Volker Braun: Auf die schönen Possen

Braun-Auf die schönen Possen

21.6.2000

40 Grad, Juni. Die Atemluft
Steht in Brocken um mich. Mickel liegt
Künstlich im Koma, ich geb ihm die Hand
Der Tubus atmet ruhig. SALVE FREUND.
Der Brustkorb kräftig, aufgedeckt, der Schädel
Horcht. Wir lebten in der Volkswirtschaft
Nach uns die Warenflut. Beutel Kanülen
Überall Schläuche! Die Kunst aus einem
Sinn faßte die Bewegung nämlich Stillstand
Und dein Gelächter. Karl, jongliere
Die Gebeine oder trag den Schaden.
Er hört mich, denke ich, wie nicht? im Limbus
Noch werden diese, lästernd, conferieren.

 

 

 

Inhalt

Und frische Nahrung, neues Blut – nicht harmlos sind die Verse Volker Brauns zu lesen, und die Possen, die der Titel meint – das sind die ernsten Späße des Daseins selbst. Von nackten verborgenen Gebärden ist die Rede, Wettererscheinungen zwischen den Schläfen, dem Separatismus der Gefühle oder dem Schichtwechsel ins Klassenlose. Es ist ein altes zerfahrenes Land, in dem der Dichter steht, aber auf Einsteins Wiese hegt er diese leichtbewegten, Gedanken ans Einfachste.
„Was ist das lähmende Bewußtsein, daß alles ins Nichts läuft, gegen die Kraft der Sinne, die Lust, das Entsetzen. Ich bin, in meinen Fasern, nicht der Macht verhaftet. Apparate, Parteien und ihr abgelebter Geist, das mag zum Teufel gehn. Das macht mich lachen. Das hilft mir nicht. Meine Natur nährt eine rohere Kost.“ – Wovon Braun in seiner Büchnerpreisrede sprach, in den jüngsten Gedichten ist es wiederum eingelöst. Mit formaler Fertigkeit tariert er die Verhältnisse, politische und intime, auf beiden Schultern tragend, und hält oder verliert das Gleichgewicht, während der Weltkreis wankt: ein Freudenelend / ist das Leben.

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Weisheit des Narren

– Volker Braun ist überzeugt: Der dritte Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus führt durch die Dichtung. –

Manchmal ist Lyrik aktueller als ihr Ruf. Die Gedichte von Volker Braun zum Beispiel. Zum Lachen ist sie und zum Weinen, seine tragikomische Poesie. Wie die Wirklichkeit eben. Ihr versucht der aus Dresden stammende Braun in seinen Versen Auf die schönen Possen nahe zu kommen. Wie nahe, zeigt seine doppelseitige Kritik an der kapitalistischen und der sozialistischen Ideologie. Denn, so der Autor in seiner Büchnerpreisrede:

Eine Revolution, die kein Brot gibt, und eine Demokratie, die die Arbeit nimmt, sind keine ernsthaften Avancen.

Vorweggenommen hat er damit die Re-Ideologisierung gesellschaftlicher Debatten, die Experten für den vorgezogenen Bundestagswahlkampf versprechen. Volker Braun diagnostiziert in seinen Gedichten aber nicht den Zwiespalt von Ideal und Wirklichkeit. Sondern er zeigt nach Büchners Vorbild die Risse, die durch die Wirklichkeit selbst gehen. Und sucht nach einer doppelten Lösung: der Mensch und die Gesellschaft. Denn, so Braun in seiner Rede, „was sind… allgemeine Begriffe gegen die akute Erfahrung…, gegen die Kraft der Sinne, die Lust, das Entsetzen“.
Das lyrische Ich seiner Gedichte ist in zwei Republiken verwurzelt und doch in keiner beheimatet. Ursache einer identitätskritischen, aber auch wahrnehmungs- und erkenntnissteigernden Doppelsichtigkeit. Im dauernden Blickwechsel zwischen zwei Welten wird das Ich zur „Wettererscheinung zwischen den Schläfen“; eine zerrissene Identität, die vergeblich ihr Gleichgewicht sucht. Auch wenn beide Augen eine schöne Welt lügen, bleibt Gleichgewicht, so der Titel der ersten Gedichtfolge, trügerischer Schein. Das Ich muss sich den Gegensätzen stellen.
Dieser Forderung kommt es im Gedichtzyklus „Totentänze/Liebeslager“ nach. Dichtend versucht es, sich im Spannungsfeld von Eros und Tanatos neu zu verorten. Erst führt der Tod die Feder. In barocker Memento-mori-Manier wird die materialistische Ideologie, das Volkseigentum, der Klassenkampf und die Solidarität in feierlichen Madrigalen zu Grabe getragen. Dann diktiert Eros dem lyrischen Subjekt morbid-sinnliche Liebesverse. Es schlägt seine Liebeslager in Pontinischen Sümpfen auf und lässt sich von seiner Begierde nach „ewigem Beischlaf“ zu grotesken Liebesspielen zwischen Gräbern treiben. Durchaus ironisch gemeint ist der Abgesang auf die Liebe und die sozialistischen Ideale. Alle Titel werden demonstrativ in eckige Klammern gesetzt. Im „Shakespeare-Shuttle“ in der Buchmitte befindet sich das lyrische Subjekt schließlich „glücklich beschäftigt die Zeit zu überholen… im freien Fall durch die Evolution“. Am Ende sind nämlich sowohl das Sein als auch das Bewusstsein dahin.
Woran soll sich das lyrische Ich nun nach dem kollektiven Zerfall der Utopien und dem ungenügenden Trost durch die Liebe halten? Die Lösung: das Lachen. Die Antwort: eine Narretei. „Mach dir den Kopf nicht, wenn dein Hintern fällt“, so der Appell.
Diesem Gebot der Zeit gehorchend, pflegt Braun das Narrentum in lustvoll gereimten Versen Auf die schönen Possen. Sein absurd-humorvoller Aufruf:

An Liebe halt dich, die vergeht.
Nach Höhrem nicht verrenk den Geist.
Bereichre dich an der Vergänglichkeit
Nur was verwelkt gewährte Lust.

Mit Galgenhumor und Todesmut lacht Braun in seinen Versen gegen das „Freudenelend“ des Lebens an. Die Geschichte selbst reißt die Witze, der Dichter gibt nur den Senf dazu. Angesichts dessen wird der „Zeitgeist“ zur Nebensache, zum „Anhang“, dem letzten Gedichtzyklus des Bandes. Eine Randnotiz, epigrammatisch auf einen „flüchtigen Zettel“ geschrieben.
Volker Brauns Gedichte sind politisch, weil sie privat sind. In diesem Sinne sind sie radikal. Denn, so der Autor, mit Büchner:

Ist radikal sein nicht die Sache an der Wurzel fassen, die der Mensch ist?

Mit philosophisch-lakonischer Poesie versucht Volker Braun an diese menschliche Wurzel zu rühren. Und dichtet Verse, die bewegen. Vielleicht, weil sie trotz ihrer formalen Perfektion nicht an Authentizität und Bodenhaftung verloren haben. Denn egal ob im Endecasillabo oder barocken Alexandriner intoniert, ob im Reim oder freien Rhythmen, Goethe zitierend, verfasst: Volker Brauns Gedichte sprechen Themen an, die die Menschen angehen. Dabei ist die Lyrik weder einseitig agitatorisch noch zeitgeistverhaftet flüchtig. Weil es Braun gelingt, Aktuelles an Aussagen von zeitloser Allgemeingültigkeit anzubinden.
Und weil er gegen „das große Umsonst“ immer noch eine letzte Utopie bewahrt: seine letzte Verblendung, die, so Braun, herrlichste Einbildung einer gelingenden Symbiose von Volkseigentum und Demokratie. Und schließlich, aber nicht zuletzt, weil er trotzdem noch an die Handlung der Kunst glaubt, an „das sinnliche Argument, das uns rigoros in die Wirklichkeit führt… Sie mag scheitern, indem es gelingt.“

Michaela Schmitz, Rheinischer Merkur, 18.8.2005

Das Laub rostet herab im August

– Auf dem Kolonnenweg: Volker Braun dichtet gegen die Furien des Verschwindens. –

Der Titel des Büchleins stammt aus der Überschrift eines Gedichts: „Auf die schönen Possen! An Sir Philip Sidney“. In einer Anmerkung hilft der Dichter seinen Lesern ein wenig auf die Sprünge und verrät, dass der elisabethanische Renaissancepoet um 1585 in einem Anflug von Altersweisheit „den glänzenden Possen von einst Lebewohl“ sagte: „Splendidis longum valedico nugis“. Er war zwar gerade erst dreißig Jahre alt – doch das Schicksal gab ihm Recht, und er wurde schon ein Jahr später im Kampf gegen die Spanier bei Zutphen tödlich verwundet. Das Gedicht von Volker Braun ist eine Parodie auf seine Absage an die Welt. Wo er predigte:

Fort von mir, o Liebe, die im Staube endet.
Und du, mein Geist, erstrebe Höheres.
Bereichre dich an dem, was niemals Rost ansetzt.
Was immer welkt, bringt auch nur welke Lust

da ruft das Echo:

An Liebe halt dich, die vergeht.
Nach Höhrem nicht verrenk den Geist.
Bereichre dich an der Vergänglichkeit
Nur was verwelkt gewährte Lust.

