Ron Winkler: Angeregt von Daniel Falbs „wäre der staub massiv“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Angeregt von Daniel Falbs Gedicht „wäre der staub massiv“ aus dem Gedichtband Daniel Falb: Bancor. −

 

 

 

 

DANIEL FALB

* * *

wäre der staub massiv, ………………………………………………………………………………..
……………………………… hätte man es mit rauen, vergrößerten oberflächen zu tun.

wäre die luft trocken, man würde gleichwohl unbewegt schwitzen. ……………….

………………………………………………………………………………… was brachte uns dazu,
stundenlang in unbequemen körperhaltungen auszuharren, ……………………….
………………………………………………………………… als ergäbe das bereits eine gischt.

die stadtguerilla beatmen. ……………………………………………………………………………

……… aber du zögertest, bei jedem anhalten blieb eine skulptur von dir zurück,
lindenholz und tickend. ………………………………………………………………………………

…………………………………………………………… ein wald von stellungen des körpers.

fermaten, wenn die zeit lief, die sich vor allem kräuselte, ……………………………..
…………………………………………………………………………………. wenn man zurücksah.

so, continue. ……………………………………………………………………………………………….

……………………………………………………………………… wir gingen zum pool hinunter,
hatten das gefühl, das wasser sei vollkommen transparent. ………………………….

…………………………………………………………………………………….. das becken war leer.

die infrastruktur schien immer schon vorher da zu sein, sich unterirdisch
………………………… fortzubewegen, horizontale wurzeln und flüchtende, schien
zu warten. …………………………………………………………………………………………………..

………………………………………………………………………………………………….. hier nicht.

wenn also die felder elektrische waren und flüssig ………………………………………..
……………………………………………… neben und jenseits der leitungen, badeten wir,
naked but hooded, und wanderten wenig. …………………………………………………….

……………………………………………………………………………. landschaften aus decken,
die verknäulten und irgendwann vielleicht angezogen werden könnten. ……….

……………………… versteut herumstehende korrespondenten und ihre beleuchter.

wir hatten uns warmes licht vorgestellt, ……………………………………………………….
………………………………………………………. dieses war gleißend und mikroskopisch.

als könnte man töne sehen. ………………………………………………………………………….

……………………. feinporige decken als markierung dessen, was vorgefallen war.

dass man fauna und skyline leise drückend und faltend umgestalten konnte,
die erhalten blieben, nur zerknittert. ……………………………………………………………

……………………………………………………………………………………………… so, continue.

im nervenkostüm die winzigen poren und nachrichtenkanäle. …………………….

…………………………………………………………. die augen, die nasen der information.

das subversive make-up ihrer gesichter. ……………………………………………………….

……………………………… die natürlicher und grauer wurden mit dem hintergrund,
über der baumgrenze. …………………………………………………………………………………..

…………………………………………………………….. der sich zusammenschob wie alpen.

 

In Diagnostik verträumt

I
Diesen Text nur zum, nur als Beispiel. +++ Was gibt er uns? +++ Merkwürdige, aber jeweils absolut triftig erscheinende Wahrnehmungen [Flirrfakten, Irrsinnsknäuel]. Solide Sachverhalte aus einem [hiesigen] urbanen Kontext. Gekoppelt. Maßgaben an sich selbst. +++ In etwa so: +++ kompakte wohnblocks unserer motive, aus denen jetzt gruppen unreifer schulkinder auf die straße traten. einfach die ernte überleben. Wir haben verabschiedungsreife, haben Irrtumsresistenz. +++ Ticks und Finten. Wissensüberschüsse. Syllogismen. +++ Tableaus, an denen man ablesen kann, dass die politischen systeme genau hier sind. Und wie sie es sind. +++ wir nannten das hier unsere provisorische unterkunft. +++ Das Wir, das irgendwer ist in einem Hier, das es so nicht gibt. +++ In einem Gedicht in der knautschzone umherschweifen genannt. +++ das hier kam nicht vor, heißt es in die räumung dieser parks. +++ Das Hier. Das hier. Die Gleichzeitigkeit nicht des Ungleichzeitigen, sondern des nicht unbedingt Gleichzeitigen.

