Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen

Hilbig/Hussel-Bilder vom Erzählen

DER ZUFALL
Gedicht zu meinem 60. Geburtstag

So viel der Guten hab ich überlebt – Erbarmen!
Daß ich mir Jahre nahm die ihnen zur Vollendung fehlten −
so viele Todesstunden überstand ich und aus keiner
hinterblieb ich weise
aaaaaaaaaaaaaaaaaniemals lernt ich draus auf meiner Bahn.
Nicht ich bin einer jener nachtverwehten Armen
die tauben Ohrs die Welt verließen schweißbedeckt und kalt
die Oberwelt:
aaaaaaaaaaabin keiner dieser schönen allzu früh Entseelten −
ich blieb zurück und nach mir schlug der Wahn…
auch er schlug fehl: ich bin des Zufalls schiere Ungestalt −
und nun müßt Ihr mich überstehn: erbarmt euch meiner!

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Traumbuch der Moderne

-Wolfgang Hilbig im lyrischen Gespräch.-

Nicht jeder, den die genaue und zugleich wilde Welt seiner Prosa fasziniert, weiß, daß Wolfgang Hilbig als Lyriker debütierte: nämlich 1979 mit dem Band abwesenheit. Dieses Buch machte seinen Verfasser in der DDR zur Unperson: Es trug ihm einige Wochen Haft und ein Verfahren wegen Devisenvergehens ein. Die Gedichte des ehemaligen Bohrwerkdrehers und Heizers malten expressive Bilder der Entfremdung. Sie drückten aber auch Hilbigs Willen zur Unabhängigkeit aus. „ihr habt mir ein haus gebaut“, hieß es in einem dieser Gedichte, „laßt mich ein anderes anfangen.“
Doch aus diesem Haus wurde nichts. Der DDR-Bürokratie war der Dichter unbequem geworden. 1985 konnte Hilbig in die Bundesrepublik übersiedeln. Sein im Jahr darauf erschienener Band versprengung kulminierte in Chiffren von Auflösung und Regression, aber er führte auch an die Grenzen von Hilbigs lyrischen Möglichkeiten. Der düster pathetische Ton ließ sich nicht unendlich fortschreiben. Routine drohte, und der Lyriker griff zur Selbstbezichtigung: „das wort lyrik / das so lauwarm lullt sekundärpoesie.“
Was Resignation schien, war schon Rettung: Hilbig hatte die erzählende Prosa als Möglichkeit der Selbst-Objektivierung entdeckt. Er delegierte seine Zweifel und Verzweiflungen an die Gestalten seiner Erzählungen und Romane. Etwa an die Spiel- und Spiegelfigur W., die uns im Roman Ich (1993) in die Labyrinthe der Stasi führt. Seinem bisher letzten Roman Das Provisorium (2000) gab Hilbig ein Motto von Strindberg. Darin ist vom Opfer der Biographie und der Person die Rede, aber auch von der Möglichkeit, das Leben „von allen Seiten“ zu sehen: „Das versöhnte mich mit dem Unglück, und es lehrte mich, mich selbst als Objekt aufzufassen.“
Nun ist Hilbig nach fünfzehnjähriger Pause zur Lyrik zurückgekehrt. Der sechzigste Geburtstag mag den Anlaß zu einer lyrischen Lebensbilanz gegeben haben. Ihr Titel Bilder vom Erzählen scheint eine Referenz zur Arbeit des Epikers zu liefern. Eines der Gedichte heißt „Nach der Prosa“, doch aus ihm spricht durchaus nicht der Stolz des Erzählers Hilbig, sondern Desillusion und Verzweiflung: „Nun bin ich alt und in den Staub geworfen / Aller Gesang gesungen und zu grauser Asche ward mein Vers.“ Hilbig spricht als Lyriker und von Lyrik – fast so, als hätte es seine Erzählprosa nie gegeben.
So erstaunt nicht, daß auch im Titelgedicht „Bilder vom Erzählen“ vom Erzählen nicht die Rede ist. Der Dichter überläßt sich dem Sog der Bilder. Sein hymnisch-elegischer Text evoziert das Meer. Es fasziniert ihn womöglich deshalb, weil es nicht zu erzählen ist: „Niemand weiß etwas zu sagen vom Meer“. Doch am Schluß erscheint ein schwarzer Mystagoge, ein riesiger amerikanischer Rabe: „Wer bist du? so schien er mich zu fragen. – Und ich fragte ihn ein Gleiches.“
Dieser Mystagoge, der sein Geheimnis verbirgt, mag von Edgar Allan Poe abstammen. Ihm nämlich galt seinerzeit in versprengung die Frage: „war das gedicht der rabe von e.a. poe not / wendig?“ Offenbar schon. Denn Hilbig kommt in diesen späten Gedichten erstaunlich oft auf die klassische Moderne zurück. In dem Gedicht „Die Zisterne“ heißt es rührend ungeschickt: „Einmal ihr Musen noch blättern / im Traumbuch der Moderne.“
In dieses Traumbuch gehört auch ein anderer Erzvater, nämlich Ezra Pound. Das Langgedicht „Saturnische Ellipsen“ kreist um ein Zitat aus Pounds „Canto I“, aber gleichsam in negativer Absicht, wie Hilbig in einer Anmerkung erläutert: „Die Stelle wird hier zitiert (und später entstellt zitiert) aufgrund ihrer Zusammenhanglosigkeit mit dem Text, in dem sie erscheint.“ Solch ein Dementi ist natürlich ambivalent: der Leser stellt den negierten Kontext für sich her. Und sei es, indem er Hilbigs Entstellung von Pounds Text realisiert.
Odysseus-Pound bricht auf, um Ithaka wiederzufinden. Ziemlich zu Anfang heißt es: „Came we then to the bounds of deepest water, / To the Kimmerian lands, and peopled cities“. Hilbigs lyrisches Alter ego, das vermeint, in einer Stadt zu sein, die es nicht mehr verlassen kann, operiert mit der Negation: aus Pounds „peopled cities“ werden „unpeopled cities“ – also offenbar solche, die den Aufbruch nicht lohnen. Hilbig wird keine Odyssee schreiben. Aber seine poetische Abendphantasie hat einen großen und reichen Ton.
Die Bilder vom Erzählen sparen den Epiker Hilbig aus. Seine erzählerischen Arbeiten, die ihn doch berühmt machten, scheint der Sechzigjährige hinter sich zu lassen wie verbrannte Schiffe. Spielend und anspielend ergeht er sich im Traum- und Musterbuch der lyrischen Moderne. Selbst wo Hilbig eine Formel für sein eigenes Leben sucht, bemüht er einen der Alten Meister, nämlich den Eliot der „Four Quartetts“: „Ein Spott / mein End gewirkt in meinen Anfang“. Man möchte dem Dichter, der sich in bitterschönen Bildern von Zweifel und Resignation ergeht, eine Zeile vorhalten, die er selbst als groß bezeichnet: „Das Eisen selbst sucht sich den Mann“. Diese Zeile gilt auch heute, wo es wenig aussichtsreich scheint, sich an den großen Schmieden zu messen.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.11.2001

