Wo Gott wirst du bleiben dann

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Wo Gott wirst du bleiben dann

Wo Gott wirst du bleiben dann

WER KANN ALLE LIEDER SINGEN

1
Ward der Mutter ich geboren,
Als gejätet sie den Garten;
In ein Rosenblütenblatt dort
Hat gewickelt mich die Mutter.

2
Pflanzte einen Elfenbusch
Vor mein Fenster mir im Garten.
Wenn ich sang in meiner Stube,
Sang im Elfenbusch der Sprosser.

3
Wer kann alle Lieder singen,
Wer kann alle Sprachen sprechen,
Eine Golddukatenbrücke
Über unsre Düna bauen?

4
Einen Kranz hab ich geflochten
Aus neun Erdbeerranken mir;
Als ich ihn aufs Haupt mir setzte,
Hell erstrahlte da ganz Riga.
Wundert Herrschaft sich und Volk,
Wo das Mädchen sowas herhat.

5
Bruder, bau ein hohes Haus mir,
Zimmere dem Haus drei Türen!
Durch die erste dämmert’ Tag,
Durch die zweite kam die Sonne,
Durch die dritte Tür des Hauses
Kullerte der Mond herein.

6
Watet’ Gott durchs Roggenfeld,
Einen grauen Umhang trug er.
Wate, Gott du, mit Bedacht,
Daß der Kornblum’ du nichts antust!

7
Drei der Jahre zog ich mir
Groß im Viehhof einen Dornbusch;
Dran wird sich die Hex’ erdolchen,
Wenn sie nachtstreunt zu Johanni.

8
So verging mir dieser Sommer,
Daß ich mit Perkun mich rumschlug:
Nannte er mich Maulwurf, Mullwurf,
Nannte ich ihn Himmelspoltrer.

9
Jeden Morgen ging die Sonne
Auf in einem roten Baum.
Junge Männer wurden alt
Auf der Suche nach dem Baum.

 

 

 

In seiner Cosmographia universalis

von 1544 schreibt Sebastian Münster über die Letten:

Ihr Gesang ist wie Wolfsgeheul…

Langgedehnte Silben einer unverständlichen Sprache, auf eine eintönige Melodie gesungen – es ist schon begreiflich, dass der fremde Reisende da nichts als Wolfslaute wahrnahm. Der Wolf heult aber, weil er nicht anders kann…
Die erste große akademische Publikation lettischer Volksdichtung – Krišjānis Barons sechsbändige Sammlung Latvju Dainas, der auch die Texte dieser Auswahl entnommen sind – erschien von 1894 bis 1915. Barons hatte dafür etwa 218.000 Volkslieder samt Varianten verwertet. Seine Arbeit wurde von der lettischen Folkloristik fortgesetzt, und 1935 waren die Sammlungen auf mehr als eine Dreiviertelmillion Belege angewachsen. Barons notierte die Lieder seinerzeit auf Karteikärtchen, die er thematisch geordnet in einem braunen Karteischrank mit zahllosen winzigen Schublädchen verwahrte. Heute ist der Inhalt dieses berühmten Daina-Schranks digitalisiert und unter der Adresse www.dainuskapis.lv im Internet zugänglich.
Über den Ursprung der lettischen Volkslieder debattiert die Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert. Einigkeit herrscht nur darüber, dass sie zum Teil sehr alt sind. In ihnen klingen sowohl die frühen Zeiten an, in denen junge Männer noch allen Ernstes auszogen, um sich bei fremden Stämmen Frauen zu rauben, als auch spätere Epochen, in denen der Brautraub sich bereits zum spielerischen Ritual gewandelt hatte. Sie spiegeln sowohl die Zeit vor dem 13. Jahrhundert wider, in der die lettischen Häuptlinge noch an der Spitze ihres Stammesaufgebots in den Kampf zogen, als auch die späteren Jahrhunderte mit ihrem erzwungenen Kriegsdienst unter der Führung fremder Herren. Einige Forscher sehen in den Volksliedern die Geographie des alten Lettland, seine Burgen, heiligen Haine und Höfe, getreulich aufbewahrt; andere bestreiten das. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemühten sich die Aktivisten der nationalen Erweckungsbewegung, die sogenannten Jungletten, unter Berufung auf die Texte der Volkslieder die alte Mythologie zu restaurieren und einen lettischen Pantheon zu schaffen, und bis heute vertreten einige Wissenschaftler die Auffassung, bei den in den Liedern häufig erwähnten Mond- bzw. Gottessöhnen und Sonnentöchtern handle es sich um Priester und Priesterinnen eines vergessenen Kults.
Man muss sich klar machen, dass diese Lieder bis zum 19. Jahrhundert nicht schriftlich festgehalten wurden. Durch den Einfall des Schwertbrüderordens wurde die normale Entwicklung der alten lettischen Stammeskultur unterbrochen. Es gibt undeutliche Berichte über die Existenz von Runen- und Knotenschriften, doch zur Herausbildung eines eigenen Schrifttums kam es nicht mehr. Erinnerungen an die Vorfahren und die Geschichte des lettischen Volkes konnten nur mündlich in Liedern und Sagen weitergegeben werden, wobei jeder Sänger und Erzähler von sich aus Dinge hinzufügte oder wegließ.
Die Lieder wurden vor allem von den Frauen tradiert. Kummer und Freude herauszusingen war für sie anscheinend ebenso natürlich wie das Atmen (oder für den Wolf das Heulen). Beim Viehhüten vertrauen die jungen Mädchen Bäumen, Gras und Himmel ihre Vorahnungen an, und frühmorgens in der Mahlkammer, während sie mit kräftiger Hand die Mahlsteine drehten, besprachen sich die Frauen singend mit Laima, ihrer Schicksalslenkerin; Kräuterfrauen murmelten am Bett von Kranken und Gebärenden rhythmisch die überlieferten Bannsprüche. In den Sommernächten, beim Baden im See, summte jede Frau wohl einmal vor sich hin:

Macht’ aus weißen Blumen Feuer, mir ein Feuer hier am See…

Und zu den Sonnwendfesten, sei es beim Tanz um das Johannifeuer oder bei den Maskenumzügen der Weihnachtszeit, da sangen sie alle, Männer wie Frauen, und ebenso zu den Hochzeiten.
Heute sind wir in Lettland stolz auf dieses gemeinsame Erbteil, unsere Kinder lernen die Volkslieder in der Schule, wir singen sie an den Festtagen, und dennoch… Die Sprache scheint dieselbe geblieben, doch mitunter kann man sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass irgendetwas unverstanden bleibt. Den Gott der alten Letten im grauen Mantel durch ein blühendes Roggenfeld stapfen zu sehen, besteht heute wenig Aussicht. „Wo Gott wirst du bleiben dann, wenn wir alle sind gestorben?“ fragt eines dieser Volkslieder, und die Schöpfer dieser Zeilen sind in der Tat längst für immer dahin. 

Amanda Aizpuriete, Nachwort
Aus dem Lettischen von Horst Bernhardt 

 

 

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