Gedichten, erschienen. Klaus Willbrand, ein Freund und wie Brinkmann Lehrling in der Kölner Buchhandlung Witsch, gründete dafür einen Verlag; am 15. Juni 1962 wurde zunächst eine Vorvereinbarung, am 27. August dann ein richtiger Vertrag geschlossen. Willbrand verpflichtete sich, 1000 Exemplare zu drucken, Brinkmann sollte sie alle signieren und als Autoren-Honorar zehn Freiexemplare erhalten. Tatsächlich gedruckt wurden nur 500 Exemplare, Brinkmann signierte einen ersten Stoß (weniger als 200 Exemplare) und nahm sein Buch mit nach Hause. Dort entdeckte er diverse Druckfehler und verbot die Auslieferung der gedruckten Bücher. Das war auch schon das Ende des Verlages – „texte 1“ stand im Band, dabei sollte es bleiben. Heute ist „Ihr nennt es Sprache“, speziell die wenigen signierten Exemplare, eine gesuchte Rarität.
„Ich würde gar zu gerne einen Gedichtband in einem ,normalen‘ Verlag veröffentlichen, wenn ich 30 bis 35 durchgearbeitete und abgestimmte Poems besitze“, schrieb Brinkmann seinem Freund Ralf-Rainer Rygulla am 23. September 1962. Seine alten Gedichte habe er bis auf wenige Ausnahmen „liquidiert, zuviel Krolowsche Schönheit und zuviel an lyrischem Sperma, härter und auch zum Teil apodiktischer müssen die Sachen kommen, Rührung – natürlich, aber nicht auf Kosten der Diktion!“ Die Sammlung „Vorstellung meiner Hände“ unterschied sich deutlich von den Versen der vorangegangenen Periode. Gab es dort in Thematik und Metaphorik noch einen deutlichen Nachklang der Naturlyrik, wechselten Frühlingsgefühle mit Herbstmelancholie und wurde der Märchenton beschworen, so umkreisen die neuen Gedichte durchgängig Zerstörung, Verwesung und Tod, durchzieht alle Texte eine düstere apokalyptische Vision. Der einzige „normale Verlag“, zu dem Brinkmann Kontakt hatte, war Kiepenheuer & Witsch, dessen Lektor Dieter Wellershoff den jungen Autor inzwischen entdeckt hatte. In der Wellershoff-Anthologie Ein Tag in der Stadt (1962) war Brinkmann mit seiner ersten größeren Prosa vertreten, also schickte er den projektierten Gedichtband im Februar 1963 an ihn. Das Manuskript kam, mit vernichtenden Randglossen und süffisanten Bemerkungen versehen, nach Monaten zurück: „Attribute oder Beliebigkeiten?“, „sehr gesucht“, „sentimentale Beziehung“, „Feuilletonisierung“, „Jugendstilmetapher“, „aparte Zusammenstellung“, „parfümierter Vergleich“, „Beliebigkeit, abgenutzte Litaneitechnik“, „Stimmt das medizinisch oder ist das Lyrik?“ – kaum ein Gedicht, das Wellershoff nicht mokant-herablassend kommentierte (und nur ein einziges Lob: den Titel „Le Chante du Monde“ fand er „sehr elegant“, strich aber den Fehler des in Fremdsprachen unsicheren Autors nicht an). Die Rücksendung des Manuskripts verband Wellershoff mit der Frage, wie es mit Brinkmanns Prosa-Arbeit stehe – er wollte den talentierten Jungautor für den von ihm proklamierten Neuen Realismus der Kölner Schule. In den nächsten Jahren erschienen bei Kiepenheuer & Witsch zwei Erzählungsbände, während Brinkmann für seine Gedichte Publikationsmöglichkeiten nur bei Kleinverlagen fand.
„Ich habe immer gern Gedichte geschrieben, wenn es auch lange gedauert hat, alle Vorurteile, was ein Gedicht darzustellen habe und wie es aussehen müsse, so ziemlich aus mir herauszuschreiben“, begann Brinkmann fünf Jahre später seine einleitende Notiz zu dem Gedichtband Die Piloten. „Eine Menge Fehlversuche sind vorausgegangen“, resümierte er unsentimental-selbstkritisch seine Entwicklung. Überflüssig waren, hier ist dem Autor zu widersprechen, sie nicht, und unverkennbar meldet sich hier – roher, beredter und rabiater, manchmal ungelenk, aber doch ganz eigen – der Lyriker Brinkmann zu Wort, seine Weltsicht und literarische Handschrift. Diese frühen Gedichte sind Teil seines Werkes. Für sie gilt, was Georg Klein anlässlich des Films Brinkmanns Zorn angemerkt hat: „Fast kindlich tastende Beschreibungspassagen wechseln mit Stücken, in denen die ganze Radikalität seiner Wahrnehmungsreflexion und das merkwürdig verstockte, fast lauernde Potential seiner poetischen Möglichkeiten aufleuchten.“

Michael Töteberg, Nachwort

 

Poesie der Düsternis

− Der Band Vorstellung meiner Hände versammelt Gedichte aus dem Nachlass des 1975 jung verstorbenen Rolf Dieter Brinkmann. Wie einer ein wirkmächtiger Schriftsteller wird und ein harter Kerl, das kann man bei der Lektüre hautnah miterleben. −

Wilde Posen, barsches Auftreten und die verzweifelte Suche nach einer neuen Ästhetik: dafür steht der Name Rolf Dieter Brinkmann. Sein berühmtester Gedichtband, Westwärts 1 & 2, kam 1975 heraus, kurz nach seinem frühen Unfalltod mit 35 Jahren, allerdings in einer verstümmelten Fassung, die erst 2005 durch eine Neuausgabe korrigiert wurde. Ebenfalls bei Rowohlt erscheinen nun Frühe Gedichte unter dem Titel Vorstellung meiner Hände. Sie stammen aus der Feder eines jungen Mannes, der eine Buchhändlerlehre machte und Schriftsteller werden wollte. Seit er 15 war, schrieb er Gedichte. Bereits mit 20 gelangen ihm die ersten Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften.
Wie groß und reflektiert der Gestaltungswille schon des jungen Autors war und wie enorm die poetische Schubkraft, die ihn antrieb, das zeigen diese Gedichte aus dem Nachlass verblüffend deutlich. Der Band enthält zwei Gedichtsammlungen, die Brinkmann in dieser Form konzipiert hat: Don Quichotte auf dem Lande. Gedichte 1959/1961 und Vorstellung meiner Hände. Gedichte 1963. Wie er seinen Sound formte, in wechselnder Absetzbewegung zu dem, was er für modisch hielt, das kann man hier fast mit Händen greifen – schmerzhafter und deutlicher als in den poetologischen Selbstaussagen, die er seinen Gedichten beifügte, wenn er sie an Zeitschriften schickte.
Die erste Sammlung hat einen völlig anderen Ton als die zweite. Aber schon in der ersten gibt es Gedichte, in denen Brinkmann poetisch reflektiert, was er in einem Brief an seinen Freund Ralf-Rainer Rygulla als seine Schwäche ansah: „zuviel Krolowsche Schönheit und zuviel an lyrischem Sperma“. Auch das Heilmittel kannte er bereits: „härter und auch zum Teil apodiktischer müssen die Sachen kommen, Rührung – natürlich, aber nicht auf Kosten der Diktion!“ Das schreibt ein 22-Jähriger, der eben noch all die Sehnsuchtsworte der traditionellen Lyrik aufrief: Mond, Vögel, Blau, Luft, Himmel, Sterne, Rose, Landschaft, Wind. Dazu ein lyrisches Ich, das zwischen Frühlingseuphorie und Herbstmelancholie taumelt wie ein Blatt im Wind.
Während er in „Gedicht: 1960“ trotz allem daran festhalten will – „Mond Katzen Fische und Vögel / liebe ich trotz einsteinscher Formeln / und Kernspaltung“ −, zeigt sich in der zweiten Sammlung der bewusst vollzogene Wechsel zu einer Poesie der Düsternis:

Wieder sind
die Vögel in der Luft
und füllen sie mit Federn und Krallen
und eisernen Schnäbeln
(…)
kein Trost, kein
Haar, keine
Erinnerung
an Strassen und Gärten und Mauern, denn genau
an der Stelle, wo ich verwundbar bin
und wo mein Dasein auf die
Dichtung traf, öffnen
sie die Achseln und
Schultern.

Wie einer ein großer Schriftsteller wird und ein harter Kerl, das kann man mit diesem Gedichtband hautnah miterleben. „Wir sind drei Tage auf Reisen gewesen!“, möchte man mit dem Dichter ausrufen. Es war eine echte Abenteuerreise, aufregend, schön und auch ein wenig traurig.

