Saint-John Perse: Anabasis Winde

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Saint-John Perse: Anabasis Winde

Perse/Schade-Lusici-Anabasis Winde

LIED

Ich zügle mein Pferd unter dem Baum voller Turteltauben, und ich pfeife ein Pfeifen so rein: was sie versprachen ihren Ufern, wird keiner halten von all diesen Strömen? (Lebendiges Laub in der Frühe erglänzt zum Bilde des Ruhmes)…

*

Und es ist nicht an dem, daß ein Mann ohne Trauer wäre, doch sich erhebend vor Tag und Umgang pflegend bedächtig mit einem alten Baum, das Kinn gestützt auf den letzten Stern, schaut er am Grunde des noch nüchternen Himmels erhaben reine Dinge, die in Entzückung sich wenden…

*

Ich zügle mein Pferd unter dem gurrenden Baum, ich pfeife ein reineres Pfeifen… Und Friede denen, wenn sie im Sterben sind, die diesen Tag nicht mehr erblickten. Doch man hat Nachricht von meinem Bruder, dem Dichter. Sehr sanfte Dinge hat er noch geschrieben. Und einigen sind sie bekannt geworden…

 

 

 

Worte zu Saint-John Perse

Über zwei der wesentlichsten Werke des Saint-John Perse soll hier versucht werden zu sprechen. Beides Dichtungen von sehr hohem Rang. Weltdichtung. Ein in seinen jüngeren Jahren geschriebenes Dichtwerk mit dem Titel Anabasis und das Spätwerk Winde. Dichtung, die, da nicht Bildungspoesie, keinerlei Erläuterung bedarf. Da ist das Werk selber das sich öffnende Tor. Wie Musik und Plastik verlangt es zu fruchtbarem Erfassen, zum Kunstgenuß keine besondere Einführung. Hören und Sehen und immer wieder Einhören und Sehen und Lesen eröffnen das künstlerische Erleben. Zu Anabasis schrieb der Dichter T.S. Eliot:

Es ist besser, ein solches Gedicht sechs mal zu lesen und sich ein Vorwort zu ersparen.

