Volker Braun: Langsamer knirschender Morgen

Braun-Langsamer knirschender Morgen

GEMISCHTER CHOR

Das Unverfängliche
Gibt uns kein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wirds  E r r e i c h n i s .
Das fein Geplante
Ist doch zum Schrein.
Das Ungeahnte
Tritt eisern ein.

 

 

Volker Braun

gehört als Lyriker, Dramatiker, Erzähler zu jenen prominenten Autoren der DDR, deren Publikationen und Aufführungen bei uns mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden; und dies schon seit zwei Jahrzehnten.
Sein letztes, 1985 erschienenes Prosabuch, der Hinze-Kunze-Roman, wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Und gewiß ist, daß die Behauptung, Brauns Gedichte seien „für Leser in der Bundesrepublik eine irritierende und herausfordernde Faszination“ – wie Rolf Michaelis schrieb –, nach wie vor gilt. Irritierend sind diese in den Jahren 1978-1984 entstandenen deutschen Gedichte, weil sie sich dortzulande behaupten, ihre Strenge bewahren, ihr Terrain besetzen, ihre Zeit nutzen; und dies mit Streitbarkeit, mit einer auf Hoffnung beharrenden Resignation, als Affront und Trauerarbeit.
Der Titel besagt es; er muß auch metaphorisch verstanden werden. Das Gedicht übernimmt die Mühsal des sowohl täglichen als auch historischen Morgens. Das Gedicht wird zum bewußt eingesetzten Mittel der Dekuvrierung. Denn allzu langsam geht vonstatten, was sich ungebärdig, brisant, siegreich hätte ereignen sollen. Diejenigen, die einmal verheißungsvoll jung und unverbraucht waren, die auf den bald anbrechenden Mittag hofften, warteten – sie warten immer noch. Ihre Kondition aber hat sich verändert. Das Planjahr wurde lebenslänglich, das Zuversichtspathos hat sich verbraucht, in den Gedichten, den Satiren, Lektionen, in der Berlinischen Epigrammen, in diesem „Stoff des Lebens“ sind andere Töne zu vernehmen, knirschende.
Der Spannungsreichtum der Gedichte ist extrem: Hier die Sehnsucht nach dem „warmen Land mit Rosenwetter“. Dort verläuft ein anderer Weg: „Nimm den Pfad gleich links durch die Brust / Und überschreite die Grenze.“
Und einem Hieb gleich heißt es: „Dein rotes Spanien, dein Libanon / Erreiche es vor der Rente.“
„Ernüchterung ist die Arbeit der Literatur“, so heißt es in Volker Brauns Essay „Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität“. Arbeit gegen die Deckgebirge der Verheißungen, wenn wir uns nicht zu ,Propheten von übermorgen‘ machen wollen.
Mitunter aber macht sich Humor bemerkbar, jene Art von Humor, die unterm Galgen aufzukommen scheint, wie Gehenkte glaubwürdig zu versichern wußten.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 1987

 

Ein „Gemischter Chor“

eröffnet Volker Brauns neuen Lyrikband und schließt so nach mehr als einem Jahrhundert an das Finale des zweiten Teils von Goethes Faust an, in dem der „Chorus mysticus“ ertönt. Hüllt sich die Tragödie nach dem Achtzeiler in himmlischer Ruhe, Brauns parodistisches Echo stimmt die Tonlage alles Irdischen an:

Das fein Geplante
Ist doch zum Schrein.
Das Ungeahnte
Tritt eisern ein.

Braun stand immer schon lieber mit beiden Beinen auf der Erde, wenn sie auch bis zu den Knien im Schlamm steckten. Nachdem er den Tagebau als Baggermaschinist verlassen, und sich als Student der Philosophie immatrikuliert hatte, betrat er in den sechziger Jahren die Rhetor-Tribüne, um in Gedichten über die Mißstände in der DDR zu richten. Majakowskis Stimmengewalt simmulierend, trat er in Klartexten provozierend und richtungweisend in einem Staat auf, in dem sich wenig bewegte. Am Vokabular der Marxisten hat es nicht gelegen, das konnte aus einem Reservoir revolutionärer Symbole und Metaphern schöpfen. Aber die Parole, die einst die Pioniere der DDR vorantrieben, verhallen mittlerweile in den Sälen des Volkspalastes. „Klassenkampf – o Donnerwort“, „Der Sozialismus, nur noch eine Metapher / Aber wofür?“, heißt es im „Gespräch im Garten des Chefs“, wo die Losungen an Resonanz einbüssen.
Die starken Wörter wurden in dem zur Bürokratie erstarrten Arbeiter- und Bauernstaat leblos. 1963 verglich Braun den unter dem Vorwand der Konsolidierung eingestellten Status quo in einem bisher unveröffentlichten Gedicht mit einem „Schiff im Land“:

Es war ein langsamer knirschender Morgen.
Das Meer von zerschundenem Jubel erbricht
Sich, im schäumenden Zeitungspapier verborgen.

Die 1987 zuerst in der Bundesrepublik, Monate später in der DDR erschienene Sammlung neuer Gedichte macht durch das Zitieren der vierundzwanzig Jahre vorher geprägten Formel auf die immerwährende gesellschaftliche und politische Stagnation aufmerksam: im Osten nichts Neues? Wer genau hinhört, nimmt aber die eintönigen Geräusche wahr; das Knirschen der aufgehenden „Sonne“ und das Quietschen der im Panzer gehüllten Staatsmaschinerie – akustische Symptome verhärteter Strukturen. Seit dem Anfang seiner schriftstellerischen Laufbahn bewegt sich Braun in diesem gesellschaftlichen Dauerzustand, den Karl Mickel 1975 die „Eisenzeit“ nannte. Das Motto, in dem er weiterhin Resignation leugnet, verrät er im Text „Der Eisenwagen“, dem nachgetragenen Prolog seines Theaterstückes Lenins Tod (1970):

Mit dieser eisernen Gegebenheit leben und gegen sie, sie benutzend und zerbrechend.

In drei Zyklen übt sich Volker Braun in Langsamer knirschender Morgen in der Technik des Brechens, um somit das staatseigene Knirschen und Quietschen zu übertönen, ohne es jedoch ganz zu unterdrücken.
In den siebziger Jahren ist der Rhetor Braun von der Tribüne gestiegen, hat sich ins Handgemenge und Getöse der unterschiedlichen Diskurse gestürzt. Im Laufe der Zeit hat er sich zum Meister des dialogischen Gedichts entwickelt. Im Zyklus „Lektionen und Satiren“ tritt der Dichter im gemischten Chor von Rede und Gegenrede, der Stimme des Volks und dem Herrschaftsdiskurs auf. In „Die Treulose“ diskutiert „Volker“ (Braun) mit „Valerius“ (Catull) über die Notwendigkeit der Lyrik, in „Ich habe mit dem Papst gesprochen“ versucht er als Bittsteller vergeblich, das stumme Kirchenhaupt für das Schicksal politischer Gefangener in Argentinien zu interessieren. Die meisten Dialoge gehen im Stimmengewirr unter und erteilen nicht die versprochenen Lektionen, machen aber irritiert den verborgenen Dissens hörbar. Braun genügt dies nicht.
In der zweiten Folge des 1979 eingesetzten Zyklus „Der Stoff zum Leben“ nimmt die Lautstärke bedeutend zu. Hier stehen die eigenen Texte auf der Abschußliste, die früher einmal Wahrheit beanspruchten. „Hier ändre ich die Welt / Hier kann ich es“, lautet die Devise im Materialtext „Burghammer“, dem Ort, wo Braun in den Aufbaujahren der DDR Braunkohle ans Tageslicht brachte. Seitdem die sächsische Tiefebene durch die Abnutzung zerschunden worden ist, ist sie auch als literarisches Sujet (u.a. verarbeitet in Die Kipper) korrekturfähig geworden. Schicht für Schicht wird im erneuten Schreibprozeß durch die Landschaft gegangen: die in Majuskeln skandierten Ewigkeitsansprüche werden zertrümmert und zurechtgewiesen, älteres literarisches Material heranzitiert, durchgestrichen, korrigiert und neu zusammengestellt. Dieses intertextuelle Jonglieren macht den Band interessant, denn er zeigt durch die bewegte Selbstreflexion, daß ein zeitgenössischer Autor – an welcher gesellschaftspolitischen Zwangslage auch immer – nicht zum Schweigen verurteilt ist.
Braun schließt mit 164 „Berliner Epigrammen“, einer von ihm vorher wenig geübten Gattung. Der gebürtige Sachse eignet sich in den in Distichen gepreßten aphoristischen Kurzformen die „Berliner Schnauze“ an. Die Merksätze versuchen, die verhärteten Strukturen, die u.a. auch in der Architektur der Hauptstadt gravierende Formen annehmen, mit provokativen Aussagen zu parieren:

Die Fassade ist hin, die einmal alles bedeutet
Als man den Schein gewahrt. Jetze gewahren wir Schund.

In den Epigrammen dauert die kritische Stimme seitenlang an, sie vermittelt die eigentlichen Lektionen und Satiren im Band.

Gerrit-Jan Berendse, GDR Bulletin, Heft 2, 1989

Wiederholte Lektüre des jüngsten Gedichtbandes von Volker Braun

– Gedanken zu Texten und ihrer Wirkung in dieser Zeit. –

Volker Braun hatte seinen acht Thesen zur „Erfahrung der Freiheit“ (ND vom 11./12. November) die ersten Verse seiner Dichtung „Material VIII: Der Eisenwagen“ vorangestellt. Ein „alter“ Text:

Frühjahre der Völker. Seltenzeit
Wenn sie ausgehen, aus ihrem Schlummer
Ins Freie. Das Eis
Der Strukturen bricht, und es hebt den Nacken neugierig
Der Unterdrückte.

