Zeitschrift: die horen – Heft 246

die horen

− Über Nadja Küchenmeisters Gedicht „nachtigallen“ aus dem Gedichtband Alle Lichter. −

 

NADJA KÜCHENMEISTER

nachtigallen

störgeräusche, nachtigallen. auf eine spur gebannt
vor tagen, nachts. du schneidest immer mit. dein
trommlerherz… dein ausgebranntes kondensat

von der geschichte abgefragt, ist wach und angespitzt.
elendige vogelstimmen. koffer, wehmut, durch die luft
getragen, siehst du im dunkel eines fremden zimmers

nachtigallen. wie alt du bist. die armbanduhr, die schüssel
und das wasserglas. das bettzeug, nassgeschwitzt. die zungen
wurst, hernach der gaumen nichts mehr fühlen kann. du siehst:

nur ein haufen zerbrochener bilder. nacht für nacht zurück
gestuft bist du in wiederholungen gefangen, den dämpfen
deiner trauerlaufbahn bist du ausgesetzt, den bitterstoffen

abgelegter wunden, nachtigallen. wenn ich nochmal anfangen
könnte, wenn ich das nochmal sehen könnte: meine güte
wie du sprichst! bitte nicht berühren, bitte nicht berühren jetzt

weil ich bin gar nicht mehr zugange mit dem leben…
meine zerrmomente, meine nachtigallen. aber du hast nichts
vergessen, du weißt alles ganz genau: wie dir die kälte

in der nase sticht. der bahnhof. die verschwommenen gleise.
die leere und das milde licht. schon bricht ein heftiges weinen los…
die eIbe ist über die ufer getreten, da staksen winterbäume übers feld

der waldrand schickt ein weiches zittern und alle lichter scheinen
nochmal auf. nachtigallen. bist du umflort, bist du so immerfort
mit dir allein gelassen? und das vermissen hat schon eingesetzt.

wenn man nur ganz am leben wäre für sekunden. störgeräusche.
nachtigallen. auf eine spur gebannt vor tagen. das trommlerherz
hat wild alarm geschlagen. die nachtigallen singen jetzt…

 

„wenn man nur ganz am leben wäre für sekunden…“

Die Entstehung eines Gedichts ist ein komplexer, im Kern rätselhafter und kaum je bis ins Letzte zu klärender Vorgang. Vieles an diesem Prozess kann zwar erläutert werden und es fehlt nicht an Versuchen, ihn so genau wie möglich zu beschreiben. Ein wesentlicher Grund für den verbleibenden Rest Geheimnis liegt indes in der engen Verflechtung bewusster und unbewusster Anteile im Schreiben, dem schwer bestimmbaren Ineinander artistischer Formung und rezeptiver Durchlässigkeit. Stimmenhören und gebanntes Hinschauen auf den Film im Kopf lassen sich von der rhythmischen Gestalt des gebauten Verses und der kontrollierten Bildhaftigkeit der Sprache so wenig trennen wie man andererseits von direkter Übersetzung des einen ins andere sprechen kann. Es bleibt ein Riss zwischen Innen und Außen, ihn zu schließen ist der Traum, der Wunsch nach seiner Überbrückung die treibende Energie, die das Gedicht hervorbringt. Man kann vielleicht so sagen: Der Dichter nimmt etwas in sich als fremd und störend wahr und will es unter Einsatz aller ihm verfügbaren Kunstmittel aus sich entfernen, um es besser sehen zu können, und auf diesem Wege verwandelt es sich. Es entsteht etwas Neues, das er teilweise beabsichtigt hat, teilweise aber auch nicht. Das Neue entspricht weder ganz seinen poetischen Ideen noch deckt es sich mit seiner inneren Wahrnehmung, es ist einfach als Tatsache da. Je nach Ästhetik sind die Anteile des Bewussten und Unbewussten sehr verschieden zu veranschlagen, oder sie werden unterschiedlich bewertet. Letztlich aber gibt es so wenig das reine Handwerk, wie es das rein intuitive Schreiben gibt. Das Ich, das spricht, deckt sich nicht mit dem Ich, das schreibt, aber unverbunden sind sie auch nicht – diese Unterscheidung halte ich für bedeutsam, um Nadja Küchenmeisters grandiosem Gedicht „nachtigallen“ auf die Spur zu kommen.
Als Leser dieses Gedichts werden wir Zeugen eines ergreifenden inneren Dialogs zwischen zwei Instanzen, die man als das erlebende und das reflektierende der auch als das sprechende und das schreibende Ich auffassen könnte. Dabei stoßen wir sofort auf eine Schwierigkeit: je nachdem, ob wir es hören oder lesen, könnten wir dazu neigen, es eilt weder als ganz unmittelbar sich ereignendes Gespräch wahrzunehmen oder aber als distanzierte schriftliche Inszenierung eines solchen. Was ich vorhin als bewusste und unbewusste Anteile im Schreiben angesprochen habe, wiederholt sich in der Aufnahme des Gedichts, je nachdem, ob es mündlich oder schriftlich zu uns kommt. Ich halte mich an diesen Unterscheidungen so lange auf, weil sie mit meiner Lektüre des Gedichts „nachtigallen“ eng zusammenhängen. Es entstand Ende des Jahres 2009 als eines der letzten Gedichte für den Band Alle Lichter. Ich durfte sein erster Hörer sein, es zog mich sofort in seinen Bann und so oft ich es seither von der Dichterin gesprochen gehört habe, geschieht das immer wieder von neuem. Die Faszination übertrug sich rasch auch auf die schriftliche Aufnahme. Ich muss jedoch bekennen: ich habe „nachtigallen“ gewiss häufiger gehört als gelesen, und deshalb höre ich die Stimme der Dichterin auch beim stillen Lesen mit und das wirkt sich auf die Lektüre aus. Sie trägt mich über die nicht wenigen dunklen Stellen und das Rätselhafte hinweg und vermittelt das eigenartige Phänomen, dass sofort einleuchtet, was doch keineswegs leicht zu erklären ist. Ein Exempel auf die These Eliots: „Genuine poetry can communicate before it is understood.“ Diese Erfahrung mag auch für andere Leser gelten und wenn ich an bestimmte Live-Situationen denke, etwa an Küchenmeisters Lesung in der Leipziger Moritzbastei anlässlich der Buchmesse 2010, dann spreche ich wohl nicht für mich allein, wenn ich die atemlose Stille im völlig dunklen Saal mit der Intensität des Vortrags in Verbindung bringe. Denn in ihrem Vortrag leistet die Autorin Bemerkenswertes: Sie schafft eine lebendige Einheit des Brüchigen, sie bindet den Haufen zerbrochener Bilder, als den sie, Eliots Waste Land zitierend, das psychische Material ihres Gedichts kenntlich macht, auf elektrisierende Weise zusammen. Eben das ist Dichtung. Sie nimmt uns damit aber nicht die Arbeit ab, die Bilder einzeln anzugehen, sie in einem Akt verstehenden Lesens zu überprüfen und neu zu fügen. So schalten wir also jetzt den Ton ab – und gehen ans Werk.

