Beim Übersetzen; zum Übersetzen ( I.1 )

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Überzusetzen“

Notizen, Exzerpte und Exempel

Wenn es überhaupt Sprache gibt,
dann zwischen denen, die nicht die gleiche Sprache sprechen.
Sprache ist für die Übersetzung da, nicht für die Kommunikation.
Deleuze/Guattari

Ob „im Anfang“ tatsächlich ein schöpferisches, der gesamten Dingwelt vorausgehendes, sie heraufrufendes und beherrschendes Wort „war“, braucht vielleicht gar nicht definitiv entschieden zu werden, da wohl schon immer in beide Richtungen „übersetzt“ worden ist, von der Sache zum Wort (z.B. „dog“) wie auch vom Wort zur Sache (z.B. „god“). Was allerdings naturgemäß naheliegt, ist das Verständnis des Realen – der konkreten Lebenswelt und der davon abgehobenen Geisteswelt gleichermaßen – als Legende, mithin (wörtlich aus dem Lateinischen:) als „das zu Lesende“; doch auch solches Lesen setzt Text voraus, und dieser kann sich allein als Übersetzung konstituieren.
Das Wort, solcherart als Übersetzung begriffen, macht den Unterschied, es definiert, grenzt ein, grenzt aus. Als Echo, als Schatten steht es für das, was es nicht ist, was ihm vorangeht, was es nur bedeuten, nie erreichen kann.

Was übersetzt und damit bewahrt – gewissermaßen bewahrheitet – wird, ist in jedem Fall (auch bei zwischensprachlicher Übertragung) die Wort-, die Satz-, die Textbedeutung, während die Sprachform notwendigerweise abgeändert werden muss, und dies bisweilen durch radikale Verfremdung des Ausgangsmaterials. Dabei stellt sich nicht selten heraus, dass gleichlautende Wörter in unterschiedlichen Sprachen völlig unterschiedliche Bedeutungen vertreten; so beispielsweise das französische „val“ (Tal“) und der deutsche „Wall“, der gerade nicht eine Vertiefung, vielmehr eine Erhebung bezeichnet; oder das englische „I“ (ich), innersprachlich sekundiert von „eye“ (Aug), das lautlich perfekt mit dem deutschen „Ei“ zusammenpasst, nicht anders als die englische „Sünde“ (sin) mit dem deutschen „Sinn“ oder „tall“ (groß) mit „toll“, obwohl es zwischen den so benannten Elementen faktisch und logisch keine Verbindung gibt.

Anderseits lassen sich durch die Bildung von Assonanzen, Reimen, Anagrammen, Homophonien u.a.m. innerhalb einer und derselben Sprache Übertragungen beziehungsweise Verschiebungen eigener Art bewerkstelligen, ein Verfahren, das in der Poesie gang und gäbe ist: Hier werden – ob in Sprichwörtern oder in hermetischen Gedichten – formale sprachliche Qualitäten ohne Rücksicht auf die Sprachbedeutung aufeinander bezogen. Der Einsatz des Endreims bietet dafür beliebig viele Beispiele.
Dass im Deutschen „Schmerz“ und „Scherz“, „Lust“ und „Frust“, „Rippe“ und „Lippe“ annähernd gleich klingen und deshalb auch als Reimpaare eingesetzt werden, obwohl sie ganz Verschiedenes, wenn nicht Gegensätzliches bedeuten, bezeugt die Unabhängigkeit der Sprachform von der Semantik, gleichzeitig aber auch die Abhängigkeit der Semantik von einer jeweils vorgegebenen Sprachform. Was von beiden zuerst da war, dann konstitutiv, schließlich konventionell geworden ist, bleibt nach wie vor umstritten.

 

aus Felix Philipp Ingold: Überzusetzen
Versuche zur Wortkunst und Nachdichtung

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Frau

rauf! (ruf: a!)

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Endnoten

0:00
0:00