Er ließ mich genauso aufatmen „unter dem Licht der Worte“ (so zitierte Braun Anna Seghers auf dem X. Schriftstellerkongreß) wie der neue, den Braun jetzt anschloß.
Letzterer wird dem Leser noch im Gedächtnis sein. Ich griff noch einmal zu dem Gedichtband Langsamer knirschender Morgen, dem „Der Eisenwagen“ zugehört. Er war 1987 erschienen, in unserer „Vor“-zeit, und er hatte es schwer — zu schwer und zu lange schwer — wie alle neueren Arbeiten Brauns, in unserem Land öffentlich zu werden. Auch das war der Preis, den wir entrichten mußten für viel zu langes Ausharren in politischen Strukturen, die Kreativität und soziale Phantasie immer wieder ersticken sollten. Die Dichter aber ließen sich – Gott sei Dank – nicht übers Maul fahren: sie ließen sich nicht in die Enge vorgeschriebener Gedanken zwängen. Sie stellten sich in den großen Streit um mögliche Entwürfe eines menschlichen Zusammenlebens, das nicht nur durch die Deformationen in unserem Land oder der anderen, die mit unzureichenden Mitteln das menschliche Leben eigentlich verbessern wollten, in unserem Jahrhundert fragwürdig geworden war.
Nein, die wichtigsten Autoren unserer Literatur haben sich nicht aus dem neuen Denken heraushalten oder herausdrängen lassen. Ihre Werke waren Mahnungen, umzudenken und umzufühlen, um aus Verkrustungen und Erniedrigungen heraustreten zu können. Deswegen können sie heute dem Volk, das begonnen hat, seine Rechte durchzusetzen sich mit ihrem Rat verbinden – sie, die Helga Königsdorf und Christa Wolf, Christoph Hein und Stefan Heym, Hermann Kant und eben auch Volker Braun.
Spätere Geschichtsschreiber werden sicher vermerken: Dieses Volk hatte, als es seine wirkliche Revolution anders in Angriff nahm als die „neue“ Zeit – „Nun hat die andere Zeit, die neue endlich begonnen. Freilich, und sie begann mit dem Befehl Nr. 1.“ so lautet das 32. „Berlinsche Epigramm“ des vorliegenden Gedichtbandes — Dichter an seiner Seite, die aus ihm kamen und mit ihm gingen und seinen Weg beleuchteten. Jenseits aller Theorie vom Realismus und von den Funktionen der Kunst führten sie, von sehr unterschiedlichen Konzepten aus, zu Eingriffen in die Wirklichkeit.
Volker Brauns Gedichtband steht dafür wie seine Prosa und die Arbeiten für das Theater. „Der Eisenwagen“ steht in der 2. Abteilung des Gedichtbandes, betitelt „Der Stoff zum Leben“. Der Stoff zum Leben, das ist die Kritik des Gegebenen, der sozialistischen Revolution, die sich immer wieder selbst kritisieren muß, um ihre Zwecke nicht zu verlieren, um sich immer wieder selbst erkennen zu können, um nicht ständig zurückzufallen in Zustände, in denen Menschen Menschen beherrschen. Stoff zum Leben ist kritische Haltung und kritische Aktion, die die „Sachen“ beherrschbar machen und uns zum Handeln in den schier unentwirrbaren Widersprüchen unseres Lebens kommen lassen.
„Der Eisenwagen“ ist wohl nicht nur eines der schönsten Gedichte in diesem Band, für mich gehört es zu den besten, die in deutscher Sprache in unserer Zeit überhaupt erfunden wurden. Gedichtet in einer Zeit, als die Stagnation noch für immer zementiert schien, und der Dichter, der sich als Revolutionär verstand, nicht nur gründlich mißverstanden wurde, sondern Verdächtigungen ausgesetzt war: „So zerrissen der Leib, hier hausend und nicht zuhause / Liebend und nicht verliebt, denkend und unter Verdacht.“ (4. „Berlinsche Epigramm“). Wie drückend die Verhältnisse auf Braun lasteten, dafür spricht auch sein Gedicht „Das Leben“, das er in Anlehnung an Walter von der Vogelweides Vers „Ich han min lehen“ schrieb.

Ich bleib im Land und nähre mich im Osten.
Mit meinen Sprüchen, die mich den Kragen kosten…
Wie komm ich durch den Winter der Strukturen.
Partei mein Fürst: sie hat uns alles gegeben
Und alles ist noch nicht das Leben.

Diese Zeit war wahrlich kein Freund der Wahrheit und des Realismus. Und dennoch die Vision von den aufbrechenden Strukturen des Eises, von dem furchtlosen Hervortreten des großen Bedürfnisses aus dem Innern der Menschen, die sich selbst in Freude wahrnehmen, die sich auf das Neue, das das Andere sein will, einlassen. Gerade um dieses Neue, das das Andere sein will, um die Herausfindung des Sinns des Anderen, der anderen Qualität des Anderen gegenüber bisheriger menschlicher Geschichte haben Autoren wie Braun — besonders aber auch Fühmann und Strittmatter — immer wieder gerungen. Braun hat die Vision dieses Anderen ins Gedicht gebracht. Und er hat, das Bild vom Eisenwagen aufnehmend, auch die historische Dialektik dieses Anderen, den historischen Prozeß mit seinen Widersprüchen, in einem nachfolgenden Prosatext sinnlich gemacht, wohl auch, um Romantisierungen entgegenzuwirken. Der Held, das lyrische Subjekt, der Sprecher gerät selbst in die Zwänge des Eisenwagens. „Die Frage wer wen, aus dem Spielchen der letzten Jahrtausende, hatte eine Antwort vorweggenommen, die keine ist. Eine Antwort, die eine ist, mußte nach allen fragen.“ (Hervorhebung von mir, K. J.) Seine Haut verschmilzt mit der Wand des Eisenwagens, er sieht in die Augen der Freunde, denen er zurufen will, daß die Revolutionäre mit den eisernen Gegebenheiten leben müßten, mit dem Erreichten und dem Dagegen, es „benutzend und zerbrechend“. Doch seine Zunge ist mit dicken Drähten umwickelt, sie „wiederholte automatisch alte Sätze“. Damit begann sein Sterben.
Der lyrische Sprecher selbst ist auf Leben und Tod in die eisernen Kämpfe einbezogen, in den Kampf, in dem, um mich auf heute zu beziehen, alte Strukturen zerbrochen werden müssen; er liegt mit sich selbst in Streit („Ich bin mein Gegner“). Dieser Streit, dieser harte Kampf betrifft aber nicht nur die Strukturen der Gesellschaft, er zersprengt auch das gewohnte Gedicht, alten Text, wie Braun auf dem X. Schriftstellerkongreß sagte, er erzwingt neue lyrische Strukturen. Das Ringen um neue dichterische Strukturen ist verbunden – bei Braun jedenfalls – mit dem Kampf für neue soziale Strukturen, die Kreativität, soziale Phantasie, sozialistische Demokratie möglich machen. Es ist indes wohl nicht weniger anstrengend, nicht weniger unsicher als dieser. Ich sage das, weil der, der sich diesem Zusammenhang verschließt, der Brauns Gedichte etwa als kompliziert abtut, sich nicht nur der Inhalte beraubt, sondern seine eigene Arbeit, bewußter in der Geschichte zu sein, beschädigt.
Wer diese Gedankenarbeit nicht scheut, kann manches entnehmen aus den Gedichten der 2. Abteilung – selbst wenn er in seinem Diskurs mit dem Gedicht seine Lesart gegen den Text stellt. Aber auch mit alten Strukturen der Klassiker, mit Zitaten von Goethe, Hölderlin und Rimbaud arbeitet Braun in diesem Band. Der Bezug auf die Literatur und ihre geschichtlichen Gestalten ist immer auch ein Bezug auf Menschheitsgeschichte, der gegen „das gebremste Leben“ steht, der mit Hölderlin fordert: „komm! ins Offene, Freund!“, der auffordert zur Grenzüberschreitung, um aus dem „Wartesaal, wo die Geschichte auf den vergilbten Fahrplan starrt“ herauszukommen, sich der bleiernen Zeit zu entledigen.
Die Zeiten berücksichtigend, in denen Volker Braun die Gedichte schrieb, verwundert mich die Trauer nicht, die auch aus einigen Gedichten spricht. Noch weniger hat mich die Satire erschreckt, die nun wirklich bissig und scharf ist und nicht nur die Diktion der „Berlinschen Epigramme“ bestimmt, sondern auch der ersten Abteilung die Farbe gibt. „Satiren und Lektionen“ nennt Braun diesen Teil. Er attackiert Verhalten und Verhältnisse, die wir noch längst nicht alle aufgebrochen haben. Seine Satire kennt keine Tabus und war wohl gerade deswegen Verdächtigungen und Herabwürdigungen ausgesetzt, wie zu meinem Leid sein Hinze-und-Kunze-Roman, eines der bedeutendsten deutschen satirischen Bücher, in diesem Blatt.
Brauns Gedichte sind mir schon lange gute Freunde geworden: und es verhält sich mit Gedichten wie mit Freunden, man muß in sie hineinhorchen können (das ist etwas mehr, als sie nur lesen), man muß sich ihnen gegenüber offen zeigen und öffnen können (es hat den Vorteil, daß das ohne fremde Zeugen geschieht). Ich kann mit dieser Freundschaft in die Kämpfe, die ich heute mit mir und mit anderen auszufechten habe, beherzter gehen.

