Ursula Krechel: Beileibe und zumute

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Ursula Krechel: Beileibe und zumute

Krechel-Beileibe und zumute

BEILEIBE UND ZUMUTE

Zugute könnte man Appellen halten
dass Reden schwungvoll, Mikrofone
eingeschaltet, ausgeschaltet, sie zischen
in den Ohren, darüber klirrende Fahnen

zugute auch das Räuspern, Rachenlaute
nervöses Lachen, das dann doch erstickt
zugute auch, jemand erschrickt, wenn
eine Wasserwand vor dem Gesicht und

nichts geschieht, still ist es dann, peinvoll
wie ein Versagen, das es nicht ist
Leute palavern, andere schweigen eher
wie’s wem zumute ist, weiß man nicht.

 

 

 

Beileibe und zumute: Ursula Krechel liest aus ihrem neuen Band. Moderation: Niels Beintker (BR). Online-Veranstaltung vom Lyrik Kabinett, München am 26.5.2021

 

Beileibe und zumute: Ursula Krechel liest aus ihrem neuen Band. Moderation: Niels Beintker (BR). Online-Veranstaltung vom Lyrik Kabinett, München am 26.5.2021

 

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„Erkenntnis ist nach wie vor möglich.“

Das ist keine verzagte Hoffnung, sondern Ethos, Haltung und Bekenntnis. Denn: „Siehe: Die Sprache balanciert auf hochgespanntem Seil“ – ja, beides trifft zu: hoch und gespannt! Und es ist jedes Mal wieder ein Abenteuer, Ursula Krechel auf ihren Gängen über dieses Seil zu folgen.
Ihre Gedichte sind dynamische Gegenwart. Sie sind wach, hellwach, selbst dort, wo man nur mit geschlossenen Augen sieht: ins Dunkle, ins Ungewisse, in Abgründe, in Schichten persönlicher wie kollektiver Erinnerung. In vielfältigen Formen und in einem breiten Register der Stimmen, Rhythmen und Töne untersuchen diese Gedichte Wirklichkeit, ohne sich darauf einen Reim machen zu wollen. Es sind Erkundungen mit offenem Eingang und offenem Ausgang, eigenwillig, voller Wagemut und Spielfreude. Sie zeigen Zeile für Zeile die Meisterschaft und Souveränität einer großen Autorin.

Jung und Jung Verlag, Klappentext, 2021

 

Ungeschminkte Anmut

– Ursula Krechel setzt dem vermeintlich Schönen ungeschönte Poesie entgegen. –

1966 befand sich die damals neunzehnjährige Ursula Krechel am Anfang ihres geisteswissenschaftlichen Studiums. Im Dezember desselben Jahres liess der Zürcher Germanist Emil Staiger seine Rede „Literatur und Öffentlichkeit“ in der NZZ abdrucken und entfachte damit den Zürcher Literaturstreit. Es war ein letztes Aufbäumen gegen das Hässliche in der Literatur:

Wenn […] Dichter behaupten, die Kloake sei ein Bild der wahren Welt, Zuhälter, Dirnen und Verbrecher Repräsentanten der wahren, ungeschminkten Menschheit, so frage ich: In welchen Kreisen verkehren sie?

Der Schönheitsdiskurs, den Krechel 50 Jahre später in ihrem ausgezeichneten neuen Gedichtband Beileibe und zumute führt, liest sich wie ein veritabler Nachtrag zu Staigers Rede. Massgeblich ist das Gedicht „Die Widerstandslinie der Schönheit“, das Schönheitsbilder als bereits idealisierte Entitäten demaskiert:

Was, wenn Schönheit das Geschönte wäre.