Die Faszination setzt mit dem ersten Wort ein, dem Titelwort: nachtigallen, von dem ebenso Betörendes wie Beunruhigendes ausgeht. Denn nur scheinbar ist es hier ein romantisches Fanal. Der Titel ruft zwar die Tradition des Nachtigallenmotivs auf, das unter der Maßgabe, dass man den Gesang dieses Vogels für den schönsten Gesang überhaupt hält, als poetisches Ideal verstanden werden kann. Keats’ „Ode to a Nightingale“ gehört zu diesem tradierten Hallraum ebenso wie Brentanos „Der Spinnerin Nachtlied“ („Es sang vor langen Jahren / Wohl auch die Nachtigall / Das war wohl süßer Schall, / Da wir zusammen waren“), ohne dass dies in der Absicht der Dichterin gelegen haben müsste. Sie setzt durch den artikellosen Plural jedenfalls sofort ein Distanzsignal. Es ist nicht die real vorzustellende Gegenwart eines bestimmten nächtlichen Singvogels, sondern kaum mehr als ein Stichwort, eine semantische Assoziation, die schon im Einsatz der ersten Zeile auf überraschende Weise aufgebrochen wird: störgeräusche, nachtigallen. Wir haben es also hier keineswegs mit Wohlklang zu tun. Nicht hinsichtlich des Gehörten und nicht hinsichtlich des Gesangs, der das Gedicht selber ist. Eine herbere Tonart kündigt sich an. Während Keats in seiner Ode eine hochgestimmte Einfühlung in den von einem Einsamen belauschten Nachtigallengesang unternimmt und Brentanos Lied im Auskosten der Vokale die der menschlichen Sprache mögliche Musik entlocken will, bleibt Küchenmeister zunächst kühl und zurückhaltend. Es ist gar nicht das menschliche Ohr, das Stimmen vernimmt, sondern ein Aufnahmegerät, das sich Geräuschen widmet, und es handelt sich nicht um das melodiöse Schluchzen der Kreatur, das belauscht wird, sondern um technische Vorgänge: störgeräusche, nachtigallen. auf eine spur gebannt / vor tagen, nachts. du schneidest immer mit. Das klingt, als sollten Signale aus dem Äther empfangen werden, oder jemand macht O-Ton-Aufnahmen mit einem Bandgerät. Jemand, der in der zweiten Person angesprochen wird, die sich aber sofort als Form der Selbstansprache erweist. Denn nur von sich selbst wird einer sagen können: dein trommlerherz… Es ist das wilde, unkontrollierte Schlagen des eigenen Herzens, das hier wahrgenommen wird, und damit wird in einer weiteren überraschenden Volte das forschende, mit Aufzeichnungen arbeitende Interesse aus dem Äther ins Innerste gelenkt. Das technische Vokabular führt also ebenso wenig auf eine real vorzustellende Szenerie wie die Nennung der Nachtigall. Die poetische Sprache verwandelt das, was sie hier aufruft, vom ersten Wort an: Sie greift nach Bildern für das, was wir nicht sehen, nur sagen können. Es sind gleichsam metaphorische Leuchtsonden, die eingeführt werden, um einen Blick freizugeben auf das, was in uns vorgeht, subkutan. Aus diesem Impuls entstehen assoziativ verkettete Folgen aus Bildern und Begriffen, die ich als Leser nur intuitiv verstehen, aber nicht aufschlüsseln kann: dein / trommlerherz … dein ausgebranntes kondensat / von der geschichte abgefragt, ist wach und angespitzt. Die präzise physikalische Bedeutung von Kondensat (= aus Dampfzustand niedergeschlagene Flüssigkeit) führt hier kaum weiter, daher kann ich auch als Leser nur mit Assoziationen arbeiten und denke an die Verwendung des Wortes auf Zigarettenpackungen, wo es den beim Verbrennen von Tabak entstehenden, krebserregenden Teer bezeichnet – das Herz ist demnach ein Schadstoffen angegangenes, hochbelastetes Organ, zugleich die hochempfindliche Mitte unserer Lebensvorgänge, wach und angespitzt, von der Geschichte abgefragt – das sind nur meine tastenten Versuche, denn man kann wohl, in der Schule etwa, Geschichte abgefragt werden, wie aber fragt uns die Geschichte selber ab, als Akteur? Je ne sais pas. Aber es wird seine Richtigkeit damit haben, es gehört zusammen, das spüre ich wohl auch, weil mich die Kette der a-Laute-nachtigallen, gebannt, tagen, nachts, ausgebranntes kondensat, abgefragt, wach – so denken lässt. elendige vogelstimmen sind es, Klagelaute, die da zu Dir dringen – denn wir sollten uns das sehreibende Ich dieses Gedichts vorstellen als jemanden, der angestrengt nach Innen lauscht und schaut, so wie der Sprecher der Keatsschen Ode sich mit all seiner Aufmerksamkeit nach außen richtet, wo die Stimme der Nachtigall ertönt. Es ist der Strom bildlicher Abläufe, die nur zu einem geringen Teil unserem Willen unterworfen sind, dieser Strom wird abgefragt und auf die Fragmente hin untersucht, die sich einfügen lassen ins Gedicht und ihm eine Richtung geben, die zunächst noch ganz offen war. Denn dieses Innerste wird als fremd, unbeherrschbar erfahren, das ist die Beunruhigung, die vom Gedicht ausgeht und der es sich verdankt und die sich in seinen mitreißenden Rhythmen auf mich als Leser überträgt. Wie es bei Rilke heißt in der Vierten Duineser Elegie: „Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang?“ Nun geht der Vorhang vor dem Herzen auf: koffer, wehmut, durch die luft / getragen, siehst du im dunkel eines fremden zimmers / nachtigallen. Jemand hat eine Reise zurückgelegt, im Raum und in der Zeit, findet sich an einem fremden Ort mit seinen Habseligkeiten wieder, dem Koffer mit Sachen, die Wehmut verströmen wie einen Geruch, der nicht mehr aus den Kleidern geht. Wie und warum aber Nachtigallen da sind im fremden Zimmer, jetzt plötzlich sichtbar, nicht mehr nur Störgeräusche, ist für mich unhintergehbar. Eine geisterhafte Präsenz, gespenstisch. Aber ihr Kommen ist ein Signal, denn nun werden die Erinnerungen konkret. wie alt du bist. Lange Vergessenes steigt neu herauf, liegt dinglich vor: die armbanduhr, die schüssel / und das wasserglas. das bettzeug, nassgeschwitzt. die zungen / wurst, hernach der gaumen nichts mehr fühlen kann. Erinnert wird der Vorgang nächtlichen Erbrechens in der Kindheit, eine wiederkehrende Migräne vielleicht. Ganz konkret wirft sich bei diesem Vorgang innerkörperlich etwas herauf, das wir nicht kontrollieren können, dem wir zu unserer Scham und Erniedrigung unterworfen sind wie sonst nur seelischen Vorgängen, beides gehört zusammen, zumal in diesem Gedicht. Es ist vielleicht das gedachte, nicht gesehriebene Wort Erbrochenes, das genau an dieser Stelle zerbrochener assoziiert und damit erhält das Eliot-Zitat seinen poetologisch bedeutsamen Platz: du siehst: / nichts als ein haufen zerbrochener bilder. Was bei Eliot (auch) auf die Kulturgeschichte zielt, bezieht sich hier auf die freilich paradigmatisch lesbare – Geschichte eines Ichs: nacht für nacht zurück / gestuft bist du in wiederholungen gefangen, den dämpfen / deiner trauerlaufbahn bist du ausgesetzt, den bitterstoffen / abgelegter wunden, nachtigallen. Wenn das nicht ohnehin jeder kennt, ich für meinen Teil kenne es bestimmt: das kreisförmige Denken und Fühlen, ausgelöst von Schlüsselreizen, eingeschlossenen im Gefängnis Hirn. Was hier erlitten wurde und erinnert wird, darüber herrscht weitgehend Verschwiegenheit, aber ich werde durch das Gedicht in meine eigene Kreisbahn gelenkt und kann analoge Bilder produzieren, ohne doch hineinsehen zu können in den Kopf gleich nebenan. Gänzlich opakes Wort: Nachtigallen. Ich weiß gar nicht mehr, was das ist, ich muss neu anfangen zu denken. wenn ich nochmal anfangen / könnte, wenn ich das nochmal sehen könnte: meine güte, wie du sprichst! Hier bricht die Stimme in ihre zwei Hälften: das in die Kindheit rückversetzte, im Taumel des Erinnerns sehnsüchtig nach vorne schießende Ich wird vom reflektierenden Ich hart und zynisch an die Kandare genommen. Dem schutzlos seine Gefühle offenbarenden, tief verletzten, in seinem Hoffenskern aber unversehrten kindlichen Ich fährt das trauererfahrene, den eigenen Text überwachende Ich über den Mund. Diese Behandlung löst eine verängstigte Reaktion aus: bitte nicht berühren, bitte nicht berühren jetzt. Dieses Fragment kann man als Zitat aus Christoph Schlingensiefs Fluxus-Oratorium Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir erkennen. Für das unmittelbare Verständnis ist das nicht notwendig, denn es teilt sich hier überaus dringlich mit, in welche Strudel die Selbstvergewisserung führen kann, wenn sie sich eingeklemmt fühlt zwischen dem vitalen Impuls des Anfangs und der Aussieht auf den sicheren Tod. Es ist ein traumwandlerisch sicherer Griff der Dichterin, wenn sie ausgerechnet an dieser ins innerste Jammertal führenden Stelle das fremde Zitat setzt, denn um das Fremde in mir geht es, die Wucherung, die ebenso organisch wie aus dem Denken entstehen kann, das sich in seinen Schlingen verfängt: bitte nicht berühren, bitte nicht berühren jetzt / denn ich bin gar nicht mehr zugange mit dem leben… / meine zerrmomente, meine nachtigallen. Der drohende Zusammenbruch, in den das Gedicht zu führen schien, wird indes abgewendet, denn das Gedicht weiß auch den Weg hinaus. Wieder bilden die Nachtigallen – Störgeräusche oder Zerrmomente, nicht zu öffnende Chiffre – eine Portalfigur, hinter der es anders weitergeht. aber du hast nichts / vergessen, du weißt alles ganz genau: wie dir die kälte / in der nase sticht. der bahnhof die verschwommenen gleise. / die leere und das milde licht. Wie das Gedicht seinen Autor beim Schreiben führt, wie es ihm Wege ins Helle weist, das offenbart hier der Reim von licht auf sticht, kleines beglückendes Klangereignis und so heilsam wie die kalte Winterluft und die Aufhellung des Himmels. Aber gerade diese Helligkeit zerreißt das Herz, das neuerlich von Bildern geflutet wird, so wie die Landschaft, die es durchreist: schon bricht ein heftiges weinen los… / die elbe ist über die Ufer getreten, da staksen winterbäume übers feld / der waldrand schickt ein weiches zittern und alle lichter scheinen / nochmal auf. Wer häufig die Strecke Berlin-Leipzig fährt, für den ist das Queren der Elbe bei Wittenberg ein wiederholtes kurzes Ereignis, blitzartig wird er seiner gewahr, und schon ist es wieder vorüber… Nur wenn Hochwasser ist und sich auf der linken Flussseite das Wasser über die Felder ergießt, vielleicht spiegelt sich gerade die Wintersonne auf seiner Oberfläche, währt es einige Augenblicke länger und bleibt als Bild auf der Netzhaut stehen, wenn der Zug schon längst weiter ist. Dieses Erlebnis teilt das Gedicht mit seinem Leser und so beschenkt es ihn mit einem Film, der ungreifbare Sehnsüchte weckt nach allem, was wir je im Hellen sahen, alle lichter scheinen / nochmal auf. Und sie erscheinen wieder: nachtigallen. bist du umflort, bist du so immerfort / mit dir alleingelassen? Die Augen sind noch immer feucht, ein Tränenfilm oder Trauerflor oder Freudenflor verhängt sie, durch den die Lichter nur umso blendender dringen, denn was auch immer wir gesehen haben, am Ende sind wir doch damit allein. und das vermissen hat schon eingesetzt. / wenn man nur ganz am leben wäre für sekunden. Der glückliche Augenblick, eben noch mit allen Sinnen erfahren, gehört im nächsten Moment der Vergangenheit an und rutscht zurück in den Irrealis, sobald sich die Reflexion seiner bemächtigen konnte. So rastet das Gedicht nur wieder bei sich selber ein: störgeräusche. / nachtigallen. auf eine spur gebannt vor tagen. das trommlerherz / hat wild alarm geschlagen. Aber die Welt ist anders geworden, sie ist reicher gemacht um das eine Gedicht, das es vor dem Einsetzen der Bewegung nicht gab: die nachtigallen singen jetzt…