Klaus Jarmatz, Neues Deutschland, 28.11.1989

Der leere Augenblick, die Geschichte auf dem Abstellgleis

Volker Brauns ganze Liebe gehört der Revolution. Sie ist seine Muse und gibt seiner Lyrik das Tempo vor: Zeile um Zeile rennen seine Gedichte an gegen alles Gewohnte, Bestehende und stürmen voraus in eine bessere Welt, drängen hin zu einem idealen Sozialismus, in den er den real existierenden lieber heute als morgen verwandelt sehen möchte. Um dem großen Ziel zu dienen, hat er seine Poesie straff an das Schicksal der Politik gekettet:

Die Gesetze der Bewegung der Wirklichkeit müssen Gesetze des strukturellen Aufbaus des Gedichts sein. 1

Getreu diesem Grundsatz schrieb er wilde Hymnen auf die Aufbruchsjahre der DDR, später dann kluge Lieder über mühsame „Wühlerei / In der ökonomischen Scheiße, / und schließlich stille Oden über den großen Wert kleiner Erfolge.2
Aber was macht so einer in den Zeiten des Stillstands? Was tut er, wenn sich in der Gesellschaft, für die er die Zukunft erobern will, einfach nichts mehr rührt, wenn sich alle Züge in Richtung des besseren Morgen langsam, knirschend festgefahren haben? Vor zwei Jahren notierte Volker Braun in einem Essay über Rimbaud:

Provinz, das ist der leere Augenblick. Geschichte auf dem Abstellgleis. Status quo. Was uns ersticken machen kann: aus der bewegten Zeit in eine stehende zu fallen.3

Gewiß, Braun zählt nicht zu jenen, die, sobald sie in eine Flaute geraten, kurzerhand die Segel streichen. Seine Hoffnung ist hartnäckig. Wenn er Widerstand spürt, stößt er nicht gleich Kassandrarufe aus, sondern schmäht und verhöhnt erst einmal jene, die es sich mit dem Erreichten bequem machen wollen. So mokiert er sich in seinem Gedichtband Langsamer knischender Morgen über „Die Konsolidierung“, seine Erzfeindin:

Auf der obersten Sprosse, jubelbefohlen
Mit starrem Lächeln, zeitungsreif
Voll Errungenschaften mit ausgefallenen Haaren
Schreitet sie, pausenlos von sich selber sabbernd
An diesem zukurzgekommenen Morgen
Der sich bürokratisch verheddert zwischen 9 und 10
Schreitet sie, den Status quo im Schilde
Schleimscheißend, zähneknirschend, wirsch
Der Lude der Macht, ohne nach dir zu fragen
Schreitet sie herrlich auf der Stelle fort
Ihr totes Kind verborgen im flatternden Schoß
.4

Auch beschwört er gern die heroische Vergangenheit der Revolution, in der sich die Ereignisse überschlugen und die Gegner noch klar über Kimme und Korn auszumachen waren. Hierzu greift er dann auf den antithetischen Aufbau seiner früheren Gedichte zurück, den er meisterlich beherrscht – auch wenn wie oft bei Meistern, die in die Jahre gekommen sind, inzwischen nicht mehr alle Stücke den Schmelz der Schöpfung tragen, sondern manche nurmehr von der Solidität des Handwerks zeugen.
Doch Volker Braun ist ein zu dünnhäutiger Dichter, als daß er sich aus der Gegenwart allein in sauren Spott oder süße Erinnerungen retten könnte. Die jahrzehntelange politische Erstarrung der DDR, ihre soziale Grabesruhe hat inzwischen tiefergehende Spuren in seiner Arbeit hinterlassen. Bereits in dem 1979 erschienenen Gedichtband Training des aufrechten Gangs klang an, was sich nun immer deutlicher zeigt – Brauns poetische Weltsicht verdunkelt sich zusehends, nimmt statt des unbeugsam utopischen jetzt einen eher elegischen Ton an:

… Still-
Gelegt das Land Das hat es hinter sich
Das schwarze Wasser
Tost in die Tiefe
Hier bin ich durchgegangen
Mit meinem Werkzeug Ab-
Geräumt der Glauben
.5

In der Tat räumt hier einer ab mit alten Glaubenssätzen und geht mit seinen Überzeugungen strenger ins Gericht als je zuvor. Die einfachen, klaren Theoreme, denen Braun einst schier unbegrenzte Macht zutraute, werden ihm immer unglaubwürdiger. Jene intellektuelle Ordnung, in der er sich aufgehoben wußte, ist ihm unter den Händen zerfallen. Dies soll nun keineswegs heißen, er habe die Lager gewechselt: Wie in alten Tagen lästert er über die Vereinigten Saaten („Blue Movies“6) und schwärmt vom „Frühjahre der Völker“, in dem „das Eis / Der Strukturen bricht“, und „Der Unterdrückte“ den „Nacken neugierig“7 hebt. Doch fügen sich ihm seine Anschauungen nicht mehr zu einem ideologischen Ganzen: „Einzelheiten noch immer, schmackhafte Brösel. Geknetet / Aber erscheinen sie uns zu einem Unwesen dann“8, – heißt es in einem der 164 „Berlinischen Epigramme“, die Braun „ungeknetet“, als lockere lyrische „Brösel“-Sammlung an den Schluß des Buches stellt.
Der Bruch, die Störung sind zum poetischen Prinzip dieses Bandes geworden. Mit Bedacht zerschlägt Braun seine Sätze, zerrupft die Grammatik, zerreißt die Worte. Er schiebt Prosa-Passagen in seine Gedichte, wechselt sprunghaft die Typographie und läßt sogar einige (unverfängliche) Worte Ovids durchgestrichen, aber gleichwohl gut lesbar drucken. Verschwunden sind die kühnen, weit ausgreifenden Gedankenflüge, die seine Lyrik in den sechziger und siebziger Jahren prägten. Statt dessen stolpert man bei der Lektüre unentwegt über mutwillig aus dem Zusammenhang gerissene Zeilen, wahre Vers-Trümmer, die oft mitten im Satz wieder abbrechen und wie Fußangeln alle glatten Interpretationen zu Fall bringen. Daß die Texte trotz allem nicht zerfasern, daß Braun es versteht, die disparaten Teile untereinander zu verklammern und sie auf eine gemeinsame Linie einzustimmen, gehört zu den beeindruckenden Leistungen dieser Sammlung. Ihre Sprache gewinnt aus den inneren Spannungen und selbstquälerischen Zweifeln des Autors ein eigentümliches Feuer, das den Leser – trotz der nicht unbeträchtlichen Widerstände, die ihm die Texte entgegensetzen – immer wieder für das Buch einnimmt.
Manche der Motive, die diese Gedichte verfinstern, klingen für westliche Ohren freilich sehr vertraut: Von zerstörten Landschaften9 ist da, ganz en passant, die Rede, von vergiftetem Regen und von Bäumen, „Die barhaupt vor dem Menschen stehn“10. Ebenso behutsam wird die Angst angedeutet, unter den „tausend Sonnen“11 eines nuklearen Krieges zu verglühen. Doch anders als viele der literarischen Apokalyptiker, die bei uns schon seit einiger Zeit Konjunktur haben, verharrt Braun vor diesen Schreckensbildern nicht wie das Kaninchen vor der Schlange. Sie lähmen seine Gedanken nicht, sondern treiben sie an, sie lassen ihn Ausschau halten, nach jenen Kräften, die verhindern können, daß aus den bösen Ahnungen katastrophale Realität wird. Gerade hier aber hat ihn seine – ganz auf den Wettbewerb mit dem Westen fixierte – Heimat enttäuscht, werden seine politischen Gewißheiten erschüttert: So hält er einem hochgestellten „Chef“ im lyrischen Dialog vor, daß „Die große Frage Werwen“, jener alte Grundsatz der kommunistischen Machtpolitik, angesichts unserer gefährdeten Gegenwart einfach „Eine Nummer zu klein“12 sei. Denn nicht nur darum kann es heute gehen, daß die Richtigen herrschen, sondern daß diese ihre Herrschaft richtig, sprich: für das Überleben aller nutzen. „Die Frage wer wen, aus dem Spielchen der letzten Jahrtausende“, heißt es noch bestimmter in einem Prosa-Intermezzo, „hatte eine Antwort vorweggenommen, die keine ist. Eine Antwort, die eine ist, mußte nach allen fragen“13.
Der Gedankenlyriker Braun, für den Blumen, Wald und Heide kaum je Quellen der Inspiration waren, schlüpft auch jetzt nicht in die modische Rolle des mahnenden Umweltschutz-Poeten. Er sieht vielmehr in der gequälten Natur ein Element, das in den schlichten politischen Rechnungen der Vergangenheit nicht mehr aufgeht, ein Stück jener mythischen Gewalt, die von der Aufklärung stets unterschätzt wurde. So kann sein „Held des Tages“, der nach ehrwürdiger sozialistischer Tradition „Vorwärts zum Sieg“ strebt, nurmehr einen makaberen, erschreckenden Erfolg erringen: Er „Trifft… das Ungeheuer, die Natur / Das Stadion klatscht, die Verliererin / Beißt ins Gras solange es nachwächst“14. Aber nach diesem Tod wächst eben nichts mehr nach.
Braun hat die Gewißheit verloren, mit der er den Gang der Geschichte betrachtete. „Fortschritt und Untergang“ können, so mußte er erkennen, zwei Seiten der gleichen Medaille sein. Die Zukunft, an die er so inbrünstig glaubte, ist für ihn zweifelhaft oder gar zur Bedrohung geworden („VORWÄRTS sagte ich und wußte nicht was ich sagte“15). Gelegentlich scheint in Brauns späteren Gedichten Blochs vorandrängendes „Prinzip Hoffnung“, daß er so lange (auch gegen die bornierten Widerstände im eigenen Land) verfocht, durch das bewahrende „Prinzip Verantwortung“ des Hans Jonas abgelöst zu werden.
Aber dennoch ist Braun nach wie vor nicht bereit und fähig, sich mit dem Gegebenen abzufinden. „Sozialismus oder Barbarei“ – die von Marx beschworene historische Alternative bleibt für ihn trotz allem gültig, auch wenn er heute weniger denn je weiß, wie die Welt zum Besseren zu wenden ist. Und Braun gehört nicht zu den Schriftstellern, die dies auf die leichte Schulter nehmen: „Freunde und Feinde warten auf meine endgültige Reise ins Aus, den Abgang vom Gerät. Sie sagen ihn voraus als die Konsequenz: die Zerreißprobe endet… Aber ich bin nicht nur das zerrissene Fleisch, ich bin es auch, der es zerreißt. Ich entkomme nicht, es sei denn über die eigene Grenze“16, schreibt er in seinem Rimbaud-Essay, der sich wie ein Kommentar zu den Gedichten des Langsamen knirschenden Morgen liest.
Der verhangene, wenn nicht gar verzweifelte Grundton dieses Buches will nicht so recht in unsere Tage passen, in denen viele erwartungsvoll nach Osten schauen. Die strengen, mitunter bitter ironischen Verse, die Braun der Krise seiner Überzeugungen abgerungen hat, entstanden freilich schon zwischen 1978 und 1984 und wurden seither von den Kulturfunktionären der DDR auf die lange Bank geschoben. Inzwischen scheint sich, dank Gorbatschow, auch Volker Brauns Horizont wieder aufgehellt zu haben: Nach den Jahren der Stagnation spüre er „Bewegung“, es komme etwas „in Fluß, und das Fragen beginnt“17, sagte er im November 1987 auf dem Ost-Berliner Schriftstellerkongreß. Es ist ihm (und uns) zu wünschen, daß ihn seine Ahnungen nicht trügen.