II
Nein, dieses eine taktgebende Gedicht gibt es nicht. Und das ist wunderbar. Gut, nicht an ein bestimmtes Hier gehaftet zu sein. Poesie kommt bei mir in Form von Infusionen an. Hier ein Moment literale Protuberanz, dort ein Atemzug Klang. Sequenzielle Engramme mit der Korona eines größeren Zusammenhangs. Das können Redundanzen sein, Stellen, um die herum Markanteres verpufft. wäre der Staub ,hier‘ massiv ist so ein Moment. Ist so eine unauffällige Rückführungsknospe, die mich gelegentlich ihrem Text wieder nähern lässt. Ihren Auffälligkeiten, ihren Unauffälligkeiten, ihrer Gischt.
wäre der Staub massiv ist bereits ein Gedicht. Für mich. Ein Attraktor, der neu auf vermeintlich vertraute Fährten lockt. Hin zu den krakischen Feldforschungen, die der Autor betreibt. Oder jemand unter seiner Regie. Und: den Sätzen zuhören in ihrer parataktischen Hierarchie. Systole, Diastole. Als seien sie nicht aufeinander bezogen. als könnte man töne sehen.
In die ich mich verliebt habe, Haltungen und Protagonisten, da sie doch so schön seltsam sind. Die – das wollte ich nicht – das nicht wollten, was sie tun, taten, sind. Chronisch hypertroph, so kommt es bei mir an, und daher manisch, aber eher manisch als Spielart von gesund. Es muss analysiert werden, wo analysiert werden kann. Gegen die eigene Unsicherheit, -kenntnis, -pässlichkeit. als ergäbe das bereits ein Tonikum gegen die Furcht vor einem Un-Sein. Im Grunde ist man ja staksig, leicht finden sich Verhaltensweisen ins Irrationale gelenkt.
Und rundherum nicht verwertbare Artefakte. Seien es flüchtende, sei es der ungestalte Schweif einer Begebenheit: bei jedem anhalten blieb eine skulptur von dir zurück. Oder wie weit auseinandergezerrt alles ist, wie elliptisch bestückt die Platine, die man für alles hält. Und man selbst hält sich für eingeschlämmt in eine leptosome Haltung. Doch hält sich.
Hält sich, weil man hofft: auf ein bisschen indefinites Zwischenheil. eine gischt. Einen Panzer aus metaphysischem Schaum. Einen Panzer vielleicht gegen aus hehren Absichten resultierende hehre Fehler. was brachte uns dazu.
„Uns“ – das Objekt eines Wir. In diesen Texten wie durch die Gegend geflippert. Erratisch, aber nicht unverschränkt. Wir folgen ihm. Folgen uns. Im Gottesmodus. In einem verzerrt verdichteten Hier. Folgen dem Akteur „ich“ und den indefinitpronominal gesteuerten Szenen. als könnte man töne sehen. Als könnte man die stadtguerilla beatmen.
Tourette, Spatium, Füllhandlung. Unfälle und Routinen. Unfallroutinen. Diese ,glitches‘ betrachten (indem man sie erlebt), sie meinetwegen (dadurch) beatmen. Und dem Ich, diesem Wir, zuschauen, wie es sich im gefiederten seelenwagen (fort)bewegt. Als Fracht, normalverteilt.
Das Interessante an Falbs Gedichten ist auch die Blöße ihrer Akteure: der assistenten und levellers, korrespondenten, bodyguards und herausgelösten gruppen und anderen, die als maskottchen vorangingen. Protagonisten in der rolle von protagonisten. Unsicher, aber interessiert. Und sei es daran, sich des eigenen Tuns permanent rückversichern zu müssen. Aufzuräumen. Die tägliche Arbeit am Epidemischen. An der Verschmiertheit von Körper und Landschaft [Früher: ganz bedeckt sein // mit bewegung. Oder: der landstrich über deinen augen. Oder ein schutzanzug, / der horizont war. Jetzt: im nervenkostüm die winzigen poren und nachrichtenkanäle.]