Ich rücke das Gedicht wieder von mir ab, sehe es als Gestalt auf dem Papier: neun Strophen zu je drei Zeilen, in fortlaufendem Enjambement, aber doch in der Terzinenform unweigerlich an Dante erinnernd. Im Gang von Strophe zu Strophe kann einem der Gedanke kommen, dass auch dieses Gedicht in ein Inferno absteigt, das freilich nicht in der Jenseitswelt, sondern in der geschlossenen Kapsel liegt, die wir Hirn nennen oder Herz oder Ich. Mit diesem dunkel leuchtenden Gedicht, das sich von anderen Gedichten des Bandes Alle Lichter abhebt, weil es weniger narrativ, dafür aber umso suggestiver wirkt, ist für mich eine neue Stimme innerhalb des Schreibens von Nadja Küchenmeister hörbar geworden, die ich zuvor nicht kannte und die ich in manchen ihrer seither entstandenen Gedichte ebenfalls vernehme. Sie ist stärker aufgesplittert, weniger zentriert, holt Bilder und Töne aus den Schichten des Unbewussten, die sie zu einem furiosen Gesang verwebt, der mich in seiner furchterregenden Dringlichkeit an die Stimme der Ariel-Gedichte von Sylvia Plath erinnert. Der Luftgeist Ariel aus dem Sturm Shakespeares ist der Name dieser Stimme; der Name jener neuen Stimme ist: nachtigallen.