Für Sir Philip Sidney kommen diese Ratschläge zu spät, aber ihre didaktische Eindeutigkeit ist so mitreißend, dass die Leser von heute in Versuchung geraten werden, hier den Schlüssel zum Verständnis nicht nur dieses Gedichts, sondern des ganzen Bändchens und vielleicht gar des ganzen, gerade ins Pensionierungsalter getretenen Dichters zu suchen. Der Buchumschlag macht diese Versuchung fast unausweichlich, denn ihn ziert, diskret in weißen Lettern, unser Gedicht – aber sinnigerweise sind die Strophen umgestellt. Die zweite Strophe steht an erster Stelle, und sie ist keine direkte Replik auf Sir Philip Sidneys „Farewell, world“, sondern das zähneknirschende Bekenntnis eines lyrischen Ichs, das ohne Scheu mit der Stimme des Dichters zu sprechen scheint:

Das Großeganze ist geschenkt:
Von Einzelheiten werd ich satt.
Mach dir den Kopf nicht, wenn dein Hintern fällt
Was Erde tritt, Sir, Erde frißt.

Diese verkehrte Moralpredigt ist eine zynische Geste, genau wie jene Empfehlung in gespielter Altersweisheit:

Lern harmlos lesen
Enkel

Zynismus durchtränkt die „Totentänze“ („nicht der Stände, sondern der Zustände mit verrenkten Begriffen“, sagt eine Anmerkung), wo zum Beispiel über SOLIDARITÄT zu lesen ist:

Jetzt wirft sie Bomben für die Menschenrechte.

Zynismus aber ist ein extremes Mittel: Es verlangt die Selbstverleugnung, den moralischen, ja gar den poetischen Selbstmord als letzte mögliche Botschaft.
Dem bitteren Lachen dient unter anderen der verächtlichste aller poetischen Topoi, der Kalauer. Volker Braun hat ihn schon früher praktiziert („Solidaritäterätäh!“). Im Gedicht „Blickwechsel“ kalauert er mit seinem Namen, sarkastisch kapitulierend:

Der Wechsel der Zeiten, der keine Hoffnung ist
Sowie das Kunterbunt zum Kaufen TRINKT O WAS DIE WIMPER HÄLT bis du dem Boden
Gleich bist: Braun / Mir ist der Star gestochen…

Für den Kalauer ist das Subjekt nicht wirklich verantwortlich, es hat die Verantwortung scheinbar einer anonymen Instanz, der Sprache oder der Poesie überlassen. Aber gerade das, nicht wirklich verantwortlich zu sein, lässt sich als Vorwurf mit einem Kalauer herausschreien: „Es blieb uns ja nichts walter ulbricht“! Nur „Die Kunst“ kommt sozusagen mit einem blauen Auge davon:

Sie tanzt auf den Gräbern, mit Grazie
Mit ihrem wilden Gedächtnis.

Im Kampf um ein lyrisches Ich, das nicht schon immer durch eine Ideologie oder eine politische Überzeugung gedeckt ist, hat Volker Braun oft schon früher einen Ton exemplarischer Ich-Erfahrung gefunden, wie in dem schönen Gedicht „Das Nachleben“ (Abnahme einer Gipsmaske, im Bändchen Tumulus). Hier erscheint dieser Ton wieder, besonders gelungen in „Todesmut“ (Abstieg in eine Mergelgrube), in „Damaskus“ (Besuch eines orientalischen Bades) und in den erotischen Gedichten der Gruppe „Liebeslager“.
Diskret und mit viel Geschick nutzt der Dichter die poetische Überlieferung. Im klassischen Versmaß von zwei Distichen drückt er überzeugend auch das aus, was die Überschrift „Meine Furcht“ nennt:

Wann verlier ich die Lust? ich fürcht es, und es ist kein Leben
Mehr, und ihr Wiesen und Seen, ab ist gegrast die Natur.

Wenn ich nicht liebe und kein Schauer hilft dem Gedächtnis
Heiß war der Sommer, das Laub rostet herab im August.

Das politische Gedicht hat es schwer in der Demokratie: Als Meinung steht es in Konkurrenz mit allen anderen Stimmen des öffentlichen Lebens. Seine erste Funktion ist gewiss, in gegenwärtige Konflikte einzugreifen, aber das ist offensichtlich nicht seine einzige, wenn man bedenkt, dass einige der berühmtesten politischen Gedichte ihre Anlässe Tausende und Hunderte Jahre überdauert haben, weil sie das Unabgegoltene präsent halten und den „allbekannten / Furien des Verschwindens“ Paroli bieten können, wie der Dichter in der langen poetischen Reflexion „Das Verschwinden des Volkseigentums“ (1991) es ausdrückte. Es ist ein leidenschaftliches Zeugnis eines Beobachters der „Wende“. Ratlose Betroffenheit profiliert sich als politisches Gedicht, aber in fast jeder Zeile bietet es Angriffsflächen für den politischen Diskurs, dem es entgegentreten will.
Volker Braun hat sich dem Kampf gegen die Furien des Verschwindens verschrieben. Er muss auch hier wieder sagen, was keiner mehr hören will, Namen aussprechen wie „Hennecke“ und „Gauckbehörde“, Wörter wie „Klassenkampf“, „Solidarität“, „Kommunismus“ und etwas konkreter und in mehreren Gedichten das Wort „Mauer“.
Sogleich nach der Wende tat der Verkehrsplan Berlins freilich schon so, als ob es die Mauer in dieser Stadt nie gegeben hätte. Frühere Dichter haben zu hermetischen Ausdrucksmitteln gegriffen, wenn ihr Gegenstand mysteriös oder die Rede darüber verboten oder verpönt war. Volker Braun beschreitet diesen gefährlichen Weg in einem Gedicht über die Mauer, dem es wirklich gelingt, dieses Monument den Furien des Verschwindens zu entreißen. Man kann es nicht wirklich hermetisch nennen, doch verlangt es ein gewisses Maß an Entschlüsselung.
Es heißt „In Schildow“ und beginnt:

Auf dem Kolonnenweg
Schleich ich…

Es schließt mit dem, was kein Berliner Stadtplan mehr wahrhaben will:

Immer die Mauer
Neben mir in den Boden gesunken
Ich springe hinüber herüber.
Die Zeitalter wehen am Weltrand

Die Arbeit der Entschlüsselung von Realien (die Mauer folgte in Schildow im Nordwesten Berlins dem Kolonnenweg) und der Deutung von Motiven (die militärische Bedeutung der Pflanzennamen) schützen „die Mauer“ vor den Furien des Verschwindens. Paul Celan kommt dem Rezensenten an solchen Stellen in den Sinn, der Meister der Hermetisierung dessen, was trotz aller öffentlichen Bekenntnisse insgeheim niemand hören wollte.
An Paul Celan erinnert auch ein Gedicht, das den Titel „Andres Wachtlied“ trägt. Einige Anspielungen erklärt der Dichter in Anmerkungen, viele andere, von denen er sicher sein darf, dass niemand sie ohne große Belesenheit und intensives Nachforschen erkennen wird, bleiben wie hermetische Kapseln. Eine Anmerkung führt die Leser auf die rechte Spur: Thema ist die 1999 als Mahnmal geschlagene „Zeitschneise“ vom Schloss Ettersburg zum KZ Buchenwald. Die poetischen Motive „Weimar“ und „Buchenwald“ bilden ein Geflecht, schließlich eine Art von Engführung. KZ-Realität und Goethes Gedankenwelt stoßen hart aufeinander, aber in Strophen, welche Goethes Verse nachbilden. Seine – nicht sehr radikale – Hermetik ist die Antwort eines Dichters auf die von ihm wahrgenommene und erfahrene „Gestalt der Welt“. Das „andre Wachtlied“ zeigt ihn in der ganzen Würde seiner Unfreiheit: Hermetik und ein verstörtes lyrisches Ich sind wie Narben auf der Haut des Textes. So entsteht ein großes politisches Gedicht!