Es ist ein müßiges Unterfangen, das letzte Geheimnis der Appassionata entschleiern zu wollen, ihre künstlerische Substanz in rein logische Bezirke zu stellen, die jeweiligen Kadenzen, Dissonanzen, ihr Vorwärtsdrängen, Retardieren voll auszuinterpretieren. Das klangerzogene, musikkundige Ohr allein kann die seelische Welt der Musik erfassen. Und auf Saint-John Perse bezogen, kann nur versucht werden, anzudeuten, welche Existenzsituationen zugrunde liegen, wohl auch die Atmosphäre mitbestimmen können; wie aber die Bilder sich an alle unsere Sinne wenden, undeutbar deutbar sind; und ihr eigenes Magisch entzieht sich dem „bloßen“ Verstand.
Die Anabasis ist eine großartige Bilderfolge, aus sich selbst hervortretende Metaphernwelt, Sprache einer „planetarischen“ Dichtung. Ein existentieller Eroberungszug. Ausstrahlung eines real erlebten Aufbruchs zur Besitzergreifung von Erdenräumen. Zeitlos antik und vollgegenwärtig zugleich. Fortschreitend ein zivilisierender Wanderzug: von den Ufern östlichsten Meeres hinauf zu den Wüsten Innerasiens; vom Dichter, als er französischer Diplomat in Peking war, begangen. – Wir wissen von einer anderen Anabasis, vom Zug der zwanzigtausend Griechen aus der Verlorenheit, den Wüsteneien Kleinasiens hin zum befreienden Meer, von Xenophon besungen: ein historisches Geschehen. Saint-John Perses Dichtwerk lebt imaginär und konkret aus sich selber, entkleidet der Geschichte, des Sozialen wie alles Ideologischen. Hier sprechen weder Moral mit noch Lehre oder Beispiel. Es ist alles Dichtung, so wie textlose Musik Klangwelt ist. Im Gang der Metaphern jedoch, wobei grammatische Zwischenglieder unausgesprochen bleiben, ist spürbar, wie Reales geschieht. Rhythmen und Strahlkraft der Worte geben die Traum- und Seinsbezirke des Geschehens, unschwelgerisch komponiert zu einer geschlossenen Gestalt. Wohl in Nähe des Unbewußten, aber unter der Ordnungskühle eines stets präsenten Verstandes.
Ohne Einbezug der offiziellen Geschichte, der historischen Fakten, nicht ihre blutigen Annalen, nicht die Notwendigkeit der Systeme, wohl aber ihren Grund, das Machtstreben, das Räumefüllen, das geschichtliche Jahrhundertealte, von Traditionen gesättigt, wissend, so läßt Saint-John Perse die Eroberung von gebirgsreichen oder unerschlossenen asiatischen Wüsten wie eine Naturgesetzlichkeit im Gedicht erstehen; die klang-, die bildgewordenen geographischen wie menschlichen Landschaften leben in Saint-John Perse, Stoff seines Lebensstoffs. Doch auch ein bloßes Nennen ist da, ein Aufzählen von Dingen, von Verrichtungen, Berufen, lebensbedingt und fast lückenlos, Gründungen im einzelnen, sie weisen den Bestand der Erde, selbst unter Zerstörung, im Reinen wie im Abfall. In Neuerrichtungen von Zivilisationen, im Geschlechtlichen wie im Geistigen. Ein Werden.
Bei diesem unentwegten Anschauen, Insichaufnehmen, Weiterschreiten: Bildwerdung der Sprache. Es ist kein surreal entfesselter Hymnus auf die Gestaltungskraft der Erde. Sie selber tritt in Erscheinung. Eigenste schöpferische Logik. Kein leichter Taumel durchzieht die Verse. Hohe sinngebende Begeisterung aber für das Tun und Wirken des Menschen, sein Werk. Saint-John Perse, ihm selber eingeboren die Entdeckerfreude, die Fernsehnsucht als des Menschen schöpferischer Teil. Hier herrscht der Geist einer großen sich vollziehenden Ordnung. Ausbruch einer kreativen Seele, die ihr Fühlen, ihr Schaffen unter dem Licht hellster Himmel lebt.
Eingebettet ist alles in eine Sprachmagie, die den Atem des Kosmischen hat, des Elementaren von Landschaft, Mensch und Geschlecht. Das Darstellen ungemeiner Erlebnistiefen, die das Gelebte wie auch Reflexion in sich kristallisiert. Er, der im rastlosen Weiterziehen – wie in einem großen Staunen – die Sehnsucht nach Weite, den eroberten Boden seine wahrhafte Erde werden läßt, wie die Stifter von Zivilisationen es einst unter Lebenseinsatz getan. Mit den planetarischen Landräumen, die er in seiner Anabasis durchschreitet, ersteht aus einer für unser Empfinden unbekannten Welt eine neue Kenntnis, wird neue dichterische Heimat gegeben. Der klaren Syntax französischen Denkens und Schreibens, alt wie die Sprache Racines, jung und kühn wie die Metaphorik Rimbauds, hier ist eine neue Spracheroberung geglückt. Bildschöpfungen, in ihrer Magie der Blätterwelt eines Henri Rousseau nahe. Unterschwellig auch sind Geschöpfe und Dinge, härteste Gegensätze, zum inneren Einklang gebracht. Uns Hiesigen anvertraut durch die sensible, geist- und bildadäquate Übersetzung von Friedhelm Kemp.
Saint-John Perses Sprache stammt nicht aus Bibliotheken, nicht aus dicken Diktionären, ihr haftet keine Druckschwärze an. Sie kommt aus eigensten Erfahrungen, aus dem rätselreichen Grund innersten Lebens. Ist real und autonom, wie in diesem Augenblick geboren. Emanation gelebten Wissens. Aus dem Durchdringen und Durchdrungensein tropischer Urflora. Aus Saint-John Perses Leidenschaften für Fliegen und Reiten, dem grenzenlosen Befahren der Meere, den Einblicken in ihre Tiefen-Bereiche. Aus der Zeugungskraft der Winde, ihrem spannungsgeladenen Entstehen und Schwellen, das planetarische Gesicht verändernd. Die Wortquellen aus mannigfachen Zonen, so denen des Rechts (sein Vater war Notar), aus der durchforschten Botanik von Kindheit an, aus der Mechanik, aus dem Erleiden der Vereinigten Staaten. Aus allem ist zu schöpfen! Er handelt wie Rilke, der sagt:

Um einen Vers zu schreiben, muß man viele Städte, viele Wesen und Dinge gesehen haben.

