Wolfram Malte Fues: SkalpeSkalpelle

Fues/Wächter-SkalpeSkalpelle

STREIFENWEISE BUNT.
Streifenweise Meliert.
Kassetten-Grün, zuvorkommend
Softice-, Rollerbrett-, BierCoke-
Kaskade zuvorkommend.
Das Halsband der Zwergrasse wird
alle Farben vertragen bis
über die Ränder der Ringstrasse
in Allmende, Vor- und Familien-Gärten
biodivers
on demand. Die
mit dem Cursor wedelnd, gehn
mit der Zeit im Satz
vom Vergehen der Zeit
mit dem Sonntags-Exempel
vom Aufguck der Erdfarben, wo
ihnen nichts abgeht als
das Äugeln der Rasenzwerge
nach ungespaltenem Licht.

Streifchen schlingend
Geruch ionisierter Luft
verkohlender Zigaretten
Steaks, Maiskolben, Cervelats
Vorgeschmack: Vitamine
Gummibärchen, Kau-Nikotin
Abendwünsche nach Zapping
in sarmatische Zeit. Die
sind mit Peter Pan auf dem Weg
unters Gerippe des Blauwals
des Flügel abwerfenden Drachen
auf die Scholle für Eisbär
Pinguin, Robbe, Polarfuchs
fürs Picknick der Freischicht Polarpfusch.
Den bildschirmschön heiteren Himmel
zu Boden blühende Bäume.
Schauwege. Jagdwege. Fluchtwege.
Die Halme. Die Rispen.
Die Fliegen. Die letzten?

 

 

 

Himmelsleitern, längsgeklappt.

Wolfram Malte Fues ist als Lyriker und Literaturwissenschaftler ein zu erfahrener Handwerker der Sprache und ein zu versierter Analytiker ihrer Hervorbringungen, um nicht sehr genau die Versuchungen und Fallen zu kennen, die bei dem wiederholten Wechsel zwischen poetischer und akademischer Zunft sich auftun. Wer so genau zu beobachten vermag, wo und wie der sprachlichen Form tagtäglich Gewalt angetan wird oder Missachtung widerfährt, und wessen Gedächtnisschatz andererseits so voll ist von den gekelterten, unerreichbaren Meisterstücken der präzise geronnenen Form – müsste ein solcher nicht vielmehr die Lösung Wittgensteins wählen, und das hieße: die Eleganz (immerhin) des Schweigen? Ist nicht die Sache der Dichtung im elektronischen Datenstrom in ähnlicher Weise (wieder) prekär geworden, wie es in Zeiten akademischer Planwirtschaft und verordneter Drittmittel-Erfolge die Schule des kritischen, unabhängigen Denkens genannt werden muss? Ist Lyrik heute, bei aller zur Verfügung stehenden Vielfalt an Registern der Tradition, des Experiments, des Fraternisierens mit Alltäglichkeiten, nicht ein untherapierbar rückständiges, im medialen Aufmerksamkeitskonkurs rettungslos unterlegenes Geschäft geworden? Natürlich gibt es sie noch, die sorgsamen, bilderstolzen Chronisten des Jahreslaufs und der Naturzeichen; die alerten Virtuosen der fast klassischen Form; die Freunde der spielerischen Annäherung an die Alltagssprache. Keine Namen jetzt, das wäre unfair. Hingegen dies: SkalpeSkalpelle, die neuen Arbeiten des Lyrikers und Sprachbeobachters Fues, setzen dort an, wo das Organ des Kopfes und die Schärfe des sprachlichen Instrumentes ihre denkbar verletzlichste Verbindung eingehen. Sie betreiben das Geschäft der Wörtlichkeit, indem sie dem prosaischen Geradeaus-Gang der Sprache sanfte Biegungen und abrupte Richtungswechsel zufügen, in denen man die Taten des Verses erkennen kann, ohne dass die lyrische Rede deshalb auf argumentative Konsekution Verzicht übte. Man sieht, anders gesagt, hier mit Freude noch das Metier jenes Änderungsschneiders am Werk, „dem Du / Modell und im Licht stehen wirst“. Zwar zeigen dem Kennerblick sich hie und da kunstvoll gesetzte „Aufnäher“ und „Abnähte“, aber längst muss nicht alle Kniffe durchschaut und identifiziert haben, wer in diese Gewänder hineinschlüpfen will.