Hans-Herbert Räkel, Süddeutsche Zeitung, 11.8.2005

Ich Staatsfeind wünsche Gute Macht

„Lern harmlos lesen“: Auf diesen Imperativ, mit dem uns Volker Braun im Eröffnungsgedicht seines neuen Buches anlockt, wird niemand hereinfallen. Der sich da als Possenreißer annonciert, ist im Grunde jener „aufrichtige marxistische Student auf Lebenszeit“ geblieben, als den ihn einst Uwe Kolbe liebevoll ironisiert hat. Auffällig ist jedenfalls der Beharrungstrotz, mit dem Volker Braun in seinen neuen Gedichten die alten Werkzeuge der dialektischen Weltenträtselung ausbreitet. Er jongliert nicht ohne Koketterie mit den merklich verblassten Zauberwörtern, die einst den „Lustgarten“ seiner politischen und erotischen Utopien zum Blühen gebracht hatten. So lässt er die Gespenster des ideologischen Zeitalters noch einmal am utopie-entwöhnten Leser vorbeiparadieren. In allegorischer Verkleidung versammeln sich der Kommunismus, das Volkseigentum, der Klassenkampf, die Utopie und selbst die Solidarität, die „bleiche Schöne“, zu einem finalen Auftritt. Und selbst die Mauer, das Denkmal realsozialistischer Selbstbehauptung, gelangt noch einmal zu poetischen Ehren.
Zwar hatte Volker Braun 1996, im Nachtrag zu seiner berühmten „Unvollendeten Geschichte“, von der „absurden Existenz“ seines alten Landes gesprochen. Das war in einem Moment des Schocks formuliert, als er der fast 4.000 Seiten Akten ansichtig geworden war, die der Stasi-Staat über ihn angelegt hatte. Braun hat indes nie einen Zweifel daran gelassen, dass er trotzdem die Impulse des frühen Sozialismus als Herausforderung für den real existierenden Kapitalismus begreift. In seinen Texten kultiviert er seit der Wende ein Pathos der Niederlage, einen Gestus der Desillusionierung, der die alte und die neue Despotie mit grimmigem Spott bedenkt. „Man kennt die Bestialität“, hatte Braun in seiner Büchnerpreis-Rede von 2000 formuliert „aber kaum noch die Menschheit. Wenn die Ideen begraben sind, kommen die Knochen heraus.“
An diesen Knochenfunden arbeiten sich die Gedichte ab. Beim Blickwechsel von der alten auf die neue Welt kehrt eine traumatische Urszene zurück: Gleich zweimal beschwört Braun das Inferno der Zerstörung Dresdens, das er einst in einem Rochwitzer Luftschutzkeller verfolgte, als Vorschein späterer Verheerungen. Von den Schrecken der Ruinen-Welt führt der Weg zu den Selbstmordattentätern der Gegenwart, die auf ihre Weise den Eintritt ins Paradies erzwingen wollen. Für das lyrische Subjekt, das den „Wechsel der Zeiten“ ohne Hoffnung registriert, bleibt nur die Erwartung weiterer Zerstörungen:

Ich
Schmieg die Schultern in die dunkle Erde
Das holde Licht, getröstet trostlos
Und dem Tod ins Weiß des Auges –

Man verdankt Brauns neuen Gedichten aber nicht nur finstere Blicke auf die Gewaltförmigkeit des Geschichtsprozesses, sondern auch die ernüchternde Einsicht in die Vergänglichkeit von Stilhaltungen. Denn der Brechtsche Aufklärer-Habitus, die visionäre Geschichtsprophetie – das sind lyrische Sageweisen, die sich mitunter wie Dokumente aus einer unendlich fernen Literaturepoche ausnehmen. Volker Braun ist ein Virtuose in der Handhabung des Blankverses, der schroffen geschichtsphilosophischen Fügung. Aber manche Sottisen gegen die kapitalistische Gegenwart wirken ziemlich wohlfeil, etwa wenn der Dichter im „Shakespeare-Shuttle“ zur Entlarvung seiner Gesellschaft ansetzt:

Der Staat ist BANKRUPT und das Land geleast
Und ich Staatsfeind muss mich anfreunden
Mit dem und wünsch Gute Macht

Das sind verstaubte agitatorische Gesten ohne jede Suggestivität. Erst wenn der Autor von seinen (n)ostalgischen Beschwörungen des geschleiften „Volkseigentums“ absieht und sich in Epigrammen den „leichtbewegten Gedanken ans Einfachste“ zuwendet, entstehen zarte Meisterstücke:

Wann verlier ich die Lust? Ich fürcht es, und es ist kein Leben
Mehr, und ihr Wiesen und Seen, ab ist gegrast die Natur.
Wenn ich nicht liebe und kein Schauer hilft dem Gedächtnis
Heiß war der Sommer, das Laub rostet herab im August
.

Michael Braun, Der Tagesspiegel, 16.3.2005

Die Welt zu beschreiben, bis ich versiege

Was bleibet aber, ist nicht ausgemacht. Denn ob die Dichter noch etwas stiften oder – gemäss einem wenig originellen Kalauer – stiften gehen, wenn es so bleibt (die Börsenlage, die Globalisierung, das Kulturmarketing usw.), das muss sich im Zweifelsfall eben doch immer wieder neu erweisen. Ein Autor, sagte der grosse polnische Augenzeuge und Erzähler Ryszard Kapuscinski einmal, sei immer nur so gut wie sein letzter Satz. Das mache bescheiden. In diesem besten, weil handwerkstreuen Sinn bescheiden sind die jüngsten Gedichte des in Dresden geborenen ehemaligen Berg- und Tiefbauarbeiters, Philosophiestudenten, politischen Schriftstellers und Büchnerpreisträgers Volker Braun, der im vergangenen Jahr seinen 65. Geburtstag beging.
Mit Auf die schönen Possen schaut er gelassen-melancholisch zurück auf ein Dichterleben in zwei deutschen Staaten, sich fragend, was denn blieb von all dem Aufruhr dieser Jahre und was bleiben wird für eine Zukunft nach dem 11. September. Und schon im ersten Poem ruft er dem Nachgeborenen zu:

Lern harmlos lesen
Enkel; die Blättlein
Rieseln, nach schönen Tagen
Ein Freudenelend
Ist das Leben.

Das ist mit dem Augenzwinkern des Älteren gesagt, denn freilich wollen diese präzisen Gebilde genau gelesen werden, und Genauigkeit war nie harmlos. Doch ein neuer Ton von Bedenken und Ergebung prägt diese Lyrik, für die mit dem Oxymoron „Freudenelend“, in dem das Wort „Leben“ zärtlich und unrein mitklingt, eine versöhnliche Formel gefunden ist.
Die Gedichte handeln von konkreten historisch-politischen wie persönlichen Erfahrungen, vom Mauerfall ebenso wie vom Tod des Dichterfreundes Karl Mickel, sie nehmen Hiroshima auf und den Umweltgipfel von Kyoto. Und immer wieder öffnet sich, wie etwa in dem Poem „Sächsische Flut“, das den Überschwemmungssommer 2002 thematisiert, ein Fenster für den intimen Blick, der dann zum dichterischen Fokus wird:

Das Grab meiner Mutter
Steht unter Wasser
Im Loschwitzer Friedhof: was sollchn da Tränen
Vergiessen.