Indem sie nun die Begriffe des vermeintlich Schönen dekonstruiert, rangiert Krechel ihre Gedichte auf das „weniger Schöne“ in seiner Ungeschminktheit und macht den Weg frei für solche poetischen Höhepunkte wie die Gedichtzyklen „Krankenblätter“ und „Fuga, Blätter“. Letzterer schlägt einen langen Bogen über die globalen Katastrophen unserer Zeit: Flüchtlingskrise, Umweltverschmutzung, Erschöpfung natürlicher Ressourcen, Covid-19-Pandemie.
Doch Ursula Krechel glänzt auch, wenn sie tradierte Bilder aus der okzidentalen Kulturgeschichte adaptiert. In einem der in lyrischer Prosa verfassten Addenda zu den Gedichten beschreibt sie eine Vater-Sohn-Szene in einem Strassencafé: Der geistesgegenwärtige Vater bemerkt, dass sein Sohn friert, und hüllt ihn in eine Decke. Der Junge sei „ein Kinderkönig, der von seiner Würde nichts weiss“, so das lyrische Ich. Eine ähnliche Szene der Anmut beschrieb Heinrich von Kleist in seinem Text „Über das Marionettentheater“. Er handelt von der Unmöglichkeit, die anmutige Versunkenheit jenes „Jünglings“ zu reproduzieren, „der sich einen Splitter aus dem Fusse zieht“.

Alexandru Bulucz, Neue Zürcher Zeitung, 27.6.2021

Reflektierte Gedichte

„Siehe: Die Sprache balanciert auf hochgespanntem Seil, stürzt ab / wenn sie herunterblickt auf den Gegenstand, über den sie spricht.“ – Nicht sehr zuversichtlich scheint das lyrische Ich in diesem Ausschnitt seiner Profession, dem Umgang mit Sprache und Literatur, gegenüberzustehen. Und es wird noch viele weitere Momente in diesem Gedichtband geben, den die Autorin nach elf Jahren Lyrik-Pause bei Jung und Jung verlegt, bei dem ganz und gar nichts von der eigentlich durchaus berechtigten Selbstsicherheit zu spüren ist, die die Verfasserin dieser mehr als 100 Seiten Lyrik durch ihre Preise, so z.B. den Deutschen Buchpreis, hätte haben können.

Ursula Krechel wurde am 4. Dezember 1947 in Trier geboren, wo sie auch auf die Schule ging und diese mit dem Abitur abschloss. Im Anschluss studierte sie Germanistik, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte an der Universität Köln. Während sie sich während ihres Aufenthalts in Köln vorrangig der Dramaturgie widmete, und neben essayistisch-journalistischen Arbeiten in unterschiedlichen regionalen Zeitschriften auch Theaterstücke schrieb und inszenierte, fand Krechel auch schon in frühen Versuchen in der Lyrik Ausdruck ihrer persönlichen Probleme, Gedanken und Gefühle – der frühe Tod ihrer Mutter beispielsweise wird im ersten Gedicht ihres ersten Lyrikbandes Nach Mainz! verarbeitet. Ab Anfang der 70er Jahre zog Krechel nach Frankfurt Westend, wo sie seither als freie Schriftstellerin lebt. Ihre Werke aber auch ihr Wissen über Literatur und dem Umgang mit dieser erhielt nebenbei auch immer wieder akademische Anerkennung. Sie wurde im In- und Ausland zu Gastprofessuren eingeladen, an die Universität Leipzig aber auch nach Österreich und in die USA, wo sie in zahlreichen Poetikvorlesungen über ihr Leben und Schreiben berichten konnte. Und während sie in den Literaturkreisen wohl nach wie vor vorrangig wegen ihrer Theaterstücke bekannt sein dürfte, waren auch ihre ersten Romane, besonders Shanghai fern von wo (2008) und später dann auch Landgericht (2012), wofür sie den Deutschen Buchpreis erhielt, große Erfolge. Dass ein weiterer wichtiger Bestandteil ihres Gesamtwerks, die Gedichte, die sie über all die Jahrzehnte, in denen sie schriftstellerisch nun schon tätig ist, immer und immer wieder schrieb, wenig Aufmerksamkeit und ein geringes Echo vor allem bei der Leserschaft erhielten, liegt wieder einmal nicht daran, dass diese lyrischen Texte schlecht wären, sondern eigentlich nur daran, dass sie Gedichte sind.