Anwesend!

-Wolfgang Hilbig zum 60.-

Der Gedichtband, für den Wolfgang Hilbig 1983 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau erhielt, trug den Titel abwesenheit. Die Behörden der DDR haben den unbequemen, zornigen, nicht mehr ganz jungen Mann, der doch ihr Vorzeigearbeiterdichter hätte werden können, mit einem Ausreisevisum beschenkt, dennoch war abwesenheit so wörtlich und so eindeutig nicht zu nehmen, wie manche seiner Freunde und Gefährten taten, weil sie Hilbig wieder anwesend wissen wollten.
Es sind freilich vor allem seine unverwechselbaren Prosaarbeiten, die seinen Ruhm begründet haben, so die Alte Abdeckerei, um nur ein Buch beispielhaft zu erwähnen. Doch immer wieder schrieb Hilbig, sparsam, Gedichte, ein Traumwandler auf einem alten Fabrikhof, auf einem schmalen Stück Erdoberfläche, das in die tiefen Wüsten der Tagebaubrüche abzugleiten droht.
Traumwandler zeichnen sich kaum durch intensive Anwesenheit aus: Sie sind abwesend, wenn sie da sind. Man muss sich fragen, ob Hilbig in seiner Autorschaft sich selbst als „abwesend“ erfährt oder ob nicht vielmehr die Abwesenheit von Wirklichem ihm als eigentliche Wirklichkeit erfahrbar wird.
Gegenwärtigkeit schimmert auf im Entschwinden, in dem sie erst fassbar wird.
Solches scheint auch für den neuen Gedichtband zu gelten, der höchst sorgfältig ausgestattet, mit Radierungen von Horst Hussel versehen, zum 60. Geburtstag Hilbigs, gewissermaßen als Geschenk des Verlages erscheint. Das heißt nun beileibe nicht, dass der Verfasser sich wiederholt. Einsame Tätigkeit ist ihm offenkundig wichtiger als das zweifelhafte Vergnügen, dem Publikum ständig präsent zu bleiben. Es spricht sich in den Gedichten ein merkwürdiges Halb-Bewusstsein aus, das von Entgrenzungen und mythischen Erinnerungen gekennzeichnet ist, aber auch das Fremdwerden von Erinnerungen noch wahrnimmt. Zugleich hat sich der Ton verändert. Die rhythmische Festigkeit erlaubt rhythmische Brüche, die vielleicht nur den Zweck verfolgen, das Glatte und Gefällige zu vermeiden:

Ohne Erinnerung und ohne Grund
der Götter Zeichen gleich Worten die wir flüchtig
kannten
fügten sie ihre Spur der Oberfläche zu und stiegen dann in Höhen auf wo Tage still
verbrannten
und weiter – vogelgleich mit ihresgleichen – einem
Dunkel zu.

Das ist weit weg von der gleissenden Geschwätzigkeit und gesuchten Künstlichkeit mancher zeitgenössischen Viel-Dichter: Ach der ganze Garten überschwemmt vom / Mond – / und Schwärme von Fischen am Weg / wie Federn leicht wie zuckende Klingen im Licht. Ob sich der, welcher sich in diesen Gedichten zu vergewissern sucht, nicht bereits abhanden gekommen ist, wird zur schmerzhaften Frage. In manchen Augenblicken scheint es nur die Obsession des Schreibens noch zu geben. Auch nicht schreibend scheint, wer hier spricht, noch schreibend tätig zu sein. Nicht selten nimmt er vorweg, was eintreten wird.
Es kommt zu Szenen, die konzentriert viel von dem enthalten, was die Prosa Hilbigs an markanten Stellen so unverwechselbar macht:

Ach meine Zeit ist um −
war schon vorbei als ich zum ersten Mal von ihr
gehört −
kann nicht mehr fort aus dieser Stadt wo ich nie
eintraf…

Verbrauchte Zeit, verbrauchtes Dasein, Szenerien überwucherten Verfalls, die motivischen Entsprechungen zur Erzählprosa sind unverkennbar, und auch insofern haben wir es hier mit Bildern vom Erzählen zu tun. Es bleibt nichts als ein träumend Salz, von dem Welle einatmend sich zurückzieht: ausatmend wiederkehrt. Wovon also soll einer erzählen? Unruhe durchzittert als Frage diese Verse. Selten sind die kurzen Momente des vollkommenen Ausgleichs:

O dieser Augenblick im Gleichgewicht der den
Atem anhält
bevor das Bild kentert.

Wer spricht eigentlich? Von nur subjektiven Einsichten, Erfahrungen, gar Empfindungen kann die Rede nicht sein. Ein poetisches Ich wird in seinen Gefährdungen sichtbar Vergeblichkeit droht. In diesen Gedichten ist von überpersönlichen Erfahrungen die Rede, hin und wieder sind es aber auch Erfahrungen, die der Schreibende schreibend erst gewinnt. Zum 60. Geburtstag schreibt Hilbig auch ein Gedicht für sich und nennt es „Der Zufall“. Es endet mit den Versen:

Ich blieb zurück und nach mir schlug der Wahn…
auch er schlug fehl: ich bin des Zufalls schiere Ungestalt -
und nun müsst Ihr mich überstehn: erbarmt euch meiner!

Dem Leser wird die Mühe langsamen, geduldigen Lesens abverlangt. Aber er wird belohnt. Das Geschenk, das der Verlag dem Autor macht, wird zum Geschenk des Autors an seine Leser.