In diesem Bild mit der Dialektwendung relativiert der grosse Regen nur scheinbar die Relevanz von individueller Trauer. Vielmehr werden die Wasser der Flut zum grossen Weinen über einen untergegangenen deutschen Osten, einen verlorenen dritten Weg. „Wie im Westen also auch auf Erden“, heisst es an einer anderen Stelle. Im überfluteten Grab der Mutter weinen die Himmel über eine zu Grabe getragene Utopie.
Einem Zyklus „Totentänze“, der sich in sieben formal strengen, je zehnzeiligen Gedichten den abgelegten linken Imperativen widmet (etwa „Volkseigentum“, „Klassenkampf“, „Solidarität“), antwortet ein Zyklus „Liebeslager“, in dem der Autor dem Begehren und der Lust huldigt: vom entzündenden Blick der fremden Passantin bis zum Beischlaf zwischen Gräbern als einer Verbeugung vor der menschenalten Engführung von Eros und Thanatos:

Und wie von Leben trunken
Umbeinte sie mich hart, ich sahe
Die schwarze Erde, und der Himmel nahe.

So münden politische und persönliche Lebenserfahrung in eine Vanitas-Modulation von neuer Freiheit:

An Liebe halt dich, die vergeht.
Nach Höhrem nicht verrenk den Geist.
Bereichre dich an der Vergänglichkeit.
Nur was verwelkt gewährte Lust.

Damit aber bleibt dem Dichter zum Glück des Lesers zuletzt doch immer noch, mit „Spucke mehr als Geduld / Die Welt zu beschreiben / Bis ich versiege –“.

Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung, 15.4.2006

Verstärktes Schulterzucken

– Volker Brauns neue Gedichte nach dem Ende der Utopie. –

„Auf die schönen Possen!“ hebt Volker Braun das Glas in seinem neuen Gedichtband:

An Liebe halt dich, die vergeht.
Nach Höhrem nicht verrenk den Geist.
Bereichre dich an der Vergänglichkeit
Nur was verwelkt gewährte Lust.

Der elisabethanische Dichter Philip Sidney, dem er damit antwortet, hatte kurz vor seinem frühen Tod 1586 ebensolchen glänzenden, lange getriebenen Späßen Lebewohl gesagt, die irdische Liebe verabschiedet und sich selbst ermahnt: „aspire to higher things!“ Es war das Gedicht eines Christen, der verwarf, was welkt und rostet, um sich dem Ewigen zuzuwenden. Und Volker Braun, der Sozialist?

Das Großeganze ist geschenkt:
Von Einzelheiten werd ich satt.
Mach Dir den Kopf nicht, wenn Dein Hintern fällt
Was Erde tritt, Sir, Erde frißt.

Hier spricht die Ernüchterung, eine neue Genügsamkeit. Ein Fortschritt in der Aufklärung ist es wohl nicht, eher ein Schwund der geistigen Energie (die keine religiöse sein muss). Possen nur werden begrüßt, schon verabschiedete, wie das Wort Posse selbst etwas Abgelebtes hat.
Volker Braun, einer der sehr wenigen großen Lyriker der deutschen Gegenwart, Mann der Sächsischen Dichterschule, beklagt einen Verlust. Der Ton ist einfach, volksliedhaft. Die Verse stehen auf einem festen metrischen Fundament, aber die je dritte Zeile der zwei Strophen bringt eine Bewegung in den Ablauf, Unruhe in das so sicher scheinende Bekenntnis zum Empirischen, zum Genuss an der Welt und zur Absage an alles „Höhre“. Braun hat den Genuss nie verachtet. „Wir gingen ins Haus, / Er auf das Podium, in die Sauna ich“, heißt es schon in einem Gedicht über die Diskussionen im Schriftstellerverband der DDR (aus dem Band Langsamer knirschender Morgen von 1987). Misstrauen hegte er, der Sozialist, auch schon gegen das „Großeganze“ Sozialismus, wie es sich in der DDR zeigte. Und doch verteidigte er den Anspruch gegen die Wirklichkeit. Oder richtiger: Die Haltung seiner Wirklichkeitserkenntnis war das Sichrecken nach dem Höheren. Das hat sich erledigt, einstweilen. Der Utopieverlust ist das große Thema auch des jüngsten Buches. „Ich / konnte mit geschlossenen Augen sehn (Die bessere Welt u.s.w.)“. Nun, nach einer Augenoperation, sind es Urlaubsprospekte, in denen der Nachbar im Krankenhaus blättert. Ein islamistischer Selbstmordattentäter aus dem Fernsehen will die 72 Jungfrauen sehn. Und „Ich / Schmieg die Schultern in die dunkle Erde“. Auch die Natur ist ohne Trost:

Überschwemmungen sah ich dies Jahr
Den Wald brennen
Seebeben und Staaten –
Ein Schulterzucken Stärke neun

Alles bebt, und wir müssen es hinnehmen, „Den Tod nur kann ich beklagen, und freun der Geburt mich“.
Was ist es für eine Welt, in der die Vernunft in der Botanik überlebt und selbst diese von der Verzweiflung bedroht ist? Und mehr noch: Was war es für eine Utopie, nach deren Ende Braun schreibt? Ist sie innerer Entkräftung erlegen oder erschlagen worden? In einem früheren Gedicht, „Das Eigentum“ (aus dem Band Lustgarten. Preußen von 1996), heißt es:

Was ich niemals besaß wird mir entrissen
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen

Heute scheint Volker Braun die untergegangene Welt milder zu sehen. Ein neues Gedicht auf das Ende der DDR sagt vom „Verschwinden des Volkseigentums“:

Ahnungslos
hielten wir es in den Händen
Eine Gelegenheit, über die man nicht spricht
Beinah zur Natur geworden.
Wir machten uns nicht daraus.

Es ist ein fast idyllisches Bild von der DDR und ihren unschuldsvollen, naturhaft lebenden Bewohnern, „Eine vornehme Klasse / Die nichts von sich hermachte“. Solche Verklärung – verglichen zumindest mit dem früheren Gedicht – hat seine Gründe sicher auch im Gefühl geistiger Beraubung. Die Medien sind in westliche Hände gegangen, das Land findet keine Möglichkeit mehr, zur eigenen Sprache zu kommen:

Die Zeitungen
Die wir aufschlagen, sind stumm vor Schreck
Denn sie haben auch den Besitzer gewechselt
Und die abgesägten Sender verhalten sich ganz stille

Es ist ein tastender, bröckelnder Ton, in dem hier gesprochen wird. Vor Missgriffen ist Braun durch seinen eminenten Kunstverstand geschützt und vor Wiederholungen auch; er hat nicht einfach seine bewährten Ansichten erneut in die Auslage gestellt. Doch der zwingende Vers, der, einmal gelesen, sich nicht mehr vergisst, ist zur Ausnahme geworden.