Meike Feßmann, Deutschlandfunk, 10.11.2010

 

 

Die Bombe im Kopf

− Auch nach 50 Jahren ist Rolf Dieter Brinkmanns Lyrik noch aufsehenerregend. −

Endlich ist er mit fast 50jähriger Verspätung erschienen: der Gedichtband Vorstellung meiner Hände des ersten deutschsprachigen Popliteraten, Rolf Dieter Brinkmann. 1963 geschrieben, hätte er eigentlich das Debüt des Autors werden sollen. Doch Brinkmanns Gedichte irritierten damals zu sehr, ihr Klang war zu ungewohnt, sie wurden nicht gedruckt, denn sie unterschieden sich von allem, was damals – vor 1968 – hierzulande als Lyrik galt. Schon Titel wie „Fall Out“, „Vertanes Gedicht“ oder „Die hohen Feste des Luis Buñuel“, „Die Bombe in meinem Kopf“, aber auch „Ihre schönen Knie“ machen deutlich, dass hier ein junger Lyriker einen unbekannten Ton anschlägt, dass er die Alltagssprache dem „hohen Ton“ vorzieht und auch vor politischen Stellungnahmen nicht zurückschreckt.
Brinkmann wurde 1940 in Vechta (Niedersachsen) geboren, er lebte ab 1962 in Köln, absolvierte ein Pädagogikstudium, war hauptberuflich ebenso freier Schriftsteller wie Rebell. Nicht deutsche Dichter und Denker, sondern US-amerikanische Literatur-Avantgardisten wie Frank O’Hara oder William Carlos Williams lieferten Anregungen für seine Gedichte. Die amerikanische Underground-Lyrik machte er in Deutschland bekannt: Seine zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla herausgegebene Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene (1969) zählt bis heute zu den wesentlichen Zeugnissen der amerikanischen Beat Generation. Auf seine eigene Lyrik haben sich immer wieder junge Gegenwartsautoren bezogen, insbesondere sogenannte Poetry-Slam- und Pop-Autoren. Doch aus heutiger Sicht sind Brinkmanns Gedichte viel ernster und aufwendiger komponiert als die vieler seiner Nachfolger. Das gilt auch schon für den nun vorliegenden ersten Band von Brinkmann.
Wenn man Brinkmanns frühe Gedichte liest, merkt man, welchen Bedeutungswandel der Begriff Pop seither durchgemacht hat. Früher stand Pop für das Gegenteil von Pomp und Pathos: Die amerikanischen Autoren, wie Frank O’Hara mit seinen Alltagsminiaturen und seiner unprätentiösen Sprache, machten vor, wie man statt über große Themen über kleine Alltagserlebnisse, über Momentaufnahmen schreibt. Pop feiert das Alltägliche und Banale – nicht etwa den Rausch und die Party (also gewissermaßen wieder das Extraordinäre) wie die hedonistisch gestimmten Pop-Autoren der neunziger Jahre.
Brinkmanns Gedichte sind Momentaufnahmen, denen aber auch ein universales Moment, etwas Existenzielles, anhaftet. Während viele zeitgenössische Lyriker das Selbst als Ausgangs- und Endpunkt ihrer Poesie betrachten, schweift Brinkmann aus und kehrt als ein Anderer zurück. In manchen Zeilen spürt man zwar die Zweifelsfreiheit der damaligen Zeit: „Wer Besitztümer hat, ist immer im Unrecht“, heißt es da in einem Gedicht. Doch Brinkmanns Werk ist vielschichtiger als beispielsweise die populäre Lyrik Erich Frieds, die mit ihrer schlichten Gut-oder-Böse-Logik massentauglich war.
Immer wieder finden sich humoreske Zeilen in Brinkmanns ebenso rebellischer wie sehnsuchtsvoller Poesie: „Die Vögel kehrten aus der Luft zurück und besuchten die Kneipen, wo sie zechten bis zum Abend“, heißt es an einer Stelle. Doch das Gedicht endet melancholisch – mit dem Eskapismus von Liebenden.
Brinkmann feiert den Verfall, das Antipoetische, und benennt sein Vorgehen direkt: „Ich will loben, was keiner im Gedicht zu loben bereit ist, die Leukämie den Haarausfall.“
Verlust und Tod sind stets präsent – das Leben stellt sich dar als ein „Gemisch träger Geilheit und willigen Sterbens“. Wie Leitmotive tauchen die „andere Seite des Mondes“ und eine Stille auf, die „schwarz wird“. Hier ist kein dialektisches Denken, sondern eher ein dialektisches Fühlen am Werk – ein Leben in einem ständigen Dazwischen, aufgehoben im Scheinwerferlicht des Moments:

Erotik ist eine Form von Eskapismus: Arm in Arm
und Atem an Atem gedrängt
wir lassen die Welt Welt sein
und treiben dahin
holen aus den Leibern der Frauen
die scheuen Tiere
die Nachttiere, die dunklen
und geben sie frei.

Und Eskapismus ist eine Vorstufe zum ewigen Verschwinden, zur Vergänglichkeit:

das hat nichts mehr
zu tun mit Eichendorff
auch nichts mit Poesie
es soll Vergänglichkeit sein.

Brinkmann wurde am 23. April 1975 in London von einem Auto überfahren.

Tanja Dückers, Jungle World, 7.10.2010

Die Zündschnur zur Bombe im Kopf

− Der interessanteste Lyrikband des Jahres 2010 ist 50 Jahre alt: Rolf Dieter Brinkmanns neu entdecktes Frühwerk Vorstellung meiner Hände erledigt Rilke und beschwört meisterhaft die Wut der Poesie. −

Am 23. April 1975, kurz nach seinem 35. Geburtstag, wurde Rolf Dieter Brinkmann von einem Auto überfahren. Ein paar Tage später erschien sein Gedichtband Westwärts 1 & 2, der seinen Ruf als einer der großen Lyriker seiner Generation begründete, als „einziges Genie in der westdeutschen Literatur“ (Heiner Müller). Jetzt, 35 Jahre nach seinem 35. Geburtstag, erscheint plötzlich ein neuer Gedichtband von Rolf Dieter Brinkmann – sein unbekanntes Frühwerk Vorstellung meiner Hände, früheste Lyrik aus der Zeit um 1960, die ein Schulfreund der Bibliothek in Brinkmanns Heimatstadt Vechta verkaufte und die der Rowohlt Verlag nun zum größten Teil erstmals publiziert. Vorstellung meiner Hände ist ein blitzender Rohling, den man in Zukunft zwischen den zeitgleichen, geschliffenen Diamanten von Enzensberger (Verteidigung der Wölfe, blindenschrift, landessprache) und Rühmkorf (Heisse Lyrik, Kunststücke) platzieren kann.
Als 15-Jähriger verschlang Brinkmann Hans Benders Anthologie Mein Gedicht ist mein Messer. Mit 16 schrieb er, kurz vor dessen Tod, einen Fanbrief an Gottfried Benn. Als 17-Jähriger fing er selbst zu dichten an – und zückte das Messer. Er legte es, wie es sich gehört, besonders gerne bei sich selber an: Von all den 60 Gedichten des 18- bis 23-Jährigen, die jetzt die Vorstellung meiner Hände ausmachen, liegen manchmal zehn, zwölf, achtzehn verschiedene Fassungen vor. Zum Teil sind manche schon gedruckt erschienen in kleinen Regionalblättern oder Lyrikzeitschriften, meist aber in anderer Fassung, der kreative Prozess eines Gedichts endete für ihn nicht mit dessen Veröffentlichung, Unzufriedenheit kann eine große Produktivkraft entfalten. 1963 schickte Brinkmann die Vorstellung meiner Hände an den Verlag Kiepenheuer & Witsch („40 Pfennig für Rückporto liegen bei“). Er verkündete: „Ich versuche bewußt, den im Augenblick wohl modischen Beatnik-Ton in meinen Textversuchen zu vermeiden, stattdessen suche ich die alte (und eigentlich immer neue) Verzauberung innerhalb unserer Zeitlichkeit sichtbar zu machen.“ Der Lektor Dieter Wellershoff aber schickte die Gedichte, sichtlich unverzaubert, zurück, mit vernichtenden Randglossen: „Sehr gesucht“ stand da, „Feuilletonisierung“ oder „Parfümierter Vergleich“ beziehungsweise, als rede er mit Benn: „Stimmt das medizinisch oder ist das Lyrik?“ Brinkmann, so der Rat von Wellershoff, solle es lieber mit Prosa versuchen.
So also musste die literarische Öffentlichkeit ein wenig länger warten auf souveräne Zeilen wie diese:

Als es ganz still wurde auf dieser Erde
und es traten
andere Stimmen aus
den Dingen als
Rilke es sagte!