Uwe Wittstock, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.12.1987

Unerhörte Nachrichten

– Wilhelm Bartsch: Übungen im Joch, Uwe Kolbe: Bornholm II, Volker Braun: Langsamer knirschender Morgen. –

Die in der DDR-Lyrik der achtziger Jahre ausgesprochenen Befindlichkeiten, die getroffenen Befunde über das Leben in unserer Gesellschaft, die Erkundungen des geschichtlichen Gattungszusammenhangs reflektieren in letzter Hinsicht miteinander verzahnte Spannungsverhältnisse, aus denen in je besonderer Weise Bilder von „Zwischensituationen“ – des Menschen der Sozietät, der Menschheit – gezogen werden. Das neuartige Bewußtwerden der Verknüpfung von Einzelschicksal und Menschheitsentwicklung ist viel nachdrücklicher als noch vor Jahren in die Texte eingeschrieben. Dies bedeutet gleichzeitig, daß die lyrische Äußerung nicht allein als Reflex unmittelbar in diesem Land gemachter Erfahrungen betrachtet werden kann. Das generell veränderte Lebensgefühl und das neuartige Zeitbewußtsein modifiziert auch den Gestus lyrischer Redeweise: Die Sprache wird zwingender nicht dadurch, daß sie appelliert und aufklärt, sondern dadurch, daß sie den Adressaten mit allen seinen Sinnen in den Diskurs einzurechnen versucht. Sie wird geschmeidig und vermeidet Eindeutigkeiten, setzt spielerisch verschiedenste Diskursformen gegeneinander und betont das Performative gegenüber dem Abbildenden, um dadurch weniger Beruhigungsmöglichkeiten, beispielsweise über den Schein trügerischer Katharsis, für den Leser zu lassen. Jedwede Gelassenheit wird abgewiesen. Die DDR-Lyrik in dieser Zeit weicht den „ungeheuren Widersprüchen unserer Epoche“ nicht aus, denen, wie Wolfgang Heise konstatierte, „Extreme der Erfahrung des Menschenmöglichen“ entsprechen:

Im Produktiven und Destruktiven, Human-Solidarischen und Bestialischen, in aktiver Gestaltungs- und Tatkraft einerseits, der Leidensfähigkeit und -geduld bis zur puren Opfer- und Objekthaltung andererseits, der Versteinerungs- und Erneuerungsfähigkeit.18

In diesen Spannungsfeldern tragfähige Sinnorientierungen zu gewinnen, die in Handlungsbewußtsein münden können, fordert vielfach ein radikales Neubedenken der Lebenskonzeptionen, der philosophischen, politischen, ethischen und ästhetischen Vorstellungen und Werte. In diesem Sinne versucht die Lyrik eingreifendes Denken zu stimulieren, freilich nicht aus der Gebärde überschauender Selbstgewißheit heraus – die mannigfachen Zeichen bohrender Ungewißheiten, tiefgreifender Unsicherheiten sind kaum zu überlesen; sie zielt aber wesentlich auf die Beförderung und Ausbildung von Konfliktfähigkeit. Es äußert sich in je eigenständiger Ausrichtung und individueller Verfassung vor allem „der einer Totalität der menschlichen Lebensäußerung bedürftige Mensch. Der Mensch, in dem seine eigne Verwirklichung, als innere Notwendigkeit, als Not existiert.“19 Nicht mit großem Kraftaufwand (wie noch in den sechziger Jahren), wenig durch eine „Allgemeine Erwartung“ (so ein Gedichttitel Volker Brauns aus den frühen siebziger Jahren) getrieben, eher tastend, zögernd, suchen die lyrischen Subjekte in den Gedichten Selbstverständigung im Spannungsfeld zwischen gemachten Erfahrungen und dem erhobenen Glücksanspruch, der Sehnsucht nach ungeteilter Sinnlichkeit, dem Plädoyer für menschliche Würde. Genauer wird deshalb geprüft, was die grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzungen im einzelnen für die Weise des Zusammenlebens der Menschen erbracht haben; tiefenschärfer wird das Verhältnis von Erreichtem und Nichterreichtem im persönlichen und sozialen Leben, von Weltanschauung und täglich (d.h. im Alltag) geforderter Humanität, von kulturell-sozialen Bedingungen und moralischer Verantwortlichkeit beleuchtet. Beispielsweise signalisieren Gedichte Beunruhigungen darüber, daß durch das Gefühl sozialer Geborgenheit, grundsätzlicher Geregeltheit des Lebens unter Umständen die Fähigkeit zur kreativen Selbstbestimmung verkümmern kann, Gleichgültigkeit, Langeweile, Motivations- und Sinnverluste Einzug halten. Gedichte melden Einsprüche an gegenüber einseitigen Wertorientierungen an „abrechenbaren“ Leistungen zuungunsten der Ausbildung von Lebenskunst, Gefühlskultur, moralischer und ästhetischer Sensibilität. Bei alledem sind in der Dichtung der letzten Jahre mehr und mehr Fragen in den Mittelpunkt gerückt, die die Vermittlungen zwischen Subjekterfahrung, Gesellschaftsentwicklung und Weltprozessen betreffen: Welche Werte sind aufzurufen für ein Denken in Epochezusammenhängen, ein lebhaftes Durchfühlen der menschlichen Schicksalsfragen, ein Tätigwerden gegen die Vernichtungsgefahr? Die Erfahrung, daß die Geschicke des einzelnen unablöslich mit den Menschheitsfragen verbunden sind, spiegelt sich in einer Vielzahl von Gedichten nunmehr als unmittelbares Betroffensein, das auch die Betrachtung alltäglicher Dinge, das Denken an den geliebten Menschen, das Anschauen des gewohnten Lebenskreises verändert. Diese Öffnung zur Welt in der neueren DDR-Lyrik ist mit einer geistigen und moralischen Herausforderung – Robert Weimann sprach in diesem Zusammenhang von einer notwendigen Neubestimmung des Verhältnisses von Klassenidentität und Menschheitsschicksals20 – verbunden, die mit provinziellen Maßstäben nicht zu bestehen ist. Wenn z.B. Gedichte die Tatsache problematisieren, daß Welterfahrung zum großen Teil nur medial vermittelt ist und diese Vermittlung neben dem Hunger nach unmittelbarer Erfahrung auch die Gefahr der Überreizung, Abstumpfung, Manipulation zeitigt, sind die Texte doch gleichzeitig auch als Versuche zu lesen, Wissen, soziale Phantasie und Gewissen so zu aktivieren, daß ein Mehr an Halt gesucht werden kann im Strom einflutenden Geschehens, Halt aber auch gegen ein Aufreiben im Alltag.
Drei Lyrikbände, die jüngst publiziert wurden, sind uns willkommener Anlaß, diese aus gemeinsamer Forschungsarbeit bei der Sichtung der DDR-Lyrik in den achtziger Jahren erwachsenen Verallgemeinerungen zu überprüfen und darüber hinaus das Angebot der Lyriker so zu befragen, daß ihre „arbeitende Subjektivität“21 als unverwechselbare und unverzichtbare Stimme in den Meinungs- und Wertbildungsprozessen kenntlich gemacht werden kann.