Stephan Speicher, Die Zeit, 2.6.2005

Nur was verwelkt gewährte Lust

„Ein Freudenelend / Ist das Leben.“ – lautet das Fazit einer Existenz, die aufgeladen ist mit Erfahrungen „aus einem rostigen Zeitalter“. Diese Lebensbilanz richtet sich an den Enkel, die Zukunft allerdings bleibt ungewiss. Auf die schönen Possen heißt der neue Gedichtband von Volker Braun.
Volker Braun findet Gefallen daran, wenn ihm oder Dichterkollegen ein Wortspiel gelingt, in dem ein „Wort auf höchster grinsender Ebene“ vorkommt, wie er es in der Büchnerpreisrede „Die Verhältnisse zerbrechen“ (2000) formuliert hat. Das grinsende Wort schillert in vielen Bedeutungsfacetten, es bewegt sich jenseits der faktischen Gewissheiten und gibt sich uneindeutig. Wer wissen will, was es meint, muss sich durch verschiedene Bedeutungsnuancen hindurcharbeiten und wird am Ende doch nicht mit der einen belohnt werden – ein grinsender, unaufgelöster Rest wird bleiben. Solche Komik ist nach dem Geschmack von Volker Braun, dessen neuer Gedichtband Auf die schönen Possen der Spaßgesellschaft mit trotzig-heiterem Ernst begegnet, um die Verhältnisse zum Taumeln zu bringen.
Von einem „Luftkoffer“ spricht Volker Braun in dem Text „3. Oktober 1990“, der „Erinnerungen und Erwartungen unkontrolliert und subversiv“ enthält, „schwer zu tragen, aber die Schritte treibend“. An einigen Gedichten aus dem neuen Lyrikband ist im Unterschied zu dem 15 Jahre älteren Text auffällig, dass es inzwischen einige Schwierigkeiten bereitet, die Schritte zu setzen, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten – das lyrische Ich in dem gleichnamigen Gedicht verliert das Gleichgewicht und neben der Selbstkontrolle auch einstige Gewissheiten.
Anzeichen dafür, dass scheinbar Festgefügtes ins Rutschen geraten ist, findet Braun nicht allein im Untergang von Staaten, sondern auch in den Reaktionen der Natur, die mit Katastrophen auf die ihr zugemuteten Vergewaltigungen antwortet. Dem „Lidschlag der Geschichte“ ebenso ausgesetzt wie dem „Schulterzucken Stärke neun“ der Natur, von dem das Gedicht „Die Gezeiten“ handelt, gilt es für den einzelnen, nicht nur in der Spur zu bleiben, sondern Hindernisse möglichst mit Grazie zu nehmen. Denn er muß Geschick zeigen, wenn es ihm anders ergehen soll, als dem Aktivist Hennecke, der einst die Stütze des Neuen war und nun „von der Stütze“ lebt. „Ein Freudenelend / Ist das Leben.“
Gespenstisch und im höchsten Grade doppeldeutig mutet auch das Szenario an, das Volker Braun in dem Zyklus „Totentänze“ aus dem neuen Gedichtband entwirft. Die sieben, die sich da zu einem Gesellschaftstanz einstellen, sind keine Vertreter der Stände, sondern Braun ruft so genannte Stützen von Zuständen in Erinnerung, die seit 1989 unter die Räder der Geschichte gekommenen sind. Der Dichter spielt zu einem Reigen auf und schon drehen sich „Die Utopie“, „Der Kommunismus“ und „Das Volkseigentum“. Wenn auch nur schemenhaft, „Die Ideologie“, „Der Klassenkampf“ und „Die Solidarität“ lassen sich blicken. Sie sind scheu geworden und haben ganz erheblich an Anmut verloren – selbstverliebt schleppen sie sich über den Friedhof, auf dem die letzten kühnen Fortschrittsideen begraben liegen. Eine Schar von Bleichgesichtigen zitiert Volker Braun vors Angesicht des Sensenmannes und bringt sieben Todgeweihte zueinander, auf dass es danach in die Grube geht. Ein letztes Mal gehen sie nebeneinander und fassen sich mit knochigen Fingern bei der Hand.
Ganz zum Schluss dieses Zyklus’, kommt Braun auf „Die Kunst“ zu sprechen, die nicht nur einen frischeren Eindruck erweckt als ihre Partner, wenn sie „auf den Gräbern mit Grazie“ tanzt, sondern die mit ihrem „wilden Gedächtnis“ auch Einspruch gegen eine um sich greifende Amnesie erhebt. Während die anderen zum Tode Verurteilten nichts behalten und nur mit sich selbst beschäftigt sind, vermag die Kunst, die in ihren Gräbern liegenden „Verreckten“ und „Vergessenen“ wieder zu erwecken. „Wie, ist es möglich? daß die Verhältnisse tanzen“, fragt Braun in der letzten Zeile des „Kunst“-Gedichts, und lässt die Frage, die auch eine nach dem Gleichgewicht ist, offen.
Es hat den Anschein, als würden wir in dem neuen Gedichtband einem Volker Braun begegnen, der gelassener geworden ist, der in dem Gedicht „Auf die schönen Possen“ zu einer Haltung rät, die Enttäuschungsresistent ist:

An Liebe halt dich, die vergeht.
Nach Höhrem nicht verrenk den Geist

Doch aus dieser Position heraus, die frei von Erwartungen und Verpflichtungen ist, vermag er Vergangenes und Gegenwärtiges wie nebenbei umso schärfer zu hinterfragen.

Michael Opitz, Deutschlandradio Kultur, 8.3.2005

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Rolf-Bernhard Essig: Weder Rambo noch Rimbaud
Frankfurter Rundschau, 16.3.2005

Irmtraud Gutschke: Geh und lebe mit Lust
Neues Deutschland, 17.–20.3.2005

Uwe Wittstock: Vom aufgeschobenen Ende politischer Utopien
Literarische Welt, 23.7.2005

Rolf-Bernhard Essig: Der hartnäckige Einspruch
literaturkritik.de, August 2005

 

Der Chronist des Niemandslandes

– Laudatio auf Volker Braun zur Verleihung des Candide-Preises an Volker Braun am 14.11.2009 auf Schloß Genshagen. –

Der deutsche Schriftsteller, den zu ehren wir heute zusammengekommen sind, hat den Roman, dem der Candide-Preis seinen Namen verdankt, im August 1979 gelesen. Davon berichtet sein soeben erschienenes Buch Werktage 1977–1989, ein rauher, bisweilen beklemmender Nachfolger von Brechts Arbeitsjournal, entstanden in den zwölf letzten Jahren der DDR:

lese Candide oder der Optimismus, Jacques der Fatalist und sein Herr, die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito.

Alle drei Bücher dieser Parallellektüre, von Voltaire, Diderot und Ilja Ehrenburg, sind durchweht vom Geist der Satire. Und wenn ich in einem Satz zusammenfassen müßte, wofür ich den Schriftsteller Volker Braun im folgenden vor allem loben will, so wäre es dieser: Er hat die DDR, und nachdem sie untergegangen war, das wiedervereinigte Deutschland dem Geist der Satire ausgesetzt. Wann genau und wo dieser Geist in ihn gefahren ist, weiß wohl nur er selber. Es muß, so vermuten wir, geschehen sein, bevor er nach Preußen kam.
Woher er stammt, hat Braun, in Gedichten wie in Prosa, oft beschrieben, der sächsische Zungenschlag ist aus seiner Diktion bis heute nicht verschwunden. Zum Ort, dem Dresdner Stadtteil Rochwitz, im Osten der Stadt gelegen, gehört die Zeit, in die hinein er geboren wurde, Anfang Mai 1939, wenige Monate vor dem deutschen Überfall auf Polen. Er war noch nicht ganz sechs Jahre alt, da wurde Dresden zerstört, in der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945. „Vom Wachwitzer Weinberg sah ich stundenlang, das Physikbuch auf den Knien, auf die leuchtenden Trümmer. Es war eine Sehstörung, die zunahm. Ich sah den Frieden“, so hat er sich einmal erinnert. „Ich sah den Frieden“ – das ist ein knapper harter Satz, in dem Frieden und Zerstörung zum Kippbild zusammengeschlossen sind. Es gibt viele solcher Sätze im Werk Volker Brauns. Sie begleiten die Geschichte der DDR bis zum Fall der Mauer und verlieren sich nicht, nachdem die DDR in der Bundesrepublik aufgegangen ist. Das Gedicht „Das Eigentum“, entstanden im Juli 1990, im Monat der Währungsunion, kommentiert sarkastisch dieses Aufgehen. Und so wie Büchner den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz, stellt es die Parole des Hessischen Landboten auf den Kopf:

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann
bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.

Das mag manchem so klingen, als trauere hier einer der DDR nach. Es ist aber die Rede nicht vom Staat, sondern vom Land, und das nicht gelebte Leben, dem hier die Treue gehalten wird, ist das einer sozialistischen Formel, der Braun nie entsagt hat: sie lautet Volkseigentum plus Demokratie. In der DDR kam diese Formel bis zum Ende dieses vorgeblich sozialistischen Staates nicht zum Zuge, es gibt aber ein Land, in dem sie eine Chance hat. Er heißt das „Niemandsland“, und man muß nicht lange im Werk Volker Brauns lesen, um zu bemerken, daß er der Chronist dieses Niemandslandes war und ist. Es wird als Möglichkeit dort sichtbar, wo ein Staat zusammengebrochen und der neue noch nicht errichtet ist: so am Ende des zweiten Weltkrieges im Frühjahr 1945, so in der DDR im Jahr nach dem 9. November 1989. Im Prosaband Das unbesetzte Gebiet, 2004 erschienen, wird von einem Ort im Erzgebirge berichtet:

Als die Amtshauptmannschaft Schwarzenberg in den Mai- und Junitagen 1945 unbesetzt blieb, die Russen machten am 13. Längengrad halt, die Amerikaner zogen sich in die Mulde zurück, fanden sich die Leute in den zwanzig Dörfern und Städten im Niemandsland. Denn niemand war zuständig für sie, wie sollten sie nun versorgt werden? (…) Die herrschaftslose Zeit im unbesetzten Gebiet Schwarzenberg endete nach zweiundvierzig Tagen mit dem Einzug der Roten Armee und der gewollten Unterwerfung der Bevölkerung unter die neue Ordnung, die sie versorgen und verwalten würde. Und nichts blieb ihr von der kurzen Epoche im Gedächtnis, von der Lust der Selbstbestimmung, dem Rausch der Gerechtigkeit, und sie vergaß diese Angst, diese Freiheit bei allem Anderswerden und wollte nicht mehr wissen, was für sie das Beste war.