Und immer zurück zu dem Ursprung der Dinge, so wie in der Malerei Delacroix, wie Gauguin und die frühen Griechen vor dem Perfektionismus eines Phidias. Mann und Frau als Natur-, nicht als Gesellschaftswesen. Und in den „brünstigsten“ Zeilen wittert es nach stillerer Inbrunst, lebt die große Stille eines bodenlosen Himmels. Wie ein Nomadenfürst erfährt er das Erdreich mit allen Sinnen wie das Intimste des Menschen.
Seine Liebe zu den großen Flüssen; ihren Weltzustrom teilt er mit Hölderlin. Wie dieser hat er in jungen Jahren Pindar übertragen. Das felsige Griechenland ist bei Saint John Perse das mythische Königreich sandiger Hochplateaus.
In der ungemein sich spannenden Weite und Eruptivität der Bilder ist präzise Sachlichkeit, innerste Vernunft, die das Wesentliche in adliger Zurückhaltung ausspricht: so in der Verdichtung der Meeresunendlichkeit, in Liebesbeengung, die der Schiffsraum gibt, der durch einen kosmischen Sexus von Frauen- und Männerleibern fährt, in der Umarmung entgrenzter Leidenschaft.
Keine romantische Weiterung spricht aus der Anabasis, keine Flucht ins Exotische, kein „Noa Noa“ eines Gauguin. Von Kindheit an war seine Tropeninsel elementar:

Palmen…!
Damals badete man dich in dem Grünblätter-Wasser; und das Wasser war auch grüne Sonne; die Mägde deiner Mutter, große schimmernde Mädchen, regten ihre heißen Schenkel neben dir… und das Licht damals, in reineren Taten fruchtbar, stiftete das weiße Reich, wo ich vielleicht mit schattenlosem Leibe wandelte…

Ursprünglich gibt sich ihm die Erde. Ihrem Boden verwurzelt er wie die Gewächse. Teil ihres Willens die Palme, geistig-materiell in ihrem Dauern. Pflanze Stein Mensch sind kosmisch gesehen, gefühlt. Keine provinzielle Idyllik eines dumpfen und engen Geistes. Das Erdrund Aufgabe, zu heimatlichen für alle Menschen.

Damals hatten die Männer einen ernsteren Mund, die Frauen hatten lässigere Arme… und länger über dunklerem Schatten schlugen die Lider sich auf…

So steht es in „Einer Kindheit zur Feier“. Der Gongschlag war erklungen, der später weiterhallen sollte durch alle anderen Verse. Berufend das südliche, auch geistige Licht: Preisung des Menschen, Preisung der Feste Land und der Meere, in der globalen Liebe eines Dichters, der singt.
Saint-John Perse akzeptiert wie die alten Griechen das Geschehen. In Größe und in Schwäche: Annahme des „von den Göttern“ Gegebenen. Antik. Ihm geht es nicht um moralische Bewertung, allein ums Besinnen, auf das Menschliche im rastlosen dem unentwegten Haupt, um das, was ihm immer geschah, ins Plastische, Tönende zu erheben. Als Urgrund des Seins: seine Tragödien, seine Welten-Wenden, das Inbesitznehmen der unter Frauenhänden lebenden Weiten, Höhen, Gebirge, Täler. Historie als Vollzug menschlichen Schicksal-Willens, oft unter Grausamkeiten. Dahinter jedoch das Begehren, Welt in sich aufzunehmen als Fruchtbarkeit der Seele. Schöpfertum, das nie Idylle war. Existentieller Einsatz. Wohl die Leere des geweiteten Auges mit Schönheit füllend und mit dem ungeheuren Schmerz Licht, das eindringend alles in uns eng umzirkt, Menschwerdung in einem sehr großen Strahlen, in Leid und im Lobsingen: ein unstillbares Herz.
Und – die Veränderung.

… heilverheißend ist mir dieser Boden, auf den ich mein Gesetz gegründet… An den reinen Iden des Morgens, was wissen wir vom Traume, unsrer Erstgeburt?… Und dein Gesang, o Macht, auf unseren schimmernden Straßen!… o Sucher nach Wasserstellen über der Rinde der Welt… o Finder immer anderer Gründe, aufzubrechen nach anderen Orten… Trommeln des Exils… die an den Grenzen die Ewigkeit wecken, die über den Wüsten gähnt.
Über das Kleid der Königin setzen wir unseren Fuß… Über das Kleid ihrer Tochter… ihr schreitet in einem Lande hoher Halden voller Melissen, wo man die Wäsche der Großen zum Trocknen auslegt.