Das ist einer der subtilsten Vatermorde in der deutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Während sich Robert Gernhardt oder Peter Rühmkorf ihres Übervaters Benn noch mit Spott und Persiflage zu entledigen versuchten („Die schönsten Verse der Menschen / sind die Gottfried Bennschen“), reitet Brinkmann eine Attacke gegen den Antipoden Rilke, die dessen ganze Poetik ins Leere laufen lässt. Just in einer Zeit, als Rilke durch seine Beschwörungen des emotional Unsagbaren zum Abgott einer Generation wurde, die dessen Dichtung als Entschuldigung für ihr eigenes Verstummen nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs verstand, proklamiert der 19-jährige Buchhändlerlehrling Rolf Dieter Brinkmann aus Vechta: Rilke ist von gestern. Und, noch drastischer: Rilke lügt.
Danach konnte er anfangen, seine eigene Wahrheit zu erkunden. Und die liegt in diesen ersten lyrischen Versuchen noch in einer vibrierenden Zone zwischen Selbstvernichtungswollust und der „Suche nach Verzauberung“, wie er es selber nannte. Der besondere Brinkmann-Ton, dieses Wütende, Nölende, trotzdem immer die Wirklichkeit grell Ausleuchtende, mit dem er in Rom, Blicke die ganze deutsche Italiensehnsucht zur Hölle schickte, diese Martin-Kippenberger-Malerei in Prosaform, die ihn zum ersten deutschen Pop-Literaten machte, flackert in diesen ersten Gedichten zwar manchmal auf. Aber hier geht es noch nicht um Pop, um Musik, um Film, um sexuelle Überreizung. Hier kämpft noch keiner mit drastischer Umgangssprache gegen eine vermuffte Gesellschaft und ihre Doppelmoral. Hier kämpft einer gegen die eigenen Ängste, gegen sich selbst. Das macht diese frühe Lyrik so verletzlich und ahnungsvoll zugleich: „Bilde Dir nicht ein, die halb / schon erdachte Grammatik enthielte die Vogelflüge bereits im voraus / das Lächeln wird voller Bestürzung sein nach dieser Zeit.“ Es ist auch noch nicht der halluzinatorische, wütende Monolog aus den Gedichten von Westwärts 1 & 2, der einem in Vorstellung meiner Hände entgegenspringt: Brinkmann ist hier noch viel zu tief verstrickt in einen Dialog mit der vergehenden Natur, der stillstehenden Geschichte, den dichtenden Über-Ichs. Er schreit noch nicht an gegen seine Verzweiflung, er ist ihr noch erlegen:

Die Bombe,
die in verschlungenen Gängen
mein Gehirn durchtreibt und in
den Gedanken widergeht, muß platzen.

Der Überdruck ist also hoch. Deshalb fliegen da für unseren heutigen Geschmack zu viele unheilvolle Vögel durch die Strophen, denkt die Natur ein wenig zu oft im Erblühen an ihr Verwelken. Und es gibt eindeutig zu viele Anklänge an Benn (verzeihlich) und Verse über Chagall (eigentlich unverzeihlich). Man kann manches kitschig finden und spätexpressionistisch in diesen Gedichten und manchmal denken, wie recht der kritische Lektor Dieter Wellershoff einst hatte mit der einen oder anderen harschen Kritik. Es sind genau diese schwächeren Passagen, diese rührenden Naturanrufungen 15 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und Hiroshima, diese Weltfluchten, die einen beim Lesen sofort in die Zeit um 1960 zurückkatapultieren, weil sie erzählen von den unterdrückten Leidenschaften und den seismografisch erfassten Lähmungszuständen der geschichtsvergessenen deutschen Gesellschaft jener Zeit.
Aber genau dieser jugendlichen Überempfindsamkeit, diesen freiliegenden Nerven, diesem Von-Sinnen-Sein des 18-, 19-, 20-jährigen Brinkmann verdanken wir eben auch Verse wie diese: „Ich habe meine Sterne aus dem Blau des Fensters genommen / und zur übrigen / Habe gelegt: die Erinnerung / an Wolken über einem See / und einige Gedanken / bei einer Seite Proust, wo / er von Liebe schreibt“. Freudig also nehmen wir diese funkelnden Sterne und legen – analog zu seinen Worten – zu unserer übrigen Habe mit Lyrik aus der Zeit nach 1945 unsere Gedanken bei einigen Seiten von Brinkmann, wo er von Bestürzung und Liebe schreibt.

Florian Illies, Die Zeit, 25.11.2010

„Poesie … ist ein blinder König ohne Reich“

– Rolf Dieter Brinkmann ist ein Schriftsteller, der zeit seines kurzen Lebens versucht hat, die Grenzen der Literatur zu überschreiten und sich dabei nicht einordnen zu lassen. Der Rowohlt Verlag hat nun die frühen Gedichte vorstellung meiner hände veröffentlicht. −

Der 1940 in Vechta Geborene und 1975 bei einem Autounfall in London Verstorbene hat ein Werk hinterlassen, das von Lyrik, Prosa, Essays und einem Roman über experimentelle Hörspiele und Filme bis zu späten Collage-Bänden wie Rom, Blicke reicht. Das lyrische Opus Magnum ist der in seiner avancierten Technik geradezu programmatische und erst posthum erschienene Gedichtband Westwärts 1&2, der heute Kultstatus genießt.
Aus dem von der Witwe Maleen Brinkmann verwalteten und in den letzten Jahren Stück für Stück herausgegebenen Nachlass ist jetzt ein schmaler Band mit frühen Gedichten dieses späteren Underground-Avantgardisten erschienen. Sie geben Einblick in die Inkubationszeit eines jungen Dichters, der sich hier ausprobiert, der mit Formen, Stilen, Themen und Bildern variiert und die Gedichte als Resonanzraum für aktuelle Auseinandersetzungen mit Dichtern und Künstlern nutzt.
Eine starke Rolle spielt im ersten, zwischen 1959 und 1961 entstandenen Gedichtzyklus „Don Quichotte auf dem Lande“ noch eine melancholisch grundierte Naturlyrik, in der sich auch die Weiten und Einsamkeiten des Oldenburger Münsterlands widerspiegeln:

Wenn zu Mittag
im Holunderdickicht
die Stille die Messer
schärft.

In freier Versform verbinden sich hier Naturerlebnisse mit Erinnerungen an die Kindheit oder Liebes-Topoi und kommen zuweilen durchaus schon gebrochen und surreal-märchenhaft verfremdet daher.
Im Gedichtzyklus „Vorstellung meiner Hände“ rückt die grundsätzliche Frage nach dem Sinn des Daseins und die Verzweiflung über eine ausbleibende Antwort stärker in den Vordergrund:

Wider meine Herkunft, dem
zufälligen Menschsein, das gewalttätig
seinen Anfang nahm als Schrei.

In Gedichten wie „Fall out“ kündet sich aber auch schon die beißende und wütende Zivilisationskritik des späteren Brinkmann an.

„Vergessene Sprache zwischen Vogel und Fisch“
Trotz einiger origineller Ansätze sind die frühen Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann sicherlich kein Geniestreich. Der junge Dichter hat hier nicht mit leichter Hand vollendete Poesie verfasst, sondern es ist das Gärende, Tastende, Suchende, die Auseinandersetzung mit den widerspenstigen Worten unmittelbar zu greifen und zu verfolgen. Viele Gedichte und Verse lassen entsprechend noch den eigenen Sound und Rhythmus vermissen, wirken in Bildsprache und Sinngehalt allzu gespreizt und überfrachtet.
So ist Brinkmanns Lebensprojekt einer Erneuerung und Erweiterung der Sprache in den frühen Gedichten überwiegend nur als Suchbewegung spürbar. Doch die lakonisch-(selbst)ironische Diagnose des Status Quo besticht schon hier:

Poesie neunzehnhundertsechzig
ist ein blinder König ohne Reich
ist eine vergessene Sprache zwischen Vogel und Fisch
ist ein alter Kinderschuh und ausgetreten.

Karsten Herrmann, CULTurMAG, 26.1.2011

Beatvermeidungslyrik

Im „Motto“ glaubt man beim ersten Lesen ein leichte Assonanz zu hören an den Brinkmann-Sound der späten Sechziger:

man sagt: daß die vögel sterben
man sagt: daß die dunkle mondseite unbewohnt ist
man sagt: daß so zu leben gut sei

Wenn „man“ das sagt, dann sind Zweifel angebracht im Gedicht. Aber wohin führen die? Daß es den Mann im Mond möglicherweise doch gibt, zumindest im Gedicht, weil hier der Ort ist für das Phantastische, weil hier Realismus– wie das Motto! – mal klein geschrieben werden kann? Es ist dieser romantisierende Poesiebegriff, der in diesen frühen lyrischen Versuchen von 1959 bis 1961 allenthalben auftaucht und aufstößt:

Fabeln, Gespräche
schon stürzt die Stille jäh
mit Vogelklauen
ins Märchen
aus tausendundeiner Nacht: Scheherazade
die kam mit dem Morgenrot
auf hundert
Elephantenrücken
mit Fabeln, Gespräche
einer gewesenen Zeit.