Wie Karl Mickel, Heinz Czechowski oder Adolf Endler ist Volker Braun in die „sächsische Dichterschule“ gegangen, und das heißt: er hatte teil an der Aneignung des überlieferten Formenrepertoires, am Spiel mit Strophenformen und Blankversen, Oden und Epigrammen, am Studium der Prosa von Lessing bis Kleist, die diese aus Krieg und Zerstörung kommende Generation der Übermacht der Ruinen und des Fragmentarischen entgegensetzte. An der Art des Dichterseins, die hier erprobt wurde, war nichts Ungefähres, forciert Genialisches. Es lag vielmehr etwas Selbstironisches im Gruppennamen, den Endler prägte. „Sächsische Dichterschule“ – klang das nicht wie die Parodie einer barocken Poetenvereinigung, wie die Wiederkehr von Regelwerk und Lehrgedicht? Ja, so mochte es scheinen, aber in dieser Schule machte sich jeder seinen eigenen Lehrplan, studierte der eine Klopstock, der andere Rimbaud und eine dritte die Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff. Brecht, zumal der junge, war ohnehin allgegenwärtig. Aus diesem Brückenschlag in die klassisch-romantische Literaturtradition und darüber hinaus in die Sprachwelten des Barock und der frühen Neuzeit sind ganze Regionen des Werks von Volker Braun entstanden, darunter die Anklänge an den Tonfall Büchners oder das Echo von Zeilen Hölderlins:

Dein Eigentum auch, Bodenloser
Dein Asyl, das Du bebautest
Mit schattenden Bäumen und Wein
Ist volkseigen;
Und deine Hoffnung gesiedelt,
Gegen die
symmetrische Welt!

Wie ein Facharbeiter, der es darauf anlegt, mehrere Gewerke zu beherrschen, hat sich Volker Braun die drei Gattungen angeeignet, in Lyrik, Drama und erzählender Prosa die historisch tiefgestaffelten Echoräume gebaut, in die er seine jeweilige Gegenwart stellt. So wuchs sein Werk auf drei Feldern. Daß es Facharbeit ist, läßt sich nicht zuletzt an der Sorgfalt ablesen, mit der die Titel zurechtgefeilt sind:

Gegen die symmetrische Welt, Es genügt nicht die einfache Wahrheit, Langsam knirschender Morgen, Training des aufrechten Ganges, Bodenloser Satz, Lustgarten, Preußen.

Braun war nach dem Abitur Druckereiarbeiter in Dresden, dann zwei Jahre lang Tiefbauarbeiter in der Schwarzen Pumpe und Maschinist im Tagebau Burghammer, ehe er das Studium der Philosophie an der Karl-Marx-Universität in Leipzig aufnahm. Die Nähe zur durchgearbeiteten, durchpflügten, von Stollen durchzogenen Landschaft, zur körperlichen Arbeit, zu Äckern und wüsten Fabriken geht bei ihm ein in die Rückbindung an die Sprachwelten Hölderlins, Kleists, Büchners, aber auch Schillers und Goethes, gibt ihr eine anti-idealistische Wendung und verschmilzt sie mit den derben Traditionen der Schelmen- und Schwankliteratur. Nie leiden seine Figuren nur an ihrem Bewußtsein, und sei es auch abgrundtief unglücklich, immer sind sie Sinnenwesen, denen keine Welt genügt, in der sie nicht ihre Lust finden können. Und so nehmen sie, wenn es um die Liebe und die Geilheit geht, kein Blatt vor den Mund. Im Stück „Simplex Deutsch“ von 1977 /78 wird August Bebels Losung „Alles für den Sozialismus“ von einem Bräutigam unmißverständlich eingeschränkt:

Die Nacht ist mein privater Sektor, den
laß ich mir nicht enteignen vom Betrieb.

„Szenen über die Unmündigkeit“ war der Untertitel des Simplex Deutsch, die Form der Szenenfolge ging via Brechts Trommeln in der Nacht, die Braun im eigenen Text anklingen ließ, zurück auf Büchner, das fünfaktige Drama hatte ausgedient. Es war aber nicht einfach verschwunden, verabschiedet. Es lebte, wie in den Stücken Heiner Müllers, in seiner Sprache fort, in der die Jamben der klassischen deutschen Dramatik seit Lessing auch dort nachhallten, wo ihr Rhythmus ins Stocken gebracht, das Versmaß mit antiklassischem Wortmaterial gefüllt wurde. Die Echoräume, die Volker Braun errichtete, um seinen Stoff, die DDR, in sie hineinzustellen wie in ein Jenseits, um die DDR in den Horizont jenes Niemandslandes zu rücken, das sie nicht war, bis zum Ende nicht sein wollte, diese Echoräume setzten dem Jargon, in dem die Polit- und Kulturbürokratie über die DDR sprach, die Tiefenschichten der deutschen Literatursprache entgegen und stellten sie in den Dienst der Darstellung der Widersprüche des Sozialismus. Ein untrügliches Indiz dieses Unterfangens ist der Satzbau. Er sorgt dafür, daß in der „Unvollendeten Geschichte“, die 1975 in Sinn und Form erschien, der auf Goethes Werther und Büchners Lenz zurückweisende Riß im Innern der Figuren von Beginn an nicht als subjektive Behauptung, sondern als objektiver Tatbestand erscheint, der vom Duktus einer klassischen Erzählung beglaubigt wird.

Am Tag vor Heiligabend eröffnete der Ratsvorsitzende des Kreises K. seiner achtzehnjährigen Tochter, nachdem er sich einige Stunden unruhig durch die Wohnung gedrückt hatte, er müsse sie über gewisse Dinge informieren (er sagte informieren), von denen er Kenntnis erhalten, woher ginge sie nichts an, die aber vieles oder, im schlimmsten Fall, alles in ihrem Leben ändern könnten.

Dieser sorgsam gebaute Satz läßt wenig Gutes ahnen. Die junge Frau wird unter Druck gesetzt, sich von dem unter Verdacht geratenen jungen Mann, den sie liebt, zu trennen, sie wird von ihrer Redaktion entlassen werden, es wird einen Selbstmordversuch geben, und irgendwann wird ein Büchner-Zitat im Text auftauchen:

Was ist denn nun das für ein gewaltiges Ding: der Staat?

Die Frage fand außerhalb des Textes eine Antwort, in jenen Stasi-Akten, die Braun 1993 studierte und nach deren Lektüre er zwanzig Jahre nach seiner Erzählung eine Nachschrift verfaßte: „Das Ende der Unvollendeten Geschichte“. In dieser Nachschrift wird der Staat zum Rivalen des Autors. Denn der Staat kennt die Erzählung, er kennt ihre Protagonistin, und er kennt die Umstände, unter denen der Autor von dieser Geschichte erfuhr. Leutnant Wilhelm Girod gibt in der fraglichen Akte zu Protokoll:

Die in dieser Geschichte genannte Tochter des Ratsvorsitzenden ist die Tochter eines ersten Sekretärs einer Kreisleitung der SED. Diese Frau hat ihre Geschichte dem Volker Braun erzählt.