Norbert Hummelt

 

Die Traurigkeit einer Laserkanone

Wenn man dem Gesang einer Nachtigall lauschen möchte, kann man das am besten in der Natur. Lässt sie dort jedoch gerade nicht von sich hören und ist auch die Vogelbestimm-CD nicht sofort zur Hand, gibt es immer noch Youtube. Dort tummeln sich nämlich allerhand Vogelliebhaber, die einmal nicht befürchten müssen, für das Einstellen ihrer selbst aufgenommenen Vogelgesänge als Urheberrechtsverletzer angeklagt zu werden. Noch nicht zumindest. Eine besonders schöne Aufnahme solch eines Nachtigallengesangs gelang einem Hobbyornithologen in einer Mainacht 2010 in Berlin-Friedrichshain. Von den inzwischen fast 120.000 Hörern gefällt diese Aufnahme dann auch 160. Warum sie zweien nicht gefällt, bleibt ihr Geheimnis. Und der Kommentator „sniper4488“ merkt noch an: „klingt wie ne laserkanone“. Dem könnte man zustimmen, wenn man denn mit Laserkanonen ein wenig vertraut wäre.
Nachdem ich 2009 das Gedicht „nachtigallen“ beendet hatte, gehörte es sofort in den Kreis meiner eigenen Lieblingsgedichte. An einem warmen Spätsommertag ging ich durch die Straßen Berlins und ich erinnere mich noch gut an die Freude, die ich verspürte, weil ich dieses Gedicht in mein erstes Buch würde aufnehmen können. Bald schon wäre es zu spät gewesen, das Manuskript musste schließlich noch ins Lektorat und dann hätte ich es mir für den nächsten Gedichtband aufsparen müssen. Auch keine Tragödie, könnte man anfügen. Aber gerade weil, wie Norbert Hummelt es beschreibt, darin ein neuer Ton anklang, war es mir wichtig, „nachtigallen“ in eine Reihe mit den anderen, stilleren Gedichten zu stellen. Das Fremde des Gedichts machte das Buch für mich erst rund.
Tatsächlich war der Ausgangspunkt des Schreibens eine ganz konkrete Erinnerung an den Gesang von Nachtigallen, der mir vor Jahren einmal nachts auf einem Aufnahmegerät vorgespielt worden war. Diese kurze Reminiszenz reichte aus, um einen Bewusstseinsstrom in Gang zu setzen, der mich bis zum letzten Vers führte, wo die Nachtigallen aus der Erinnerung heraustreten und wirklich zu singen anheben. Konkrete Situationen also, die über sich hinausreichen, die im scheinbar Kleinen, Überschaubaren etwas einfangen und dabei auf etwas Größeres, Unüberschaubares verweisen, sind für mich oft die Voraussetzung für ein neues Gedicht. Hier übernimmt nun die Nachtigall diese Rolle – ein sich durch die Literaturgeschichte trällernder Vogel, der einem zu Herzen gehen muß, wenn er den nächtlichen einsamen Heimweg begleitet. Und was könnte die Kammern der Erinnerung besser öffnen als Musik?
Wir erinnern uns an eine Vergangenheit, von der wir meinen, dass sie unsere war, und wir hoffen auf eine Zukunft, von der wir glauben, dass sie uns gehören wird. Erst wenn man in die Vergangenheit reist, entwickelt man eine Identität, die Vorstellung von einem zusammenhängenden Ich. Der Blick zurück hilft uns, an der Gleichzeitigkeit unseres Empfindens nicht zu verzweifeln, weil wir nachträglich unserem Leben eine Ordnung geben und es uns manchmal sogar gelingt, etwas ein für allemal hinter uns zu lassen.
Es gibt nichts Verheißungsvolleres als einen Neubeginn. Für mich hieße jedoch mit der Vergangenheit abzuschließen, mit dem Schreiben aufzuhören. Nicht selten erscheint mir mein Leben kurz und ewig zugleich. Wie oft habe ich mir einen Moment vorgestellt, ihn im Kopf immer und immer wieder durchgespielt, dann war er da, in seiner reinen Gegenwart, und danach verwendete ich noch einmal eine Menge Zeit darauf, mich an ihn zu erinnern. Was also ist Zeit? Die offene Struktur meines Gedichts „nachtigallen“ erlaubte es mir, die anfallartig heraufdrängenden Bilder einer Vergangenheit, in der ich so etwas wie mein Schicksal erkannte, gleichwertig nebeneinander zu stellen, in der Hoffnung, sie würden sich zu einem, wenn auch disparaten, Ganzen zusammenfügen. Schon lange geisterte das Wort „Trauerlaufbahn“ durch meine Notizbücher, entlehnt hatte ich es bei W.G. Sebald. Nachdem er es in einer Erzählung verwendet hatte und glaubte, überhaupt der erste gewesen zu sein, dem dieses treffende Wort eingefallen war, begegnete er ihm in Robert Walsers Räuberroman wieder.
Nichts habe ich vergessen, nicht einmal das, woran ich mich nicht erinnern kann. Letztens fiel mir eine Autofahrt ein, ich war wohl siebzehn und fuhr mit meinem Bruder und meiner besten Freundin zu einem Konzert. An das Konzert habe ich später noch oft gedacht, die Fahrt und das Abendrot, das sich im Inneren des Wagens ausbreitete, hatte ich vergessen. Es war auch nichts Besonderes daran, und doch, blitzartig, tauchte die Erinnerung wieder vor mir auf, ich hatte das Gefühl, mir die Luft „mit beiden Händen ins Gesicht reiben zu können wie Wasser“, wie es in dem Roman Grenzgang von Stephan Thome einmal heißt. Da wusste ich wieder, dass etwas in uns erinnert, ohne diesen Vorgang mit uns abzusprechen. Erinnern ist auch Vermissen. Literatur, die mich bewegt, schaut zurück, als würde sie sich in jedem Moment ihrer Hervorbringung von allem verabschieden. So ist nun einmal das Leben. Man findet sieh kaum darin zurecht und muss sich doch gleich wieder von allem, was man liebt, trennen.

