„Musikalisch“ bin ich nicht, dennoch kann ich vieles hören, was Musik zu verstehen gibt.
Ich erinnere mich an einen gemächlichen Aufstieg zur Kathedrale der Sainte-Madeleine in Vézelay − diffuses Abendlicht im Rücken, mein eigener langer Schatten vor mir, von fern … von oben allmählich lauter werdende, halbwegs vertraute Klänge.
Das Portal der Kathedrale steht weit offen, es überströmt von herrlicher Musik, der lichte Innenraum ist erfüllt vom rosigen Schein der untergehenden Sonne.
Im Chor musiziert in lockerer Sitzordnung ein jugendliches Orchester, es ist − ich erfahre es später − die Generalprobe zur Aufführung der Händelschen Wassermusik, die am folgenden Tag hier stattfinden soll.
Eine kraftvoll agierende, stellenweise laut mitsingende Dirigentin reisst die Musiker mit, reisst sie hin zu blühender Klangfülle − wie ein sphärisches Rieseln hallt sie in den Gewölben, schwebt herab, während gleichzeitig immer wieder neue Klänge aus dem Chor emporsteigen.
Die Musik geht in der Architektur auf, der Klang im Licht, die Kathedrale selbst scheint aus lauter Klängen gebaut zu sein, die Musik wiederum ist ein klingendes Bauwerk, und doch scheint − gleichzeitig − alles zu fliessen, zusammenzufliessen, sich wechselseitig anzugehören.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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