Ich hab mein Herz in Heidelberg ich
hab mein Herz im Kleiderschrank ich hab
das Bett noch nicht verbrannt mein Hut
geht bis zum Mantelkragen der Krug
geht übern Brunnenrand es bricht das Licht
mein Hut geht durch das ganze Land

In diesem Gedicht, „Wörter geschehen“, scheint der Rechtfertigungswille Ursula Krechels noch einmal besonders deutlich zu erkennen zu sein. Vollkommen zusammen-hanglos und brüchig sind die Worte und Sätze, die sie hier geschrieben hat, und man könnte den Eindruck gewinnen, dass das Gedicht in der Tat so geschrieben worden ist, wie der Titel andeutet – es ist einfach so „geschehen“, ohne großen Sinn und Zweck, ohne großen Plan, ohne einen tieferen Sinn. Dass hier ja aber vermeintlich doch eine Geschichte erzählt wird, dass Krechel auf die großen poetischen Bilder in ihren Gedichten in den allermeisten Fällen einfach verzichtet, aber dennoch diesen lyrischen Hauch von Sprache in ihre Gedichte textet, ist das Geheimrezept ihrer Poesie. „Wörter geschehen“ zeigt einmal mehr, was die Lyrik kann und die Prosa nicht – das Auftreten von Sprache reflektieren und dennoch kritisch hinterfragen. Provozieren aber auch sich selbst infrage stellen, all das wohnt diesen Gedichten in Krechels neuem Band Beileibe und Zumute bei.

Als wir begannen, uns sympathisch zu finden
haben wir da schon über Syntax geredet
als die Wörter zu glänzen begannen, Sternschnuppenwörter
da fehlte nur eine Aufhängevorrichtung im Kosmos
eine Kordel mit einem Konten darin tat’s.

Es ist also nicht immer nur das Gegenüber, das in seiner Beschränktheit hinsichtlich der Auffassungen von Sprache und Literatur kritisiert und angegriffen wird, sondern auch das lyrische Ich selbst denkt nach, reflektiert über den Sinn und die Kraft der Rhetorik, der Sprache, und zieht sich über das in diesem Gedichtausschnitt zentrale „Wir“ auch selbst rein in das Schlamassel und in die Verantwortung. Es ist mit Sicherheit keine Seltenheit in der Lyrik, Gedanken wie diesen, die hier ja im Grunde genommen die eigene Profession in Frage stellen, zu äußern – und dennoch geschieht all das hier auf eine so interessante und beiläufige Art und Weise, dass man den Eindruck gewinnen könnte, all das zum allerersten Mal zu erfahren. Ursula Krechel hat einen sehr individuellen Ton, es scheint eine ganz persönliche Sache zu sein, die sie zum Schreiben gebracht hat, und dafür brauch es noch nicht einmal ein allgemein rekonstruierbares Ereignis. Auch in ihren Romanen, besonders in Landgericht, ist dieser Individualitätszwang zu spüren. Die Geschichte des jüdischen Emigranten, der nach dem Krieg zurückkommt um sich mit der Entnazifizierung vor Ort zu beschäftigen, ist mit Sicherheit auch nicht konventionell erzählt. Die Tatsache, dass dieser Roman einst auch von seitenlangen Ausführungen über die Bürokratie und die rechtlichen Grundlagen in der Nachkriegszeit referierte, zeugt davon, dass es Krechel in der Prosa nicht darum geht, einfach nur eine interessante, spannende Geschichte zu schreiben – genauso wenig geht es ihr in ihrer Lyrik darum, einfach nur eine nette Situation zu rekonstruieren oder einfach mal ein bisschen auf die Tränendrüse zu drücken. Was hier geschieht ist das Aufschreiben und Aufarbeiten von sehr individuellen und existentiellen Gedanken, von Gedanken, die auch viele andere Menschen, die sich mit Literatur und Sprache auseinandersetzen, beschäftigen könnte, denn sie stammen eben nicht von irgendjemandem sondern gerade von einer Person, die sich selbst und ihr Leben dieser Auseinandersetzung mit der Sprache verschrieben hat.

