Thomas Rosenlöcher: Am Wegrand steht Apollo

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Thomas Rosenlöcher: Am Wegrand steht Apollo

Rosenlöcher/Goltzsche-Am Wegrand steht Apollo

PASSIERT DIR AUCH NOCH

Gleich hinter Orpheus tritt Endler hervor.
Scheißsommer, sagt er, nicht rauchen, nicht trinken.
Hab ihr es versprochen; war ja schon fast
über den Jordan: in der Lunge Wasser.
Passiert Dir auch noch. Am anderen Ufer
stand übrigens Müller, trank billigsten Whisky.
Aber anstatt einen Schluck abzugeben,
rief er: Hasst Du Deinen Nachlaß geordnet?
Da ruderte ich lieber wieder zurück.
Sie aber weinte: Nicht rauchen, nicht trinken,
Scheißsommer! – Mit zornig-ironischen Schritten
geht Endler vorbei an den Rosen auf seine
ihn schon erwartenden Leitzordner zu.

 

 

 

Inhalt

Wiepersdorf bei Jüterbog, Schloss und Park Achim und Bettine von Arnims, später dann und bis heute: Refugium und Arbeitsort für Dichter, Maler, Musiker, Sänger: ein idyllischer, der Zeit scheinbar enthobener Ort. Wie von selbst mischen sich dort unter die Künstler der Gegenwart die der Vergangenheit. Auch Thomas Rosenlöcher, der Dichter aus Dresden, wurde in Wiepersdorf vom Gegen- und Ineinander der Zeiten ergriffen und von den Verwandlungen, die einem allenthalben geschehen. „Die Wege werden zu eigenen Wesen / und stürzen weiß leuchtend dem Waldstück entgegen“ am Abend, wenn die Landschaft „erst richtig“ beginnt.

Insel Verlag, Ankündigung

 