Ralph-Rainer Wuthenow, Die Zeit, 30.8.2001

Bilder vom Erzählen: Die Geburt eines Schriftstellers

Wolfgang Hilbig ist der einzige unter den bedeutenden zeitgenössischen deutschen Autoren, der noch nicht den Büchner-Preis bekommen hat. Nichts kann das Fragwürdige von Gremienentscheidungen, von Abstimmungsmodalitäten besser verdeutlichen. Prosastücke wie Alte Abdeckerei oder Die Weiber gehören zu dem Wenigen, was von der Literatur des letzten Drittels des letzten Jahrhunderts wirklich Bestand hat. Hilbigs Sprachmächtigkeit, seine expressiv auflodernden Endzeitgemälde des verrottenden DDR-Sozialismus haben keinen Vergleich. Dass er, obwohl er alle anderen Preise schon längst bekommen hat, den wichtigsten nicht erhielt, mag daran liegen, dass er mit den Medien nicht kompatibel ist.
Er ist kein Mann für Podien, kein Mann fürs öffentliche Räsonieren. Leben und Schreiben sind für ihn auf eine Weise verbunden, wie sie sonst nur noch in der Literaturgeschichte aufzufinden ist. Hilbig ist der letzte naive deutsche Dichter, im ursprünglichen, Schillerschen Sinne.
Sein Verlag hat ihm und auch seinen Lesern zum 60. Geburtstag in diesem Jahr ein repräsentatives Geschenk gemacht. Mit filigranen Radierungen von Horst Hussel, die das Ganze umgarnen und in seiner Rätselhaftigkeit visualieren, sind hier dreißig neue Gedichte Hilbigs versammelt. Nach der tabula rasa mit dem Roman Das Provisorium im letzten Jahr sind dies die ersten neuen Texte des Autors: im Provisorium hatte Hilbig zum ersten Mal fast unverhüllt autobiografisch geschrieben und die Verankerung seiner bisherigen literarischen Existenz außer Kraft gesetzt. Mit diesem Gedichtband kehrt Hilbig nun zu den Anfängen zurück: seine erste Buchveröffentlichung war 1979 der Gedichtband Abwesenheit, der nicht nur programmatisch das Selbstverständnis eines DDR-Schriftstellers aufkündigte, sondern vor allem in seiner Sprache etwas völlig Losgelöstes hatte. Hilbig knüpft jetzt an diese Geburt eines Schriftstellers in der DDR wieder an, die rein aus der Schrift heraus erfolgte, unbeeinflusst von den literarischen Diskussionen ringsumher. Das Expressionistische spielte für Hilbig eine große Rolle, Rimbaud, der Surrealismus.
Der Titel des Gedichtbandes allerdings kündet von einem Paradox: Bilder vom Erzählen. Hilbig vermischt die Gattungen, und das Erzählen, das er mit dem Provisorium an einen End- und Höhepunkt getrieben hat, holt ihn jetzt als lyrische Anrufung wieder ein. Das titelgebende Gedicht unternimmt mehrere Anläufe, um das Meer zu beschreiben – das Meer, das auf anonymen Hotelfernsehern aufflimmert, vornehmlich nach Sendeschluss, verstellt zunächst den Blick auf das reale Meer hinter den Gardinen, es wird verstellt von Wörtern und vom Bewusstsein, bis sich langsam, in kurzen Schüben, ein poetischer Rhythmus einstellt, der sämtliche Fragen wieder aufhebt.
Diese Gedichte sind tastende Versuche, an etwas anzuknüpfen, was lange Zeit liegengeblieben war, durch Prosa verdeckt: Hilbigs schwarze Romantik irrlichtert in diesen Zeilen, die gelegentlich auch wieder das Expressive zitieren und es mit einem fragenden Unterton versehen; es bleibt ein dissonanter Nachhall. „Nach der Prosa“, heißt so ein Gedicht: „Nun bin ich alt und in den Staub geworfen“…, und die alte, lyrische Sprachmächtigkeit hebt wieder an, etwas Existenzielles zu umreißen, das neu scheint, aber doch die alten Fährten wieder aufnimmt.

böt, Der Tagesspiegel, 6.10.2001

Weitere Rezensionen zum Buch:

Stefan Wieczorek: Abgewandte Areale
literaturkritik.de

Sibylle Cramer: Ich bin des Zufalls schiere Ungestalt.
Frankfurter Rundschau, 10.11.2001

Peter Geist: Das Erzählen der Bilder.
Neue Deutsche Literatur, 2002, Heft 2

Marie-Luise Bott: „Als wäre ich ein Schriftsteller“. Gespräch.
Neue Rundschau, 2002, Heft 3

Marie-Luise Bott: Odyssee 2001.
die horen, 2002, Heft 3

 

Beiträge zum 60. Geburtstag des Autors:

Ralph Rainer Wuthenow: Anwesend!
Die Zeit, 30.8.2001

Helmut Böttiger: Des Zufalls schiere Ungestalt. Gespräch.
Der Tagesspiegel, 31.8.2001