Im Fortgang erweist sich, daß die Frau, die Braun zur Heldin seiner Erzählung machte, unter dem Decknamen „Martina“ Informelle Mitarbeiterin der Stasi war, über ihr Treffen mit dem Autor berichtet und dessen „Unvollendete Geschichte“ darauf hin überprüft hat, wo sie im Faktischen von ihrer eigenen Erzählung abwich. Volker Braun hat einmal gesagt, er hätte die DDR nur im Fall, daß ihm physische Gewalt angetan oder Manuskripte beschlagnahmt worden wären, verlassen. 1998 hat er in einem Interview einen dritten Grund hinzugefügt:

Wenn ich gewußt hätte, was ich jetzt weiß, nach Durchsicht der Stasi-Akten, daß die Instanz im Dunkeln über viele Arbeiten entschieden und sie von vornherein zum Scheitern verurteilt hat, dann hätte ich wahrscheinlich das Land verlassen.

Wer, wie Volker Braun, die vorgeblich entwickelte sozialistische Gesellschaft von links kritisierte, die Faustformel „Volkseigentum plus Demokratie“ als Maßstab der Selbstwahrnehmung der DDR einklagte und also als „Trotzkist“ unter Verdacht geriet, der kam um die Selbstvergewisserung im Rückblick auf die Russische Revolution, den Kriegskommunismus der frühen 1920er Jahre und den Weg in den Stalinismus nicht herum. Nach 1968, was für Osteuropa und die DDR hieß: nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die ČSSR, entstanden, für die Bühne geschrieben, aber bis auf weiteres unaufführhar, „Lenins Tod“ und „T“, worin Trotzki chiffriert war. Aber diese von der politischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts vorgegebene Ostbindung, diese Konfrontation der DDR mit dem Ursprungsmythos, auf den sie sich berief, verband sich bei Braun früh mit einer nicht minder starken ästhetischen Westbindung. Sie umfaßte, durch das elisabethanische Element im Erbe Brechts hindurch, die Welt Shakespeares und vor allem die französische Aufklärung, griff auf ihren Sensualismus wie ihren Radikalismus der Kritik zurück.
Und damit bin ich wieder bei der Parallellektüre, die Braun im August 1979 betrieb: Voltaires Candide und Diderots Jacques le fataliste. Sie ging nicht nur in die literarischen Echoräume ein, in die er die DDR stellte, sie fand ihrerseits in einem Echoraum statt, der für die Intellektuellen der DDR von nicht geringer Bedeutung war. Franzosen übersetzen – das war schon in der klassischen Literatur der Deutschen um 1800 eine der Übungen gewesen, mit denen sie ihre Zunge geschmeidig gemacht hatte. Jacques le fataliste, in der Übersetzung von Christhelf Siegmund Mylius, und Rameaus Neffe, übersetzt von Goethe, wurden zunächst in Deutschland, dann erst in Frankreich veröffentlicht. Man darf vermuten, daß Volker Braun Jakob und sein Herr in jener 1953 erstmals erschienenen Ausgabe gelesen hat, in der sein Lehrer Hans Mayer für den Verlag Rütten & Loening die Mylius-Übersetzung revidiert und mit einem Nachwort versehen hatte. Voltaires Candide dürfte ihm in der Übersetzung vor die Augen gekommen sein, die Stephan Hermlin im Jahr 1972 bei Reclam Leipzig herausbrachte. Von 1960 bis 1964 hat Volker Braun in Leipzig studiert, er gehörte, wie Uwe Johnson und Christa Wolf, zu den Schülern Hans Mayers, der 1963 die DDR verließ. In Mayers Seminaren, Vorlesungen und Publikationen stand neben und hinter Georg Büchner die französische Literatur des 18. Jahrhunderts, im Zentrum der Forschung und Lehre seines Kollegen und Briefpartners, des großen Romanisten Werner Krauss, stand die französische Aufklärung. Hier wie dort wurde erschlossen, was in der Theorie das bürgerliche Erbe hieß. Es wurde aber zugleich die DDR, ihre Gesellschaft wie ihre Literatur, den Maßstäben ausgesetzt, die in diesem Erbe zu finden waren. In dieser Konstellation wurzelt das Werk Volker Brauns: er ist nicht nur in die sächsische Dichterschule gegangen, sondern auch in die französische, und was er ihr entnahm, bewahrte ihn nicht anders als der eigenwillige Umgang mit Goethe und Schiller vor dem Schicksal, ein blasser Erbeverwalter oder Konformist des sozialistischen Realismus zu werden.
Über seine Candide-Lektüre notierte er:

voltaire kindlich. Er spielt mit puppen, ein altkluges kind, ein kluger starrkopf, der seine fortschrittlichen fixen ideen verfolgt. Ein thesenanschlag gegen die ,beste aller welten‘, deren philosophie er umgraben will. Und richtig, der einzige vorschlag, den er macht, ist, den garten zu bestellen, das muß uns volkseignen gärtnern auf den endlosen rübenfeldern langweilig werden. geschmeidiger, dialektischer die erzählweise diderots. er bestiehlt voltaire (und jeden, mit dem er wein trank), aber er stiehlt ihm auch die schau. Er ist erhaben darüber zu beweisen, daß die welt schlecht ist; sie muß es sein.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten großer Literatur, daß ihre Helden den Autoren zu entlaufen pflegen, von denen sie in die Welt gesetzt wurden. So sind Don Quijote und Sancho Pansa ihrem Schöpfer Cervantes entlaufen, Robinson und Freitag Defoe davongesegelt, und die Reise, auf die Voltaire seinen Candide und den Doktor Pangloß schickte, hat schließlich aus dem Roman hinausgeführt. Wir befinden uns hier, in der DDR des Jahres 1979, in der Volker Braun sich dem Dieb Diderot anschließt, an einem solchen Punkt der Dissoziierung von Autor und Figur. Denn von der Skepsis gegen den Autor Voltaire und sein Evangelium der Gelassenheit und des zu bestellenden Gartens blieb unberührt, daß Candide und Doktor Pangloß längst in die DDR eingewandert, dort heimisch geworden waren und dem Autor Braun zum Stoff werden mußten. Die Sache war nämlich die: der windige Doktor Pangloß hatte die ohnehin lockeren Verbindungslinien, die seine Lehre von der besten aller möglichen Welten mit der Theodizee des wahrhaft großen Philosophen Leibniz verbanden, gekappt, hatte einen Schnellkurs in Marxismus-Leninismus absolviert und war Schönfärber im Dienst des bürokratischen Sozialismus geworden. Als eine Art Redenschreiber war er, Candide als einen anderen Simplex Deutsch im Schlepptau, von Minden nach Ost-Berlin gegangen. Denn in der DDR war die Konstellation wiedergekehrt, der er seine Existenz und seinen Ruhm verdankte: der Widerstreit von Theorie und Erfahrung. Statt diesen Widerstreit auf Galeeren durchleiden zu müssen, durfte er auf eine Anstellung im Machtapparat der DDR hoffen. Man suchte dort Kräfte, die in der Lage waren, die Erfahrung des armen, aus einem verlorenen Krieg hervorgegangenen preußisch-sächsischen Sozialismus mit der Lehre der besten aller möglichen Welten zu imprägnieren. Doktor Pangloß, seiner Herkunft eingedenk, begriff sogleich, daß dieses Geschäft der Versöhnung von Widersprüchen mittels nunmehr sozialistischer Rhetorik einen Widersacher hatte: die Form der Satire, der er selbst entstammte. Also wurde er Mitarbeiter im Autorenkollektiv, das am Kulturpolitischen Wörterbuch der DDR arbeitete, und als es 1970 erstmals erschien, trug der Eintrag zum Begriff „Satire“ unverkennbar seine, des Doktor Pangloß Handschrift:

Der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat, der die machtgewordene Grundlage für die Aufhebung aller ahumanen Zustände ist, kann nicht mehr Gegenstand der Satire sein.

Daraus folgt:

Vor dem Hintergrund der prinzipiellen Lösbarkeit von Konflikten zwischen Individuum und Gesellschaft ist das entlarvende, negierende Moment der Satire nicht mehr das bestimmende; in den Vordergrund rückt die erzieherische Absicht.