Neue menschliche Gesetze. Sittlichkeit wird begründet: „Der Priester hat seine Gesetze erlassen gegen die Lust der Weiber zu den Tieren.“ Noch ist Frühzeit:

Aber sage dem Fürsten, er solle schweigen: auf einer Lanzenspitze unter uns dieser Pferdeschädel!“ Und bald des Menschen neue Ordnung: Siechenhäuser, Bibliotheken, Banken, Apotheken errichtet. Hafenarbeiten durchgeführt. „Das war gestern!… Morgen die Feste…

Sinnen und Trachten kennt kein Halt, keine Grenzen. Stadtpläne werden ausgearbeitet. Die Auguren befragt. Die Stadt gegründet. Aber die Ruhelosigkeit: das Verlangen nach neuen Erforschungen und Eroberungen. Hochebenen werden eingenommen. Und weiter Aufbruch um Aufbruch. Der Zug durch die Wüste. Jubel und Feste und Ruhe. Aber die schöpferische Unrast: weit hinaus! „… aufbrechen will ich mit den Wildgänsen…“ – „… in unseren Taten uns steigernd zum Äußersten unserer Kräfte. Und im mächtigen Willen zu Vergeudung.“ Denn reich ist die Erde, Nährpflanzen alle Hänge hinauf. Und sich berufen fühlend, Frieden zu bringen über die Grenzen hinaus, humanes Gesetz unter „erschöpften Völkerschaften, wo es die Bräuche zu erneuern… gilt“.
Wo bislang allein die Glut der Winde herrschte, ein Weiterschreiten tief in die Wüsten hinein. Wanderschaft des Menschen, sich neuer Härte, neuen Bedingungen stellend, mitten durch Überfälle, Verschwörungen, Frauenraub, durch die Geschichten, die erzählt wurden, Jahrhunderte zurück, von Geschlecht zu Geschlecht. Die Lust zum Weiter findet in der Wüste aber ein Ende. Nun eilt das Sinnen hinaus aufs Meer: ein anderes Kapitel des Menschen ist angeschlagen, sein Fahren „unter der Syntax der Blitze“.