Ein echter Fund sind diese epigonalen Texte daher leider nur für die Germanisten und Spezis des Dichters, die nun etwas genauer nachvollziehen können, welche Umwege dessen schriftstellerische Genese zum späteren Pop-Avantgardisten genommen hat. Eichendorff klingelt da manchmal an, Rilke sowieso und der späte Gottfried Benn der „Statischen Gedichte“. Brinkmann ist hier jedenfalls noch weit entfernt von einem Dichtungsprogramm, das die Einfachheit von Songs als Ideal postuliert und die hübsche Produktionsmaxime aufstellt, man müsse zunächst mal vergessen, daß es so etwas wie Kunst überhaupt gibt. Hier wirft er sich noch bei jedem Vers in die junge Dichterbrust, hier sieht man noch die glühendroten Ohren, weil er so stolz darauf ist, Kunst zu produzieren. Hier wird mit Prätention nicht gekleckert, sondern geklotzt. Wer das artifiziell Hingerotzte des späteren Popliteraten, die furiose Fundamentalopposition gegenüber dem gängigen bildungsbürgerlichen Poesieverständnis zu schätzen weiß, ist fast schon verstört von dieser Anbiederung an die Konvention, dieser Beflissenheit und nicht zuletzt auch penetranten Bildungshuberei. „Wovon ich lebe / und woran ich sterbe“:

Der Flieder in Chagalls Bildern
Die Vögel aus den Gedichten Jacques Préverts
Die Sterne unter Cocteaus Namen
Die Handschrift Paul Klees
Die Fische in den Partituren
Johann Sebastian Bachs
Das schwarze Lachen im Blues
Den Thelonious Monk spielt.

Es muß natürlich der von Monk sein!
Er versuche „bewußt, den im Augenblick wohl modischen Beatnik-Ton in meinen Textversuchen zu vermeiden“, schreibt er in diesen Jahren an den Akzente-Redakteur Hans Bender, dem er einige dieser Gedichte zum Druck anbietet. Wie wahr. So alt, wie er hier bisweilen klingt, wurde er gar nicht erst. Man muß Dieter Wellershoff, dem damaligen Lektor von Kiepenheuer & Witsch, der diese Gedichte auf dem Schreibtisch hatte, wohl dankbar dafür sein, daß er sie vernichtend kommentiert hat. Nicht auszudenken, was aus Brinkmann geworden wäre, wenn man ihn damit hätte durchkommen lassen. Durs Grünbein im Quadrat.

Frank Schäfer, Junge Welt, 19.1.2011

Vorstellung meiner Hände

Mit frühen Texten eines Autors ist es meist so eine Sache: Der Verlag publiziert sie mit einem gewissen Widerwillen und der Verpflichtung zur Komplettierung des Œuvres. Und nur den happy few, den Kennern gilt das Frühwerk als Beweis für die stete Genialität ihres verehrten Autors. Bei Brinkmann ist das glücklicherweise anders.
Wer war dieser Rolf Dieter Brinkmann? Wenn es einen Autor gegeben hat, der tatsächlich kongenial amerikanische Popliteratur mit ganz eigenen Worten ins Deutsche transferiert hat, dann war es Brinkmann. Die von ihm mitherausgegebene Anthologie Acid. Neue amerikanische Szene gehört heute noch zu den wesentlichen Dokumenten der Beat Generation. Und dann haben seine großen Collage-Romane wie Rom, Blicke und Rom. Worlds End den Autor berühmt gemacht. Dazu gehört auch der Lyrikband Westwärts 1&2 mit seinen kompromisslosen Langgedichten, publiziert 1975, also im Todesjahr des Dichters. Interessant ist, dass Brinkmann schon früh auf offene Ohren mit seiner Prosa stieß, bei seiner Lyrik aber länger auf Anerkennung warten musste.

Poesie neunzehnhundertsechzig
Anfang der 1960er Jahre schrieb der zwanzigjährige Brinkmann seine ersten Gedichte nieder. „Poesie neunzehnhundertsechzig“ heißt ganz zeitgetreu einer seiner lyrischen Texte. – Aber was ist Poesie um 1960?

Es ist ein blinder König ohne Reich
ist eine vergessene Sprache zwischen Vogel und
Fisch
ist ein alter Kinderschuh und ausgetreten

Dornröschen wird nicht mehr erwachen
auf Photos um neunzehnhundertsechzig

ist die andere Seite des Mondes
ist die Stille, die schwarz wird.

Man merkt, wie der junge Brinkmann bestimmte Traditionsstränge der deutschen Lyrik nicht einfach fahren lassen will: Die kritische Natur-Poesie eines Peter Huchel oder Günter Eich; die expressionistischen Großstadtgedichte des von Brinkmann verehrten Gottfried Benn. Doch dann ist die Poesie um 1960 auch ein alter, ausgetretener „Kinderschuh“.

Einfluss des Jazz
Nach der Nazi-Diktatur, dem Weltkriegsdesaster und inmitten der Wirtschaftswunderzeit findet man die Schönheit der Poesie nur noch in den verbrauchten Gegenständen auf der Müllhalde. Hier muss die neue Dichtungssprache sich umschauen. Und sie erhält zusätzlich einen neuen „Drive“. Es ist der Jazz, der die Gedichte leichter macht, rhythmisch intensiviert und der zugleich Vorbote ist für die amerikanische Beatnik-Literatur.

ein wenig schwarzer Jazz nur
schwarz und
der Blues
die Trommel
predigt
den Staub
der Augenblick ist
so
voller
Gesang.

Den eigenen Weg gegangen
Dass die frühen Gedichte des Rolf Dieter Brinkmann nicht verlorengegangen sind, gleicht einem Wunder. Sie befanden sich als Konvolut über zwei Jahrzehnte im Besitz von Peter Hackmann, einem Mitschüler und zeitweiligen Wohnungsgenossen Brinkmanns. Die Papiere, handschriftliche Entwürfe und Maschinen-Abschriften, waren vollkommen unsortiert und in der Mitte durchgerissen.
Hackmann übertrug nun als Studienrat dem von ihm geleiteten Literaturkurs am Gymnasium die Aufgabe, die Papiere zu ordnen – eine Horrorvision für jeden Literaturwissenschaftler und Archivar! Doch glücklicherweise ist bei der Bestandsaufnahme durch interessierte Laien nicht viel passiert. So hält man die frühen Gedichte Brinkmanns jetzt in Händen und ist erstaunt: Da greift ein zwanzigjähriger Autor die deutschsprachige Lyrik-Tradition seit der Romantik auf, hinterfragt sie kritisch und beginnt, seinen eigenen lyrischen Weg zu gehen.

Und es traten
andere Stimmen aus
den Dingen als
Rilke es sagte!

Der junge Rolf Dieter Brinkmann wollte Rilke und sein Poesieverständnis nicht leugnen, aber er wollte lyrisch anders sprechen! Brinkmanns frühe Gedichte stehen für sich und sie sollten als eigenständiger Teil seines gesamten Œuvres gelesen werden. Sie zeigen zudem, dass Brinkmann auf die deutschsprachige Lyrik vergangener Zeiten Bezug genommen hat und nicht bloß ein Apologet amerikanischer Beatnik-Literatur gewesen ist. Mit dieser Erkenntnis wird man dann auch Rolf Dieter Brinkmanns spätere Texte mit anderen Augen lesen.

Andreas Puff-Trojan, Österreichischer Rundfunk, 7.11.2010

Lehrjahre eines Berserkers

Er begründete in den 60ern die deutsche Pop-Literatur und starb 1975 mit nur 35 Jahren. Seitdem wurden aus seinem Nachlass immer wieder neue Werke veröffentlicht. Jetzt bringt der Rowohlt-Verlag mit Vorstellung meiner Hände Brinkmanns bisher verschollene frühe Texte heraus, die ein anderes Licht auf den Autor werfen.

Für seine zarten Saiten ist der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann nicht bekannt. So rief er dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 1968 zu: „Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über den Haufen schießen.“ Sein Gedichtband Godzilla (1968) trägt das Monster bereits im Titel, Brutales und Sadomasochistisches beherrschen die Texte. Und im posthum erschienenen Materialband Rom, Blicke (1979) – Brinkmann kam 1975 im Alter von 35 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben – formulierte der Autor eine dermaßen harsche Zivilisationskritik, dass Kritiker ihm Menschenhass oder gar Nähe zum Faschismus vorwarfen.
Dass Brinkmann, der nicht nur in seinen Texten, sondern auch im alltäglichen Leben manchmal wie ein Berserker auftrat, ebenfalls ruhige Töne beherrschte, davon zeugt seine Lyrik im soeben erschienenen Band Vorstellung meiner Hände. Versammelt sind darin 60 Gedichte des zur Entstehungszeit 19- bis 23-jährigen Autors, der wenig später die Pop-Literatur in Deutschland begründen sollte. Die im Band abgedruckten Gedichtsammlungen fanden nie einen großen Verleger. Erst das Auftauchen der Originalmanuskripte bei einem alten Mitbewohner Brinkmanns vor wenigen Jahren ermöglichte die Rekonstruktion der Sammlungen.
Den darin versammelten Gedichten fehlt fast komplett der wütende Ton des späten Brinkmanns sowie seine drastische Umgangssprache. Auch Referenzen an die Pop-Kultur, wie die Thematisierung von Musik und Film, sind nur selten zu finden. Brinkmann, der als einer der Ersten überhaupt ab Mitte der 60er-Jahre Werke der amerikanischen Pop- und Underground-Literatur übersetzte, der sich zudem als erster deutscher Autor selbst an dem Genre versuchte und dafür ordentlich Kritik einstecken musste (die Frankfurter Rundschau bezeichnete ihn einst als „Vorgartenzwerg der US-Pop-Szene“), präsentiert sich hier noch als Autor ohne große Pop-Ambitionen.
Fast einzige Referenz daran ist, dass Brinkmann sich die Alltagssprache zunutze macht. Zur Entstehungszeit der Lyrik war das ein durchaus ungewöhnlicher Kunstgriff. Der Dichtung seiner Gegenwart stellt Brinkmann dann in einem Gedicht aus dem Band auch ein schlechtes Zeugnis aus:

Poesie Neunzehnhundertsechzig
ist ein blinder König ohne Reich
ist eine vergessene Sprache zwischen Vogel und Fisch
ist ein alter Kinderschuh und ausgetreten.