Von diesen Sätzen führen direkte Verbindungen zu denen, die im nun erschienenen Werkbuch vom endlosen Feilschen mit der Kulturbürokratie um die Publikation von Texten, die Aufführung von Stücken in den siebziger und achtziger Jahren berichten. In ihrem Zentrum steht der „Hinze-Kunze-Roman“ samt seinen Ablegern auf der Bühne und in kleiner Prosa. Er erzählt von einem Funktionär und seinem Chauffeur, erzählt davon, daß Herr und Knecht im Sozialismus nicht ausgestorben sind, ist Apologie der Sinnlichkeit und Kritik der Phrase zugleich und zudem ein so virtuoses Spiel mit der Erzählerstimme, daß auch der Leser hier die Wachheit aller seiner Sinne aufzubieten hatte. Wollte man dieses Meisterstück des Satirikers Braun in eine Formal bannen, müßte man sagen, hier sei der Candide-Stoff der DDR, der Widerstreit von Theorie und Erfahrung, mit der Methode von Diderots Jacques le fataliste zur Darstellung gebracht worden. Christa Wolf oder auch Franz Fühmann gingen auf die Autoren der deutschen Romantik zurück, wenn es galt, das kulturpolitische Wörterbuch zu widerlegen und substantielle statt lediglich pädagogisch leicht kurierbare Konflikte zwischen Individuum und Gesellschaft der DDR darzustellen.
Volker Braun und Heiner Müller mobilisierten das 18. Jahrhundert, in Müllers Gundling in Gestalt Lessings, in Brauns „Hinze-Kunze-Roman“ in Gestalt Diderots; hier wie dort rumorte die Frage, was von den Autoren der Aufklärung über die Dialektik von Herr und Knecht zu lernen war. Die Aufsässigkeit, die den „Hinze-Kunze-Roman“ prägte, hat bei Braun später, 1983, im furiosen Essay „Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität“, ihren vielleicht sprachmächtigsten Ausdruck gefunden. Darin findet sich der Schlüsselsatz für die Erfahrung der Stagnation:

Was uns ersticken machen kann: aus der bewegten Zeit in eine stehende zu fallen.

Für den Chronisten des Niemandslandes aber ist nicht nur die DDR, sondern auch das nach 1990 aus der Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik entstandene Staatswesen ein Gegenstand des Mißtrauens immer dann, wenn es sich selbst als beste aller möglichen Welten behauptet. So wendet er im neuen Jahrhundert seine in der Kritik am bürokratischen Sozialismus erprobte Methode auf das neueste Deutschland an, um nunmehr dem Kapitalismus seine sozialen Widersprüche vorzuhalten. Die Sprachgestalt der Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel bis zu Bertolt Brecht, der Anekdoten, wie Kleist sie in die Berliner Abendblätter rückte, nimmt er als Modell, um von heutigen Arbeitslosen, Bankern und Hartz-IV-Empfängern zu erzählen. Flick von Lauchhammer heißt der sehr robuste Schelm, den Braun in den Mittelpunkt eines seiner jüngsten Bücher gestellt hat: Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer (2008). Der Name klingt, als käme der Mann direkt aus der Schwankliteratur der frühen Neuzeit. Aber er kommt aus dem realen Ort Lauchhammer in der Niederlausitz, den man vom Berliner Hauptbahnhof aus mit dem Regionalexpreß in knapp zweieinhalb Stunden erreicht.
Flick ist dieser alten deutschen Industrieregion mit ihren Eisenwerken und Braunkohlegruben entsprungen. Entlaufen ist er ihr nicht. Er kommt, ganz im Gegenteil, von ihr nicht los. Schon gar nicht von der Arbeit, die er mit knapp sechzig Jahren verloren hat. Er geistert in seiner Montur, mit rotem Helm und Karabinerhaken am Koppel, durch die Flure des Arbeitsamtes. Und auch das Buch, in dem er die Hauptrolle spielt, hat die Narrenkappe aufgesetzt: Es ist das Schichtbuch eines Arbeitslosen. Und ein Beispiel für die Fähigkeit der Literatur, Funken aus der Spannung zwischen aktuellen Stoffen und alten Formen zu schlagen. Flick von Lauchhammer sieht alt aus, ist aber nicht von gestern. Er ist dabei, wenn in der Berliner Volksbühne Jürgen Kuttner zum Ein-Euro-Abend einlädt oder in einem Provinzkino Michael Glawoggers Dokumentarfilm Workingman’s Death läuft. Der Schelm ist in Krisen-, Kriegs- und Übergangszeiten in die neuzeitliche Literatur gekommen. Findig und schlagfertig ist er geworden, weil ihm die unruhigen Zeiten kaum je die geraden Wege erlaubten und er sich überall durchzuschlagen hatte. Davon hat Flick von Lauchhammer gelernt, und auch von der Unbotmäßigkeit der alten Schelme. Wie es die Schwankerzählung verlangt, bewegt er sich in Episoden voran, auch vom Tod läßt er sich am Ende nicht holen, ohne zuvor im Kampf mit ihm ein hartes Stück Arbeit abzuliefern. Stur hält er daran fest, daß die Arbeit, die er nicht hat, ein Verlust ist. Keine Theorie kann ihm den Müßiggang versüßen, auch nicht die der „Glücklichen Arbeitslosen“. Er ist ein Gespenst aus der Welt der Produktion, er kann die Zeit nur mit einem Machwerk vertreiben, wie es sein Schichtbuch im Titel führt. Vor Idyllen, die aus Stütze und Schwarzarbeit gezimmert sind, graust es ihn.
Den Briketts der Marke Rekord ist in diesem Schelmenstück ein roter Teufel aufgeprägt, die Schrottsammler lassen Gullydeckel mitgehen und öffnen Löcher in die Unterwelt. Der Abstieg in die Hölle führt in die Realgeschichte, an jene Orte, in denen Zwangsarbeiter für einen Namensvetter Flicks Waffen produzierten. Vom Untergang des Dorfes Horno und der Umbettung seiner Toten haben vor Jahren die Medien berichtet. Die künstlichen Gewässer, in denen alte Gruben und Industriekadaver versinken, heißen „Bernsteinsee“ oder „Neu-Seeland“, passen sich der Gewohnheit alter Schelme an, in exotische Paradiese aufzubrechen. Die alte Hohlform, in die der Autor, als Meister des Flickwerks, den Stoff der Zeitungsnachrichten vom Um-, Auf- und Abbruch der Industrieregionen in der Lausitz gegossen hat, macht das Bild der Gegenwart nicht anachronistisch. Sondern haltbar. So bleibt der Chronist des Niemandslandes auf dem Posten, den er schon in der DDR innehatte, bleibt Linksabweichler aus dem Osten, der nun der westlichen Welt ihr Narrenkleid zuschneidert.
In diesem Jahr wird in Deutschland der 250. Geburtstag Friedrich Schillers gefeiert, eines Autors, von dessen Werk manche Wege zu Volker Braun führen. Es ist aber nicht nur Schiller-Jahr, es ist auch Candide-Jahr. Denn vor 250 Jahren, im Geburtsjahr Schillers und im Todesjahr jenes Dr. Ralph, aus dessen Nachlaß Voltaire behauptete, ihn herausgezogen zu haben, erblickte der Candide das Licht der Öffentlichkeit. Daß sein Jubiläum nun mit der Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer, den Anfang vom Ende der DDR, zusammenfällt, ist ein eigentümlicher Zufall. Doktor Pangloß hätte ihn als notwendiges Glied in der Kette von Ursachen und Wirkungen erklärt, die unausweichlich zum Guten führt. Uns reicht die Frage, ob sich angesichts dieses Zufalls ein würdigerer Preisträger in diesem Jahr hätte finden lassen, und die Antwort: nein. Herzlichen Glückwunsch zum Candide-Preis 2009, Volker Braun!

Lothar Müller, Sinn und Form, Heft 2, März/April, 2010

 

VOLKER BRAUN

Herr Ober die Krallen bitte
die Zahnprothese
Für eine unrohe Mahlzeit
Ist keine Zukunft mehr
Wenn den Roten am Arsche drückt
Müssen französische Austern her

Peter Wawerzinek

 

In der Reihe Klassiker der Gegenwartslyrik sprach Volker Braun am 9.12.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin mit Thomas Rosenlöcher.

Fakten und Vermutungen zum Autor + Linkliste + Archiv 1 + 2
DAS&D + Georg-Büchner-Preis + Anmerkung zum GBP
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bestiarium Literaricum-Der Volker Braun

 

 

Bestiarium der deutschen Literatur-Braun

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Volker Braun

 


Volker Braun – 50 Jahre Autor im Suhrkamp Verlag.

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