I’m gonna miss the sea
I’m gonna miss the snow
I’m gonna miss the bees
I’ll miss the things that grow
I’m gonna miss the trees
I’m gonna miss the sound
I’ll miss the aniffials
I’m gonna miss you all

singt Antony Hegarty. Ja, ich werde das auch alles vermissen, „und das vermissen hat schon eingesetzt.“ Später heißt es in dem Lied „another world“: „I’m gonna miss the birds / Singing all their songs“.
Aber die Nachtigallen singen noch, mit aller Traurigkeit, die derartige Laserkanonen nun einmal in sich tragen.

Nadja Küchenmeister

 

 

„Die eigene Rede des andern…“

(Friedrich Hölderlin, Die Wanderung)

Jeder Dichter kann wenigstens einen Dichter nennen, der ihn geprägt hat, den er bewundert, an dem er sich abgearbeitet hat, den er womöglich erst überwinden musste, um zur eigenen Sprache zu gelangen, auf den er jedoch immer wieder zurückkommt, der ihn zeitlebens in seiner Dichtung begleitet. Wie aber steht es mit dem einen Gedicht? Gibt es ein Gedicht, das einen so über die Maßen mitgenommen hat, dass man es im Kopf immer bei sich trägt, das einen nicht in Ruhe lässt, einem unerreichbar erscheint, verstört, zur Verzweiflung bringt, in Zorn geraten lässt, von dem man heimlich besessen ist, auf das man gar mit Neid blickt? Welches Gedicht eines anderen hat einen begleitet, geprägt, dominiert, zum Immerwiederlesen aufgefordert? Oder aber: Welches Gedicht aus jüngster Zeit schaffte es, einen so zum Staunen zu bringen, zur Bewunderung gar, das man unbedingt darauf aufmerksam machen möchte?
die horen luden ein zu einem Dichtertreffen der besonderen Art: zur „Wanderung“ mit dem und durch das Gedicht, zum Sprechen über Gedichte, zur ganz persönlichen Aussage über das Gedicht eines anderen. Gleichzeitig baten wir die Antizipierten darum, auf die Essays zu ihrem Gedicht zu reagieren, so dass ein Gespräch zwischen den Zeilen entsteht, eine Zusammenkunft von Dichtung vielfältigster Art, ein Bekenntnis zum Gedicht. Und natürlich baten wir auch alle Beteiligten um die Preisgabe noch unveröffentlichter eigener Gedichte.

