GELÄNDE
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaafuror und vedute
I
die rosnsohlen die zu glimmen beginnen. die eben
noch glimmenden fußsohlen, das schmal deutlich
von faltn herleuchtende, von unterseitn der zehen
her fünffach zehnfach aufleuchtetende, das schweifnde
beginnende vorübergescheuchte feuer: rosiger finger.
das feuer in ruhe. das hergebrachte das menschheits-
mitbringsel: zufallsprodukt des brennenden astes.
die feuergehärtete keule, lichtwaffe. der blick-
vernichtende bohrer des odysseus der den augapfel,
in drehung, verdampfn läßt des feindes. in blitz-
artiger rammbewegung raumgreifend ausgeführt.
die rosensohlen die zu glimmen beginnen.
-Thomas Kling / Ute Langanky.-
Der Dichter und die Künstlerin leben unter einer Anschrift, die zu genau ist, um erfunden zu sein: „Raketenstation Hombroich 1995/96“ lautet die erste Eintragung in dem schmalen Band mit einem Gedicht von Thomas Kling und vierundzwanzig Fotos von Ute Langanky. Gelände heißt er. ,Gelände‘, das war vorzeiten ein auch juristisch klar umrissener Ausdruck, der auf Lehen bezogen war. Heute ist es ein vager topologischer Ausdruck. Er bezeichnet eine weitgehend unmarkierte Fläche, eine Fläche mit Chaosanteil, sei es, daß der Raum in keinem Ordnungskonzept aufgeht, sei es, daß wir nicht wissen, was sich dort zuträgt. In diesem Sinne haben wir früher von Raketengelände gesprochen. Früher, als die Engländer noch ihre Mittelstreckenraketen dort stationiert hatten, mitten im freien Feld am südlichen Niederrhein, in der Nähe von Neuss. Früher, zu Beginn der achtziger Jahre, als wir dort vor den Kasernentoren gegen die Nato-Rüstungspolitik demonstrierten. Auf diesem, inzwischen aufgelassenen militärischen Gelände leben der Dichter und die Künstlerin. Sie haben den Ort zum ihrem Arbeitsort gemacht und jetzt auch zum Gegenstand ihrer Schreib- und Photoarbeit.
Der Ort hat etwas Magisches, etwas zugleich Unheimliches, also Gestalt- und Namenloses, und etwas äußerst Präzises, man könnte sagen: Überreales. Beides findet sich in der Gemeinschaftsarbeit Gelände. Das Verhältnis von Namenlosigkeit und extremer, buchstäblicher technologischer Genauigkeit bildet ihren Kern. Es ist keine Illustration meiner ästhetischen Erfahrung mit dem Buch, sondern ihr Untergrund, wenn ich mich erinnere, wie ich hinten im Familienauto an jenem abgesperrten, dem Leben entzogenen Gelände vorbeifuhr, und sich plötzlich ein aufgeschütteter Erdhügel auftat. Eine große runde Platte fuhr in die Senkrechte, und dahinter richtete sich der schlanke Leib einer Rakete auf, langsam und gleichmäßig fuhr sie empor. In meiner Erinnerung glänzend wie Gold und Silber in der Sonne. Ein Anblick, so losgelöst, daß keine Erzählung ihn einholen konnte. Und so verschwand er wieder.
Und taucht jetzt beim Betrachten der Photos von Ute Langanky verwandelt wieder auf. Photos, am selben Ort entstanden, die mit dem überscharfen Kontrast von dunklem Gelände und einem von Sonnenlicht zur Explosion getriebenen technischem Artefakt arbeiten. Zunächst sehen wir wie eine Schatteninstallation einen langgestreckten schwarzen Gebäudeblock, aus dem ein Turm – ein Lichtpunkt sagt uns: Wachturm – herausragt wie eine massige Säule mit dorischem Kapitel, das den Nachthimmel trägt. Ein technisches Landschaftsimplantat ebenso wie eine antike Ruine. Vor einem abendlichen, am Horizont dunkelrot glühenden Himmel aufragend. Das nächste Photo radikalisiert den Kontrast. Der Turm ist fast vom Schwarz verschluckt, aber die Sonne hat sich in ein großes goldenes glühendes Rechteck verwandelt, das exakt aus der Mitte des Bildes strahlt. Ein längsgestreiftes Rechteck, metallen offenbar, das in seinem unwirklichen Leuchten den Rest der Welt ins Dunkel schickt. Ein technischer Gegenstand, zum Bersten aufgeladen mit Energie. Regelmäßig geformt, fremd, ein Heiligtum von Ingenieurshand und Sonnenlicht.