Die Gedichte von Wolfram Malte Fues bewegen sich auf einem poetologischen Kenntnisstand, der sowohl die Empfindlichkeitsgewinne der Neuen Subjektivität wie die Versuchsreihen der Sprachartistik für sich zu nutzen vermag, ohne sich an die Fersen ihrer Manierismen heften zu müssen. Vom neoklassischen Bildungsstolz aber des Spiels mit überständigen Formzwängen halten sie erkennbaren Abstand, ebenso von der Koketterie mit popkulturellen Einsprengseln, die den Duktus der lyrischen Sprache angeblich so schön ,grooven‘ lassen. Nein, es sind diese Gedichte schon und durchaus gelehrte Gebilde, die mit Verstand und mit wacher Assoziationsfreude gelesen zu werden verdienen. Gebilde vor allem, die aus und an der Verdichtung erwachsen sind, der inneren Verflechtung und Komprimierung.
Zur Prägnanz finden sie durch eine Selbstbezüglichkeit, die dem Tastsinn der Sprache selber folgt, also auch deren materielles Gewicht zur Geltung bringt. So könnte man zunächst und annäherungsweise konstatieren, dass Fues’ Gedichte die Aufmerksamkeit auf die Eigenkörperlichkeit der Sprache lenken und damit kunstvoll auf ihr artefaktisches Gemachtsein verweisen, auf das Poetische im Wortsinne. Intramajuskulär (eine der selten gesetzten Gedichtüberschriften; ein Programm?) rückt den frei geborenen Bürgern des Alphabets mit Verve und Tanzmeister-Gesten zu Leibe: „A / räkelt sich auf den Hüften / vom Linie liegenden B / krümmt den Rücken zum C, springt“ – wohin auch immer, jedenfalls leichtfüßig über die Zeilenklippe hinweg. Doch wäre diese Form der Selbstreferenz für sich genommen eine bloß gut gekonnte und klug gemeinte Kunstübung, hätte sie nicht darüber hinaus noch Entscheidendes über die Wirklichkeit selbst zu sagen und an ihr zu zeigen. Zunächst und vor allem dies, wie schwer eine solche Rousseausche Unabhängigkeitserklärung der république des lettres wirklich zu denken und zu artikulieren sei.
Diese Gedichte machen Ernst mit ihrem Spiel, indem sie aus der ihnen eigenen Welthaltigkeit leben. Existentiell ist nicht allein jener Schockmoment, in dem „Mein Tod“ die Bühne betritt (und die Rolle verweigert), sondern auch die mehrmalige Adressierung an ein partnerschaftliches Du, mit dem das Ich (keine lyrische persona im konventionellen Sinne) erst zu seiner Stimme findet. Eine bemerkenswert responsive Haltung, ein Tasten nach Widerhall, nach Gegenrede, nach Antwort, ist dem Gestus dieser Notate eigen. Man mache mit ihnen den Resonanz-Test: da ist kaum eines, das im Leser, in der Leserin nicht eigene Beobachtungen, eigene Gedanken oder Wünsche zum Mitklingen bringt.
SkalpeSkalpelle wäre nicht denkbar ohne den kritischen Verstand, der die poetische Arbeit begleitet. Im Miteinander von schreibender Praxis und lesender Theorie scheinen Fallstricke unvermeidlich; doch kann es zu ungeahnten Abenteuern führen, sich gelegentlich in ihnen fangen zu lassen. Was Fues in einem seiner jüngeren Essays im Medium der theoretischen Reflexion entwickelt, ist das Projekt einer poetischen Unabhängigkeitserklärung, die sich die Domäne des Sprachlichen nicht von den Strategen der Kommunikations- und Werbebranche entwinden lässt. Den fortlaufenden Betrieb aufzuhalten, Einreden zu formulieren, wird, so nicht alle der Fallstricke reißen, dann gerade zum ureigenen Geschäft der Poesie. Nicht von ungefähr erinnert der Literaturwissenschaftler im Dichter daran, wie sich Gedichte im Koordinatenkreuz der Raum- und Zeitordnung lang und breit machen. Anknüpfend an Baudelaire skizziert Fues das poetische Gebilde als ein Artefakt, das seine Artikulationsdimensionen sowohl im temporalen Fortgang wie in der Vertikale der eigenen Gestaltgewinnung ausformt. Es gleicht damit einer Leiter, auf der sowohl der steigende wie auch der waagerechte Sprossengang geübt sein will.
Der bleibende Referenzpunkt ist jene Revolution, die Julia Kristeva einst der poetischen Sprache als solcher angedeihen lassen wollte, die subversive Freilegung der Sprachkörperlichkeit, die aus dem Kurzschluß zwischen symbolischer und semiotischer Funktion, und damit aus der Störung der etablierten Ordnung der Zeichen als solcher, hervorgeht. Wo die symbolische Fracht der sprachlichen Zeichen ihrem Gebrauch noch anhaftet als vielleicht ungewolltes, aber bejahtes Residuum an Erdenschwere und Leiblichkeit, da kann auch der lyrische Ausdruck nicht umhin, seinen Doppelsinnigkeiten und Hypotheken die Stirn zu bieten; ihnen entgegenzutreten, statt nur weiterhin ihr stummes Mitlaufen zu dulden.
„Blockaden / Sakkaden / Kaskaden“ – im Rechtschreibetest würden diese falschen Freunde jeden Legastheniker in die Knie zwingen. Von poetischer Warte aus betrachtet, spricht hier das Prinzip, in dessen Namen der homo ludens zuweilen die Kommandozentrale übernimmt; fortspringen, festfahren, umfallen bis zum ultimativen Aufprall des Sprachkörpers auf seiner schmerzhaft hart ausgestopften Unterlage. Manche dieser Kunststücke haben wirklich etwas von Leibesübungen an sich. Fues’ Gedichte wissen um den Umstand, dass sprachliche Zeichen einen Körper haben, dass man die vermeintlich abstrakte Sphäre verbaler Verständigung an jedem Punkt unterbrechen und ihre Vehikel dann, mit verwundert tastenden Fingerspitzen, anfassen kann. Eine der herrlichen Aporien des Sprechens ist dieses Sich-nicht-Entscheiden-Können zwischen figürlichem und übertragenem Sinn, zwischen dem Wort als Bild und dem Wort als Begriff.
Und dazu gleich noch ein Zweites, ein nicht minder schwerer Fall von „undecidability“ (von welcher die Dekonstruktivisten eine gewisse Zeit lang geschwärmt hatten). Viel stärker als dies in der Prosa der Fall ist, wird für die Lyrik zum Existenzproblem, nicht alles zugleich, nicht an jeder Stelle, auf jeder Position innerhalb des lyrischen Gebildes alles auf einmal sagen zu können. Denn zu den sinnkonstitutiven logischen Formzwängen der linearen Sprache gehört nun einmal der Umstand, dass jede Proposition aus der fortlaufenden Vernichtung von Alternativen hervorgeht. Sich sinnvoll und verbindlich zu äußern, das bedeutet, sich festzulegen auf das ,so und nicht anders‘ einer Formulierung, die alle sonstigen Optionen zwar vielleicht noch im Sinn hat, aber mit konsequenter Strenge aus der eigenen Satzlinie ausschließen muss. Es macht schon einen Unterschied, ob wir es, beispielsweise, mit dem „Schrei der Bergdohle“ oder mit „dem Kuss der Bergdrohne“ zu tun haben. Was aber, wenn diese alternativen Muster des Sagens immer wieder neu aufklaffen, ohne dass ihr zwillingshaftes Nebeneinander sauber entflochten werden könnte?