Die Suche nach einer neuen Ästhetik des Schreibens, die spätestens in Rom, Blicke verzweifelte Formen annimmt, lässt sich somit bereits in Vorstellung meiner Hände entdecken. Und zu entdecken gibt es noch einiges mehr. Zum Beispiel nostalgische („Ohne Autobiographie“), zärtliche („Mädchengesicht“) und flüchtige („Ein wenig schwarzer Jazz“) Momente, von Brinkmann ganz unaufgeregt in Gedichtform festgehalten.
Es sind Zeugnisse seiner Lehrjahre, in denen er noch nicht mit der Brechstange auf bürgerliche Doppelmoral und die in seinen Augen „miefige“ westdeutsche Gesellschaft losgeht. In den Gedichten ist er vor allem noch bei sich – und bei der Natur. Jenen  Rückzugsraum, dessen Zerstörung durch die Menschen er später wütend anprangern wird. Seine Wut, das Berserkerhafte Brinkmanns, flackert manchmal bereits auf:

… die Bombe wird platzen
sage ich, und ein
Engel erscheint, er
reißt die Gartenzäune nieder
zerschlägt die Türen
und Fenster, er
wird kommen
als Fleischerhaken, der
uns alle erlöst.

Da ist der altbekannte zornige Brinkmann schon ganz nah, aber an vielen anderen Stellen des Bandes erscheint er wie ein ganz anderer, neu zu entdeckender Autor.

Michael Schulz, Lausitzer Rundschau, 13.12.2010

Wir nannten es Gegenwart

− Vorstellung meiner Hände präsentiert frühe, unbekannte Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann. −

Habe Vorstellung meiner Hände sofort zweimal gelesen, so anregend ist es. Obwohl, es sind Gedichte, und Lyrik gilt gegenwärtig dauernd als schwer zugänglich, schwierig oder im maximal unsympathischen Sound des kulturell hohen Tons auftretend. Gewöhnlich bin ich kein Leser von Gedichten. Bücher, Zeitungen, Magazine, Fernsehen, Internet, CDs, LPs, Kassetten, Radio, Konzerte, Filme. Sofort radikal anders wird sie, die Vorstellung von Gedichten, bei Rolf Dieter Brinkmann. Alltägliche Wahrnehmungen, nicht manieristisches oder betont künstlerisch automatisches Schreiben.
Zur merkwürdigen bis absurden Veröffentlichungsgeschichte der Texte als gegenwärtigem Buch, 2010: Vorstellung meiner Hände, Untertitel „frühe Gedichte“, beinhaltet Texte von Rolf Dieter Brinkmann, die er ungefähr zwischen 1959 und 1963 geschrieben hat. Bis 2005 lagerten sie im Privatbesitz eines ehemaligen Mitschülers und Mitbewohners, Peter Hackmann, der dieses Jahr gestorben ist und die beschädigten Manuskripte, – lose überlieferte Seiten, zerrissen, mit grobem Bürotesafilm überklebt, mit Bemerkungen beschriftet –, der Unibibliothek Vechta verkaufte. Laut der Herausgeberin Maleen Brinkmann ist bis jetzt unklar, wie die Manuskripte in den Privatbesitz dieses offenbar mit Rolf Dieter Brinkmann bekannten Typen gelangen konnten.
Der ungefähr 20-jährige Rolf Dieter Brinkmann schreibt Gedichte; Schreibanfänge, die, wie so oft, im etablierten BRD-Kulturbetrieb, nicht ernst genommen werden. Er begeistert sich früh für Texte von inzwischen klar problematisch gewordenen modernen männlichen Autoren, wie Gottfried Benn und Louis-Ferdinand Céline. Warum problematisch? Unter anderem wegen ihrer Verstrickungen in den europäischen Faschismus, siehe Klaus Theweleit. Obwohl Rolf Dieter Brinkmann anfangs nicht wirklich ernst genommen wird, gelingt es ihm, einige Gedichte zu veröffentlichen, unter anderem in der Tageszeitung Die Welt, in Neues Rheinland, in blätter + bilder und Alphabet, einem Lyrik-Jahrbuch 1961. Laut Nachwort ergänzt Vorstellung meiner Hände den inzwischen bekannten, 1980 veröffentlichten tollen Sammelband Standphotos. Gedichte 1962-1970.
Rolf Dieter Brinkmann, das versucht das vorliegende neue, schmale Buch zu betonen, arbeitete intensiv, in permanenten Wiederholungen, mit Veränderungen an seinen eigenen Texten und seien es auch nur kurze, kleine Texte, wie Gedichte. Gegen die Vorstellung von Rolf Dieter Brinkmann als originellem, einzigartigem Sprachschöpfer wird beim Lesen, zwischen Gedichten und zwei Nachworten von Michael Töteberg und Maleen Brinkmann klar, wie der Autor in intensiven Wiederholungen an und in der eigenen Sprache gearbeitet hat; auch wie er sich als Autor in schwierigen Situationen, wie den ihn abweisenden Kulturbetrieb, bewegte. Kurz, wie er – sozusagen subkulturell – beweglich geblieben ist, weiter las und schrieb, obwohl er offensichtlich vielen Abweisungen und harter Kritik, wie vom Kopf des Kölner Neuen Realismus, Dieter Wellershoff, ehemaligem Lektor bei Kiepenheuer & Witsch, ausgesetzt war. Dass Texte von Rolf Dieter Brinkmann, „frühe Gedichte“, jetzt, mit fast 50-jähriger Verzögerung als den Autor würdigendes Produkt erscheinen, wirkt wie eine schöne, nachträgliche Korrektur an exklusiven Mechanismen im Kulturbetrieb der BRD.
Der vorliegende Band ist inhaltlich in zwei Kapitel gegliedert: „Don Quichotte auf dem Lande“, Untertitel „Gedichte 1959/1961“ und „Vorstellung meiner Hände“, Untertitel „Gedichte 1963“. Gegenwart. Texte eines inzwischen bekannt gewordenen, damals aber unbekannten Autors, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Muß man sich mental in die Zeit und die Welt des Autors zurückversetzen? Oder stellen die Texte, „frühe Gedichte“, gegenwärtig etwas an? Lassen sie Schreibende, jetzt, heute, im Jahr 2010, etwas mit und in der Gegenwart anfangen? Ihr Zugang ist einfach, nicht lyrisch schwer und verschlüsselt. Es ist ein sehr zugängliches, denkbar einfaches Rolf-Dieter-Brinkmann-Gedichte-Buch geworden. Das Thema Gegenwart ist da, als alltägliche Zeitwahrnehmung, wie in der Reflexion darauf, wie sich alltägliche Wahrnehmungen sprachlich zusammensetzen könnten. Im Gedicht „Oktobernachmittag“ heißt es:

gedankliche Schwere
einige Herden, Wolken, viel Lämmer
die trieben die Lichtung
hinab –, wir nannten
es Gegenwart

Wir nannten, Absatz, es Gegenwart. Was es für eine Zeit ist, welche Wahrnehmung und wie sie sich, sprachlich, zusammensetzen könnte, darauf zeigen diese Texte so anregend. Wie der Effekt von Gegenwart beim Lesen produziert wird, sprachlich, davon handeln Rolf Dieter Brinkmanns künstliche Texte. Dass sie, als sogenannte Gedichte, beim Lesen heute genau diesen Effekt produzieren können, – Gegenwart setzt sich jetzt aus vermeintlich Vergangenem zusammen –, obwohl sie aus einer anderen Zeit und einer anderen Umgebung zu kommen scheinen, ist so seltsam wie toll. Rolf Dieter Brinkmann war kein bundesrepublikanisches, originelles Genie, das seiner zu engen, muffigen Zeit weit voraus war. Rolf Dieter Brinkmann arbeitete sprachlich in der Zeit, die auch heute, im Jahr 2010, Gegenwart heißt und deren poetische Bestandteile wahrzunehmen und aufzuschreiben der Autor als seine seltsame, künstliche Arbeit begriffen hatte.