Zugute könnte man Appellen halten
dass Reden schwungvoll, Mikrofone
eingeschaltet, ausgeschaltet, sie zischen
in den Ohren, darüber klirrende Fahnen

Auch in ihrem für diesen Band titelgebenden Gedicht „Beileibe und zumute“ haben Reden, Sprechen und das Wirken von diesem Sprechen die zentrale Rolle eingenommen, und unschwer festzustellen dürfte hiermit das Thema dieses Gedichtbandes sein: Sprache. So weit so gut könnte sich mancher Leser denken, so weit so klischeehaft, so weit so eingefahren, so weit so bekannt. Mit Sicherheit darf man nicht den Anspruch an diesen Band haben, hier in lyrischen Belangen das absolute Neuland zu betreten. Mit Sicherheit sind – wie bereits angedeutet – Gedanken wie diese, die hier in Krechels Band die Gedichte dominieren, keine Einzigartigkeit in der Literatur. Doch wer an jedes Buch, das er liest, mit dem Anspruch herangeht, etwas absolut Neues zu erfahren, etwas zu lesen, was er in keiner Form jemals irgendwo gelesen hat, der wird bei den allermeisten Texten, die in den letzten zehn, zwanzig Jahren erschienen sind, grob enttäuscht werden. Das Interessante an der Vielfalt des Literaturbetriebs und der hohen Anzahl an Neuerscheinungen ist schließlich nicht immer nur die Tatsache, dass hier inhaltliche Komponenten vermittelt werden. Keiner bräuchte heute mehr ein Buch über das dritte Reich zu lesen, wenn er doch diverse Internetplattformen bemühen könnte, um sich das Sachwissen zu vergegenwärtigen, oder auch über aktuelle Politik, über die Stimmungen im In- und Ausland, bräuchte literarisch nicht mehr geschrieben zu werden, wenn es in Romanen und auch in Gedichten nicht um etwas vollkommen anderes ginge: wie ist das erzählt.
Und so sind fast spannender als alle Reflektionen über die allgemeine Bedeutung von Literatur und Sprache, die hier bereits lange vorgestellt worden sind, die Auseinandersetzungen des lyrischen Ichs in diesen Gedichten mit sich selbst. In vielen dieser Texte geht es um Bewusstsein und die Frage nach der Begrenztheit unseres Seh- und Wahrnehmungsvermögens.

Ein Canyon des Denkens, der sich auftut
nie mehr schließt, Sandstein zerbröselt
verweht Sand zu Sand hügelan, ein Stuntman
gerötet geröstet und war nicht tröstenswert –
im Fallen von Fallstricken gehalten, gefesselt
wie beiläufig liegen gelassen von der Hand
eines aufgeplusterten Riesen
(…)

