Ursula Krechel: Zu Nicolas Borns Gedicht „Das Verschwinden aller im Tod eines einzelnen“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Nicolas Borns Gedicht „Das Verschwinden aller im Tod eines einzelnen“ aus dem Band Nicolas Born: Das Auge des Entdeckers. –

 

 

 

 

NICOLAS BORN

Das Verschwinden aller im Tod eines einzelnen

Mache ich mich mit zu großer Hand?
Lebe ich zu sehr aus der überfüllten Luft
und brauche ich zu viele andere
und schneide ich das Wort ab dem
aaaaader es braucht
und lasse ich es hell und dunkel werden
aaaaain die eigene Tasche?
Ich weiß nicht wie weit die Zukunft
aaaaamir voraus ist
und wie weit ich mir voraus bin.
Ich stehe in der Erde und wann immer ich abhebe
aaaaaschlage ich hart wieder auf.
Hier ist mein Fuß der seine eigene
Wirklichkeit hat und seine eigene
aaaaaEwigkeit
Fuß du wirst mich verlieren
du wirst bekümmert auftreten
aaaaaund dann stehenbleiben wie ein Schuh.
Gestern hatten wir eine Tagesschau voll
aaaaavon Toten
und ein Amerikanisch/Deutsch-Wörterbuch lag
aaaaaaufgeschlagen auf dem Tisch
und ich lag zugeklappt auf der Couch
während ein verbrecherischer Kommentar
aaaaamich segnete
und meine Verbrecherohren spitzte.
Sie packten die Toten bei den Fußgelenken
aaaaaund schleiften sie zu einem Sammelplatz
die Befehle hatten die Körper verlassen
aaaaaund es ging auf dreiundzwanzig Uhr.
Ich trank Kaffee und war noch derselbe
aaaaaich war nicht mehr derselbe.
Ja vorgestern muß ich auf dir gelegen haben
als jeder andere persönlich starb
aaaaaaus der Welt fiel durch die Welt hindurch
mit nur noch einem Gefühl einem Wort
einem ganz gewöhnlichen Bild
aaaaadas sich auflöste
und mit uns allen verschwand.

 

Augen- und Ohrenöffner

Immer, seit den frühesten Gedichten 1965, gibt es bei Nicolas Born eine Bewegung des Aufbruchs, eine Neugier auf alle Widersprüche in der eigenen Person, in der Umwelt, in den vertrauten Sätzen. Es wird nicht geheuchelt, Ich und Welt könnten ineinanderfallen in einer Heimeligkeit, wie sie nicht einmal in alten Büchern steht: wo ich bin, da ist Welt, und wo etwas geschieht in der Welt, ist mein Gedicht zur Stelle. Nicht zufällig, sondern höchst bezeichnend ist der Titel Das Auge des Entdeckers für den – wie ich finde – schönsten Gedichtband von Nicolas Born. Daraus stammt auch das Gedicht „Das Verschwinden aller im Tod eines einzelnen“. Ein Ich geht in einem recht alltäglichen Alltag auf Entdeckungsreise; es entdeckt seine Phantasien, seine Gedankengänge, die oft nicht geradewegs, sondern auf höchst verschlungenen Wegen zu einem unverhofften Ziel führen. Aber das Ich selbst wird ebenfalls entdeckt, kann sich entdeckend nicht blind stellen vor den Enthüllungen der Tagesschau.
In Borns Gedichten ist die Mischung aus Ohnmacht und Hyperaktivität, bezeichnend für die Lyrik der späten sechziger Jahre – ich nenne nur Erich Fried, Arnfrid Astel, Hans Magnus Enzensberger –, einer ruhigeren, wenn auch komplizierten Gewißheit gewichen. Die Sprache ist diszipliniert und kontrolliert – manchmal eher aus einer Art Schüchternheit denn aus Willensstärke. Was wichtig ist, steht in den Zeilen, nicht zwischen den Zeilen. Gedichte werden Augen- und Ohrenöffner. Mit einer eigentümlichen Beharrlichkeit betrachtet Born das Alltagsdetail genau, wendet es hin und her, bis es ganz fremd vor Augen und im Gedicht wird. (Bei Brinkmann drängt die Konkretion ins Mythische; bei Born bleibt sie beiläufig.) Borns verhaltene, sehr sorgfältige Leidenschaftlichkeit richtet sich auf Zusammenhänge, die eigentlich nicht zusammenhängen, unweigerlich zusammenfallen müssen, wenn der Autor sich nicht dumm machen will vor dem Anspruch der Wirklichkeit. „Es gibt keine Banalität außer der Banalität des Anspruchs“, schrieb Nicolas Born einmal.
Der Anspruch des Gedichts „Das Verschwinden aller im Tod eines einzelnen“ ist groß. Es ist ein Gedicht, das äußerste Hybris und eine sehr große Zartheit in sich vereint: ein Sich-verantwortlich-Machen und das Bewußtsein, verschwindend beiläufig, in einem historischen Kontext als Individuum schon verschwunden zu sein.
Die Fragen, mit denen das Gedicht beginnt, sind die Fragen eines Beichtspiegels, Gewissenserforschungsfragen eines, der sich selbst „macht“, der niemandem, außer sich selbst, verantwortlich ist. Beziehen sich die ersten drei Fragen auf die Menge, den Kraftaufwand („zu groß“, „zu sehr“, „zu viele“), forschen die beiden folgenden Fragen nach dem Handwerk des Lebens, einer subjektiv empfundenen Allmacht. Das Wort abschneiden, es hell und dunkel werden lassen in der eigenen Tasche: das sind Möglichkeiten, Macht auszuüben, zu glänzen – ganz gegenwärtige Fragen, auf die Gewißheit der eigenen Fähigkeiten zielend.
Wie fremd, wie ungeschützt ist dagegen der erste Aussagesatz. Der, der spricht, der sich selbst gerade zu den großen Dimensionen, dem Überproportionierten in Beziehung gebracht hat, gibt eine Ratlosigkeit, ein Nichtwissen zu. Der sichere Standort mit den übergroßen, überschwenglichen Gesten wird zurückgenommen. Die Lust am Großen endet in einem bescheidenen, nüchternen Aussagesatz:

Ich stehe auf der Erde und wann immer ich abhebe
schlage ich hart wieder auf.

Was nun folgt, ist eine sorgfältige Versicherung, eine Inventur des „auf beiden Beinen Stehens“. Der zu großen Hand in der ersten Zeile entspricht der „geerdete“ Fuß, der „seine eigene / Wirklichkeit hat und seine eigene / Ewigkeit“. Der so nah am Boden ruhende Körperteil wird fremd und unsicher, abgetrennt „wie ein Schuh“. Die ständige Gegenwart des Fragens und Versicherns rückt in eine Vergangenheit der Bilder, des Anteilnehmens während der Tagesschau. Das aufgeschlagene Wörterbuch auf dem Tisch – wie sollen die fassungslosen Bilder übersetzt werden? – und der zugeklappte Mensch auf der Couch, der sich immer deutlicher dieser Bilderflut des Entsetzens, der frei Haus gelieferten Unmenschlichkeit öffnet. Da „segnete“ ein „verbrecherischer Kommentar“ und „spitzte“ die „Verbrecherohren“ des Autors. Wer macht da wen für was verantwortlich? Wer ist für die Toten in der Tagesschau verantwortlich? Die, die sie sehen und noch dieselben sind oder die, die sich schon aufgelöst haben?
Die Versicherungen des Fußes, des Kaffeetrinkens, der Uhrzeit genügen nicht mehr. Eine weitere Versicherung von Leben, von Nähe, die schon unsicher geworden ist, drängt ins Gedicht – wieder keine Sicherheit, eher eine Vergewisserung:

Ja vorgestern muß ich auf dir gelegen haben.

Der gewöhnlich gewordene Tod drängt sich in ein „ganz gewöhnliches Bild“, löscht das Banale, produziert Verschwinden, ein Aus-der-Welt-Fallen, das die lebenden Zuschauer genauso verändert wie den einzelnen Toten. So verharrt das Gedicht in einer komplizierten Bewegung, mischt das Persönliche und das Öffentliche, zieht beides aus dem gewohnten Zusammenhang, der so, wie er war, nie mehr sein wird.
Allzu leicht ließe sich diesem Gedicht durch Übersetzen der Bilder in Begriffe die Schärfe nehmen. Es transportiert die Widersprüche der Wahrnehmung ja schon in sich. Sie tautologisch zu vergröbern, kann nicht der Sinn einer Auseinandersetzung sein. „In ganz neue Vorstellungsräume eindringen. Ganze Skalen von Empfindungen in Bilder und Bewegungen verwandeln. Mit der Entdeckung anderer Lebensmöglichkeiten eine Kettenreaktion von Wünschen und Sehnsucht auslösen, die das standardisierte Lebens-Schema ersetzt“, fordert Born in der Nachbemerkung zu Das Auge des Entdeckers. In solchen ungeschützten Zwischenräumen wollen sich Nicolas Borns Gedichte bewegen. Sie entziehen sich, wie der Fuß sich dem Schuh entzieht, weigern sich, ganz zu Ende erklärt zu werden, und erklären Welt auf wahrhaft gebrechliche Weise.

Lesarten. Gedichte, Lieder Balladen. Ausgewählt und kommentiert von Ursula Krechel, Luchterhand Verlag, 1982

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