III
Dieses Gedicht. Oder zwei drei andere. Die sofort mein Einverständnis haben. Ohr und Herz. Irgendwas ruft nach irgendwelchen Fittichen. Nach einer Compafiero-Cartoonologie.
Ich bin da gern, gerne da, zwischen den sozioskripten Sequenzen zwischen Erkenntnishandbuch und Märchen. Auch weil in der poetischen Psyche dieser edichte einkalkuliert ist, dass nicht alles einkalkuliert werden muss. Und dass enau das Endorphine freisetzt. Volten. Oder sublime Trüffel, die man immer wieder aufs Neue finden kann.

IV
Es gibt eine Aufnahme. +++ Berlin 2005. Roter Salon der Volksbühne. Neue Literatur und neue Musik +++ Noch beginnt das Gedicht so: wäre der Staub hier massiv +++ 2:38 Minuten +++ Räuspern, Publikum, Stimme. +++ Seitdem diverse Doppelklicks.

Ron Winkler

Der schlechtere Text

Die Praxis des Schreibens lyrischer Texte ist von dem Problem betroffen, dass man sinnvoll nur weiterschreiben kann, wenn es einem gelingt, die Hoffnung zu haben, der nächste Text werde besser als der zuletzt geschriebene sein. Man hat es dabei mit einer einparametrigen Anordnung zu tun, die sich von Schreibpraktiken anderer Genres durchaus unterscheidet: der Essayist muss, um weiterschreiben zu können, nicht „besser werden“. Er wählt sich einfach das nächste Thema. Der Unterschied scheint darin zu liegen, dass sein nächstes Essay hervorragend sein kann, ohne notwendig das Essay als solches „neu erfinden“ zu müssen. Das ist aber beim lyrischen Text, und in gewissem Umfang wohl auch in der erzählenden Prosa, genau der Fall. Man sieht sich aufgefordert, irgendwie die – überfordernde und lächerliche – Hoffnung aufbringen, im Schreiben des nächsten Gedichts das Gedicht neu zu erfinden.
Diese Situation führt zu einer strukturellen Entwertung bereits geschriebener Gedichte. Wären sie bereits gut, nämlich das Beste, was man zu geben hat, wäre es völlig sinnlos, zukünftig bloß mehr davon zu produzieren, also immer neue Sujets, oder nicht mal das, durch die immer gleiche, weil schon perfekte Sprachmaschine laufen zu lassen. Damit man weiterschreiben kann, müssen die schon geschriebenen Gedichte vielmehr defizitär sein.
Der von Ron beispielhaft ausgewählte Text ist Anfang 2005 entstanden. Ich erinnere ihn, zusammen mit einer kleinen Gruppe anderer, als dezidierte Abkehr von den in der RÄUMUNG DIESER PARKS kompilierten frühen Texten. Es ging mir sehr darum, mich von der eher situativen Anlage dieser frühen Texte abzuheben, das Durchscheinen von Konkretion im Text zu unterbinden, abstraktere Tableaus zu generieren. Der Text war ursprünglich, mit Ziffern versehen, wie die Paragraphen eines Gesetzestextes angeordnet: er sollte diktiert sein, wie man jemanden unter sein Gesetz zwingt. Diese Anmutung ist in der späteren Setzung verloren gegangen.
Was ich heute an diesem und allen Texten aus der Zeit als defizitär erleben muss, ist zunächst ein falsches und hingenommenes Verständnis von Zeitgenossenschaft. Ich war, und bin immer noch, besessen von Logistik, präzedenzlosen Technologien, elektronischen Medien. Aber zu glauben, man könnte einem Text Zeitgenossenschaft verschaffen, indem man diese Dinge bloß hineinschreibt, ist ein Irrtum. Ebenso wenig reicht es in Sachen formaler Zeitgenossenschaft, bei Lesern etwa den Eindruck zu erzeugen, der Text sei ein Display oder Börsenticker. Man verkennt dabei schlicht, dass ein Salamander, ein Amish oder ein Strick genauso zeitgenössisch ist wie ein avanciertes Finanzprodukt.