II
Saint-John Perse, unter seinem Geburtsnamen Alexis Saint-Léger Leger durchreist er China, Korea, Japan, die Mongolei und Zentralasien. Im nordwestlichen Vorgebirge von Peking ein verlassener taoistischer Tempel. Dorthin oftmals zu Pferd. In dieser Abgeschiedenheit schreibt er die Anabasis, nach einer Expedition in die Wüste Gobi. Weitere Aufbrüche folgen: in den Malaiischen Archipel, und unter Segeln zu den polynesischen Inseln, besessen von der Vielfalt der Meere, ihrer stets andersgesichtigen Inselreiche und Küsten. So wurde er DER globale Dichter, den niemand als Poet kannte. Im Gewand des Diplomaten (welcher heutige hiesige Dichter hat die Möglichkeit?) wollte er seine Dichtwerke nicht veröffentlichen, seine Dichterfreunde mußten sie ihm entreißen.
Unter der Windrose, bei den Auf- und Untergängen der Sonne, stellt Saint-John Perse sich als eine Vagantenerscheinung der Moderne dar, ruhelos ein schweifender Geist, und dabei lebte er große entscheidende Strecken seines Lebens als seßhafter Diplomat unter seinem Geburtsnamen, sein innerstes Anliegen, die Dichtung, vor der offiziellen Welt verheimlichend. Politik als ein anderes Weltspiel. Grausam real. So als Legationsrat in Peking oder als politischer Sachverständiger für fernöstliche Fragen in Washington oder in Aristide Briands diplomatischem Kabinett von 1924 bis 1931.
Geboren 1887 auf Guadeloupe, verbrachte er seine Kindheit auf einer Schwesterinsel, Saint-Léger-les-Feuilles, später in der nahen Stadt. Oft auf den Pflanzungen der mütterlichen Verwandten, einer Zuckerrohrplantage, nahe der Bucht, wo Columbus auf seiner zweiten Fahrt gelandet war, oder auf den Höhen am Fuß des Vulkans La Soufrière, am Rand des Urwalds, auf einer Kaffee- und Kakaopflanzung. Ein buntes Völkergemisch um ihn: Neger, Asiaten, Chinesen, Japaner, Hindus, Armenier, Syrer, Kariben, die letzten Rothäute. Von den Nachbarinseln, dort ansässig gewordene Seeleute, Bretonen und Normannen. Mit elf Jahren kommt er nach Frankreich, wo er seine Gymnasialzeit in Pau beendet. Juristische, naturwissenschaftliche und philosophische Studien in Bordeaux. Häufige Ausflüge in die Pyrenäen und ins Baskenland. Besuch klinischer Vorlesungen bei einem Vorläufer Freuds. In Bordeaux schreibt er 1904 seine „Bilder für Crusoé“.
Ein unentwegtes Träumen in die Welt. Er wäre gern Seefahrer oder Naturforscher geworden. Doch sein eingeschränktes Leben (der Vater war gestorben) zwang ihn, das Studium der Rechte und der Staatswissenschaft fortzusetzen. Mit zwanzig Jahren, in den Sommerferien bei seiner Mutter in den Basses-Pyrénées, verfaßt er den Zyklus „Einer Kindheit zu Feier“, ein Lobgesang auf die Insel seiner Geburt, ihr naturhaftes Dasein. Nach den Studien Fahrten auf dem Atlantik, Reisen nach Spanien, Deutschland und England, wo er mit Joseph Conrad Freundschaft schließt. Dann begann seine diplomatische Laufbahn. Bis er 1940 von der mit Hitler sympathisierenden französischen Regierung („Die Juden werden ihren Krieg nicht bekommen!“ so die Frau des französischen Außenministers) seiner Ämter entkleidet wurde. Er geht nach New York ins Exil und arbeitet im Kontakt mit der Gaullistischen Bewegung für die Résistance. Die Gestapo hatte in Paris seinen Besitz verschleppt, darunter die Manuskripte von sieben vollendeten Werken. – Saint-John Perse ist nie wieder nach Europa zurückgekehrt.
Im Leben wie in den Werken ganz auf der Erde zuhaus, so auch in ihrem Atmen, der Lufthülle im Drehen des Erdballs: „Winde“, in diesem Gedicht will er den Menschen, die sich zumeist im Familiendasein verlieren, einkapseln oder der Enge des Berufs sich hingeben, die Öffnung ins Universale schenken, in die naturgeborene Freiheit. So lebt er, so schreibt er, der Columbus des Geistes, unter der Inspiration der Ferne. Wind-Element, seine schöpferische Unruhe, in diesem großen Wehen zwischen den Polen hin zum Äquator. Element des Befruchtens, im Meer und auf den Kontinenten, der Gräser, der Pflanzen wie der Gehirne. „Mein ganzes Leben“, schreibt er, „was anderes war es als Ausfahrt und Rückkehr. Die Zeit der großen Abenteuer der Seele.“ Nach Politik und Einsatz in den Welthändeln vernimmt er, ein Mann von sechzig, noch immer den „Schrei, den gellenden Schrei des Gottes über uns“.
Und ist betroffen von der Magie der Dinge. In einem Brief erinnert er:

Von allen Museen Europas haben nur wenige Dinge mir einen Eindruck hinterlassen: im Britischen Museum ein Kristallschädel der präkolumbianischen Sammlung.

Zeit zu Ewigkeit kristallisiert, transparent.

Im South Kensington Museum ein kleines Kinderschiff, aufgefischt von Lord Brasse mitten im Indischen Ozean.

Getrieben unter der Gottesgeißel der Winde, die auch ins Glücken treiben können. Schicksal oder Hasard?

In Moskau ein Frauenreif an der Fessel eines ausgestopften Pferdes.