Spalier der Aufrechtsärge

– Thomas Rosenlöchers Wiepersdorf-Gedichte
. –

In Wiepersdorf gibt es „nichts, was nicht fotografiert ist“, sagt der Fotograf. Er ist Stipendiat, einer von vielen Dichtern und bildenden Künstlern, die seit der Umwandlung des Arnimschen Schlosses in ein Künstlerhaus hier gelebt haben. Und man kann seine Ratlosigkeit verstehen. In Wiepersdorf sind nicht nur die Biedermeiermöbel etwas abgegriffen, sondern auch die poetischen Motive, die sich so verführerisch bequem anbieten, wie sie seit Sarah Kirschs Zyklus von 1977 unwiederholbar geworden sind: das bescheidene Schloßinventar und die rokokohaften Götterfiguren im Park, die Gräber Bettinas und Achims, in der Ferne die Wölfe in den brandenburgischen Wäldern. Hier gibt es nichts, was nicht fotografiert ist; Wiepersdorf ist komplett bedichtet.
Dabei ist der Stoßseufzer des Fotografen selbst schon ein Vers. Er steht im vierten Gedicht eines Zyklus, der so gelassen einherschlendert, als habe er Wiepersdorf eben neu entdeckt, und wie nebenbei Bilder sieht, die vor ihm noch keiner sah. Auf der Wäscheleine im Schloßgarten hängen „Hemden und Socken mit Okays bedruckt“; und wie von selbst gerät die Detailaufnahme zum emblematischen Bild: „ein Einverständnisbaumeln in der Sonne“. Dies ist die nicht nur im sozialistischen Dichterheim lange unaussprechliche Sehnsucht, um die sich Thomas Rosenlöchers Wiepersdorf-Gedichte drehen: wenigstens vorübergehend zu Hause zu sein in der alltäglichen Welt. Es komme nicht darauf an, sie zu interpretieren, bemerkt ein anderes Gedicht, sondern darauf, sich in ihr zu etablieren.
Die Andacht zum Kleinen, für die man diesen Dichter oft gerühmt und beargwöhnt hat, ist treuherzig und listenreich. Nur als ein lyrisches „Tagebuch“ stellt sein Zyklus sich vor; und tatsächlich kann man diese malenden und reflektierenden, manchmal epigrammatischen Verse lesen wie eine locker komponierte Erzählung aus sechsunddreißig Miniaturen. Es gibt Figuren, denen man auf den Spazierwegen durch Schloß und Garten mehrmals begegnet – den Dichterfreund Adolf Endler etwa oder die avantgardistische Malerin („In ihrer letzten Ausstellung hing handsigniert Scheiße. Kam gut“), nicht zu vergessen den „Gegenwartskomponisten“, dem im vierten Gedicht der Computer mitsamt den halbfertigen Wunderhornliedern zusammenbricht. Im achten Gedicht sehen wir auch ihn wieder, endlich in den erlösenden Schlummer gesunken; und neben dem Schlafenden „versendet der Rechner die Wunderhornlieder und piept / dreimal, alles super“.
Rosenlöchers romantische Selbstironie läßt auch im Idyll keine falsche Behaglichkeit aufkommen. Der schloßeigene „Romantikerschrank“ zum Beispiel beginnt mitten im Genrebild auf einmal zu rütteln und zu zittern – nicht von Geisterhand, sondern nur, „weil unten in der Küche die Frostaggregate ansprangen“. In den Versmaßen kann man dieses Beben hören und fühlen. Distichen wechseln mit Alexandrinern, jambische Trimeter mit Blankversen, ein Sonett blitzt hervor; und nichts davon ist ganz regelrecht durchgeführt, immer gibt es kleine Lücken oder Überschüsse, gleitet ein Versmaß ins andere, mischt sich Prosaisches ein. Wie hinter dünnen Schleiern erscheinen die alten Formen, als etwas spukhafte und immer noch anmutige Schloßdamen: Wiedergänger, die Menuett tanzen und dann geisterhaft verwehen.
Rosenlöchers Kunst einer lässigen Unvollkommenheit hat mit der romantischen Liebe zum Fragmentarischen mehr zu tun, als der gemütliche Parlandoton glauben machen will. Auch die romantischen Verse erzittern, weil unter ihnen das Kühlaggregat der Ironie anspringt. Wie in sorgsam verschliffenen Distichen die Musik aus dem Schloßinnern und die Gewitterdrohung aus dem Himmel überblendet werden mit neuer Weltangst, das wird erst beim lauten Lesen bemerkbar – „alles beim alten, Arpeggien, Sonaten, das grummelt und kracht, / bestimmt gibts Gewitter, die Zeitung erklärt schon den künftigen Krieg“. Wer hier beim Gewitter den Blitzeschleuderer Zeus nicht vergessen hat und nach dem Wort „Zeitung“ die Zäsur spürt, kann Rosenlöchers Kunst der Andeutung ermessen. Indem er sie entromantisiert, belebt er die Romantik neu.
Seinem verfremdenden Blick zeigen sich deshalb selbst die abgegriffenen Motive so unverbraucht, als hätte noch niemand sie fotografiert. Vor allem die Götter im Garten erwachen hier wieder zu frecher Vitalität. Apoll betrachtet den flüchtigen Schloßgast, aus olympischer Distanz, als „Dauerschmarotzer / und Augenblicksarsch“. Und zu Füßen des oft bedichteten Göttervaters sitzt, wunderbar und unvergeßlich, „das Huhn, / beim Zeus! der Adler. Na ja. / Wir alle sind nicht ganz das.“ Weil er sich mit der Einsicht abfindet, daß wir alle nicht ganz das sind, deshalb kann Thomas Rosenlöcher so leichtfüßig und uneitel balancieren zwischen Vanitas und Selbstbehauptung: halb Adler, halb Huhn. Es ist ein schöner Anblick, wie er, der inzwischen allzuoft als Idylliker etikettiert worden ist, hier dieses Etikett vorsichtig wieder abzieht. In einem Gedicht erzählt er von einer Gartenbegegnung mit Adolf Endler, der in einem Gespräch über lyrische Motive selbstkritisch beklagt, das Wort „Geschiebemergel“ zu oft gebraucht zu haben. Mag das schon arg sein, so ist es doch noch nichts gegen das, was der Schreiber daraufhin in sinnender Lakonie für sein eigenes Werk konstatiert:

Ich nicht mal Geschiebemergel.
Ich immer Elbidyll.