Christopher Strunz, Textem, 19.10.2010

handwerkliches talent und was daraus entsteht

die moderne lyrik hat für den klassischen geschmack oftmals weder hand noch fuß, denn für sie reicht ein gedankenfetzen nicht aus, um die welt zu erklären. das gedicht auf ein wort oder einen satz zu reduzieren, den vers nur mit einem einzigen wort bepackt allein im walde stehen zu lassen, grenzt an unmenschlichkeit. viele lyriker haben sich diesem stil verschrieben oder ihn vorangetrieben, zahlreichen hobbypoeten genügen gar ihre einmalig dahingeschmierten metaphern und sie nennen es werk, schöpfung, arbeit, gedicht.
rolf dieter brinkmann ist da ganz anders. seine bemühungen zielen nicht auf das schemata der modernen schreibvorgaben, sein herzblut fließt in die vorstellungen seiner hände mit denen er imposante gedichte geschaffen hat, die in geradezu dekadenter weise vor bildsprache nur so blühen. nun wurde das frühe schaffen des längst verstorbenen autoren vom rowohlt-verlag zusammengefasst und unter dem titel vorstellung meiner hände in form eines gedichtbandes veröffentlicht. 
kein leichtes unterfangen, zeichnet brinkmann doch die akribische umgestaltung und umstrukturierung seiner werke aus. etliche änderungen unternahm der autor an seinen prosaisch geformten „gedichtgeschichten“, die im verlauf der jahre mehr und mehr den charakter von bitternis und weltschmerz annahmen. der erste teil des bandes, „don chichotte auf dem lande“, besticht noch durch klare linien in seiner wortwahl, doch das gedicht „als es ganz still wurde auf dieser erde“, das den zweiten teil des buches einleitet, ebnet den weg in eine ganz andere richtung: und es traten / andere stimmen aus / den dingen als / rilke es sagte!
den vorläufigen höhepunkt und brinkmanns wohl aussagekräftigstes werk bildet dann auch das dem gedichtband namensgebende vorstellung meiner hände. darin skizziert der autor erschreckend destruktiv wie es mit der treibkraft seines lebens bestellt ist. das „zähe sterben von tauben“ ist getrost als sinnbild für die arbeitsweise brinkmanns zu verstehen. seine gedichte winden sich in seinen händen und geben die form ihres erwachens und ihres todes dem dichter vor: „von hast überwunden haben sie nichts mehr gemein mit mir und meinem vernichteten dasein“.
doch was hat man am ende bei dieser lesereise gewonnen? eine ganze menge, denn die zusammenstellung der werke wurde wohl bedacht und sie eröffnet dem leser einen unwiderstehlichen einblick in die schaffenskraft von gedichten und die nötige mühe, die dahintersteckt. brinkmanns lyrik ist eine ehrliche, handgemachte. man muss sie nicht mögen, aber dennoch großen respekt vor ihr haben.

Martin Fietze, querkariert, Heft 7, November 2010

Brinkmanns Lehrjahre

− Tiefe, Bedeutung, Sinnschwere – Symbolismus, Surrealismus, Romantik: So sah die frühe Lyrik des späteren Pop-Poeten aus. −

Das Image des 1940 geborenen und 1975 früh verstorbenen Rolf Dieter Brinkmann wird nicht zuletzt durch die fulminante avantgardistische Geste geprägt, mit der er ebenso schlicht wie einfach alle bestehende Kunst für unmaßgeblich erklärte. „Man muß vergessen, daß es so etwas wie Kunst gibt! Und einfach anfangen“, lautete das Programm, das er sich im wohl wichtigsten Gedichtband der deutschen Poplyrik – Die Piloten, publiziert im Jahr der Revolte 1968 – auf die Fahnen geschrieben hatte. Wie schwer Brinkmann selbst dieses „einfach anfangen“ gefallen ist, zeigen die frühen, nun erstmalig veröffentlichten Gedichte aus den Jahren 1959 bis 1963.
Über fünfzig poetische Texte umfasst der Band, dessen Titel vorstellung meiner hände auf eine von Brinkmann selbst kompilierte Sammlung zurückgeht. Um eine Publikation dieser Auswahl hatte sich der 23-Jährige Anfang 1963 bemüht, allerdings vergeblich: „Jugendstilmetapher“, „abgenutzte Litaneitechnik“, „parfümierter Vergleich“ lauteten einige Kommentare, mit denen der Kiepenheuer & Witsch-Lektor Dieter Wellershoff die Versuche des Junglyrikers bedachte – und ablehnend zurücksandte. Ebenso verfuhr Hans Bender, Herausgeber der renommierten Literaturzeitschrift Akzente: Es stehe „nun doch noch zu viel Bekanntes darin“, man könne „das alles in Tausenden von Gedichten heute lesen“.
Auch nach fast fünfzig Jahren haben diese Urteile weiterhin Bestand. Brinkmanns frühe Lyrik ist nicht bemerkenswert: weit entfernt von jenen nachwachsenden Autoren, die damals anfingen, maßgeblich zu werden – Hans Magnus Enzensberger etwa oder Peter Rühmkorf –, weit entfernt aber auch von dem, was Brinkmann selbst nur knapp ein halbes Jahrzehnt später zu Papier brachte. Verstörend ist dabei vor allem der kaum je gebrochene Wille zur Kunst, der eher an Rilke, George, den Surrealismus oder gar die Romantik erinnert als an die Pop-Art- und Beatnik-geschulte Oberflächen-Ästhetik, in deren Manier Brinkmann später die Bedeutungslosigkeit der modernen Alltags(waren)welt inszenierte.

Lektion: Vergessen lernen
Hier, im Frühwerk, finden sich stattdessen symbolistisch überfrachtete Verse à la „wir… schürften im Flug / die Körner der Stille / aus den silbernen / Kehlen des Morgens“, es begegnen dem Leser celaneske „Nester aus Schnee tief unterm / Schlaf“, die Astern blühen, die Ginsterhänge wuchern – und überhaupt ist alles „schmerzhaft“, voll von Vergänglichkeit und Zerstörung, sodass nur noch die gute alte „Zauberformel“ Erlösung verspricht. Von der Revolution, die Brinkmanns so virtuos schlichte Lyrik Ende der sechziger Jahre auslöste, ist hier noch keine Spur: Allerorten waltet die klassische Moderne, voller Tiefe, Bedeutung, Sinnschwere.
Dies vor allem musste der junge Brinkmann vergessen lernen. Lehrer dafür fand er in der Neuen Welt, deren neue Literatur er als Herausgeber der Anthologien Silverscreen und ACID (beide 1969) in Deutschland bekannt machte. Erst dieser Kontakt mit einer Kunst jenseits des Hergebrachten machte aus dem tiefsinnigen deutschen Dichter einen Schriftsteller, der mit Die Piloten und Westwärts 1 & 2 (1975), dem vielleicht besten, sicher aber abgedrehtesten Gedichtband der siebziger Jahre, zum bis heute gültigen Maßstab für eine Lyrik nach der Moderne wurde. Wer Brinkmann nicht kennt, der greife zunächst zu diesen späteren Bänden. Dem Brinkmann-Kenner hingegen führen die frühen Gedichte vor Augen, wie viel dieser Autor auch von sich selbst vergessen musste, um schließlich einfach anzufangen.