Welf Grombacher: Ein Jongleur der Elemente.
Rheinische Post, 31.8.2001

Horst Haase: Weisheit eines Geplagten.
Neues Deutschland, 31.8.2001

Richard Kämmerlings: Geschichte und Geruchssinn.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.8.2001

Beiträge zum 65. Geburtstag des Autors:

Gunnar Decker: Der grüne Fasan.
Neues Deutschland, 31.8.2006

Christian Eger: Der Mann, der aus der Fremde kam.
Mitteldeutsche Zeitung, 31.8.2006

Beitrag zum 70. Geburtstag des Autors:

Jayne-Ann Igel: Das Dunkle oder Die Vordringlichkeit von Tatsachen
der Freitag, 31.8.2011

Ralph Grüneberger: Heute vor 70 Jahren wurde Wolfgang Hilbig geboren
Dresdner Neueste Nachrichten, 31.8.2011

Beitrag zum 1. Todestag des Autors:

Hans-Dieter Schütt: „Vom Grenzenlosen eingeschneit“.
Neues Deutschland, 2.6.2008

Fakten und Vermutungen zum Autor + Interview
AntrittsredeBüchnerpreisrede
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Nachrufe auf Wolfgang Hilbig: FAZ / Die Welt / Die Zeit / titel-magazin /
Goon MagazinSpiegelFocusSüddeutsche ZeitungDer Tagesspiegel
NZZ / ND / BZ / taz / der Freitag

Christian Eger: Im Abseits arbeiten.
Mitteldeutsche Zeitung, 4.6.2007

Sebastian Fasthuber: Wolfgang Hilbig 1941–2007.
Der Standard, 4.6.2007

Christoph Schröder: Wie sich das Ich auflöst.
Frankfurter Rundschau, 4.6.2007

März, Ursula: Als sie noch jung waren, die Winde.
Die Zeit, 14.6.2007


 


Naheliegendes:

  1. Wolfgang Hilbig: zwischen den paradiesen
  2. Wolfgang Hilbig: Abriss der Kritik
  3. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Das verlorene Alphabet
  4. Wolfgang Hilbig: Werke Band 1 – Gedichte

1 Antwort : Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen”

  1. Redaktion sagt:

    Selbstvorstellung
    Anläßlich der Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

