Silke Scheuermann: Zu Volker Sielaffs Gedicht „Exerzitien des Alltags“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Volker Sielaffs Gedicht „Exerzitien des Alltags“ aus Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg

 

 

 

 

VOLKER SIELAFF

Exerzitien des Alltags

Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt
auf eine Frau zu warten, ich hatte lange
nicht mehr auf jemanden gewartet, so dass
mir das Warten jetzt wie eine Gnade erschien

ein undefinierbarer Akt, der seine Einlösung
hinausschob. Das war das Leben:
einer – gerade geboren – streckte seine Hand aus,
was er greifen wollte, konnten wir nicht genau erkennen

aber die Geste war eindeutig, – und mehr als das.
Die Rede ist von einer Art Schwingtür.
Die Frau tritt ein und alles könnte bereits vorbei sein,
wäre das jetzt nicht – der Anfang.

 

Übungen in Gelassenheit

Wir erfahren in diesem Gedicht gleich am Anfang, dass ein Mann auf eine Frau wartet, und zwar – und dies ist das Entscheidende – gern. Das ist ungewöhnlich, verbindet man „Warten“ doch gemeinhin mit verschwendeter Zeit; und wenn das Eintreffen des Erwarteten oder des Versprochenen, nämlich der Moment des endgültigen Besitzes oder der endgültigen Ankunft, sich, subjektiv empfunden, allzu lange hinauszögert, spricht man gar von „Leiden“.
Doch was passiert in diesen drei Strophen zu jeweils vier Zeilen? Der in Dresden lebende Dichter Volker Sielaff beschreibt jene Minuten oder Stunden, die sich, anscheinend nutzlos, zwischen zwei Ereignissen erstrecken, nicht als unruhige oder ängstlich erlebte Übergangsphase, sondern als ganz und gar positiv. Nicht allein mit Hoffnung, sondern sogar mit Zuversicht sieht der Wartende der Frau und dem, was kommt, entgegen. Dies ist heutzutage, in Zeiten fast unzumutbarer Beschleunigung, der komplett fehlenden Erfahrung von Dauer, äußerst befremdlich zu lesen. Lassen sich nicht so lange, bis die Frau nun endlich kommt, ein paar Anrufe tätigen, die Zeitung durchblättern, noch schnell ein paar Termine bestätigen? Gewohnt, sich ausschließlich am Ziel zu orientieren, stellt sich heute das Intervall bis zum Ankunftspunkt nur noch als Hindernis dar, das möglichst schnell zu überwinden ist.
Der Text stammt aus Sielaffs in diesem Jahr erschienenen, zweiten Lyrikband Selbstporträt mit Zwerg. Der 1966 in Großröhrsdorf geborene, als Theaterbeleuchter arbeitende Sielaff kritisiert die Gegenwart durch eine Umkehrung der Werte. Seine Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus schlägt sich deutlich nieder, seine Fürsprache für eine Grundhaltung der Achtsam- oder vielleicht auch Behutsamkeit stammt daher. Ob nicht die reine Zielorientierung, die Ökonomisierung der Lebensweise dem Zwischenraum jede Bedeutung nimmt, fragt er, indem er ein Wort wie „Exerzitien“ in die Überschrift des Textes hebt. Ein Exerzitium ist definiert als eine geistige, mentale Übung, die oft in religiösem Zusammenhang stattfindet. Wir haben es mit einer Tätigkeit zu tun, die auf Teilhabe am Erhabenen, auf Erkenntnis abzielt. Auf eine einfache Alltagssituation bezogen, zeigt Sielaff mit seinen so betitelten Zeilen, dass es durchaus machbar – weil beschreibbar – ist, Zeit und Raum im täglichen Einerlei wieder Bedeutung zu geben.
„Utopische Gedichte“ hatte bereits der gesellschaftskritisch orientierte Lyriker Nicolas Born (1937 bis 1979), einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit, jene Texte genannt, die „der Wirklichkeit, statt Kritik zu äußern, den Zuständen beunruhigend schöne Vorstellungen entgegensetzen, die offen sind für Träume, Sehnsüchte, für die Möglichkeiten des Glücks“. Das „Bewusstsein von der Existenz unserer positiven Möglichkeiten“, so Born, sei „verkümmert, besonders in der Literatur, die doch gerade das vermittelnde Medium zwischen Imagination und Realität sein sollte. Wir sind so eingestellt, dass wir alle Vorstellungen an der Realität und an ihren Maßstäben von Realisierbarkeit messen, anstatt Realität immer an unseren besten Vorstellungen zu messen.“
Sielaff arbeitet an einer Poesie der besten Möglichkeiten. Das treffende Bild, in dem sich die Komposition „Exerzitien des Alltags“ zusammenfügt, ist jenes der Schwingtür (oder vielmehr „einer Art Schwingtür“), jener Typ Tür, der sich fließend öffnet und ebenso fließend auch wieder schließt. Diese Tür – Drehtür? Automatisch sich öffnende Tür? – deutet auf einen öffentlichen Raum hin, ein Eingangsfoyer wie in einer Bank oder einer Schwimmhalle. Oder eines Krankenhauses, dann würde der Hinweis auf das neugeborene Kind Sinn ergeben, auf jenes Kind, das sich so eindeutig „und mehr als das“ verhält (nämlich kreatürlich), wenn es mit winzigen Fingern nach der Welt greift. Sicher kann man über die Position des Wartenden nichts sagen, und es scheint dem Autor nicht daran gelegen, in dieser Hinsicht Klarheit zu schaffen. So steht das Warten an sich im Vordergrund, nicht der Ort – er könnte überall sein. Sielaffs lyrisches „Ich“ ist zu beneiden. Es besitzt das Wissen oder zumindest den Optimismus, zu behaupten, was passiert: Es wird ein Anfang sein.

Silke Scheuermannaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Siebenunddreißigster Band, Insel Verlag, 2014

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