Unmögliches als des Menschen Bezauberung, ihm teilhaftig in Liebe und Entgrenzen der Dinge, im Überschreiten. Magie ist überall, kann aufleuchten überall, in den Augentiefen des vom Blitz getroffenen liebenden Paares. Magie, die ihm, dem Dichter, das Geheime in den Wörtern offenbart, ihr Innesein und ein solches in den Metaphern.
Im Ansturm der Winde, wo sie sich am mächtigsten entfalten, auf Ebenen, Steppen, Wüsten, Meeren, da vernimmt er ihre Schöpfer – ihre Vernichtungskraft: ein Zusammenspiel. Auf einer Erde, noch nicht unterworfen der Ausnutzung und Verarmung, noch nicht veruntreut unter der Züchtigung einer absolut gewordenen Industrialisierung. Er kennt die Verlorenheit des heutigen Menschen, in den kriechenden Blechkadavern der Autos, in den leichenfahlen Gesichtern, aufgepuderten auf vorbeihastenden Fernsehbildern, das Gehetztsein der Passanten in Straßenschluchten, die Neonkultur der Nächte, zerrissene Nervenstränge, die Kliniküberfülle, Oberflächenreste ehemaligen Geistes an den Schläfen. Und dann die Ichbesessenheit, das grausige Habenwollen : Besitz und Macht. Dazu die lasterhafte Ungeduld, dieses Entleeren, das Verlorensein auf den Riesenflächen der Prärien, eine einsaugende Leere, die keineswegs mehr die Haut des Büffels ist, wie Neruda sie noch nannte. Die Tragödie des Aushöhlens durch bloße Zerstreuung, ohne Besinnen. Dazu die Jugend aus allem Wesenhaften gelockt und vertrieben. Die immer älter werdende Unreife. Und keine Einspruchsmacht der jugendlichen Person gegen die Autorität: Schule, Eltern, enthirnende Organisation. −
Darüber aber die sphärische Symphonie der Winde. Und das Befragen des Daseins. Des Großen, das in uns ist, jener Raum, rein wie das Meer. Und in allem ein stets neues Beginnen, mit dem Ruf: Fortgehen! „Wort des Lebendigen!“ – „Poesie, die aus dem Raum lebt“ unter der Blöße des Himmels der Sturm. Gegeben das Epos des Ganzen, des Umfassenden, das seine unerhörten Grenzen zieht. Ein Rufen ist, aus der Ferne, die Ferne, sie selber ruft… „… Witternd den Purpur… witternd die ganze Weit der Dinge… Sehr große Winde… Spürgeister über allen Fährten dieser Welt…“

Erich Arendt, Nachwort, Mai 1980

 

Der Franzose Saint-John Perse (1887–1975)

hatte schon zu Lebzeiten Weltgeltung erlangt, sein Werk nimmt in der modernen Poesie jedoch bis heute eine Sonderstellung ein. „Klassisch in der Strenge seines Stils, barock im Reichtum seines Wortschatzes, modern in der Kühnheit seiner Bilder“, so beurteilte ein Literaturwissenschaftler diese in keine Schule einzuordnende Dichtung.
Erste, für sein gesamtes Schaffen entscheidende Eindrücke empfängt Saint- John Perse (mit bürgerlichem Namen Alexis Saint-Léger Léger) an der Stätte seiner Kindheit, der Antilleninsel Guadeloupe. Mit der Übersiedlung der Familie nach Frankreich (1899) bewegt sich Légers Leben fortan in den Bahnen bürgerlicher Existenz: Schulbesuch, Studium, Eintritt in den diplomatischen Dienst. Von der Laufbahn als Diplomat und Politiker streng getrennt vollzieht sich – nach eigener Aussage – die des Dichters. Fern von konkreter Zeitbezogenheit, strebt seine Lyrik danach, Mensch und Natur, Gegenwärtiges, Vergangenes und Zukünftiges, räumlich und zeitlich voneinander getrennte Zivilisationen in einen großen übergreifenden Zusammenhang zu stellen. In dieser „universellen“ Dichtung ist der Mensch, ist die Frage nach seinen Möglichkeiten, seiner Schöpferkraft und seinem Glück stets präsent: „Aber es geht um den Menschen! Und von dem Menschen selbst, wann endlich wird von ihm die Rede sein? – Wird einer auf der Welt seine Stimme erheben?“
Erich Arendt, mit dem Werk Saint-John Perses eng vertraut, hat für die vorliegende zweisprachige Ausgabe die beiden in sich geschlossenen Dichtungen Anabasis (1924) und Winde (1946) ausgewählt.
Sie öffnen den Blick für den Reichtum und die Schönheit eines außergewöhnlichen poetischen Werkes.

Verlag Volk und Welt, Klappentext, 1981

 