    Meinen Vater habe ich nicht kennengelernt, er wurde schon 1942 bei Stalingrad als vermißt gemeldet, und ich wuchs in der Wohnung meiner Großeltern mütterlicherseits auf, mit meiner Mutter zusammen, die nicht auszog, weil sie auf die Rückkehr ihres Mannes wartete: sie wohnt noch heute in derselben Wohnung, wenn ich dort zu Besuch bin, schlafe ich noch heute in dem Bett, in dem ich wahrscheinlich auch geboren wurde, – 1941, in Meuselwitz, einer Kleinstadt im ehemaligen sächsisch-thüringischen Braunkohlenrevier, vierzig Kilometer südlich von Leipzig gelegen. Ich habe also die Bombenangriffe auf das Industriestädtchen Meuselwitz noch erlebt, wie unbewußt auch immer: da mein Großvater Bergmann war und unter Tag arbeitete, hatten wir, als Familienangehörige, das Recht, bei Fliegeralarm Schutz in den Kohlenschächten zu suchen, die sicherer waren als Luftschutzbunker. So bin ich schon als Zwei- oder Dreijähriger hunderte Meter tief unter die Erde gefahren, auf dem Höhepunkt der Luftangriffe mehrfach in einer Nacht; und ich weiß nicht, was prägender auf mich gewirkt hat: die Unruhe dieser Zeit, die später, notwendig vielleicht, zur Unbeweglichkeit geführt hat, oder die bewegungslosen Familienverhältnisse, die irgendwann in Unruhe umschlugen. Bis 1978 habe ich – nur durch ein paar Jahre wechselnden Aufenthalts in Wohnlagern einiger Außenmontagefirmen unterbrochen – bei meiner Mutter in dieser Wohnung gelebt, in einem Mietshaus im Besitz der Bergbaubehörden in einer Straße, da ausschließlich Arbeiter lebten. 1978 zog ich zum ersten Mal nach Berlin, kehrte aber nach einem Jahr wieder nach Meuselwitz zurück – seit 1980 bin ich (ich habe nachgezählt) zwölfmal umgezogen – manchmal mehrfach in einer Stadt -, und nun bin ich in Edenkoben, in einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz, gelandet.
    Bis 1980 habe ich in der ehemaligen DDR in verschiedenen Industrieberufen gearbeitet, aber immer, nebenbei und insgeheim, geschrieben, als Kind schon habe ich irgendwann zu schreiben begonnen: wahrscheinlich war dieses Schreiben ein Lektüre-Ergebnis, oder auch das Ergebnis fehlender Lektüre; Lesen war für mich eine Hauptbeschäftigung in der Kindheit, und dies, obwohl ich mich damit dem dauernden Argwohn des Großvaters aussetzte: er stammte aus einem winzigen Dorf der polnischen Ukraine, war Waise und hatte nie eine Schule von innen gesehen. Er konnte weder lesen noch schreiben, verständlich, daß er sich um einen Teil der Wirklichkeit betrogen fühlte und allen seinen Nächsten das Lesen am liebsten verboten hätte. Alles was zwischen Buchdeckeln stand, war für ihn Lug und Trug, es führe mit der Zeit zur Trübung des Verstandes oder gar zum Irrsinn, und er wußte Beispiele dafür zu nennen. Als ich einmal, mit zwölf oder dreizehn Jahren, eine Biografie über Edgar Allan Poe las, glaubte ich die Worte des Großvaters bestätigt, und ich hörte mit dem Schreiben wieder auf: für ein Jahr ungefähr, bis ich, unter dauerndem schlechten Gewissen freilich, noch einmal von vorn begann.
    1978 wurden einige Gedichte von mir im Hessischen Rundfunk gesendet, aus den daraus sich ergebenden Verlagskontakten entstand mein erster Gedichtband, den ich 1979 in Frankfurt am Main veröffentlichte, ohne Erlaubnis des sogenannten Urheberrechtsbüros der DDR, illegal also, was ich für folgerichtig hielt, da ich doch stets – von Ausnahmen abgesehen – in einer sonderbar natürlichen Form von Illegalität geschrieben hatte. Neben einigen unangenehmen Reaktionen auf diese Publikation erhielt ich plötzlich unerwartete Fürsprache von namhaften Schriftstellern: allen voran von Franz Fühmann, dem unermüdlichen Mentor der debütierenden oder noch nicht debütierenden Literaten der DDR, aber auch von Stephan Hermlin, Christa und Gerhard Wolf und anderen. Daraus resultierte sogar eine Buchveröffentlichung im Leipziger Reclam-Verlag und schließlich die Möglichkeit, in der DDR als freischaffender Schriftsteller zu leben. 1985 erteilten mir die Kulturbehörden der DDR eine befristete Reiseerlaubnis in die Bundesrepublik Deutschland; dieses Visum überschritt ich um ein Jahr, fuhr dennoch in die DDR zurück und das Visum wurde mir verlängert; es wäre ausgelaufen, als die DDR schon nicht mehr existierte.
    Seit 1985 also lebe ich in der Bundesrepublik bzw. auf dem Territorium der alten Bundesländer, in Hanau zuerst, dann in Nürnberg und jetzt in Edenkoben. Ich habe seither eine Reihe von Büchern mit Lyrik und Prosa veröffentlicht, bin in die USA, nach Griechenland und Frankreich gereist, nun unter den Bedingungen des kapitalistischen Buchmarkts, die oft schwieriger zu bewältigen sind als die halb illegalen, oder pseudo-Iegalen, in der ehemaligen DDR. Aber sie sind ehrlicher, und darauf kommt es an.
    Nun lebe ich mit meiner Lebensgefährtin Natascha Wodin zusammen, die, als Tochter ehemaliger russischer Asylanten, eine Außenseiterin in der deutschen Literatur ist… oft genug glaube ich, daß auch mir eine solche Rolle angemessen wäre. Von ganz unten her haben es ihre großartigen Bücher vermocht, die Poesie in der deutschen Literatur weiterzutragen, in eine Zukunft, in eine Ungewißheit: dies ist mir Unruhe und Beruhigung zugleich.
    Ich danke der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung für die Zuwahl meiner Person zum ordentlichen Mitglied.

    Wolfgang Hilbig 1990, aus: Michael Assmann (Hrsg.): Wie sie sich selber sehen. Antrittsreden der Mitglieder vor dem Kollegium der Deutschen Akademie, Wallstein Verlag, 1999.

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