Ein weiterer Aspekt ist die chronische Verwendung des lyrischen „wir“. Ich suchte mit diesem „wir“ dem „ich“ zu entkommen, die einfache Sprecherposition durch ein chorisches Sprechen beliebiger Herkunft zu ersetzen, die heterogene Vielheit, als eigentliche Quelle der Sprache, unmittelbar zur Quelle der Sprache auch des Gedichts zu machen. Ich erkannte aber nicht, dass das „wir“ dazu durchaus nicht hinreicht, – weil immer die Neigung bestehen wird, ein „wir“ als homogen zu erwarten und also das „wir“ des lyrischen Texts als soziokulturell oder generational definiert zu lesen. Will man heterogene Vielheit in den Text bringen, muss man es anderes machen, nämlich durch Assemblages heterogener Sprechweisen, nicht durch Aufrichtung einer bloß pro forma vielstimmigen Sprecherposition.
Dazu gehört dann auch die Auflockerung der Parataxe. Die Parataxe war mir immer wichtig, weil sie die dezidiert modulare Komposition von Texten erlaubt, als Kompositionsverfahren Texten sozusagen ein Exoskelett liefert. Das Gedicht tendiert unter diesen Umständen dazu, sich zwischen den Modulen und Sätzen zu ereignen, die an ihnen selbst wie gestanzt oder sogar wie Überschriften wirken. Die Aufgabe der parataktischen Dominanz zugunsten heterogener Sprechweisen verändert dann die ganze Statik des Texts: indem man zulässt, dass das Gedicht sich in den Modulen und Sätzen ereignet, werden erst Dinge wie Weichheit, Drift, Gas, Girlande, Gleiten etc. möglich. Andererseits muss man nun ein Endoskelett erfinden, das die Komposition trägt.
Im Grunde verfehlt die Auflistung defizitärer Aspekte jedoch den entscheidenden Punkt. Und ich finde den von Ron ausgewählten Text selbst keineswegs schlecht. Vor allem gefallen mir die Oberflächen, durch harten Staub vergrößert, die gekräuselte Zeit-Oberfläche des nicht vorhandenen Wassers im Pool, die Oberfläche rauschender Felder, die elektrische sind, und eben die Landschaften aus Decken, die für mich seinerzeit auch die Struktur von Rationalität codierten: Man kann diese Decken dehnen, stauchen, zerknittern wie man will, – sie reißen nicht: kein Wahnsinn kommt unmittelbar als Unvernunft daher, sondern, wie alles, als Rationalität. Doch dieses Gefallen ist, von der Logik der strukturellen Entwertung her betrachtet, bloß ein richtiges Leben im falschen, nämlich detailhaftes Gefallen an etwas, das im Ganzen falsch ist. Die bereits geschriebenen Gedichte erscheinen als defizitär nicht in Aspekten, sondern in ihrer Weise zu Sein.
Sind aber die nach wäre der staub massiv geschriebenen Texte tatsächlich besser geworden? Nein, das hatte ich bloß gehofft. Und wird der nächste zu schreibende Text besser als der zuletzt geschriebene? Ich hoffe. Aber könnte der nächste zu schreibende Text nicht auch einfach gut werden? Das hoffe ich nicht.

Daniel Falb

Die Texte wurden entnommen aus: die horen, Heft 246, Wallstein Verlag, 2. Quartal 2012

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00