Peter Geist / Christel und Walfried Hartinger / Klaus Werner, aus Siegfried Rönisch (Hrsg.): DDR-Literatur ’87 im Gespräch, Aufbau Verlag, 1988

III
Obwohl mancher Text bereits vorabgedruckt, auch schon kommentiert worden ist, verlangt Volker Brauns Anfang 1988 erschienener Gedichtband Langsamer knirschender Morgen unsere ungeminderte Aufmerksamkeit. Wie für jeden Lyrikband, den Braun seit Mitte der sechziger Jahre herausgab, gilt in Rechnung zu stellen, daß er wiederholte Lektüre, Austausch und gemeinschaftliche Erwägung erfordert. Unsere Überlegungen, sofort nach Erscheinen der Publikation unternommen, stehen am Beginn solchen Aufnahme- und Verständigungsprozesses…
Die geistige Angespanntheit der neuen Texte beruht darauf, daß der Dichter die geschichtliche Wirklichkeit, gegenwärtig erlebte wie künftig zu gewinnende, mit seiner philosophischen Auffassung, politischen Position und ethischen Überzeugung im Wortsinne anspruchsvoll ins Verhältnis setzt. Er sieht sich nach wie vor, aber dringlicher als früher, veranlaßt, nach Antworten auf die Frage nach den menschlichen Möglichkeiten des Menschen zu fahnden.
Auf diese Weise hat Volker Braun insbesondere im letzten Jahrzehnt mit seiner Lyrik, seinen Stücken, mit epischen und essayistischen Texten zwei grundlegenden qualitativen Erfordernissen gegenwärtiger marxistischer Ideologie zugearbeitet: der in den achtziger Jahren unabdingbaren nüchternen Sicht des Eigenen, des im realen Sozialismus erreichten Entwicklungsstandes wie der in der kommunistischen Weltbewegung unter Initiative der KPdSU erkannten und in neuartiger Form politisch praktizierten Verantwortung für die Geschicke der Menschheit und des ganzen Planeten.
Der durchgängige, anhaltend kritisch-selbstkritische Impetus der Dichtung Brauns resultiert (und hier ist ein für politische Literatur in spezifischer Weise sich herstellender Sachverhalt zu sehen) aus dem unmittelbaren Vergleich der gesichteten Gegebenheiten individueller wie gesellschaftlicher Natur und der bestehenden Bedürfnisse und verfochtenen Ideale: Die Kritik wächst mit der Diskrepanz zwischen beiden. Die Überzeugungskraft des dabei aufgebrachten Kritikpotentials, die Möglichkeit, daß es sich vermittelt, Urteile und Verhalten prägen kann, hängt davon ab, ob die Lebensansprüche der Individuen erfaßt und massenhaft erfahrene Defizite beachtet sind, ob die angebotene Orientierung akzeptabel erscheint und deren bild-begrifflicher Ausdruck erschließbar bleibt.
Solche bisherige Kritik-Anstrengung Brauns wurde, wenn auch oft mit zeitlicher Verzögerung, angenommen. In Provokation für mich (1965) und Wir und nicht sie (1970) erwuchs dieser Impuls entweder aus dem Zusammenstoß des aktivistischen lyrischen Subjekts mit der unzureichenden Bereitschaft und Kompetenz der Mitstreiter, Verantwortung für gesellschaftliche Belange wahrzunehmen oder mit der Postierung der „alten Herrn“ und Mächte, die der revolutionierenden Aktion entgegenstanden. Propagierte der Dichter-Agitator in den ersten Bänden also Weg und Programm, verlagerte sich, ablesbar seit der Auswahl Gegen die symmetrische Welt (1974), sein Interesse von einer Kritik des Verhaltens auf die Kritik der Verhältnisse bzw. auf den dialektischen Bezug zwischen beiden. Braun geht von der Kennzeichnung der Kräfte und Nachwirkungen der alten Ordnung zur Analyse der neuen Lage über, Kontext für ihn ist stets der Weltprozeß. Daher kritisieren die frühen Dichtungen über den programmatischen Entwurf die Zeitgenossen im Lichte der Zeitenwende, die späteren die Phasen und Resultate nach epochalem Umbruch, gemessen am Programm.
„Der realsozialistische Gang zermahlt den Fortschritt zu Fortschrott – und die dabei abfallenden Brocken faßt der Dichter in kunstvolle Kleinformen. Das halbe Licht, in dem er arbeitet, scheint dem Betrachter weniger die Morgen- als die Abend-Dämmerung eines langen, bleiernen Tages“, mutmaßte Yaak Karsunke angesichts der nun andersartigen Texte Brauns im Band Langsamer knirschender Morgen in der Frankfurter Rundschau.22 Aber auch Ursula Heukenkamp schlußfolgerte in ihrer Rezension:

Aus der Perspektive des neuen Bandes scheint es nicht mehr, daß, wo Gefahr ist, auch ein Rettendes wächst. Solche Worte sind nicht abgetan, aber der Autor Braun kann sich auch nicht mehr ihrer Sprache bedienen, um der seinen geschichtliche Tiefe zu geben. Von Verheißungen ist hier nicht mehr die Rede. Schon der Titel assoziiert wenig von Befreiung und Vorankommen. Der Morgen, in der Tradition der Vormärz- und Arbeiterdichtung zum Emblem des revolutionären Aufbruchs geworden, ist mit Attributen belegt, die das Symbol regelrecht abtragen.23

Abgesehen davon, daß die mehrfach vom Autor bekundete Intention, in seiner jetzigen „Sprache“ weiterhin, ja ausschließlich dem Prozeß förderlich sein zu wollen, in solcher Wertung nicht zu Rate gezogen wird, bleibt unbeachtet, daß die durch die Texte vermittelte Aussage eben gerade nicht mehr als in letzter Instanz „herunter“-gegebene, sondern als Angebot für die anstehende Erörterung, als Stimme in der Diskussionsrunde zu begreifen, also Kontext zum Text aufzufüllen ist. Die Brauns Äußerung über unseren Gesellschaftsprozeß aufbauende Dimensionierung, in der dieser von vornherein nicht nur als formationsinnere, geschweige denn nationale Angelegenheit, sondern als nicht herauslösbare Komponente der menschheitlichen Lage verhandelt wird, ist von der Kritikerin angemerkt; aber die verlorengegangene Gewißheit der Aufwärts- und Vorwärtsentwicklung – die ausgestellte Problematisierung – wird nicht als eine Konsequenz verstanden, die von solcher Dimensionierung erheischt wird. Mithin werden die Texte in ihrem Bemühen um neuartige Vergewisserung unterschätzt.
„Aber es mag sein, daß jetzt die Antworten, die ein Gedicht liefert, und die Haltung, zu der der Leser geführt wird, andere sein müssen als bei der ,einfachen‘ Frage, die damals im Klassenkampf stand, der Frage: Wer wen? Unter dieser im Weltkontext bleibenden großen Frage: Wer wen? wird im Sozialismus in einem Land wie der DDR die Frage wichtig: Was für alle? Und damit erweist sich eine gewisse Universalität der Aufgaben innerhalb einer Revolution. Das verändert den Ton, das verändert die ganze Sprechweise des Gedichts, und es produziert einen Leser mit reicheren Ambitionen beim Aufnehmen von Literatur“, äußerte Braun schon 1978 während des damaligen Brecht-Dialoges.24 In den achtziger Jahren wird im „Rimbaud-Essai“ verknappter, weil dringlicher, formuliert:

Wenn wir noch für uns sprechen wollen, müssen wir für die Welt sprechen.25

Die lyrische Gestalt gibt im „Gespräch im Garten des Chefs“ diesem zu bedenken:

Vielleicht war die Frage
Die große Frage Werwen
Eine Nummer zu klein, und die Schrecken
Von denen wir zehren
Sind nicht mehr das Wahre.
(Langsamer knirschender Morgen, S. 12)

Und der Sprecher in dem Text „Der Eisenwagen“ bezieht aus solcher Prozeßsicht ein neues Selbstverständnis:

Der Feind hatte sich vervielfältigt. Zu den Unterdrückern traten die Befreier. Zu den Lebenden traten die Toten. Zu den Kriegen traten die Landschaften, die wir gebaut und zerstört hatten. Die Frage wer wen, aus dem Spielchen der letzten Jahrtausende, hatte eine Antwort vorweggenommen, die keine ist. Eine Antwort, die eine ist, mußte nach allen fragen. In einem Anfall von Freude fühlte ich meine Haut brennen, bleiern und skrofel, und ich entdeckte mit Entsetzen, daß sie die Wand des Wagens war. Richtig, sagte ich mir, es hat seine Richtigkeit. Ich bin mein Gegner. (S. 53)