Was Krechel hier, in ihrem Gedicht „Kurzes Gleiten über den Abhang des Bewusstseins“, wagt, ist hervorragend: das Verlieren des Bewusstseins zu beschreiben mit Vokabeln und griffigen Bildern, die sich jedermann vorstellen kann, beim Abhang angefangen, über den Stuntman bis hin zu den Fallstricken. Wer Texte wie diese liest, der wird nicht mehr sagen können, dass dies einfach alles schon da gewesen ist und Krechel nicht nur sich selbst sondern auch zahlreiche andere Autorinnen und Autoren der deutschen oder internationalen Gegenwartsliteratur im Fachbereich Lyrik einfach so plagiiert. Es ist eine ganz besondere und eigene Form des Bewusstseinsgedichts, und ich würde behaupten, dass sich so stark die allerwenigsten an dieses Thema gewagt hätten. Dass man sie nicht versteht ist ihr Risiko – aber eigentlich ist es das Risiko aller Schriftsteller, die sich heute noch mit Lyrik beschäftigen, in Zeiten, in denen immer gleich die Frage nach dem unmittelbaren Sinn gestellt wird, und die Sprache und das Denken selbst keinen Raum und keine Möglichkeiten geboten bekommt. Und so sind diese Gedichte wohltuend im Vergleich zu allem anderen, mit dem man im Alltag ohnehin schon überladen wird. Es sind Gedichte, die eine Art „Abschalten“ versprechen aber eigentlich nicht ermöglichen, weil sei fordernd und herausfordernd sind. All das geschieht aber im positiven Sinn. Und so muss man durchaus Zeit und Bereitschaft für diese Art des Dichtens und der Poesie mitbringen, weil Ursula Krechel in der Lyrik genauso wenig gefällig wie in der Prosa ist. Bei ihrem Roman Landgericht scheinen sich die wenigsten Leser daran gestört zu haben – es ist zu erwarten, dass es diejenigen, die zu diesem Band greifen oder schon gegriffen haben, mit Sicherheit auch nicht tun werden.

Leute brechen auf
Epiphanien Denkausflüge
in vollen Zügen
komme ich nach Haus
wie andere auch
Leute entkleiden sich
baden und schämen
sagen ich zu sich
schämen sich nicht
wie andere auch
Leute löschen das Licht.

 

(aus „Fahrbereitschaft“, Teil 6)

Literaturempfehlungen, amazon.de, 21.6.2021

Im Hirn ein Zittern, Gewittern

– Wortspiel und Bildlust: Ursula Krechels neue Gedichte entwerfen einen poetischen Denkstil. –

So viel Schönheit war noch nie. Zumindest noch nicht in der seit 45 Jahren andauernden Publikationsgeschichte Ursula Krechels. Die „Widerstandslinie der Schönheit“, „Das mag schön und gut sein“ oder „Was Schönheit ist zu was“ lauten die Titel ihres aktuellen Gedichtbandes Beileibe und zumute. Ihre Gedichte setzen mit Versen ein wie „Schön ist die Schriftlichkeit, Fragwürdigkeit / nur ein Augenzwinkern“. Und sie münden in erinnerungsumgarnende Sprüche wie „Schönheit kommt und geht vor dem Fall“. Noch nie ging Ursula Krechel so systematisch ästhetischen Fragen nach. Trotz der vielumjubelten Hochkonjunktur der Neurowissenschaften und empirischen Ästhetik verfügen wir weiterhin nur über eine rudimentäre Wahrnehmungslehre des Schönen. Oder wie Krechel diesen Befund wendet:

genau genommen wissen wir wenig
oder nur was zum einen Ohr reingeht
und durch die Dunstabzugshaube raus.

Diese Wissenslücke eröffnet der Lyrikerin den Möglichkeitsraum, um mit Hilfe ausdifferenzierter, kognitiver Spekulationen eindrücklich vor Augen zu stellen, wie komplexe Wahrnehmungen zur Erfahrung des Schönen verarbeitet werden. Krechel schließt hierzu an die Tradition des poetischen Denkens an. Bereits in ihrem Band Technik des Erwachens stellte sie 1992 Francis Ponge’ Satz „Der Dichter ist ein ehemaliger Denker, der zum Arbeiter geworden ist“ voraus.  Jetzt geht sie selbst der poesietypischen Denkarbeit nach.
Die Abgründigkeit poetischen Denkens führt schon der erste Doppelvers des Bandes vor:

Der Denkende kommt zu spät, wenn er sagt: ich denke,
dachte ich, oder das Denken hat ihm einen Streich gespielt.