Auf den folgenden Photos wird die Streifenstruktur des Gebildes näher herangeholt bis sie an die magischen Streifen Barnett Newmans erinnern. Dann öffnet sich der Photozyklus, gibt größere Ausschnitte und andere Details der Raketenstation preis, meist in Spiegelungen und Brechungen, und Himmel und Landschaft werden sichtbar und helfen der Orientierung.
Sein Gedicht Gelände, das zweizeilig pro Seite die Fotos trennt (oder verbindet) eröffnet Thomas Kling mit dem mottoartig gesetzten Ausdruck „furor und vedute“, der eben den Gegensatz zwischen explosiver Intensität und sacht geöffnetem Landschafts-, oder sagen wir besser: Geländeraum benennt. Das Gedicht zieht gelassen Linien von „rosnsohlen die zu glimmen beginnen“ über „vorübergescheuchte feuer“ zu „rosiger finger“, es zitiert Homers Morgenröte, den Raub des Feuers durch Prometheus und Polyphems Blendung mit „feuergehärteter keule, lichtwaffe. der blickvernichtende bohrer des Odysseus der den augapfel, in drehung, verdampfen läßt des feindes“. Und knüpft so die kaum versunkene Schicht der technischen Gewalt, die dieser Ort in sich trägt, mit einer Zivilisationsgeschichte, die auch eine der Medien ist, zum Beispiel der Fotografie selbst:
der feuerwände eleganz. verführung, bollwerk, camouflage.
geschleiftes blickn. das, augnfang, die netzhaut rüber-
zieht mit ostlicht westlicht, frühwarnzeitn. belichtungs-
messer, das den einstich führt auf blendende verblendete
betonfassaden in gläsernem gelände…
Gelände ist bereits die dritte Gemeinschaftsarbeit von Ute Langanky und Thomas Kling, nach wände machn von 1994 und einer großformatigen Mappe wolkenstein. mobilisierun’ von 1997.
…
in Schauplatz in Don DeLillos jüngstem Roman Unterwelt ist ein Friedhof für B52-Bomber in der Wüste von Arizona. Eine Gruppe von Künstlern verwandelt diesen Ort des sistierten, des abgesunkenen Grauens in ein Stück farbiger land-art. Ein schweres Hoffnungszeichen. Auf der Raketenstation arbeiten Kling/Langanky an einer vergleichbaren Verwandlung. Sie tun es übrigens im losen Verbund mit anderen Künstlern. Nicht nur ist das Gelände der Raketenstation in Künstlerhand, auch die Insel Hombroich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gelände, und organisatorisch mit ihm verknüpft, jene rekonstruierten Erftauen, die von zeitgenössischer Architektur und Kunst aller Zeiten und Länder durchsetzt sind, erzählen von den Metamorphosen der Gewaltgeschichte durch die Kunst.
Hubert Winkels, Deutschlandfunk, 2.10.1998
Hubert Winkels: Armbrust und Rakete. Thomas Kling und Ute Langanky unterwegs in den Ruinen des Kalten Kriegs.
Die Zeit, 3.12.1998
Kathy Zarnegin: Feuer und Flamme – Spurensicherung.
Basler Zeitung, 10./11.4.1999
Julia Schröder: gedicht ist nun einmal: schädelmagie.
Stuttgarter Zeitung, 4.4.2005
Thomas Steinfeld: Das Ohr bis an den Rand gefüllt.
Süddeutsche Zeitung, 4.4.2005
Jürgen Verdofsky: Unablenkbar.
Tages-Anzeiger, 4.4.2005
Norbert Hummelt: Erinnerung an Thomas Kling.
Castrum Peregrini, 2005, Heft 268–269
Vertonte Faxabsage zur Vertonung seiner Werke zur Expo 2000 von Thomas Kling.
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Theo Breuer stellt den Verlag Jung und Jung vor.
Mike Scott von The Waterboys spricht über sein Album „An Appointment with Mr Yeats‟.
erschienen 6. Juli 2011
erschienen 12. Januar 2011
erschienen 23. Mai 2012
erschienen 28. Dezember 2009
erschienen 22. Mai 2012
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