Sarah Kirsch: Rückenwind

Kirsch/Wolff-Rückenwind

RÜCKENWIND

Wie er mich jagt, sein Schrei
Mich vorwärts trägt fünfundzwanzig
Windsbräute in der Sekunde
Den ganzen Tag, am Abend, und in die Nacht.
Ich komme zur Welt ich singe vor ihm
Jubel und Lachen: die Finger
Des himmlischen Kinds auf meiner Schulter.
Und hör ich die Stimme des Einen
Von großer Schönheit
Dreht sich der Gegenwind, ich fliege
Und immer zu dir
Klopfendesherz wie das Haus schwankt

 

 

 

Sarah Kirsch: Rückenwind

Allein schon aufgrund solcher sublimen, ursprünglichen Gedichte wie „Der Milchmann Schäuffele“ und „Bei den weißen Stiefmütterchen“ muß man Sarah Kirsch zu den größten Lyrikern des deutschen Sprachraums rechnen. Ihre Gedichte laden, und wie selten ist das eigentlich, zu immer wiederholter Lektüre ein und faszinieren in steigendem Maße. Um ein solches Talent konnte man die DDR ruhig beneiden. Diese hat aber, wie sich in unseren Tagen zeigt, kein Auge für solche Geschenke des Himmels: Im Widerstreit von Menschlichkeit und Parteiinteresse stand der Ausgang von vornherein fest.
Der Rezensent ist einigermaßen in Verlegenheit, wenn er aus dem vorliegenden Band zitieren will, weil sich soviel dankbare Beispiele anbieten. Mit Nachdruck meldet sich aber die entzückende Suite von elf Gedichten „Wiepersdorf“, der ein Vierzeiler mottohaft vorangestellt ist:

Hier ist das Versmaß elegisch
Das Tempus Praeteritum
Eine hübsche blaßrosa Melancholia
Durch die geschorenen Hecken gewebt

Mit hölderlinscher Diktion klingt in der friedlichen ländlichen Szene die ,Melancholia‘ an:

aaaaaaaaaaaaaaa… Was bin ich
Inzwischen umhergefahren. Und eifrig
War ich bemüht, Apollon zu fassen und gleichfalls
Ein hübsch klopfendes menschliches Herze erbeuten –
Vergebens. Deshalb
Hab ich nur mich, einen winzigen Knaben und die sich mehrende
Anzahl der Jahre und hin und wieder
Schön schwimmendes Wolkengetier

Gewalt und Krieg, Tod und Verderben tauchen aber auch in dieser Idylle auf und werden nicht ohne einen Schuß Sarkasmus registriert:

Der Mensch ist hier gut, das Geld stimmt immer:
Hier rollen nur gegen Morgen um vier
Drei Stunden Panzer vorbei und die Landschaft
Sieht am Tage verwunschen aus. Wo ein Weg war
Jetzt eine Schlucht. Schwarze Bauersfrauen auf Rädern
Rufen: es muß
Abwechslung geben.

Wo ich nach Seifenlappen frage im Konsum erfahr ich
Ein Haus und zwei Mann überfahren, es war
Eine mondlose Nacht.

Anlehnend an die historische Tatsache, daß Achim von Arnim und Bettina von Brentano viele Jahre ihrer Ehe auf dem Gut Wiepersdorf wohnten, drücken folgende Zeilen wohl auch eine Bezogenheit auf die gegebene politische Lage in der DDR aus:

Dieser Abend, Bettina, es ist
Alles beim alten. Immer
Sind wir allein, wenn wir den Königen schreiben
Denen des Herzens und jenen
Des Staats. Und noch
Erschrickt unser Herz
Wenn auf der anderen Seite des Hauses
Ein Wagen zu hören ist.

Aber auch von dieser herrlichen Suite abgesehen, enthält der Gedichtband, der mit den Graphiken von Willy Wolff auf adäquate Weise illustriert wurde, noch manch entzückendes Gedicht. So darf zumindest der Einsatz von „Im Juni“ dem Leser nicht vorenthalten bleiben:

Gott mit uns! Der Herr Pastor
Sah Rübezahl ähnlich und fuhr wie der Teufel.
Überholte die vornehmsten Wagen, indem er
Sich an die Stoßstangen hängte und wild übersprang.
Weißen Haares glaubte ich die Stadt zu erreichen, da begann
Die Gegend lieblich zu werden; manche Allee
Aus Linden Kastanien, ein und der andere Weiher
Zeigten sich her; die blaue Chaussee
Ward ein buckliges hüpfendes Schlänglein.
Wie leicht mir der Mut war. Ich grüßte ein schönes
Zwiefarbnes Pferd auf der Weide, mein Kind
Zählte an fünfhundert Bäume…

Unselig das Land, in dem eine unnachahmbare Stimme schweigen mußte. Wie aber wird dieses Talent, entwurzelt, sich in der gefrorenen Freiheit des kapitalistischen Westens entfalten? Wird es gedeihen können?