Zum Stocken kommt dabei auch der zeitgebundene Fortlauf der Zeilen- und Verslinien selbst, die ja ohnehin ihre eingerückte Position als Signum einer aufzuhebenden Kontingenz an sich tragen. So hatte einmal Roland Barthes vorgeschlagen, Texte als orchestrierte Partituren zu beschreiben, die auf ein und derselben Zeitstelle stets mehrere Varianten, Ober- und Unterstimmen mit sich führen. Fues forciert solche Unentscheidbarkeit durch poetische Serien- und Reihenbildungen, die das pull-down-Menü der Wortlisten nicht zum Zwecke der Auswahl durchmustern, sondern sich beim Krämer am besten gleich alle Stücke für den Heimweg einpacken lassen. Da finden sich, nebeneinander in den Korb gelegt: „asymmetrisch / asymptorisch / asynchron“; „Violet Velvet“, „alternd adernd“, oder auch: „hubstapelfreundlich / palettengerecht“. Das Unerschöpfliche dieser Gedichte kommt zustande durch die jeweils auf kleinstem Raum enzyklopädisch ausgreifende Weltzugewandtheit, „jeder / Chiffre von Anlass / bis Zukunft“ auf der Spur.
Es sind Gebilde des doppelten Bodens, der dialektischen Volte, der zwei- und dreifach rücklinks eingesprungenen rhetorischen Pirouetten; doch bleibt im Wechsel der Kulissen jeweils kaum Zeit, ihnen staunend nachzusehen. Von „sehr klein“ bis „sehr groß“ sind es nur wenige Zeilen, bei jedem Blättern ändert sich das Bild. Mit leiser Melancholie füllt sich „das Blatt aus der Zeit / als das Welken noch geholfen hat“. Andererseits darf die den Gedankenlauf bestimmende Geradeausrichtung sich ihrer Gang-,Art‘ auch nicht zu sicher sein; wer weiß, in welcher Verfassung sie die Kante des Versendes übersteht. „Zwischen Et und Was / splittert’s.“ Es kann nicht darum gehen, die Sprache nach Gebrauch unbeschadet zurückzugeben. Und nur selten kommt der eingefädelte Tropus ins Ziel, ohne dass ihm unterwegs die Pointe zur windschiefen, quijotesken Figur eines Zeugmas verdreht worden wäre. So ergibt sich eigentümlich zwanglos das subversive ästhetische Programm einer Aufhebung des linearen Zeitstrahls, seiner Kehre am verspoetischen Klappscharnier, „an der letzten oder der ersten / Postauto-Haltestelle“. Es sind längsgeklappte Leitern, auf denen die Verstiegenheit gewählter Wortfindung – welch ein Luxus, nicht kostspielig, aber extravagant – zum neuen Richtungssinn avanciert ist.

