Imre Kertész: „Wer sich selbst gegenüber streng ist, den mag das Publikum nicht …“ − muss ich mir nicht merken, ich weiss es aus unliebsamer Erfahrung. − Einsicht (Der Betrachter, 2016): Hitler mag das Produkt eines historischen Augenblicks sein, in Auschwitz aber offenbart sich die menschliche Natur, das Menschliche am Menschen; als „unmenschlich“ hätten demnach, in absurdem Kontrast dazu, ein Dürer, ein Bach, ein Goethe zu gelten. Genie als eine spezifische Form von Unmenschlichkeit. − Die Schlimmsten unter den Lebenden, meint Kertész, seien die Überlebenden. − Macht: Die Besten wollen sie nicht haben und … aber wenn sie ihnen dennoch zufällt, verspielen, verlieren sie sie. Besser als die Besten bewähren sich die Mediokren als Machthaber, da sie meist schlauer, grausamer, korrupter sind, sie besitzen und behaupten die Macht, weil sie von ihr besessen sind. Die Besten indes haben nie nicht Besseres zu tun. − Moralisch: Die unlösbaren Probleme ungelöst lassen. − Logisch: Wer irrt und herumirrt, kann sich nicht verirren. − Pragmatisch: Die gesammelten Irrtümer der Menschheit als letzte Wahrheit. − Nochmals Kertész: „Glück ist die Leichtigkeit der zu tragenden Last …“
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Der Karneval als Parodie und Provokation des schmutzigen Vorfrühlings; erste Schneeglöckchen gesichtet heute, einen ersten Specht gehört, noch keine Vögel zu sehn, doch sie verlauten bereits.
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Seit dem Abschluss der Umbauarbeiten beim Dorfarzt, meinem nächsten Zeitgenossen, ist hier wieder die gewohnte hallende Ruhe eingetreten, die nur hin und wieder durch ein Bellen, ein Krähen von weiter draussen oder durch ein Knacken in meinem alten Gebälk unterbrochen wird; im Ort, im Wald kaum ein Mensch, seltsame Zeit, nichts ist wirklich gegenwärtig, alles scheint hier vergangen zu sein, oder zu spät.
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Jean-Pierre Rampal, heute (postum) als ein Grossmeister des Flötenspiels weithin anerkannt und beliebt, haderte zeitlebens mit seiner vermeintlichen Verkennung durch die Kritik; im Trotz und Zorn soll er einst geäussert haben: „Dann spiele ich eben hinter geschlossenem Schalter (guichet).“
Und ich erst!
Alles läuft darauf hinaus, dass ich irgendwann (ziemlich bald, noch zu Lebzeiten wohl) der einzige adäquate Leser meiner Texte bin; übrigens noch so gern: Ich kann viel daraus lernen, viel darin entdecken, mich von vielem überraschen lassen − werde mich nie ausgelesen haben.
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Heute früh im lockeren Schneegestöber draussen auf der Pferdeweide der blassbraun gesprenkelte kleine Schimmel – wie er reglos, quer zu mir, das eine Aug unablässig auf mich fixiert, dasteht und den Rest der Welt souverän ignoriert.
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Neben Wolfgang Borchert und Eugen Gottlob Winkler gehört Felix Hartlaub zu den prägenden Autoren meiner Gymnasialzeit. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Spuren dieser Prägung bei mir noch heute da und dort auszumachen wären.
Doch erbrächte dies ein besseres Verständnis meiner aktuellen Schreibarbeit? Und welchen Gewinn hätte ich davon, falls es so wäre!
Habe mir von Hartlaub neulich die Gesamtausgabe besorgt, kann aber zur früheren Begeisterung nicht mehr zurückfinden. Die vielgerühmten Briefe kommen mir recht unbedarft, ja uninteressant vor, sie haben einen penetrant pubertären Zug, bieten auch als Zeitdokumente (Vorkrieg/Krieg) wenig Interesse.
Felix Hartlaubs literarisches Talent zeigt sich, meine ich, am deutlichsten in dem Prosafragment Brueghels Affe: „Alles märchenhaft leicht und wimmelnd“, nach der zutreffenden Selbsteinschätzung des Autors: „schimmernd und festlich“. Ein Meisterwerk kann ich darin trotzdem nicht erkennen.
Hinter Winkler und Borchert ist Felix Hartlaub inzwischen weit zurückgefallen, obwohl er viel umfänglicher editiert ist als die beiden zu Unrecht vergessenen Zeitgenossen. Alle drei starben sie, kurz nach Kriegsende, in ihren Zwanzigern, auf dem Höhepunkt ihrer Möglichkeiten.
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Noch ein Nach- und Wiederlesen: Hermann Brochs Prosasuite Die Schuldlosen. Das Buch muss einst eine starke Lektüreerfahrung gewesen sein − ich habe darin Dutzende von Notaten, Ausrufe- und Fragezeichen hinterlassen. Bin nach wie vor angetan von der kraftvollen erzählerischen Geste, der Beschreibungskunst, der philosophischen Eindringlichkeit (die allerdings den Erzählfluss und die ohnehin unspektkuläre Handlung bisweilen überlagert und merklich schwächt). − Unvergessen die dreiste Magd Zerline, die nach frühem sexuellem Missbrauch zur hochgemut-zerknirschten Männerversteherin wird.
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Ich bin mit dem Auto in östlichem Gelände unterwegs, führe alle meine Elektrogeräte mit – den schweren Plattenspieler von Braun, den Fernseher mit Steuergerät, das Handy, die Camera usf. Fahre auf der endlosen Platanenallee stadtauswärts; zum Übernachten kommt mir das riesige kasernenartige Motel in der Zubringerschleife gerade recht. Ich stelle das Auto mit all meinen Sachen in einem Holzverschlag ab, vertrete mir dann ein wenig die Füsse auf dem vollbesetzten Kamm der Staumauer, die Hunderten von Flüchtlingen als Heimstatt dient, mit Zelten, Kartons, Primuskochern usf. Jetzt, da ich nochmals nach meinen Sachen sehe, stelle ich fest, dass sämtliche Geräte geklaut worden sind, das Auto fast vollständig ausgeräumt; gehe zum Auskunftsbüro, will Anzeige erstatten lassen, niemand ist erstaunt über den Diebstahl. Ein Mitarbeiter des Empgangskomitees begleitet mich zur Einstellbox, doch die ist verschwunden, wurde ersetzt durch eine neue Garage mit mattglänzenden, leicht phosphoreszierenden Aussenwänden. Die Garage ist verschlossen; BIN GLEICH ZURÜCK steht in Sprayschrift auf der Tür. Wir machen uns auf die Suche, inspizieren Zelte, Unterkünfte, suchen die Staumauer ab – nichts zu finden. Mit Smirnow kehre ich zur Einstellbox zurück, die nun wieder baufällig in der Gegend steht, und alle Geräte sind wieder da, in desolatem Zustand am Boden verstreut, alle Batterien und sonstigen beweglichen Teile hat man entfernt, die Plastik- und Metallverschalungen liegen lassen. Wir laden alles wieder ins Cabrio ein, doch es gelingt nicht, die Sachen vollständig unterzubringen; manches müssen wir zurücklassen. Mit überladnem Auto fahren wir los, im sichern Unwissen – wohin.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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