So nah aber Rosenlöchers Idyllen sich manchmal an der Grenze zum Niedlichen bewegen, so sanft läßt er sie immer wieder hinübergleiten ins Unheimliche und Grausame. In einem Gedicht sieht der Schreiber sich selbst, an seinem Geburtstag, im Gras liegen und schlafen. Erst als Freunde ihn wecken wollen und er sie sagen hört: „Es ist geschehn“, begreift er seinen neuen Zustand – „Wollte noch winken, der Arm viel zu schwer“. Man kann bei diesem Umkippen vom Biedermeier ins Todesbild an manche Gedichte der Droste-Hülshoff denken, zum Beispiel an jene Verse, in denen die „Im Moose“ Liegende unter den Blättern und Raupen die „Poren der Erde“ erblickt, in denen sie endlich sich selbst, wie ein Rauch hinabgesogen, verschwinden sieht. Nicht nur vom Augenblicksglück handeln Rosenlöchers Gedichte, sondern immer auch von seinem Feind, von der Zeit.
Denn das Tagebuch, als das dieser Zyklus sich ausgibt, umfaßt keineswegs nur den Zeitraum zwischen Ankunft und Abreise, auch nicht nur den zwischen Sommermorgen und Winternacht, sondern unauffällig auch die Spanne eines Lebens. Am Anfang steht der Einzug, am Ende stehen die Gräber. Sie stehen ganz buchstäblich, als das winterfeste „Spalier der Aufrechtsärge“ nämlich, in dem die erst im Abgang noch einmal zu mythischer Größe aufgereckten Götter verschwinden und die Wiepersdorfer Welt verlassen. Ihnen folgen die Menschen. Als das letzte der alten Motive erscheint hier das Bild der Dichtergräber Achims und Bettinas an der winterlichen Schloßkapelle – unheimlicherweise zugleich als das letzte Tagebuchblatt eines Schreibers, der doch eine Seite zuvor schon abgereist war. Von den Menschen verlassen, zeigt sich ein Anblick ohne Beobachter, ein Bild ohne Fotograf:

Auf den Grabplatten hinterm Eisengitter
die ernste Schrift aus makellosem Schnee
Mit dem girlandenartigen Postskriptum
einer darüberhingehuschten Maus.

Das ist der letzte Satz, in kaum noch merkbaren Blankversen ein Idyll für die Toten. Weil Thomas Rosenlöcher ein Vanitas-Mahner ist, deshalb ist er ein Dichter des irdischen Glücks.

Heinrich Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.3.2002

Ewigkeitsabrieb und Anflüge aufs Abendbuffet

Thomas Rosenlöchers Gedichte haben eine ganz eigene Signatur, sind ein Unikum in der deutschen Gegenwartslyrik. Gern rechnet man ihn zur „Sächsischen Dichterschule“, und gewiß nicht unberechtigt, was die Vorliebe für Jamben und Natur angeht. Das frühmoderne Programm, die Natur – gegen den Widerstand der Kirchen – als beseelt zu denken, damit sie nicht als bloßer Stoff, als Material vernutzt werde, findet in ihm noch einmal einen zuversichtlichen Anwalt. Eine gewisse Treuherzigkeit gehört zu diesem Engagement.

Schon Titel und Eingangsgedicht melden, daß Apoll, von dem sich Hölderlin noch als „geschlagen“ erfuhr, „umknarrt von Kiefernstangen“ am Wegrand steht. Kein hoher Musenton also, Gelegenheitsgedichte im besten Sinne. Sie sind in Wiepersdorf entstanden, dem märkischen Schloß der Arnims, das seit 1947 als Künstlerhaus dient, „Romantikerschrank“ sagt Rosenlöcher etwas respektlos zu dieser Immobilie.
Etwas keß fällt auch der Blick auf die Mitstipendiaten aus, bekannte und unbekannte Größen, Der Alltag, ein Kirchenbesuch, das Käuzchen, die Stille und der Tod, im Gegenwärtigen Vergangenes sind weitere Themen, Trefflich konfrontiert er Anreise und Abreise. „Vorsicht“, ruft sich der Ankömmling zu:

Gefährlich und kränkend
der plötzliche Anblick von Schönheit am Steuer.