Para subir al cielo, für den Weg in den Himmel, so paraphrasierte einst Pablo Neruda die eingängige Volksweise von La Bamba, braucht es nicht mehr als zwei Leitern, eine große lange und eine kleine kurze; und ein Gedicht, das beim Klettern Hilfestellung bietet.

Alexander Honold, Nachwort

 

Die Epoche der Aufklärung

setzte einen Preis auf die Skalpe ihrer Feinde: die von Männern galten am höchsten, die von Frauen weniger, die von Kindern am wenigsten. Die Epoche der Digitalisierung symbolisiert, sie vervielfältigend, die Skalpe wie die Skalpelle. Sie bringt es zuwege, dass wir ihr unseren eigenen Kopf mit Haut und Haar anbieten, mit Twitter und Google, mit Smartphone und Smart-Apps, mit Fitness-Devices, Dashboards und BabyPod, mit Abenteuerlust und Spielfreude. Wie fühlt sich das an? Wie sieht sich das an? Wie spricht das an? Wie spricht sich das an?

Lyrik Edition 2000, Klappentext, März 2016

 

Beitrag zu diesem Buch:

Jan Kuhlbrodt: Zu Wolfram Malte Fues: SkalpeSkalpelle
signaturen-magazin.de

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie: Dirk Skibas Autorenporträts

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