Johannes Maassen, Deutsche Bücher, Heft 3, 1977

„Am Himmel ordnen sich Vögel / und nachts die Sterne.“

– Ein (un)friedliches Bilderbuch. –

Ein poetisches Bild: das ging mir
Plötzlich wie Honig ein: die Linden
Fingen zu blühn an und ich hatte gesehn
Dass die Bäume Ähnlichkeit haben mit Mädchen
Blondhaarigen, die Strähnen rötlich
Leichthin gelockt.

Ein Moment, in dem aus Bäumen Mädchen werden, in dem die Imagination eine zweite Welt erschafft, ohne die erste deswegen auszugrenzen, da sie ja der Rückenwind, dass Trampolin für diese zweite ist.
Sarah Kirschs letzter Gedichtband (von dreien) den sie in der DDR veröffentlichte, hat etwas von der Ruhe vor dem Sturm. In sich zurückgezogen verarbeitet sie in ländlichen Umgebungen die Trennung von ihrem Geliebten Christoph Meckel. Abgesehen von einer paar langen, sehr ausdrucksstarken Gedichten, enthält der Band hauptsächlich kurze Eindrucksskizzen/-märchen und Beobachtungen.

Die Fuchsroten Felder
Haben Licht vom Abendstern.
Das Uhrenherz treibt seine Zeiger vor.
Pelargonien in bunten Töpfen
Ziehn Licht auf die Dielen, es flog
Ein dunkler Vogel übers Haus.

Beinahe friedlich erscheinen diese in mattes Licht und Schatten getauchten Illuminationen, wie kleine Poesiekästchen, ausgeschnitten aus einem großen Bilderbuch, von dem nur ein schmaler Ausdruck zurückbleibt. Etwas unterbewusst Wartendes schwingt mit, eine fast kindliche und doch sehr deutliche Ahnung von den Dingen, die kommen werden oder zumindest ihre Möglichkeiten am Horizont zusammenziehen und von den Dingen, die geschehen, irgendwo zwischen Zeit und Raum.
Darin immer wieder der letztendliche Rückzug aus den Sprachlichtern in das eigene selbst, das schreibt:

Dieser Abend, Bettina, es ist
Alles beim alten. Immer
Sind wir allein wenn wir den Königen schreiben
Denen des Herzens und jenen
Des Staates.

Welch eine grandiose Formulierung für das Dichtersein und doch eigentlich gar nicht tauglich als Definition, was ein Zug alles Schönen und Eingebenden ist. Einige solcher Zeilen lassen sich finden zwischen den Fluchtmärchen, den Nebenbeierzählungen und den Gedanken an Liebe und Sehnsucht, in die Bilder versperrt:

Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht
Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel

Deine Augen
Jagen mir das Herz auf die Zunge

Insgesamt ist Sarah Kirchs dritter Gedichtband auch heute noch eine echte Entdeckung, auch wenn ein seltsames Schicksal, noch immer nicht eingetreten, über ihm schwebt und ihn zeitlos und vergessen anmuten lässt. Man muss wirklich ganz genau hinsehen, die Hauptsachen, die Nebensachen einklappen und sich vollends auf die poetische Aussage der Gedichte, ihren inneren Zusammenhalt und Ausgangspunkt und nicht auf ihre Abfolgen konzentrieren. Dann erkennt man eher die große Leistung der genau umrahmten Zeilen und findet ihrer Tiefe einen Film, den man vor dem geistigen Auge Revue passieren lassen.

Im Himmel wurden wohl Kirchen gesprengt,
der Donner
Fraß Echo und Blitze
Fielen Poliert und Verbogen, Sturm
Kämmte das Ufer, es rieselte Ästlein,
wir sprachen:
Das will nun runter! und traten ins Haus.

Sarah Kirsch ist in ihren frühen Gedichten immer zwischen dem Land der einfachen Farben und der komplexen Gefühle hin und her gegangen und hat einiges aus beidem gemacht. Vielleicht ist dieses Werk tatsächlich der Höhepunkt dieses Versuches. Zumindest ist eine grandiose kleine Lektüre!