Und er rammt, unaufmerksam, den Mann im Mond – ein Lyriker kann das.
Bei der Abfahrt großes Spalier (wenigstens) der Blumen und Pflanzen: „Das ist doch nicht nötig“, läßt Rosenlöcher den Dichter murmeln, bevor der durch eine Tür im Wald verschwindet. Es paßt zum Ambiente, wenn Rosenlöcher sein Wiepersdorf-Dasein mythologisch umschreibt:

Frau Venus will mich nie gesehen haben,
Der Lorbeer leidet an Gedächtnisschwund.

Die verwitterte Zeusstatue tröstet ihn:

Na ja. Jemand muß auch Naturlyrik schreiben.

Bettina bekommt ein schönes, freches Gedicht, und manche Grüße werden heimlich bestellt, an Hesse, Eich, Morgenstern und andere, Rosenlöcher setzt gekonnt und ungeniert die klassischen Mittel ein, etwa die Alliteration, den Stabreim und den Binnenreim, wenn es gilt, die Schönheit von Vogelketten am Herbsthimmel anzudeuten:

Über dem doppelten Walmdach ein Wanken
und Schwanken von Flügeln, im Wechselgelächter,
zum Waldrand hinüber, die Dämmerung dehnend

Damit es nicht zu schön wird, kleckst er eine leicht groteske Pointe als Fleckchen ins Bild. Der Naturfreund „schreitet / noch in Betrachtung des Abendbuffets / seltsam verlängerten Halses einher“. Was den gierig-musternd gereckten Hälsen noch die edlere Bedeutung der Erinnerung an sehnsüchtige Aufbruchsflüge gibt.
Daß es um diese geht, betont das Schlußgedicht „Ewigkeitsabrieb“, ein Gedicht, wie es nur Rosenlöcher schreiben kann: das Ich und die Ewigkeit, in sächsischen Jamben und rieselnden Bildern, mit höchst irdischer Pointe, versteht sich, Angesichts der Winterschönheit eines weiten Feldes fragt der Dichter sich und das All:

Herr,
was habe ich von Deiner Herrlichkeit,
wenn ich Dein Jenseits nie erreichen werde
und alles wieder nur Beleuchtung ist?
Dieselbe Mühle, die mich hoffen heißt,
wird mich zermahlen, dachte ich.

Als Antwort fallen Schneeflocken, so dicht und fraglos, daß dem Dichter zur Entsprechung das Wort „Ewigkeitsabrieb“ einfällt. Es könnte als Umschreibung für Gedichte dienen, doch so ,steil‘ möchte es Rosenlöcher nicht haben, Auch diesem Gedicht-Gesicht malt er wieder einen Schnurrbart an, damit wir es ja nicht metaphysisch nehmen. Was ja in der Tat nicht sein muß, wie die Leser von Gegenwartslyrik inzwischen wissen.

Alexander von Bormann, die horen, Heft 207, 3. Quartal 2002

 

Die Neonikone

Thomas Rosenlöcher liest Gedichte und Prosa moderiert von Alexander von Bormann am 25.2.2002 im Goethe-Institut Amsterdam

 

THOMAS ROSENLÖCHER

dem Schluckauf
Mut reden zur
Schlucktherapie
Gras übern Wolf
wachsen lassen,
wo man ihn
niederstreckt

Peter Wawerzinek

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Dichter und Wende-Chronist
Bayerischer Rundfunk, 19.7.2017

Friedrich Dieckmann: Weltfremdling in der Zeitenmühle
Süddeutsche Zeitung, 27.7.2017

Karin Großmann: Ein kleiner Jubel Glück und ein Hieb auf den Kopf
Sächsische Zeitung, 29.7.2017

Dirk Pilz: Engel hat sich der Dichter abgewöhnt
Frankfurter Rundschau, 28.7.2017

Fakten und Vermutungen zum Autor + ÖM + KLG
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Porträtgalerie: Galerie Foto Gezett + Dirk Skibas Autorenporträts

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Rosenlöcher“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Thomas Rosenlöcher

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