Peer Trilcke, Literaturen, Januar 2011

das sperma der frühen jahre

− neue alte Brinkmann-gedichte auf dachboden entdeckt. −

ich habe einen freund gefragt, dem der name Rolf Dieter Brinkmann nichts sagte und der jetzt in jenem alter ist, in dem Brinkmann die hier vorliegenden gedichte schrieb. nach intensivem blick in die sammlung hieß sein verdikt: „bisschen unausgegoren.“
fest steht, die frühe, teils noch in essen während einer buchhändlerlehre entstandene lyrik Brinkmanns trägt bereits vieles von dem in sich, was man aus späteren texten kennt: das schlichte, aber auch die kraft, etwa in repetitiven oder auf einen refrain angelegten gedichten, die sich hernach als wut und unzufriedenheit über die darstellung von erlebtem legt, hier aber mindestens zum teil noch aus jugendlicher potenz und der frage nach dem wohin-mit-ihr resultiert. das macht den band vorstellung meiner hände ein bisschen schwierig: einerseits gute gedichte, die man gleich jemandem vorlesen möchte, andererseits immer wieder nachpubertäre welthaltigkeit.
mädchen, märchen und vögel ziehen als motive durch den ersten teil des bands: Don Quichotte auf dem lande sieht eingedenk der märchenzeit die „leichte[n], schnelle[n] flügel der luft“ „aufsteigen aus meinen schläfen“: „traumtopographie im wald der augen“. das klingt – besonders auch bei kalauern wie „die fische in den partituren / Johann Sebastian Bachs“ – bemüht und schwülstig und war eventuell 1960 schon nicht mehr geeignet, einer angeschwärmten Roxane das herz zu erwärmen, geschweige denn einen redakteur zu begeistern, obgleich etwa das genannte gedicht sehr wohl im neuen rheinland gedruckt wurde. „fast kindlich tastende beschreibungspassagen wechseln mit stücken, in denen die ganze radikalität seiner […] poetischen möglichkeiten“ aufleuchtet, merkte Georg Klein an.
wie unterschiedlich die einer innertextuellen formstrenge oft gleichgültig gegenüberstehenden poeme „aus der inkubationszeit“ des dichters aufgenommen wurden, erhellt das nachwort von Maleen Brinkmann als auch der sehr sympathische, weil einmal nicht überhöhende essay pläne: schreiben von Michael Töteberg. postuliert Brinkmann 1960 noch, in seinen gedichten „jenseits einer manieristischen artistik und automatischem schreiben wahrnehmungen sichtbar“ machen zu wollen mithilfe einer „metapher für die stille (die ja durchaus nicht ,harmonisch‘ im überlieferten sinne zu sein braucht)“, muss er im folgenden und darauffolgenden jahr feststellen, dass er seinem anspruch nur durch zahlreiche umarbeitungen und liquidationen (also einfach: streichungen ganzer gedichte) näher kommt: „zuviel Krolowsche schönheit und zuviel an lyrischem sperma.“ – „der poetische aufputz wurde eliminiert“, schreibt Töteberg. der märchenton wird ersetzt durch bilder von zerstörung, verwesung, tod und lehnt sich jetzt eher an Villonsche vagantendichtung an. 1963 hat Brinkmann dann bereits einen sehr sicheren, beinahe standardisierten stil, frühere motive fallen nun ganz drastisch aus:

es sind wieder vögel
in der luft, die stürzen als worte
in brücken
und uhren.

das ist großartig und veranlasst mich, den band, der auf im jahr 2005 auf einem dachboden wiedergefundenen und bis 2009 unbekannt gebliebenen manuskripten beruht, nochmals zu überblättern. erstaunt stelle ich fest, dass ich mir im register mehr gedichte markiert habe als anfangs vermutet.
lesern, die bereits wissen, dass sie Brinkmann und seinen spezifischen gestus mögen, muss man dieses buch nicht extra empfehlen oder vermiesen. meinem freund, der den dichter noch überhaupt nicht kennt, werde ich zwar poeme wie „gegen nachmittag regen“ und „frühjahrsgärten mit Didi“ vorlesen, ihn ansonsten aber ins antiquariat schicken, sich standphotos anzusehen.

Crauss, titel-magazin.de, 26.9.2011

Blattgold in Agfacolor

– Der soeben erschienene Gedichtband Vorstellung meiner Hände gibt Aufschluss über die Anfänge des Schreibens von Rolf Dieter Brinkmann. –

Als es ganz still wurde auf dieser Erde

und es traten
andere Stimmen aus
den Dingen als
Rilke es sagte!

1960, im Alter von zwanzig Jahren, schickt Rolf Dieter Brinkmann, 40 Pfennig Rückporto beilegend, seine Gedichte an die Zeitschrift Merkur. Erwartungsvoll gibt der in Vechta geborene Autor, der gerade eine Buchhändlerlehre in Essen absolviert, dem Anschreiben sein poetisches Credo bei: Er will in seinen Gedichten „jenseits einer manieristischen Artistik und automatischem Schreiben Wahrnehmungen sichtbar machen.“ Die Einsendung an den Merkur kommt zurück. Doch Brinkmann beschickt auch andere Adressen, und das nicht immer erfolglos. Ab 1960 gelingt es ihm, erste Gedichte in Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen.
Immer wieder überarbeitet, verändert Brinkmann seine Gedichte, schafft Sammlungen, sortiert ein und um, denkt an Einzelveröffentlichungen. Eine Sammlung heißt Don Quichotte auf dem Lande und beinhaltet Gedichte aus den Jahren 1959–61, eine andere von 1963 Vorstellung meiner Hände. Beide Textkonvolute wurden, wie Brinkmanns Witwe Marleen Brinkmann im Nachwort betont, von ihrem Mann sorgfältig für einen Buchdruck vorbereitet, auf der Maschine abgetippt und teilweise nachträglich korrigiert. Bis auf zwei Texte, die Brinkmann in seine Sammlung Le Chante du Monde übernahm, ging keines der Gedichte je in ein Buch ein. Doch nun, knapp 50 Jahre später, liegen die insgesamt 59 Gedichte der beiden Sammlungen, von Marleen Brinkmann herausgegeben, erstmalig in Buchform vor.

ich
habe meine Sterne
aus dem
Blau
des Fensters
genommen
und zur übrigen
Habe gelegt: die Erinnerung
an Wolken über
einem See
und einige
Gedanken
bei
einer
Seite Proust, wo
er von der Liebe
schreibt.

Die Gedichte der Sammlung Don Quichotte auf dem Lande sind zwar nicht gereimt, lassen aber dennoch deutliche Anklänge an den damals vorherrschenden poetischen Zeitgeist erahnen. Naturlyrik samt Griff in die symbolistische Grabbelkiste sind angesagt: hier Frühlingsgefühle, dort Herbstmelancholie. Und nicht umsonst fallen bunte Namen aus der Bildenden Kunst: Chagall, Cocteau, Paul Klee. Das von Rolf Dieter Brinkmann in seinen Gedichten entworfene Bildprogramm bestätigt so einen verträumten, märchenhaften, kindlich-naiven Ansatz: Kaum ein Gedicht kommt ohne Vögel aus, auch der Mond scheint gern, dazu agieren Katzen, Fische, Rosen, Augen; von Träumen ist die Rede und manch eine Zeile lässt sich von hübsch zusammengeklebten Worten wie Apfelblütenweiß, Schneewittchenstadt oder Mondschnee tragen. Einiges an sprachlichem Klingklang wird also geboten. Die „blattvergoldeten Worte traditioneller Poesie“, von denen Günter Herburger im Zusammenhang mit Brinkmanns frühen Gedichten einmal sprach; hier findet man reichlich davon.
Brinkmann selbst hat seinen frühen Texten später nur mehr Verachtung entgegengebracht, nicht radikal genug, so seine Losung. Doch ein Aufbruch allemal: Denn wer Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann kennt, der weiß, wie gern Brinkmann das Hehre ins Banale dreht, U und E vermischt, wie bewusst er rohe, unartifizielle Vokabeln, ja, provozierende Reizworte in seine Gedichte einflicht und die Gattung nutzt, um snap-shotartig Augenblicke einzufrieren. Ein solcher Leser wird Spaß daran haben, erste Anzeichen der Brinkmannschen Poetik aus dessen lyrischen Aufbrüchen herauszulesen. Und man findet sie in fast jedem Text, etwa wenn mitten in einem atmosphärischen Venedig-Gedicht in Agfa-Color fotografiert wird oder wenn ein Gedicht provozierend einer bloßen Aufzählung gleicht, in welche die Popkultur erste Schatten hineinzuwerfen beginnt; bekennend heißt es in „Wovon ich lebe und woran ich sterbe“:

Der Flieder in Chagalls Bildern
Die Vögel aus den Gedichten Jaques Préverts
Die Sterne unter Cocteaus Namen
Die Handschrift Paul Klees

Die Fische in den Partituren
Johann Sebastian Bachs
Das schwarze Lachen im Blues
Den Thelonius Monk spielt

Wenn sich Johann Sebastian Bach und der Jazzer Thelonius Monk in einer Gedichtstrophe begegnen können, was zählen dann zeitliche Grenzen oder überhaupt Grenzen noch? Genau hier bricht sich ein den Gedichten innewohnendes Freiheitsmoment Bahn. Bei all der aufkommenden Freiheit scheint es manchmal, als traue Brinkmann sich beim Beschwören des alten Märchentones selbst nicht recht über den Weg: „Dornröschen“, heißt es in einem Gedicht, „wird nicht mehr erwachen / auf Photos um Neunzehnhundertsechzig.“
In der drei Jahre danach konzipierten, zweiten Sammlung des Bandes, die den Titel Vorstellung meiner Hände trägt, kommt ein morbider Zug in die Texte; Zerstörung Verwesung, Tod. Mitunter blitzt der später zu seinem Markenzeichen werdende rotzige Brinkmann-Sound auf. Auch das Vokabular verändert sich: Kot, Beton, die Farbe des Ozons werden nun heraufbeschworen, in Telefongesprächen wird geschwiegen und manch ein Gedicht wie „Die Bombe in meinem Kopf“ läuft plötzlich prophezeiend mit einer knalligen Pointe aus:

sinnlos kriechen unsere Schatten hin
sinnlos verkrüppeln Arme und Beine
sinnlos schrumpft die Haut: aber
die Bombe wird platzen
sage ich, und ein
Engel erscheint, er
reißt alle Gartenzäune nieder
zerschlägt die Türen
und Fenster, er
wird kommen
als Fleischerhaken, der
uns alle erlöst.