Timo Brandt, amazon.de, 7.12.2012

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Rolf Michaelis: Windsbraut Hoffnung. Die trotzigen Elegien einer nicht volkseigenen Dichterin
Die Zeit, 11.3.1977

Rolf Politzer: Die weiße Zauberkunst der Sarah Kirsch
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.3.1977

Sigrid Damm: Sarah Kirsch: Rückenwind
Weimarer Beiträge, Heft 3, 1977

Peter von Becker: Das Herz auf der Zunge
Süddeutsche Zeitung, 30.3.1977

Klaus Seehafer: Rückenwind
Neue Deutsche Hefte, Heft 2, 1977

Timo Brandt: Sarah Kirschs frühe Lyrik 1967–1976
babelsprech.org, 22.2.2014

 

Andrea Marggraf: Ein Besuch bei Sarah Kirsch

 

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Beitrag zum 60. Geburtstag der Autorin:

Jens Jessen: Nur die Landschaften im Gedächtnis
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.4.1995

Beiträge zum 65. Geburtstag der Autorin:

Jürgen P. Wallmann: Verspielte Vi­sion
Rheinische Post, 14.4.2000

Heinz Ludwig Arnold: Ein paar Abgründe überwinden
Frankfurter Rundschau, 15.4.2000

Peter Mohr: Meine schönsten Akwareller sint weck
General-Anzeiger, Bonn, 15./16.4.2000

Jürgen Israel: Das Herz hat einen Riss
Unsere Kirche, 16.4.2000

Horst H. Lehmann: Bibliophile Werkausgabe auf Büttenpapier
Neues Deutschland, 17.4.2000

Hans Joachim Schädlich: Sarah. Ein Geburtstagsgruß
Neue Rundschau, Heft 3, 2000

Beiträge zum 70. Geburtstag der Autorin:

Marion Poschmann/ Iris Radisch: Man muss demütig und einfach sein. Gespräch
Die Zeit, 14.4.2005

Michael Braun: Landschaften mit Endzeit-Boten
Basler Zeitung, 15.4.2005
Unter dem Titel Idyllische Apokalypse
Stuttgarter Zeitung, 15.4.2005

Helmut Böttiger: Hier ist das Versmaß elegisch
Badische Zeitung, 16.4.2005

Michael Braun: Die Schmerzzeitlose
Der Tagesspiegel, 16.4.2005

Christian Eger: Unter dem Flug des Bussards
Mitteldeutsche Zeitung, 16.4.2005

Alexander Kluy: Den Himmel vergleichen
Frankfurter Rundschau, 16.4.2005

Dorothea von Törne: Schütteln und weiterleben
Literarische Welt, 16.4.2005

Gunnar Decker: Fisch, der am Grund lebt
Neues Deutschland, 16./17.4.2005

Samuel Moser: Verse vom Rand der Welt
Neue Zürcher Zeitung, 16./17.4.2005

Hans-Herbert Räkel: Ein Elefant muss über die Alpen
Süddeutsche Zeitung, 16./17.4.2005

Sabine Rohlf: Läuse bei Mäusen in der Umgebung von Halle
Berliner Zeitung, 16./17.4.2005

Beiträge zum 75. Geburtstag der Autorin:

Andrea Marggraf: „Bevor ich stürze, bin ich weiter“
Deutschlandradio Kultur, 13.4.2010

Erich Malezke: Natürliche Distanz zur Außenwelt
SHZ, 15.4.2010

Jürgen Verdofsky: Remmidemmi in Tielenhemmi
Frankfurter Rundschau, 15.4.2010

Wilfried F. Schoeller: Hier bin ich gern und immerdar
Der Tagesspiegel, 15.4.2010

Sarah Kirsch zum 75. Geburtstag
Thüringer Allgemeine, 16.4.2010

Rebekka Haubold: Sarah Kirsch feiert 75. Geburtstag
Radio für Kopfhörer, 16.4.2010

Gunnar Decker: Pirol unter Krähen
Neues Deutschland, 16.4.2010

Brita Janssen: Sarah Kirsch zum 75. Geburtstag
BZ, 16.4.2010

Peter Mohr: Meine Naivität war mein Glück
literaturkritik.de, Mai 2010

Michael Braun: „Alles ist auffindbar in meinen Spuren“
Konrad Adenauer Stiftung, April 2010

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Wulf Kirsten: Rede auf Sarah Kirsch zur Verleihung der Ehrengabe der Heine-Gesellschaft 1992.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Archiv
DAS&D + Georg-Büchner-Preis und weiteres
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Autorenarchiv Susanne Schleyer
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