Wolf Wondratschek: Zu Ernst Jandls Gedicht „Liegen, bei dir“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Ernst Jandls Gedicht „Liegen, bei dir“ aus Ernst Jandl: Gesammelte Werke.Gedichte, Stücke, Prosa. 

 

 

 

ERNST JANDL

Liegen, bei dir

ich liege bei dir. deine arme
halten mich. deine arme
halten mehr als ich bin.
deine arme halten, was ich bin
wenn ich bei dir liege und
deine arme mich halten.

 

Das Glück der Sätze

Es wäre schade, viele Worte zu machen. Das Gedicht macht es mir ja vorbildlich vor. Ein paar wenige Gedichtzeilen, nicht mehr als vier Sätze, eine kurze, nur geringfügige Aufschäumung von Satz zu Satz, das Nötigste, mehr nicht.
Es ist nicht nur ein Liebesgedicht oder ein Gedicht über die Liebe, sondern eine Liebeserklärung an den Zustand des Glücks, den wir lieben. Und das alles haltbar gemacht durch den unbeirrbar logischen Fortgang einer Gewißheit, die dem Liebenden wie ein glücklicher Gedanke im Kopf entsteht. Das Herz mag sich davon nehmen, was es will. Das ganze Gedicht zieht eine knappe, gleichwohl am Ende üppige Schlußfolgerung aus der einfachen und völlig nüchternen Feststellung zu Beginn:

ich liege bei dir.

Aha! Moment mal! Da liegen sie. Wie wär’s denn nun mit dem Vergnügen, an alle Möglichkeiten zu denken, wie es mit den beiden, die da beieinanderliegen, weitergeht? Fängt einer gleich an, was zu sagen? Bewegt sich der andere dabei? Geht das Beieinanderliegen denn nicht bald, wenigstens das, über in ein Kuscheln? Keine Küsse? Keine Schwüre? Ob sie nackt sind?
Gott sei Dank ist das alles (endlich einmal) uninteressant, denn der Dichter Ernst Jandl ist, was Emotionen betrifft, kein Meister der Indiskretion, sondern ein Mann der Kunst, und also überläßt er die Wünsche, die wir an die Neugier und Geschwätzigkeit unseres Herzens haben, denen die besser Liebesromane lesen sollten.

deine arme
halten mich.

Es ist, was und wie es da steht, schön genug, also Schluß, Punkt. Und weiter.
Welch unverdiente Umarmung das ist, damit überrascht nach dem Punkt der dritte, bereits vorletzte Satz.

deine arme
halten mehr als ich bin.

Das ist er, der Pfeil, der ins Schwarze trifft. So ist das mit uns, darauf sind wir angewiesen daß wir mehr werden durch Berührung, die Berührung schon einer Umarmung. Kann man mehr hoffen, als daß zwei, die sich umarmen, mehr werden als Mann und Frau? Schwer zu sagen, was hinzukommt zu dem, was einer ist, während ihn die Arme der (oder des?) Geliebten halten. Und schwer zu verschweigen. Ich bin mehr als vorher und nachher, aber in diesem Augenblick bin ich unverlierbar und beneidenswert vollständig.
Der vierte und letzte Satz vermeidet ebenfalls jede Anstrengung, auch die, einen Schlußakkord zu intonieren. Gefühle, mit denen uns die Dichter üblicherweise in Liebesgedichten so gern behelligen, bleiben den Zwischenräumen der Sätze überlassen. Ernst Jandl hat, wir wissen das, eine besondere Vorliebe für das Setzen einer Prämisse und deren Exekution. Es ist geradezu sein Markenzeichen, wie unerbittlich er auf der Stelle treten kann, mit jeweils nur einer (oft kaum merkbaren) Verschiebung der Perspektive. Solche Gedichte eignen sich zum Vortrag besser als zur Lektüre, weil sie Tabellen gleichen, die ihre eigene Logik postulieren.
Eigentlich schade, daß ihn nicht dieses Gedicht hier berühmt gemacht hat, sondern so notorische Sachen wie „ottos mops“ oder das einigermaßen legendäre „lechts und rinks“, Chaplinaden à la Wittgenstein. Dieses Gedicht lese ich lieber, was ein Sonderfall ist insofern, als ich mir nicht vorstellen kann, Jandls anerkannte Fähigkeit seiner Rezitationskunst könnte dem Gedicht weiterhelfen. Das gehört auf Papier.
Lassen Sie mich meine Bewunderung für dieses Gedicht ein wenig auch verspotten. So etwas, könnte man sagen, kommt dabei heraus, wenn Philologen (von mir aus auch Philosophen) Liebesgedichte schreiben. Oder ist es am Ende gar ein Mathematiker gewesen, der seither darüber nachgrübelt, ob ein allerletzter, ein fünfter Satz denkbar ist? Und wenn, wie müßte er lauten?
Aber lassen wir das. Begnügen wir uns mit der Einsicht, daß alle Liebesgedichte Fragmente bleiben, Fragmente einer großen Konfession, die ihre Triumphe still für sich behält. Jandls Gedicht sagt das Sagbare – und respektiert das Unsagbare. Mir gefällt diese Nüchternheit und Genauigkeit, denn, um T.E. Hulme, einen englischen Philosophen, zu zitieren:

Genauigkeit kommt immer der Schönheit zugute und richtiges Denken dem zarten Gefühl.

Ein Liebesgedicht, das eine Liebeserklärung auch an die Genauigkeit ist, mit der man von der Liebe zu reden hat. Was wären Worte. Für die vielen, die ich gerade gemacht habe, entschuldige ich mich.

Wolf Wondratschekaus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie. Dreißigster Band, Insel Verlag, 2007

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