Ensemblegeist und … oder Selbstbehauptung?

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Musikübertragungen im Fernsehen mag ich eher nicht. Bedingt durch meine chronisch gewordene Schlaflosigkeit kommt es nun doch hin und wieder vor, dass ich mir um zwei, drei, vier Uhr früh ein Konzert ansehe, eine Symphonie, ein Rezital. Neulich war’s die Lutherische Messe in A-Dur von Johann Sebastian Bach in einer Übertragung aus Nürnberg. Düsteres, einförmiges, grell ausgeleuchtetes Kirchengemäuer, von mehreren Kameras beiläufig abgetastet; Orchester mit alten Instrumenten, grosser gemischter Chor, drei Solisten. Die Musik wird gezeigt, wird dargestellt durch endlos wiederholte Kamerafahrten über die Gesichter der Mitwirkenden, die sich, mit gelegentlichen Blicken zum Dirigenten hin, über ihre Notenblätter beugen, dabei rhythmisch sich bewegen, angestrengt blasend, streichend, singend, und dies mit merklich und mehrheitlich leidendem Ausdruck. Die Musiker, Musikerinnen sind zwar übereinstimmend gekleidet, geben ihre Individualität aber durch unterschiedlichste Frisuren, durch Schmuck und Schminke zu erkennen, abgesehen davon, dass ihre Köpfe und Gesichter wie auch die Hände naturgemäss unverwechselbare Eigenart beweisen. Diese Eigenart kommt um so stärker zum Ausdruck, als ja alle Mitwirkenden einem Diktat, dem des Dirigenten, unterstehen und durchweg bemüht sein müssen, als Kollektiv das Zusammenspiel harmonisch zu gestalten und eine gemeinsame Klangfarbe zu entwickeln, die Intonation und Rhythmus in sich vereint. So betrachtet erweisen sich Chor und Orchester als eine mit der menschlichen Gesellschaft generell vergleichbare Körperschaft: Alle ihre Mitglieder sind einer Vielzahl von vorgegebenen, für jedermann verbindlichen Regeln, Normen, Konventionen unterworfen, und doch können sie diesen generellen Anforderungen nur dann gerecht werden, wenn sie ihre individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten auf je eigene Weise dafür einsetzen. Es ist schon erstaunlich, dass – und wie – all diese einzigartig ausgeprägten Menschen, deren Gesichter die Kamera wie am Laufband nacheinander zu einer vielfältigen Galerie aufreiht, gemeinsam ein Werk realisieren, das ihnen auferlegt ist und zu dem jeder stets nur seinen persönlichen Beitrag – ob solistisch oder im Zusammenspiel – erbringen kann. Noch erstaunlicher (für mich jedenfalls): Dass ein derartiges Engagement für so viele Instrumentalisten und Sänger ein Faszinosum sein kann − Begeisterung dafür, alles Eigene im Ensemble auf- und untergehen zu lassen.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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