Der Dichter Volker Braun schreibt im Vermögen des Philosophen Volker Braun. Infolge seines professionellen Studiums der Klassiker und der sich seither schonungslos unterzogenen Anstrengung zur dialektischen Analyse erfährt er Sozialismus in der Welt, die Welt im Sozialismus. In gegenwärtiger Situation kann er Dichtung nicht als punktuelle, eindeutige, unbedenkliche Mitteilung verlautbaren, bleibt sie ihm nur als jene Universalität dicht-machendes Gewerbe ausübbar, an dessen Produkten zur Zeit offensichtlich nicht alle Spuren des Schweißes zu tilgen sind oder getilgt werden sollen…
Brauns kritische Reproduktion von Diskrepanzen zwischen nicht aufzugebendem Anspruch und vielfach eingetretener Gewöhnung an dessen bisher vermochte Umsetzung läßt ihn in den neuen Gedichten fast durchgängig das Komische handhaben. Über die Bandgliederung hinaus (das wird durch die Abschnitte Satiren und Lektionen, Der Stoff zum Leben 2, Berlinische Epigramme schon signalisiert) lassen sich verschiedene Texte unter diesem Aspekt enger zusammenstellen.
In einer so möglichen ersten Gruppierung, zu ihr fügen sich Gedichte wie „Die Wellen“, „Verbandszeug“, „Gespräch im Garten des Chefs“, „Blue movies“, „Ich habe den Papst gesprochen“, dominiert die satirische Porträtierung: Die Mitteilung arbeitet darauf hin, unser Verstehen durch den Schein hindurch auf das Sein jener zu lenken, die wirkungsmächtig genug sind, Schein für Sein auszugeben. In „Die Wellen“ begegnet der um die produktive marxistische Methode wissende Philosoph am exotischen Urlaubsort sich selbst mit Distanz, die ihn eingestehen läßt, daß er vordergründig propagandistische Orientierung – nur „Fanfaren in der Fakultät“ – geblasen hat; der Reisegruppe durch so ungewohntes Denken auffällig, ruft er sich mit heftig gezeigtem Verlangen nach gewohnter Losung und Lebensweise zur Staatsräson.
Das Gedicht „Verbandszeug“ läßt in einem beiläufig sich ergebenden Gespräch zwischen zwei Mitgliedern des Schriftstellerverbandes hinter scheinheiliger Übereinstimmung sehr verschiedene Meinungen, ja Mißverständnis deutlich werden: Beide haben konträre Auffassungen darüber, was im Verband kollektiv eigentlich verhandelt werden müßte: Statt der angenommenen einmütigen Ansicht, die „unvollendeten Geschichten“ des Lebens mittels Literatur „fertigzumachen“, wäre sich darauf zu einigen, sie mit öffentlicher Erhellung dieser „Unabgeschlossenheit“ zu beauftragen, wäre sich darüber streitbar auszutauschen, welche Gestaltungsweisen dafür angemessen und fruchtbar sind.
Im „Gespräch im Garten des Chefs“ wehrt dieser, nach vermutlich schon längerem Disput, die Argumente des ihm unterstellten Gesprächspartners unkonzentriert und eilig ab; dem gesteigerten Vorwurf des lyrischen Sprechers, daß wesentliche Lebensbedingungen, daß der Erhalt der Natur nicht mehr in Rechnung gestellt sind, daß von allem ein falsches Bild entworfen, das erforderliche neue Zeitbewußtsein nicht akzeptiert wird, wirkt der Chef durch die Warnung, er höre Kritizismus, ja durch Drohung entgegen, schließlich durch den – die Vorhaltungen des Sprechers also bestätigenden – Rückzug in seinen „Bunker“, Schutzort gegen vielfach ihn bedrohende Gefahr.
In sehr kunstreicher Sprachschichtung durchleuchtet der Text „Blue movies“ das Bild, das die westliche Hemisphäre der Welt von sich ausstrahlt. Ihre propagandistischen Verfahren in scharfsichtiger Metaphorik kommentiert zitierend, enthüllt er die Interessen, Ziele, Manipulationen der Pentagon-Politik: die Mißachtung der sozialen Not und Perspektivlosigkeit der unteren Klassen, die Unterdrückung der Selbstbestimmung anderer Rassen und Völker, das raffinierte Irritieren der Völker ihrer europäischen Verbündeten, die Diskreditierung des Weltfriedens als existentieller Prämisse der Menschheit, die rücksichtslose Knechtung der lateinamerikanischen Staaten, den maßlos verlängerten Herrschaftsanspruch auf das Universum…
Das Gedicht „Ich habe den Papst gesprochen“ folgt einem Bericht Gabriel García Márquez’. Braun entwickelt hier die satirische Porträtierung über den Widerspruch zwischen der erwarteten Autorität des höchsten kirchlichen Repräsentanten, dem verkündigten christlichen Ethos und dem tatsächlichen Desinteresse, der Verantwortungslosigkeit. Das Zeremoniell des Empfangs, das Gloriose des Auftritts verhindern, daß der um Hilfe Bittende die Leiden der Menschen zur Sprache bringen kann. Durch den Schein des ethischen Selbstauftrags dieser Institution blicken wir auf ihre theatralisch-touristische Unverbindlichkeit. Auf den Einsatz grotesker Elemente konnte nicht verzichtet werden.
Die sogenannten Material-Texte „Burghammer“, „Die Mummelfälle“, „Der Frieden“, „Der Eisenwagen“, „Dresden als Landschaft“ sowie die ihnen verwandten Gedichte „Lessings Tod“, „Schlemihl“, „Tbilissi, Fels und Fest“, „Die Trümmer der Akademie“, „Das innerste Afrika“ bilden eine zweite Gruppe. Hier dokumentiert sich ein in der ideellen Spannweite wie deren ästhetischer Vermittlung eigenartiger Selbstdisput geschichtsphilosophischer und kulturgeschichtlicher Probleme, der schon in der Abteilung „Stoff zum Leben 1“ des Bandes Training des aufrechten Gangs (1979) eingesetzt hat.
Das Spektrum der verhandelten Probleme – ihre Erörterung profitiert von den Möglichkeiten des Traktats, wie sie durch seine Grenzen beeinträchtigt wird – umfaßt den Frieden, die ökologische Situation („Burghammer“, „Die Mummelfälle“) wie die Lage der Gattung im Prozeß der sozialistischen Revolutionierung am Ende unseres Jahrhunderts („Die Trümmer der Akademie“, „Das innerste Afrika“), das gesellschaftliche Bewußtsein von der Sozialismus/Kommunismus-Formation im heutigen weltgeschichtlichen Kontext („Burghammer“, „Der Eisenwagen“), die für das Individuum anstehende Notwendigkeit, die bisherigen Räume seiner Produktivität zu erweitern („Lessings Tod“, „Das innerste Afrika“), die Kunstproduktion als Welt-Produktion („Burghammer“, „Dresden als Landschaft“).
In dieser Selbstauseinandersetzung („in meinem Kopf in meinem Mannschaftsraum“) kann die Mannschaft als das sich seiner selbst bewußte Subjekt, als die Brigade, die Aufbruchsgeneration, die organisierte politische Gemeinschaft, die Gattung verstanden werden. Sich gleichsam synchron wie diachron versammelnd, erwägt ihr Disput unbegrenzt in die Vergangenheit zurück, in die Zukunft voraus. Vergangenheit erinnernd über das auf uns gekommene Wissen, die überlieferten Werte und Taten, die bisher mißachtete Erkenntnis, die unterlassene Handlung, die unterschätzte, übersehene Bedingung/Ursache/Folge, die verdrängte Schuld und den retuschierten Fehler…
Zukunft bedenkend durch zu entwerfendes, zu erwerbendes Bewußtsein, die heute zu wagende Utopie; den wieder ansetzenden, weiterdrängenden Vorgriff, die Vorausschau der sich aus der gegenwärtigen Entscheidung ergebenden Konsequenz … Zwischen beiden Koordinaten sind Maß/Motivation/Mittel zu entwickeln, um die gelegten Fundamente zu stabilisieren, die Gewinne nicht zu vergeuden, die Orientierung zu erkennen und den Einsatz zu organisieren.
Die Material-Technologie Brauns funktioniert in der Textgestalt auf vielfachen Ebenen: in der Zitation des philosophischen, künstlerischen, insbesondere literarischen Erbes (mit Entdeckungen aus der Antike, dem Mittelalter, der frühbürgerlichen Revolution, aus der klassischen deutschen Dichtung und Philosophie, der Marxschen und Leninschen Erfahrungen, des Positionsfundus der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts, der sozialistischen Weltkunst); in der Zitation von Textsegmenten aus dem eigenen früheren Werk; in der optisch-graphischen Kennzeichnung der unzureichenden, abgewiesenen, daher durchgestrichenen, aus dem Denk-/Schreibvorgang ausgewiesenen Notierung; in der daraus resultierenden Nichtbefolgung syntaktischer, grammatischer Norm, im Einsatz des abgebrochenen Satzes, in der eingerückten, vorgeschobenen, variierten, ausgelassenen Zeile/Halbzeile, in der Wortneuprägung („Erreichnis“, „irrdisch“); in der tradiertes Bild- und Symbolgut aufhebenden Metaphorik. Historisierung des eigenen, des kollektiven Denkens, Denken als Arbeits-Prozeß, Denken in der Struktur des Widerspruchs sind Absicht und Ertrag solcher Technologie.
Der Sprecher im Text „Der Frieden“ kann nicht mehr wie etwa jener in Brechts „Friedenslied“ (1951) auf den von den Zeitgenossen, den Adressaten, selbst erfahrenen Schrecken setzen. Seine Rede soll die Heutigen beunruhigen, ihre Optik schärfen. Er versucht dies durch scheinbar rohen, schockierenden Umgang mit dem Weltzustand, er läßt, merk-würdig in solcher „Einmischung“, Passagen aus Klopstocks „Frühlingsfeier“ (gefügt mit materialistisch gewendetem Gebet) darauf insistieren, daß der Mensch sich selbst seiner – durch Frieden – erbarmen muß. Die szenisch eingeführte allegorische Gestalt des gegenwärtigen Friedens, dem die Arbeiter auf dem täglichen Weg zur Schicht begegnen, der ständig besorgt den Himmel „mustert“, versinnbildlicht, was Volker Braun, gewissermaßen im Klartext, 1981 auf der Berliner Begegnung zur Friedensförderung formulierte:

Der Frieden, den es jetzt zu erhalten gilt, das ist eine fürchterlich hagere Gestalt, die in Waffen geht. Die uns zu der fortwährenden Anstrengung zwingt, sie von allen Seiten zu panzern. Einer Anstrengung, bei der der Sozialismus seine eignen Zwecke vergessen kann. Der Frieden ein Monster, das unsere Kräfte verschlingt. Alle Interessen und Ziele untergeordnet dem… Zwecke, ihn zu sichern.26

Der Sprecher im Text kann in dieser Gestalt die strahlende Kraft gewohnter Friedensvorstellung nicht mehr entdecken:

Da haben wir dich, murmelte ich, und was haben wir da. Nichts als Schererei. Die Mühe. Er sah sich um, und jetzt sah ich das graue narbige Gesicht. Die aufgerissenen Augen, völlig ausdrucksloser Blick. Riesige Rüstung, wie aus dem Feudalmuseum. … Der bucklige Hund, Krüppel von einem Frieden. Der Clown der Geschichte. (S. 39f.)