So entstand eine Privatgalerie poetologischer (Selbst)Auskünfte, jederzeit betretbar und ohne Schließzeiten. Und auch, wenn sich wohl kaum Hölderlins „Grazien Griechenlands“ auf den Weg machen werden, von denen in seinem Gedicht, dem wir unser Thema entliehen, die Rede ist – seine Einladung sei nun an die Leser gerichtet:

Dass wenn die Reise zu fern nicht ist,
Zu uns ihr kommet, ihr Holden!

Jürgen Krützer & Kerstin Preiwuß, Vorwort

Wintermärchenblut aus Babylon

Wie viele Leser ein Gedicht braucht, damit es sich aus der Einsamkeit des Papiers befreit und in ein Leben aufmacht, das womöglich neues lyrisches Leben zeugt, lässt sich klar beantworten. Norbert Hummelt hat durch seine Poetenfreundin Sabine Schiffner am eigenen Leib erfahren, dass die kritische Masse bei eins liegt. Wenn etwa seine „strandschrift“, wie er im jüngsten Heft der horen (Nr. 246, Wallstein Verlag, 280 S., 16,50 €) schreibt, auch nur einem Menschen dazu habe verhelfen können, „die Angst vor dem Tod wenigstens etwas kleiner zu machen, dann hat sich das Schreiben dieses Gedichts gelohnt für mindestens zwei Menschen, einen, der schrieb, und einen, der liest.
Natürlich steigen die Chancen, Widerhall zu finden, mit der Frequenz des Eindringens in fremde Hirnhälften und der Zahl der Zungen, die es bewegt. Das gewöhnliche Schicksal des Gedichts dürfte aber gerade seine Einsamkeit in der Masse sein: ein Hinwegtauchen unter gleichgültigen Augenpaaren und ein Durchrauschen durch müde Ohren – was mindestens so oft an den Versen wie an den Augen und Ohren liegt. „Sofort angestochen“ zu werden, wie es Nico Bleutge mit Marcel Beyers „Dunklen Augen“ geschah, ist die Ausnahme, die auf der Regel beruht. Schon die ersten Zeilen versetzten ihn in unheimliche Kindheitsnächte zurück:

In manchen Stunden werden meine Augen
dunkel, dann rase ich zurück in meine
Dunkelheit, bevor die ersten Worte
kamen

Uwe Kolbe wiederum beschwört das Entsetzen im Angesicht von Christoph Meckels Zyklus „Jasnandos Nachtlied“, dem man „mit aller gebotenen Stummheit, mit aufklaffendem Maul“ lauschen müsse, während da einer „die unaufgeräumten Zimmer des Tango verlässt, die Hand um den Messergriff legt, zusticht, das Messer in der eigenen Brust dreht, einsam im Auftakt, einsam in den Bars, einsam in den öden Gegenden in einem Gedicht-Buick, einsam auf der Party, einsam beim Beischlaf, wechselnd von Jamben auf Trochäen, wenn er hingeht und mit dem Blut des Flamenco schreibt, das sein babylonisches Wintermärchenblut ist“.
Wo diese körperliche Erfahrung fehlt, die sich auch in lichteren Regionen ereignen kann, haben Gedichte es schwer. Aber selbst wo die Stimmen und subjektiven Empfindsamkeiten eines Autors in den Hintergrund und das rein Lautliche des Wortmaterials in den Vordergrund tritt, entstehen unwillkürlich Echoräume, die nicht erst schweres analytisches Geschütz aufbrechen muss.
Unter der Leitfrage „Gibt es ein Gedicht, das einen so über die Maßen mitgenommen hat, dass man es im Kopf immer bei sich trägt, das einen nicht in Ruhe lässt?“ haben Jürgen Krätzer und Kerstin Preiwuß in „Dichter über Dichter“ eine „Privatgalerie poetologischer (Selbst)Auskünfte“ zusammengetragen. Mit dem Hölderlin entlehnten Motto „Die eigene Rede des anderen …“ im Titel bietet der Band eine kleine Schule der zeitgenössischen Gedichtlektüre. Poetenpaarweise geht es 22-mal quer durch den lyrischen Gemüsegarten, fast immer mit einer Replik desjenigen dem die Hommage zuteil geworden ist. Vom weiterschreibenden Remix, den Kathrin Schmidt Marion Poschmann widmet, bis zu Norbert Langes Leseanleitung von Richard Duraj, von der Anverwandlung also bis zum empathischen Metatext, werden hier Gedichte aufgeschlossen.
Bei Durajs „in the shell“ ist der Hinweis, dass sich hinter seiner typografischen Schreckgestalt die Pac-Man-Feinde Blinky, Pinky, Inky und Clyde verstecken, elementar, und ohne Katja Lange-Müllers Erinnerung an die brandenburgische Lungenheilstätte, die Uwe Kolbes gleichnamiges „Sommerfeld“ evoziert, verstünde man nur die Hälfte. Doch fast alle Texte vermitteln über solche Interpretationshilfen hinaus eine ansteckende Begeisterung. Man höre nur, mit welcher Insistenz Lutz Seiler eine Zeile von Jörg Schieke wiederholt: „du willst dich weit aus dieser gegend beugen“ – und man hätte selber gerne einen solchen Wurm im Ohr. Wenn diese Dialoge überwiegend junger bis jüngster Dichter eines schaffen, dann ist es das Vermögen, etwas von den Reizen zu vermitteln, die Gedichte aussenden und jeden neu anfliegen müssen: zur rechten Zeit, am rechten Ort – und mit der Fähigkeit, jeden „Verdacht auf veredeltes Gekritzel“ (Mara Genschel) zu zerstreuen.

Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel, 12.8.2012

Die Töchter des Zeus

− Zeitschrift die horen präsentiert „Dichter über Dichter“. −

Nach diesen Göttertöchtern des Zeus hatte einst Friedrich Schiller seine Zeitschrift benannt und seinerzeit am Ufer der literarischen Landschaft hohe Wellen geschlagen. Das ging damals nicht lange gut. 1955 erst wurden die horen von Kurt Morawietz neu gegründet und in den letzten zwei Jahrzehnten von Johann P. Tammen herausgegeben. Mit hoher Reputation, aber geringer Publizität. Mit im Boot saß seit einiger Zeit schon der Literaturwissenschaftler und Kritiker Jürgen Krätzer, der in diesem Jahr nun ganz das Ruder übernommen und neuen Schwung, einen neuen Kurs und auch einen neuen Verlag für seine Zeitschrift gefunden hat: Wallstein, in Göttingen. Schwerpunkt seines ersten Heftes, Nummer 246 „,Die eigene Rede des andern…‘ Dichter über Dichter“, zusammengestellt von Jürgen Krätzer und der Dichterin Kerstin Preiwuss. Alles, was in der gegenwärtigen deutschen Dichtung Rang und Namen hat, ist hier vertreten: Kathrin Schmidt, Nico Bleutge, Ulf Stolterfoth, Monika Rinck, Marcel Beyer, Norbert Hummelt, Katja Lange-Müller, Uwe Kolbe, Christoph Meckel, Elke Erb, Sarah Kirsch und Ann Cotton. Usw, usw. Es ist der Versuch, eine Privatgalerie poetologischer (Selbst)Auskünfte zusammenzustellen, augenzwinkernd aufschlussreich, wenn etwa Hans Thill ein vermeintliches (?) Naturgedicht von Gregor Laschen weit ausschwingend deutungssuchend umkreist –

Der Rote Sand

Dieser strahlende Punkt,
diese ausgezeichnete Einsamkeit,
um die sich sehr ungeregelt
die sich sehr ungeregelt
die Form der Welle, eine
vorbeikommende Bewegung
kümmert, läßt alles
um sich und tief darunter
geschehen.

und uns am Ende auch noch wissen lässt, dass der Leuchtturm, um den es sich hier handelt, „Roter Sand“ genannt, nicht nur unter Denkmalsschutz steht, sondern sogar käuflich zu erwerben ist, wenn auch nur als Briefmarke. Katja Lange-Müller wiederum befasst sich so sym- wie empathisch und wahrlich nicht ohne Witz mit einem Gebilde von Uwe Kolbe. „Sommerfeld. Erstes Gedicht“. Sie schreibt dazu: „ein schönes, ein magisches Wort; es zu lesen oder auch bloß zu denken bewirkt, dass ich die Augen schließe und schon erscheint mir ein sommerliches Weizen- oder Roggenfeld, eines von DDR-sozialistischer Dimension, und über ihm, am wolkenlos blauen Firmament, steht die Sonne im Zenit. Es ist still und so heiß, dass ich riechen kann, wie die Ähren reifen.“ Bevor ihr diese üppige Idylle vollends überläuft, bremst sich KLM und hilft den Freunden Uwe Kolbes „auf die Sprünge“. Dieses Sommerfeld ist nämlich auch ein Ort nahe der Kleinstadt Kremmen, am Beetzer See, in dem bis 1964 eine Lungenheilstätte beheimatet war, von den Ortsansässigen „Tuberkulösenheim“ genannt. Katja Lange-Müller schafft es auch hier, das Sommerfeld so umzupflügen, dass uns die Furchen das Fürchten lehren.
Am Ende dieser Ausgabe findet sich noch ein wortreich bunter „Blumenstrauß“ für den alten Herausgeber. Im Ganzen also: ein Einblick in die gegenwärtige Szene, „Dichter über Dichter“, wie es dichter wirklich kaum geht.

Martin Lüdke, fauskultur.de

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