Rudolf Bussmann: Zu Ulf Stolterfohts Gedicht „erschlossener Sinn“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

− Zu Ulf Stolterfohts Gedicht „erschlossener Sinn“ aus dem Lyrikband Ulf Stolterfoht: fachsprachen XXVIII-XXXVI. −

 

 

 

 

ULF STOLTERFOHT

erschlossener Sinn

schöner tag. das obst schreit in den gärten. extreme nomen-
bewegungen über dem kopf. linz liegt erschöpft im elsass rum.
Zunge erzeugt den schnellen brüll. was tut sich noch? an und
für sich das gedachte. herrlicher tag. das liebe proletariat.
wurmnächtigung im apfel. der abschaum. und wie er uns zu

herzen geht. alles scheint heute gedreht. schöner tag. die dinge
wagen einen schrei. warum nennst du dich fahrenheit? keine
antwort. schöner tag. quitten beginnen von innen zu nässen.
schöner tag. wir stürzen durch bedeutungshöfe. schieres ver-
gessen. kein käfer fährt die zangen aus. linz liegt inzwischen

neben wels. seltsame früchte im gezweig. bitter frucht. zwingli
hängt bleich im kaum erreichten baum. wien bleibt wien. und
eine amsel tut den ruf. schöner tag. ammernschlag. der süsse
sinn erschliesst sich durch verfahren. knopf schiebt sich heister
durch ein loch. was tut sich noch? kein käfer nähert sich dem

hund. zunge macht rasches geräusch. sensengeräusch. schöner
tag. später nachmittag im juli der revolution. mit angestelltem
sprinkler. united fruit enteignen – bitte jetzt! geruch nach bir-
nen angefault. dann sanftes nomenrauschen. dann eine kleine
politische zwischenfrage: wer führte ’71 die bewegung an?

und: war das ihrer meinung nach der richtige mann? schöner
tag. leuchtet stark. kaum einmal fällt ein obst vom baum. zwingli
entsteigt dem treibenden haupt. calvin entzieht sich der boden.
darunter die keller so zwänglich / hänglich / unumgänglich. schö-
ner tag. kein käfer öffnet den schlund. vermutlich alles aufgrund.

 

Wochengedicht #72: Ulf Stolterfoht

Was in einem Tag nicht alles Platz hat! Beinahe unverständlich viel. Die Frage ist, wo man mit dem Verstehen beginnen soll. Ist im Gedicht eine Art Setting auszumachen? Ein Versuch, dieses zu bestimmen, muss zwar angesichts der vielen verschiedenen Fäden scheitern, die es durchziehen, dennoch sei er gewagt. Ort: in einem Garten unter einem Baum, wo die Ammer schlägt und die Amsel singt. Zeit: Herbst, es riecht nach angefaulten Birnen, Obst fällt vom Baum. Möglicherweise ein Kreis von Personen, vertieft in Gespräche über verschiedene Themen, aus denen Bruchstücke in den Text eingegangen zu sein scheinen.
Einer der Themenkreise berührt Politisches und Historisches, wie aus entsprechenden Gesprächsfetzen hervorgeht: „das liebe proletariat“ – „später nachmittag im juli der revolution“ – „united fruit enteignen“ – „wer führte ’71 die bewegung an? // und: war das ihrer meinung nach der richtige mann?“ Ein anderer beschäftigt sich mit Namen aus der Geografie (es werden Linz, das Elsass, Wels, Wien erwähnt), vielleicht setzt man sich mit Namen überhaupt auseinander, wozu auch Fahrenheit, Zwingli und Calvin gehörten. Ein drittes durchgehendes Thema gilt ferner der Sprache. Am Anfang ist von „nomenbewegungen“ die Rede, gegen Ende vom „nomenrauschen“, in der zweiten Strophe werden „bedeutungshöfe“ erwähnt.
Der Bedeutungshof eines Worts (einer sprachlichen Wendung) ist die Summe der Assoziationen, die es auslöst, er umfasst die möglichen Verknüpfungen zwischen dem betreffenden Wort und andern Ausdrücken innerhalb des Kontexts. Ein Bedeutungshof wird aktiviert bei einer Art Lesen, das einen Text nicht auf den strikten Informationsgehalt absucht, sich vielmehr seinen Anspielungen, seinem Kombinationsreichtum öffnet. Ulf Stolterfohts Satz „wir stürzen durch bedeutungshöfe“ drückt genau das aus, was bei einer solchen Lektüre geschieht. Sein Gedicht lädt zu einem Sturz durch Bedeutungshöfe ein, die sich berühren, sich überlagern und sich verflüchtigen, ohne mit dem, was vor ihnen und nach ihnen steht, bleibende Beziehungen eingehen zu müssen. So wie das Obst im Herbst nicht mehr fest in den Zweigen hängt, halten die Wörter und die Bedeutungen nicht mehr an ihrer gewohnten Zuordnung fest.

Calvin in Amerika
Beispielsweise  kann der Name Calvin dem Diskurs über Religion zugehören, aber ebenso auch dem Gespräch über Ortschaften – in Nordamerika gibt es ein Dutzend Orte, die diesen Namen tragen. Es sei denn, in dem Anwesen, wo sich der Dichter beim Schreiben aufhält, trüge ein Tier den Namen Zwingli („zwingli hängt bleich im kaum erreichten baum“) und ein anderes Calvin („calvin entzieht sich der boden“), andere Linz und Wels („linz liegt inzwischen neben wels“, hat sich die Katze vielleicht an einen Fisch herangemacht?).
„der süsse sinn erschliesst sich durch verfahren“, heisst es in der mittleren Strophe, der Satz klingt wie eine Einladung, den Geheimnissen des Gedichts auf die Spur zu kommen. Geht es darum, gewisse Verfahren zu entwickeln, um dem Sinn auf die Spur zu kommen? Ist es eine Anspielung auf die bewährten Methoden der Germanistik? Wenn ja, dann ist die Anspielung eine ironische, denn der Wissenschaft geht es in aller Regel nicht darum, den süssen Sinn zu gewinnen. „Süss“ verspricht einen Genuss, und den hat viel eher, wer sich beim Lesen verfährt. Diese Art «verfahren» erinnert an eine Spazierfahrt mit dem Auto, bei der die Gegend ihre Schönheiten enthüllt, sobald der Fahrer die vorgefassten Ziele aufgibt und aufmerksam für das bleibt, was sich seinen Augen bietet. Das Gedicht belohnt die auf den Zufall vertrauende Lektüre mit einer Vielzahl von unerwarteten Einblicken wie etwa dem, dass ein beharrlich geleugnetes Tier, das dreimal verbal vernichtet wird („kein käfer“) nur umso aufdringlicher die Zangen ausfährt, sich dem Hund nähert und den Schlund öffnet.

Rudolf Bussmann, TagesWoche, 26.8.2013

Fakten und Vermutungen zum Autor

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