Dichterische Bilanz der Jahrtausende

– Zum Werk des französischen Dichters Saint-John Perse. –

In den letzten Jahren sind wenige Ereignisse des geistigen Lebens so inhaltsschwer gewesen wie das Erscheinen des ersten Bandes der Gesamtausgabe der Dichtungen von Saint-John Perse, der vom Verlag Gallimard, Paris, unter dem Titel Œvres poétiques I in regulärer Auflage veröffentlicht wurde. So begrüßenswert und wichtig diese Veröffentlichung auch ist, man möchte sie doch fast bedauern, denn zum Wesen der Dichtung von Saint-John Perse schien eine gewisse Unzugänglichkeit und Unauffindbarkeit zu gehören. Bis 1924 und seit 1944 hatte es wohl teilweise Publikationen seiner Werke gegeben, aber entweder in sehr beschränkter Auflage oder in Zeitschriften, die wenig verbreitet waren. Unter den begünstigten Liebhabern seiner Dichtung gingen Abschriften von Hand zu Hand, aber der französische Leser, der kein Sammelglück hatte, war auf englische, deutsche oder spanische Uebersetzungen angewiesen, die oft ebenso schwer zu beschaffen waren wie das Original selbst.
Das war aus beruflichen Rücksichten zu erklären: der Diplomat Alexis Léger, enger Mitarbeiter Briands und Generalsekretär des französischen Außenministeriums, wollte und durfte als der Dichter Saint-John Perse weder gefeiert noch umstritten werden; deshalb hatte er jede Neuauflage seiner frühen Gedichte verboten. Allein, diese materielle Unzugänglichkeit entsprach dem tieferen Gesetz einer Dichtung, die zur Hauptsache die verschütteten Quellen der individuellen und kollektiven Vergangenheit freilegt. In sie ist das Leben des Kreolen, Diplomaten und Emigranten Alexis Léger eingegangen mit den zahllosen bunten Etappen wie der Kindheit auf den Antillen, der Freundschaft der Mächtigen und dem bitteren Exil. Diese Autobiographie ist jedoch undatiert, der Mensch, der sie erzählt, könnte ebenso gut zur Zeit Bernhardin de Saint-Pierres, in der Freundschaft Kublai-Khans oder als Flüchtling am Hofe Cangrandes gelebt haben. Er ist kein zeitloser, sondern ein überzeitlicher „Archetyp“.
Der Unterschied zwischen Zeitlosigkeit und Ueberzeitlichkeit gibt den Schlüssel zum Verständnis Saint-John Perses. Zeitlosigkeit heißt Abstraktion, Ausschaltung alles Konkreten, nur Zeit- und Ortsgebundenen; zeitlos ist, was keiner Zeit angehört. Seine Dichtung hingegen mutet wie ein sprachliches Völkerkundemuseum an: sie prunkt mit verschollenen Wörtern, die seit Generationen dem Sprachbewußtsein entglitten waren; Wörter, die dem Vokabular seltener Handwerke und Wissenschaften angehören, die auf entlegene Zeiten, Ereignisse und Kulturen anspielen, auf die Institutionen der venezianischen Kolonien oder die Gebräuche mongolischer Stämme, auf die tropische Pflanzenwelt, die Urzeiten der Erdgeschichte. Sie umspannt alle Orte und Zeiten, vom „Erscheinen der großen Fossilien in triefenden Mergeln“ bis zum modernen New York mit „seinem Gedränge von frischen Jungfrauen um das neue Jahr“. Sie bietet dem Leser eine Enzyklopädie aller Absonderlichkeiten der Erd- und Weltgeschichte.
Diese Enzyklopädie ist aber kein toter Katalog. Die sonderbaren Gebräuche und Berufe, Wesen und Erscheinungen, die sie verzeichnet, sind lebendig und wachsen zu einer mythischen Welt zusammen. Saint-John Perse ist nicht der Hüter eines verstaubten Weltarchivs, sondern ein Marco Polo der Phantasie. Die Welt, von der er spricht, vereint alle extremen Gegensätze und faßt sie zusammen um Meere, Sandwüsten und Urwald. Aus seinen unendlichen Aufzählungen entsteht das majestätische Bild einer Gesellschaft von verschollenen Berufen und Aemtern, deren Seltsamkeit ihnen priesterliche Würde verleiht, einer Gesellschaft, deren rätselhafte Gesetze aus uralten heiligen Büchern zu stammen scheinen und deren große Schicksalsstunden: Völkerwanderungen, Eroberungszüge, Revolutionen dem gleichen zyklischen Rhythmus gehorchen, wie die Naturgewalten. Aus Bruchstücken unserer Welt, der Menschheit und ihrer Geschichte hat Saint-John Perse eine surreale Welt mit einer eigenen übermenschlichen Menschheit und überhistorischen Geschichte erschaffen; eine in sich abgeschlossene Welt, in der alles groß, herrlich und heilig ist.
Aber diese surreale Welt ist keine Traumwelt, keine rückwärts gekehrte Utopie, keine Flucht vor unserer Wirklichkeit, sondern ein Gleichnis für sie. Saint-John Perse ist kein bloßer Sammler von natur- und sprachhistorischen Raritäten, auch kein Epiker des historischen Werdens, sondern ein Lyriker des Gedächtnisses. Alles ist schon tausendmal dagewesen: ich, Alexis Léger, Dichter und Emigrant in Washington, schmachtete schon im Exil am Hofe der Scaliger und hieß Dante – vor nochmals mehr als tausend Jahren lebte ich in der Verbannung eines thrakischen Dorfes und nannte mich Ovid. Bei jeder unserer Taten verkörpern wir ewige Archetypen, auf jedem von uns lasten tausendjährige unbewußte Erinnerungen. Jeder von uns ist also eins mit dem Entlegensten und Vergessensten, alles Gewesene wird in unserem Gedächtnis zur gegebenen Zeit wieder gegenwärtig; die Geschichte führt in gleichsam liturgischen Wiederholungen um einen unerreichbaren Anbeginn. Saint-John Perse ist der Dichter dieser Zusammengehörigkeit alles Zeitlichen und Ueberzeitlichen, der Allgegenwart alles Gewesenen und noch zu Geschehenden. Er erhebt sich zum lyrischen Fürsprecher der ersten menschlichen Generation, die ihre Vergangenheit ganz überblicken kann und nach dem Wort Malraux „als erste das gesamte Erbe der Menschheit anzutreten und zu übernehmen hat“. Diese Fülle von Wissen und Erinnerungen ist eine erdrückende Last, die man lieber ablegen möchte; so drängt es den Dichter des weit- und zeitumfassenden Gedächtnisses oft nach dem Vergessen; er sehnt sich nach einem neuen, erinnerungsfreien Beginn.