Brinkmann hat seinen Céline gelesen, dessen schonungslose Tour de force mit dem Titel Reise ans Ende der Nacht ihn tief beeindruckt haben dürfte. Als Céline 1961 stirbt, widmet Brinkmann ihm gar ein Gedicht. Doch auch Proust, Benn und Stefan George finden namentlich ihren Niederschlag in Brinkmanns frühen Gedichten. Es wird nur zu deutlich, dass Rolf Dieter Brinkmann sich in seinem Hass auf die bürgerliche Scheinwelt auf Vorbilder der literarischen Avantgarde bezieht. Und dennoch spürt man beim Lesen dieses Drücken in den Zeilen, die etwas anders, etwas neu machen wollen. 1960 ist eben nicht mehr 1920. In seinem „Gedicht: 1960“ legt sich Brinkmann schließlich Rechenschaft ab:

Mond Katzen Fische und Vögel
aaaaaliebe ich trotz einsteinscher Formeln
aaaaaund Kernspaltung und mir
aaaaagilt viel ein Vers von
aaaaaBo-djü-I über den Regen

Ich will auch nicht sagen
aaaaadie Welt sei schlechter geworden zu leben mit
aaaaaUKW und Frigidair, mit Mozart
aaaaaim Stereoton
aaaaaaber ich sah in den Augen
aaaaader Frauen, die ich liebe die lautlose
aaaaaFurcht geschrieben in schwarzen Lettern

In Anbetracht des Spannungsfeldes von Tradition und ihrer Überwindung ist die Frage, wie sich die alte Wut in eine neue verwandeln lässt – und wie ein trotziges Dennoch die Poesie weiterhin auch mit leisen Zwischentönen versehen darf. Noch bevor der Pop- und Underground-Diskurs seine Pforten für Rolf Dieter Brinkmann öffnet, platzt bereits der Lack der Avantgarde von seinen Gedichten ab, und genau das macht ihre Stärke aus; bisweilen mutet der zwischen Blühwilligkeit und Zerstörungssehnsucht zu lokalisierende Aufbruch Brinkmanns dabei wie ein barocker Ansatz an.
Allerdings, und das muss auch gesagt werden, sind diese Gedichte mit Anfang 20 geschrieben worden, d.h. Brinkmann war sehr jung, noch in den Fängen des Schwärmerischen, des irgendwie auch Konventionellen und er konnte an Lebenserfahrung nicht eben der Reichste sein, was bedeutet, dass manches von dem, was in den Gedichten verhandelt wird, wie aus der Konserve, also aus zweiter Hand erscheint. Verglichen mit seinen im Buch Standphotos versammelten Gedichten oder seinem berauschenden lyrischen Vermächtnis, dem Gedichtband Westwärts I & II verblassen Brinkmanns lyrische Aufbrüche. Sie lesen sich so, als würde man einen Ferrari mit angezogener Handbremse fahren. Doch ein Ferrari ist immer noch ein Ferrari. Und ein Rolf Dieter Brinkmann immer noch ein Rolf Dieter Brinkmann. Wie auch immer: Deutschland kann froh sein, so einen gehabt zu haben.

Und in der Wochenschau neulich
aaaaasah ich den Aschentod wieder lächeln
aaaaaim Mund eines japanischen Fischers
aaaaaund wußte mehr über das Grauen
aaaaaals Professoren, die
aaaaaNobelpreis erhielten

Leute wie ihr tagtäglich in Trams
aaaaaPAA und Zügen fahrt, frühmorgens und raucht
aaaaaZigaretten zwischen Paris
aaaaaund N.Y.
aaaaamißtraut dieser Gleichung
aaaaavon Masse und Gewicht

Arne Rautenberg, Volltext, Heft 6, 2010

 

Reiner Niehoff: Wütender Flaneur. Der akustische Nachlass des Dichters Rolf Dieter Brinkmann

Ihr nennt es Sprache: Rolf Dieter Brinkmann – Zum Todestag von Rolf Dieter Brinkmann lasen am 22.4.2010 Hans Christoph Buch, Matthias Göritz, Günter Herburger, Stephan Turowski in der Literaturwerkstatt Berlin. Die Moderation hatte Jan Röhnert.

Frank Schäfer: Ein totes Stinktier. Wie fühlte sich Rolf Dieter Brinkmann 1974 in Austin, Texas?

Ulrich Rüdenauer: Rolf Dieter Brinkmann: Einen Tag älter, tiefer und tot. Todesarten

 

 

Rolf Dieter Brinkmann

Bei aller rückSicht, die proInfraRotStruktur stimmt

Hündin wirft Welpe im Glas
aaaaa(Wolfschanze. Fallende Kienäppel & ich sitze im Café
aaaaaschnaube ins Taschentuch, sehe alles, höre
aaaaaalles trink alles Sag Warum??????)
Hartnäckig halten sich Gerüchte: Neo-Stil gesichtet.
„1st Minute!“                                                            „Where is it?“
aaaaa(festhalten!) Viehauftrieb geht die Fischer
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaauf dem Haff nichts an
auf der Jagd nach Hummer
wählen sie kostenlos                         FANG                                   Messer
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaab in die Feinschmeckerküchen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaElf Körbe = 10 Meter Tiefe = 1 Kilo = dreißig (30) Mark
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaS-Katalog-Service, Postfach 800869
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa21008 Hamburg Tel: 0421 – 87 41 33
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(im Speiselokal dann der dreifacher Preis)
aaaaaaaaaaich scheitere äh im Flugzeug so gern
scheitere hundert pro ZEN tick fern
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaKOMM MIT SPENDE blut beim roten Kind
aaaaaäh als Middelzeiler
aaaaaaaaaaäh als Körper  Pilot                Jäger           äh den Kopf am Erd       Ball                 der äh
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaäh was mach ich draus
Die Bahn vor der Tür                        den klappbaren Hubschrauber
in der Schublade                               den Flugplatz
Fotofolge 1 – 327 Tausend:
da bin ich da steh ich bei mir da gehe ich mit mir da bin ich hinter mir halbversteckt da bin ich nicht da fehle ich nämlich da bin ich in da bin ich out da drehe ich mich um und stoss mir den ellen-bogen da bin ich spitze da bin ich eitel da bin ich ein jahr im voraus da bin ich da und da bin ich forsch da werde ich in der weltliter-a-tur erwähnt da sprudel ich
Rotkäppchen und der Wolf? Nu da mache ich ein ganz anderes Mädchen/Märchen draus!

Peter Wawerzinek

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG + Archiv +
Internet Archive + weiteres 1 + 23
Porträtgalerie: Brigitte Friedrich Autorenfotos + Keystone-SDA

Nachrufe auf Rolf Dieter Brinkmann:

Dieter Wellershof: Alleinsein ist wie ein Gas, das ausströmt
Kölner Stadt-Anzeiger, 26./27.4.1975

Hans-Bertram Bock: Der Tod in Londons City
Nürnberger Nachrichten, 26./27.4.1975

Marcel Reich-Ranicki: Aber ein Poet war er doch
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.4.1975

Wolf Wondratschek: Er war too much für euch, Leute
Die Zeit, 13.6.1975

Günter Herburger: Des Dichters Brinkmann Tod
Die Zeit, 13.6.1975

Zum 25. Todestag des Autors:

Alex Rühle: Die Welt als Rohmaterial
Süddeutsche Zeitung, 15.4.2000

Werner Olles: Unstillbare Sehnsucht
Junge Freiheit, 21.4.2000

Zum 30. Todestag des Autors:

Peter Henning: „Ich bin ein Dichter!“
Basler Zeitung, 23.4.2005

Ulrich Rüdenauer: In ein anderes Blau
literaturkritik.de, Nr. 5, Mai 2005

Ulrich Rüdenauer: Der große Außenseiter
Deutschlandfunk, 13.4.2005

Theo Breuer: Mein Rolf Dieter Brinkmann ist eine Fiktion
titelmagazin.com, 22.4.2005

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Markus Fauser: Er war kein Urvater des Pop
literaturkritik.de, 1.4.2015

Theo Breuer: Flickenteppich · Blicke auf Brinkmann
poetenladen.de, 14.4.2015

Jens Uthoff: Der Wortvandale
die tageszeitung, 16.4.2015

Stefan Lüddemann: James Dean der deutschen Literatur?
Neue Osnabrücker Zeitung, 15.4.2015

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Gerhard Henschel: Träume von Grünkohl
junge Welt, 16.4.2020

Sascha Seiler: Die Tiere sind unruhig!
literaturkritik.de, 16.4.2020

 

Rolf Dieter Brinkmann – Keiner weiß mehr. Ein Porträt.

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