Aber gerade im Moment der Entdeckung dieser Schwäche „meldete sich devot“ zugleich die Einsicht im Sprecher:

Halt stille. Du brauchst ihn. Du mußt ihn erhalten! und schlug die Hacken zusammen… Wir mußten an ihm vorbei wenn wir an unsre Arbeit wollten. VORWÄRTS sagte ich und wußte nicht, was ich sagte. Bevor ich Frieden gebe, muß etwas geschehn, meine Brüder, BRÜDER ZUR (S. 40).

Die den Text abschließende Montage traditioneller Kampflieder signalisiert, daß ihr einmütiger, kräftiger Gestus auseinander-geraten ist, zerfallen an einem Ort, wo sich Sinnentleerung und Sinnverwirrung nicht einstellen dürften. Diese parodistische Provokation will aber deren eigentlichen Sinn wieder unter die Massen bringen. Die Bedingungen für den „Großen Frieden“, von Braun auch in einer Stück-Fabel modelliert, charakterisierte er in jenem Diskussionsbeitrag:

Erst unter gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen die Entscheidungsgewalt dem kleinen Kreis der Herrschenden abgenommen ist, wird dieser grössere Frieden Gestalt, ein Frieden ohne Kernwaffen, ohne stehende Heere. Ohne private Industrie, privaten Boden, ohne Machtapparate. Ein Frieden ohne, wie es Engels nannte, Regierung über Personen.27

Dieses kommunistische Ideal, das letztlich auch in jeder Friedensbewegung enthalten ist oder berührt wird, speist immer den Antrieb der in unserem Jahrhundert in „Fahrt“ gesetzten revolutionären Bewegung. „Der Eisenwagen“ entwirft eine von schönfärberischer Oberflächlichkeit wie von politischer Unbedachtheit oder Borniertheit freie Vorstellung realer Revolutionsvorgänge in spezifischer historischer Lage. Dieser Text verarbeitet das tradierte Bild des „trunkenen Schiffes“ (Rimbaud), die Prägung „Schiff im Land“ aus einem Gedicht Brauns schon vom Anfang der sechziger Jahre, aber auch die verbreitete Metapher für Revolutionen: „Lokomotiven der Geschichte“. Das vielschichtig kombinierte metaphorisch-parabelhafte Verfahren ermöglicht, über die Beschaffenheit und die Funktionen des Wagens, über den Modus und die Phasen der Fahrt, über das sich wandelnde Terrain, über die Anforderungen/Behinderungen der Wegstrecke, über die Erwartungen und Reaktionen der unterwegs Anzutreffenden, vor allem aber über Motivation und Einsichten des Sprechers in der Führungsgruppe der Wageninsassen eine umsichtige Prozeß-Analyse zu entwickeln. In ihr wirkt der Sprecher als Erörternder, Wertender des Vorgangs, er ist aber auch selbst als Handelnder, als dazugehöriger Faktor zu beurteilen. Geschichtsverlauf bleibt dergestalt als ein sich unter Zwängen (konfrontierter Sozialismus) wie unter Alternativen vollziehender Hergang zu begreifen, in dem der einzelne im Subjekt-Vermögen wie im Objekt-Bezug erscheint, in solcher – zugleich souveränen wie determinierten – Lage aber auch überfordert ist, an das „Ende“ seiner Möglichkeiten, seiner Reserve, ja seiner Existenz gelangen kann:

Mit dieser eisernen Gegebenheit leben und gegen sie, sie benutzend und zerbrechend. Doch ich konnte mich nicht verständlich machen, meine Zunge von dicken Drähten umwickelt wiederholte automatisch alte Sätze. Mein Sterben hatte begonnen. Ich kam hier nicht mehr heraus. In diesem Augenblick empfand ich es als gerecht, daß die Zeit, in der ich es begriff, die Zeit meines Todes war. Der Wagen würde mein Mausoleum sein, mein Grab. Eine ehrliche, eine eindeutige Lösung, was mich betraf; die andern mußten die ihre finden. (S. 53)

Solch (im Brechtschen Verständnis) „einleuchtendes“ Groß-Bild diskutiert im Unterschied zu den Material-Texten weniger das zum Problemaufschluß „gegeneinander“ zitierte Material, seine Fassungskraft amagalmiert es zur unerhörten Vision, der aus dem Rückblick Vorausblick gelingt.
Im Gedicht „Das innerste Afrika“ erörtert der Sprecher, sich wiederum ausdrücklich als Zeitgenosse der Epoche verstehend, von welcher Natur die Subjektivität sein könnte und sein müßte, die die weitere Bewegung des „Eisenwagens“ – als gemeinschaftliche wie individuelle Aktion – nach vorn ermöglichen kann. Die Aufforderungen „komm! ins Offene, Freund!“ (Hölderlin), „Du mußt die Grenze überschreiten“ (Rimbaud) orientieren darauf, der entstandenen Zwangslage durch eine Haltung zu ent-kommen, die erneut souverän macht: durch das Ent-Fesseln der bedürftigen Sinne, das Frei-Setzen der verdrängten Menschennatur einen Zustand zu eröffnen, der, über die Vorstellung von südländischer Lebensweise annotiert, den Menschen durch freiere Kommunikation in der Gemeinschaft zu sich selbst kommen läßt und damit auch deren neue Qualität produziert. Das Menetekel des „Mannes in Itzehoe“ (Günter Kunerts Resignation): „Jetzt ist es eine endgültige Schräge in den Keller. Zu den Kakerlaken, meine Damen und Herrn.“ (S. 59) wird abgewehrt, kann abgewehrt werden, da der Sprecher Perspektive durch „Grenzüberschreitung“ für möglich hält: über bisher Gewußtes, Sanktioniertes, Genügendes, über bisher Eingehaltenes, Eingesehenes, Nicht-Bezweifeltes, Nicht-Bestrittenes, über Eingelebtes, Abgefordertes, über bisher immer wieder Unangetastetes hinaus. Zukunft aber wird dies nur eröffnen, wenn es jetzt gewagt wird: In eindringlichen Großbuchstaben sind die Schlußzeilen gesetzt:

ERREICHE ES VOR DER RENTE.
DU MUSST DIE GRENZE ÜBERSCHREITEN.
(S. 60)

Satirisch zielende Abwehr wie phantastisch präsentierte Empfehlung werden nicht aus dem Hochstand des Beobachters herausgerufen. In einer dritten Textgruppe, der „Nun bin ich froh“, „Tagtraum“, „Das gebremste Leben“, „Das Lehen“ zugeordnet werden können, bleibt die Betroffenheit des lyrischen Subjekts von aller Auseinandersetzung, seine „Ergriffenheit“, unüberhörbar; der komische Tonfall vermischt sich wiederholt mit tragischer Empfindung, ein dadurch unvermeidliches Pathos aber prüft den Leser. Diese Gedichte setzen in der nicht immer leicht überschaubaren Diskursivität der anderen Mitteilungen gleichsam positionelle Haltepunkte. Die lyrische Gestalt vergewissert. sich in aller notwendigen Auflösung unproduktiver Gewißheiten der ihr dennoch nicht entzogenen, ortbaren Existenz:

Nun also bin ich froh.
Ich ziehe die Luft durch die Adern
Und habe noch meine fünf Sinne.
(S. 30)

Der „Tagtraum“-Text versucht – in bekundet beängstigender, ja gespenstiger visueller Anstrengung –, die eingetretene „gebremste“ Lage zu „überschauen“, unvermittelt den Stand-Ort der Gattung im eigenen, den eigenen in dem der Gattung zu fixieren. Da dieser der „Grund“ ist für alle empfundene Komplikation, kann sie dann auch den notwendigen Schluß ziehen; sie weiß für sich, daß sie nicht „im Niemandsland“ verharren darf:

Der Lorbeer bloßen Wollens hat nie gegrünt
Und irrdisch ist und fahrlässig unsre Bahn
Ich muß auf eine Seite, muß es.
Aber ich ahne nur meine Worte.
(S. 54)

In den „Berlinischen Epigrammen“, einer vierten Gruppierung, lichtet sich über den ins Auge springenden, denn vom Distichon trefflich transportierten Wider-Sinn/Wider-Spruch manch vernebelte Schicht individueller wie staats- und weltgemeinschaftlicher Lage. Berlin, als Lebensort des Dichters wie als Kristallisationsstätte internationaler Vorgänge, wird als Fixpunkt genutzt, um heutige Belange vorwiegend geschichtsphilosophisch zu bemessen. „Zu Brauns Standpunkt gehört, nie das Drübige und Gestrige aus dem kritischen Blick zu lassen“, bemerkt Jürgen Engler.

Und er setzt Kontrapunkte zu den im (Über)-Schwange befindlichen Theorien, zumal zur philosophischen Etablierung von Scheinsubjekten (die Geschichte, die Entwicklung).28

Die Überraschung für den Leser kommt nicht aus gegenständlich ausgebreitetem Stoff, sondern durch die eigenartig gedanklich arrangierte, durch die „kurzschlüssige“ Betrachtung, die die politische, soziale, kulturelle, die persönlich-biographische Tatsächlichkeit blitzartig, vielfach in merkwürdiger Pointe, erhellt. Die scheinbare Bedenkenlosigkeit, mit der hier ironisch wie satirisch gefochten wird, befähigt uns, Einsicht und Aussicht zu gewinnen.
„Ohne die Aussicht auf ein ,werdendes Subjekt‘ lassen sich auch die Krisen der Geschichte nicht mehr als virtuelle Anlässe künftiger Veränderungen ansehen“, schrieb Ursula Heukenkamp.