Die Entstehung der Gedanken beim Denken bringt notwendig eine Verzögerung mit sich. Der Gedanke ist beim Denken schon ums Eck. Und bis die Aussage „ich denke“ folgt, hat er sich längst in Luft aufgelöst. Exakt in dieser Rückständigkeit, so behauptet das Denkprotokoll („denke ich“), nistet das Poetische. Hier ist es aufgehoben, und zwar im doppelten Wortsinne von Sammeln und Hochheben: „hoffnungslose Rückständigkeit / der Sinne, die Kunstgenuss ermöglichen“, eröffnet den poetischen Denkraum.

War
das ein Machen oder etwas Liegengebliebenes, aufgehoben
von wem (und sorgsam verwahrt)? Erinnerungsverlängerung
Dialektik des Aufhebens: Etwas existiert, wo es nicht war.

Was für eine feine, bis in die atomistische Sprachnuance ausbalancierte Eröffnung.
Immer neue Facetten solcher Denkbilder arbeitet Krechel in ihrem Band heraus. Im Sinne der letztgenannten Gleichgewichtsschönheit etwa heißt es an späterer Stelle:

Siehe. Die Sprache balanciert auf hochgespanntem Seil, stürzt ab
wenn sie herunterblickt auf den Gegenstand, über den sie spricht.

Zwischen Denken und Sprachen wie zwischen Sprache und Dingen balanciert Krechels Poesie. Deren Balance kommt und geht vor dem Fall. Auf den Sturz aber folgt das abermalige Aufheben. Wechselerhöhung und -erniedrigung – dieses einst von der Frühromantik gepriesene Doppel führt Krechels Lyrik unserer Zeit gemäß ins Kognitive über. Geistige Erhöhung kann da schon mal per Terrasse ausgebaut und per Aufzug geliftet werden:

Hier kommt der blaugeäderte Prämissenliebling
der mit der Denkterrasse, mit Aufzug in den Cortex.

Nicht nur Krechels kognitionspsychologische Aisthesis gewinnt einen ganz eigenen Charakter. Sondern auch die Art, wie sie ihren poetischen Denkstil entwirft. Die ersten Funken schlagen ihre Verse aus Wortspielen, in erster Linie aus Paronomasien: Plötzlich interagieren „Kompass und Kompromiss“. Während man „im Hirn ein Zittern, Gewittern“ vernimmt. Oder staunt, wie unter dem kreditwürdigen Titel „Darlehen, Darling“ mehrere „krumme Zaunlatten grüßen, büßen“. Die Änderung eines Details am Wortkörper löst enorme Verfremdungseffekte aus, die – so das Ziel – zum Staunen bringen sollen. Wie sagte schon Jean Paul?

Der wahre Reiz des Wortspiels ist das Erstaunen über den Zufall, der durch die Welt zieht.

Krechels poetisches Denken besticht diesen Zufall. So entstehen ihre Wortmelodien, zu denen Buchstaben, Klänge und Gedanken tanzen. Diese Wortspiele führt Krechel – zweitens – mit metaphorischen Verfahren eng. Wenn sich „ein Canyon des Denkens, der sich auftut / nie mehr schließt“, dann entstehen wohl Klischees, die sich tief in das Denken eingravieren. Mitunter kommt in den Versen geradzu tropische Euphorie auf, etwa wenn „die Wörter zu glänzen begannen, Sternschuppenwörter / da fehlte nur eine Aufhängevorrichtung im Kosmos“. Skepsis gegenüber Sprachbildern sieht anders aus. Doch Wortspiel und Bildlust finden ihr Gegengewicht – drittens – in einem prosaischen Duktus:

wann haben wir zuletzt ein Gespräch über Syntax geführt

Nüchterner geht es kaum. Zumal Krechel zudem eine Vorliebe für sperrige Wörter pflegt: „Dunstabzugshaube“, „überqualifiziert“, „Untersuchungsergebnis“ oder „Übertragungsobjekt“. Sie lässt den Klang solcher Wortungetümer in ihre charakteristischen Langverse sanft ausschwingen.
Welche Zusammenhänge und Gegenstände Krechel unter diesen denkerischen und sprachlichen Bedingungen in den Blick nimmt! Die thematische Palette ist weit. 58 Gedichte umfasst der Band. Hinzu kommen drei eigenständige Gedichtzyklen: die heitere Mobilitätsstudie „Fahrbereitschaft“, der man im besten Sinne Fahrlässigkeit bescheinigen kann. Die eindringliche „Fuga“ (Flucht), die unter anderem im rhythmischen Pattern von Hölderlins „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ postuliert:

Wo Denken war, war auch Nebel und Notwendigkeit.

Und die brillant beobachteten „Krankenblätter“, die in großer Genauigkeit Ängste und Komik einer „beileibe und zumute“ unangenehmen Situation ausstellen: „Wie geht’s dem Sprunggelenk, dem Hasenfuß / es geht doch, geht“, eröffnet der Arzt. Und man spürt sogleich, dass es doch auch für den Hasenfüßigen weitergehen muss, obwohl er in den Fängen der Ärzte steckt.
Krechels Gedichte leisten mehr, als einfach nur bestehende Sprachmuster zu irritieren. Sie eröffnen neue Denk- und Gefühlsräume. Vers für Vers leiten sie ihre Leser mit großer Umsicht und gedanklicher Klarheit durch diese Räume. Wer mit diesen Versen denkt, richtet seine Welt neu ein.

Christian Metz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.4.2021

Den Anker lichten

– Ursula Krechels Gedichte gehen der Komplexität und Schönheit des Lebens auf den Grund. –

Wir sind im freien Fall, unter uns nur „ein Canyon des Denkens, der sich auftut / nie mehr schließt“. Wo findet sich Rettung? Es ist die „Suche nach / Richtwert“, der uns ein Gerüst, ja, den endlich ersehnten Halt bieten könnte. Doch so einfach ist es nicht. Was uns  Ursula Krechel  in ihrem neuen Lyrikband Beileibe und zumute vor Augen führt, lässt sich als eine herausfordernde Schule des Bewusstseins beschreiben. Für sie steht fest, dass Wahrnehmung oder schon Erkenntnisbildung nie in wohltemperierten und einfachen Bahnen ablaufen.In der Welt zu sein, bedeutet Komplexität und Mehrdeutigkeit auszuhalten. Oder wie sie es in einem Gedicht selbst schreibt:

Binäres Denken heißt: viele Möglichkeiten verschenken.