Reinigt, ihr Regen, reinigt die Geschichte der Völker an den hohen Tafeln des Gedächtnisses… reinigt im Herzen der Menschen die schönsten Aussprüche der Menschen.

Nicht zufällig hat das Vorwort zur ersten deutschen Uebersetzung Saint-John Perses Hugo von Hofmannsthal geschrieben. Man spürt die geistige Verwandtschaft der beiden sich aussprechen in den Versen des Gedichts „Manche freilich…“, die von Erinnerung so vollgesogen:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern.

Das Wissen der modernen Menschen um ihre Vergangenheit ist ein Wissen um die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit ihrer Schöpfungen, gleichzeitig indes um deren unvergängliche, überzeitliche Größe. Das ist der Grund, weshalb, selbst im Ausdruck des Verzagens, bei Saint-John Perse kein Wort so häufig wiederkehrt wie „groß“, „hoch“ und „schön“: durch die Feierlichkeit der Sprache überwindet er die Angst vor der Last der Allwissenheit.
Neue Erkenntnisse wirken tödlich, wenn sie nicht befruchten. Die Entdeckung der Steinhöhlenfresken und der aztekischen Götzenbilder hätte die europäische Kunst vergiften können, wäre sie nicht in Picassos Schöpfungen aufgenommen und verarbeitet worden. Saint-John Perse erfüllt auf dem Gebiet der Dichtung die gleiche Funktion wie Picasso auf demjenigen der bildenden Kunst: er hat das Erbe aller Zeiten und Erdteile übernommen und setzt es um zu einer neuen Schöpfung. Deshalb ist er notwendig wie kaum ein zweiter, als der Verkünder des Eins-Seins jedes Menschen mit allem, was ist und war. So zieht er die dichterische Bilanz der Jahrtausende menschlicher Kultur und erweckt in uns das Bewußtsein eines über Zeiten und Räume hinwegreichenden, unbezwinglichen Humanismus.

Georg Schlocker, Die Tat, 30.10.1954

 

 

Saint-John Perse: Nobelpreisrede vom 10.12.1960

Pierre Imhasly: Begegnung mit Saint-John Perse
DU, Heft 9, September 1968

Fritz Arnold: Saint-John Perse
Merkur, Heft 119, Januar 1958

 

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Zum 80. Geburtstag des Autors:

Otto Heuschele: Saint-John Perse
Die Tat, 27.5.1967

Zum 85. Geburtstag des Autors:

Jean Amery: Ein lebender Mythos
Die Tat, 27.5.1972

Fakten und Vermutungen zum AutorInternet Archive + Kalliope
Porträtgalerie: Keystone-SDA
Nachruf auf Saint-John Perse: Die Tat

 

Saint-John Perse: „Un siècle d’écrivains“, Nummer 70, ausgestrahlt am 3. Mai 1996 in Frankreich unter der Regie von Jean-Denis Bonan und Jean-Paul Brighelli.

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