Zum ersten Mal kündigt ein Gedichtband von Braun ein deskriptives Verfahren an. Ist das Subjekt verborgen? Oder stellt es sich tot? … All diese Texte [die ,Material‘-Reihe] arbeiten nicht mit Worten, sondern mit vorausgehenden Texten. Ihre Wortlaute bezeugen folglich nicht das identische Bewußtsein eines Autors, und der Empfänger kann nicht auf eine Instanz der Rede bauen, die ihn leiten soll. Er sieht sich vielmehr der Konkurrenz diverser, als Sprachform zitierter Verhaltensmuster, Ideen oder weltanschaulicher und politischer Paradigmen ausgesetzt. … Mit den zahlreichen Zitaten oder Kryptozitaten wird die Skizze eines anonymen Bewußtseins hergestellt. Das Verfahren der Materialtexte hat im neuen Gedichtband die Oberhand. Das Ich der neuen Texte ist nie lyrisches Subjekt, meist Untertan der ihm aufgedrungenen Inhalte, die sein Bewußtsein füllen.29

Begegnet uns aber – und wir können Marx’ Auffassung vom menschlichen Reichtum durch die Vielfalt der gesellschaftlichen Beziehungen des Menschen hier nicht beiseite lassen – nicht eben eine sich reichhaltig beziehende Subjektivität? Ist es nicht vielmehr so, daß sich der Lyriker die „passende, behagliche identität“ versagen muß und sich der „gewöhnlichen zerreißprobe“ stellt, „um sich zu finden in seinen bestandteilen; der ganze mensch muß warten, bis wir schwarz werden im innersten afrika“.30 Es ist nicht zu übersehen, daß die Mitteilung in allen diesen Texten nur über die eingebrachte, arbeitende Subjektivität zustande kommt und die verhandelten Probleme in die unabweisbare Verantwortung des Subjekts gestellt werden: In den satirischen Porträtierungen der Lektionen – ungewöhnlich in solchen Genres – bewegt sich die lyrische Gestalt direkt in der Szenerie (als Teilnehmer des Vorgangs und als Alternativ-Person); in den Material-Texten gibt gleichsam die arbeitende Subjektivität sich selbst ihr Material; in den von uns als Positionsgedichten gekennzeichneten ist die Anstrengung des Subjekts, mithin seine Präsenz, aufs äußerste gesteigert; auch in den Texten mit visionären Elementen behält sie individuelle Gestalt selbst in den Epigrammen – die Tradition fordert dies nicht – ist das Subjekt auf authentische, lebendige Weise anwesend. Wieso ist erwiesen, daß der Mensch seine Subjektpotenz verliert, wenn er bedenkt, wie er sich verhalten und beziehen soll, wenn er ratlos ist, seine Zerreißprobe ausstellt
Volker Braun hat in den letzten Jahren wiederholt das „transitäre unserer existenz“ berührt, „das flüchtige, haltlose, illusionäre des sich-nach-drüben-sehnens – was immer drüben ist“. Aber er hält an dem „großartigen Entschluß bei der Seghers“ fest, zu bleiben, „den aufbruch in das land statt in das ungewisse meer, die zugehörigkeit zur mannschaft des erdteils“ zu wählen.31 Brauns Lesart des Transit-Romans, durchaus nicht gängige Ehrerbietung der kommunistischen Autorin gegenüber bezeugend, drängt auf Verlängerung in die Gegenwart:

auch in unserer heutigen transitangelegenheit ist ja zuallererst nach der richtung zu fragen. und dann werden wir ahnen, welche grenzen wir heute zu überschreiten haben. es geht auf dem theater heute [in der Literatur – C. u. W. H.] um die entwicklung des sozialismus von der wissenschaft zur utopie.32

Die neuen lyrischen Texte Volker Brauns sind in ihrer Gesamtheit durch Transit-Lage geprägt. Ist ihre Angespanntheit nicht auch als Zwischensituation begreifbar? Ist eine Lyrik nicht produktiver, die die Unabgeschlossenheit all unseres persönlichen wie gemeinschaftlichen Tätigseins bewußtmacht? Die auf das ausgewogene Welt-Bild verzichtet, weil wir darauf verzichten lernen müssen? Solche Versuche bleiben Aufforderung, Herausforderung, die das Publikum spalten. Insofern können wir nicht unisono auf sie reagieren. Das ist unsere Meinung.

Christel und Walfried Hartinger, aus Siegfried Rönisch (Hrsg.): DDR-Literatur ’87 im Gespräch, Aufbau Verlag, 1988

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Yaak Karsunke: Rückzug ins Epigramm
Frankfurter Rundschau, 7.10.1987

Herbert Claas: Wenn ich Atem habe
Deutsche Volkszeitung / die tat, 9.10.1987

Peter Württemberg: Die Lust strömt
Junge Welt, 18.12.1987
Auch in: Eberhard Günther u.a. (Hrsg.): Kritik 88. Rezensionen zur DDR-Literatur, Mitteldeutscher Verlag, 1989

Jürgen P. Wallmann: Ich bleib im Lande
Deutschland Archiv, Heft 1, 1988

Ursula Heukenkamp: Wechsel der Blickrichtung
Neue Deutsche Literatur, Heft 2, 1988
Auch in: Eberhard Günther u.a. (Hrsg.): Kritik 88. Rezensionen zur DDR-Literatur, Mitteldeutscher Verlag, 1989

Jürgen Engler: Gemischter Chor
Sonntag, 21.2.1988

Eckhard Bahr: Geistvolle Texte
National-Zeitung, 30.5.1988
Auch in: Eberhard Günther u.a. (Hrsg.): Kritik 88. Rezensionen zur DDR-Literatur, Mitteldeutscher Verlag, 1989

Michael Ernst: Zeitgeist in Lyrik
Leipziger Volkszeitung, 13./14.8.1988
Auch in: Eberhard Günther u.a. (Hrsg.): Kritik 88. Rezensionen zur DDR-Literatur, Mitteldeutscher Verlag, 1989

Materialien zur Zensur
Zensur in der DDR. Ausstellungsbuch, Literaturhaus Berlin, 1991

 

FÜR VOLKER BRAUN

in den Wurzelhöhlen der
ausgerissenen Bäume
hast du Heimatmoos angesetzt
verpflanzt nur den Namen
deine „mögliche Heimat“, also,

die Schüsse noch in der
Schutterinnerung,
die verwunschene Küste
an der Gedankenleine
die Rechtsstadt, zerschmettert,
wiederaufgebaut
die vielen vier Wände der Zuflucht,
heute der verdiente Fleck Heimat
als Hafen für den Anker.

Wände für den Zartsinn
männlicher Freude,
heute die Portale und Spindeltreppen,
Filmkulissen und Giebelketten,
zwischen die sich mittags zuweilen
wunderliche Schatten bücken…;

kein Märchen, Freund!
Die Prinzen und Segelsticker,
das lustige Volk des Fischmarkts
und der Fassadenstraßen – :

Die haben sich
den Fleck erworben endlich
Aus der Arbeit vieler. Jedem gehörig.

Norbert Ney

 

In der Reihe Klassiker der Gegenwartslyrik sprach Volker Braun am 9.12.2013 in der Literaturwerkstatt Berlin mit Thomas Rosenlöcher.

Welche Poeme haben das Leben und Schreiben von Karl Mickel und Volker Braun in der DDR und Michael Krüger in der BRD geprägt? Darüber diskutierten die drei Lyriker und Essayisten 1993.

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Fakten und Vermutungen zum Autor + Linkliste + Archiv 1 + 2 + KLG
DAS&D + Georg-Büchner-Preis + Anmerkung zum GBP
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +
Autorenarchiv Susanne Schleyer + Galerie Foto Gezett +
Dirk Skibas Autorenporträts
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bestiarium Literaricum-Der Volker Braun

 

 

Bestiarium der deutschen Literatur-Braun

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Volker Braun

 


Volker Braun – 50 Jahre Autor im Suhrkamp Verlag.

2 Antworten : Volker Braun: Langsamer knirschender Morgen”

  1. Phantomias sagt:

    Bass, Heroin+
    Kaltes Wasser+
    Das Netz im Kopf+
    Blass, Heroin+
    Kalte Masse+
    Regentropfen+
    kitzeln+
    Alles juckt+
    kratzt sich blutig+
    Nimm’s leicht für mich+
    Kaputte Stadt+
    Unehrlich+
    Hab’s satt+
    #Nimmersatt+
    Ohrenstopfen+
    kitzeln+
    Leere Konsumtempel+
    Alle besoffen+
    Klappsmühlenstempel+
    Nicht betroffen+
    DDRInternet+
    Suche Gott oder Poesie+
    Finde nur Suchende+
    Suche zu Ende+
    Ein Gedicht für die Suchmaske+
    Roboter antwortet noch nicht

  2. Phantomias sagt:

    Von oben herab
    Blick in die Proletarierzone
    Gesenkte Lider
    Geschenkte Gewalt
    Hier aus dem weissen Feld heraus
    Blüht ein schwarzer Strauss
    Glüht heiss das Blech
    Atme aus das Pech
    Blasser Mann neben dem Brunnen
    Etwas hat ihn niedergerungen
    Schlaf zieht an mir
    Silberner Himmel
    Als tiefste Ruhe
    In mir der Schimmel
    Ich in der Truhe
    Nach hause schweben
    Durch das Erdbeben
    Trost bei Lykke Li
    Kaffee und kaltes Wasser
    Keine Zigaretten mehr
    Von unten hinauf
    Augen weit aufgerissen
    Spiegelverkehrtes Selbstbild
    Blickt wild
    Kein Glückauf
    Nichts zu vermissen
    Gemaltes Selbstbild
    Lächelt ironisch auf mich
    Von oben herab
    In die Proletarierzone
    Schliess ich meine Lider
    Versinke in die Lieder
    Schleich mich bald
    Hier aus diesem weissen Feld heraus
    Hier dein Strauss

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