Nutzt man letztere, sieht man die Dinge anders: Ein Flughafen wird zum Sinnbild der menschlichen Existenz. Denn „Leute rollen / ihre Koffer durch dein Leben“. Im Azurblau des Himmels vernimmt man unversehens barocke Deckenfresken. Derweil entpuppen sich Eulen als Botschafterinnen für eine globale Gesellschaft.
Mit der Realität, wie sie ist, haben Krechels Gedichte sichtlich wenig zu tun. Stattdessen rücken sie unterschiedlichste Phänomene des Daseins in halbfantastische Sphären. Nur was hält sie zusammen? Zum Beispiel „Was ist das Übergangsobjekt zwischen einem Laib Brot und dem Mond“?
Zweifelsohne ist es die Sprache. Sie verknüpft oder trennt auf. Mal „balanciert (sie) auf hochgespanntem Seil“, mal entpuppt sie sich als „eine Mul- / de, Wasser sammelt sich in ihr, Worte brüten. Sie ist kein Tunnel, der von hier nach dort führt“.
Derlei Wendungen legen nahe, dass es der 1947 geborenen Schriftstellerin weniger um klassische Motive der Lyrik wie Liebe und Natur geht als vielmehr um eine Reflexion von Zeichensystemen – wie selbstredend der Literatur. In ihr lassen sich vermeintlich feste Gegebenheiten verfremden und ihrer Verankerung in der Wirklichkeit berauben.
So wird im Gedicht „Wörter entstehen“ Heidelberg zur Projektionsfläche allerlei dichterischer Träume. Liebhaber der Perle am Neckar mutet das „Schornsteinschwarz“ entzückend „rosenrot“ an, haben in all ihrer Schwärmerei ihr „Bett auf Sand gebaut“. Von der echten Stadt erfahren wir jenseits der blumigen Zuschreibungen nichts. Allein „die Spur hab ich verloren“, bekennt das lyrische Ich zuletzt.
Ursula Krechel, 2012  für ihren Roman Landgericht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, beweist in ihrer Dichtung hochintellektuelle Artistik. Das Poem erweist sich stets als Agora des konzentrierten Nachdenkens und Philosophierens, als Ort für ein Spiel mit Perspektiven und der Sprache. Die Dichterin hält alles in Bewegung. Viele ihrer Texte enden daher erst gar nicht mit einem Punkt. Wir sind eingeladen zur fortwährenden Imagination, über alle Wort- und Versgrenzen hinweg.
Eben jene Unabschließbarkeit stellt auch den Kern ihrer Vorstellung von Schönheit dar. Beschrieben wird sie mitunter als „Beben in ergreifender Müdigkeit“, oder als Zustand zwischen „gerettet“ und „bedroht“. Damit sie wirken kann, braucht sie die Spannung, sie bedarf der Gefährdung. „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen“, wie Rainer Maria Rilke in seiner ersten Duineser Elegie schrieb. Erst in der Fragilität erkennen wir den Wert des Vollkommenen.
„Was“, so fragt das Textsubjekt in einem von Krechels Gedichten zur Ästhetik einmal, wenn „der Torso heil gemacht und ideal gedacht“ wäre? Er würde in seiner Makellosigkeit gewiss starr und geschichtslos erscheinen. Er hätte keinen Charakter.
Dabei ist subjektiver Ausdruck doch so immanent wichtig für das lyrische Selbstverständnis der Autorin. Wortspiele, ein Reichtum an Metaphern und Assoziationen, die Freude an der Umdeutung von Begriffen belegen den dichterischen Elan. Die schlichte Vermessung der Welt ist Krechel nicht genug. Vielmehr gilt es, diese zu durchdringen, ihrer Geheimnisse durch ingeniöse Spracharbeit gewahr zu werden.

Björn Hayer, Frankfurter Rundschau, 25.2.2021

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Alexandru Bulucz: Sage und säge
der Freitag, 6.6.2021

Alexandru Bulucz: Sage und säge
Berliner Zeitung, 2.4.2021

Markus Manfred Jung: Empfehlung des Monats September 2022
lyrikgesellschaft.de, 31.8.2022

SWR Bestenliste Oktober 2021

Christian Metz: Beileibe und zumute
lyrik-empfehlungen.de, 2022

 

 

 

 

 

 

Ein Gedicht und sein Autor: Ursula Krechel und Jan Wagner am 17.7.2013 im Literarischem Colloquium Berlin moderiert von Sabine Küchler.

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Andreas Platthaus: Keine Magermilch, und bloß keine Kreide
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.12.2017

Landesart: Ursula Krechel zum 70.
SWR, 2.12.2017

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + IZA + KLGIMDb + Kalliope
Georg-Büchner-Preis: FAZ + Tagesspiegel + Welt + NDR + NZZ+ Die Zeit+ FR + SZ + Die Rheinpfalz + der Freitag +

 

 

 

Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde OhlbaumBrigitte Friedrich AutorenfotosBogenberger AutorenfotosGalerie Foto Gezett + gettyimages + IMAGO + Keystone-SDA
shiyan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Ursula Krechel

 

Ursula Krechel – Neue Dichter Lieben, Komposition und Klavier: Moritz Eggert, Bariton: Yaron Windmüller, Expo 2000 Hannover.

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