Birgit Kreipe: aire

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Birgit Kreipe: aire

Kreipe-aire

HIDDEN CHIEF
mit Ingeborg Bachmann, Landnahme

leer-liegender stiefel
umgeknickte halme, die feuerstelle

darin kocht ein sommer langsam
seine medizin. scheuchen

aus pappe, bekritzeltem holz:
kinder probieren sich so aus.

gedanken, die einander löschen
überströmen.

das land, das wir gewonnen haben
kann ich es halten –

halb erde, halb traum
hebt es sich, senkt sich.

jede nacht stürzt mein land ins dunkle
wasser, an seinen steilküsten.

das leittier grast längst in den sternbildern
hinter verstreuten halmen.

jeden morgen sammelt die sonne
mein land wieder auf

und das land hofft. wenn es
auf der leine trocknet, hofft das land

wenn es das milchgewicht toter herden spürt
hofft das ganze ausgewaschene, verblasste land

die scheuchen hoffen
auf den einsamen schuh

hofft das land, als es verschwindet
fortrollt, ein kiese!

in eine zukunft, eine neue gestalt:
das land, das wir gewonnen haben

ich kann es nicht halten.

 

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Das Buch

Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung. Die poetischen Prozesse, die sie entwickeln und denen sie sich aussetzen, sind Unternehmungen in instabiles Terrain. Reize und Eindrücke, die vertraut erscheinen, wandeln und entziehen sich, geraten aber nie ganz aus dem Blick. Die Gedichte durchwandern Lichtungen und Wüstungen, ikonische Bildschichten, stoßen auf Schamquellen, surreale Meere, Gegenengel und Gehirnwellen. Dabei greifen sie unter anderem auf Quellen aus der Fotografie (Francesca Woodman) und Malerei (Gerhard Richter), der Psychoanalyse, der Neuropsychologie und Meditationsforschung zurück – und setzen auf die Erfahrung erweiternde und transformierende Kraft der Kunst.

kookbooks, Ankündigung

 

 

Kontinente, die durch mich hindurchgehen

– „Ich“ und noch jemand in befremdlichen Welten: Birgit Kreipes Gedichtband aire gibt lohnende Rätsel auf. –

aire – der Titel von Birgit Kreipes Gedichtband mutet rätselhaft an; er erinnert an das englische Wort für Luft, kann im Spanischen Luft bedeuten und im Französischen Platz. Eine Vielschichtigkeit, die in aire mit der Überschrift des letzten Zyklus noch einmal ins Auge springt: „notes on aire“. Darin geht es wiederholt um Meditation – bedeutet diese die Schaffung eines Raumes und dessen Auflösung in der Luft?

Gleichgültig
ob sie vergangen sind oder zukunft:

 

berühre ich sie, lösen sich einzelne bilder
fallen.

Der Band besteht größtenteils aus Zyklen, die – mal mehr, mal weniger konkret angekündigt – jeweils einen Mittelpunkt haben, etwa ein geographisches Gebiet (beispielsweise Lappland) oder ein Kunstwerk. Während dabei der Maler Gerhard Richter den meisten ein Begriff sein dürfte, gilt dies für die früh in den Freitod gegangene amerikanische Fotografin Francesca Woodman (1958–1981) eher nicht – in Kreipes Nachbemerkung nimmt uns die Autorin aber mit auf eine Begegnung mit Woodmans Spuren in Rom.
Ungefähr in der Mitte des Bandes steht der Zyklus „als es den trödelstern traf“ („mit Gerhard Richter, Faust“), und das im ganzen Band immer wieder auftauchende Weltraum-Motiv ist hier besonders präsent, in einer befremdlichen Welt, in der astronomische Phänomene, die Innenwelt eines „ich“ und ein diffus bleibendes, doch merklich involviertes „man“ in einer schillernden, nie genau zu bestimmenden Beziehung zueinander stehen. Der titelgebende „trödelstern“ wird „getroffen“ und scheint allmählich in einem „bösen, gleißend / bläulichen“ Licht zu vergehen, „lichtmilch“, „milch, die sog, das gegenteil von ernährung!“.
Das „man“ befindet sich auf einer Mission und bricht sie im letzten Gedicht des Zyklus ab, „insgeheim froh / nicht selbst getroffen zu sein“. Das „ich“, offenbar mit dem „man“ unterwegs, ist zu dem Schluss gekommen, „dass ich es war, die den trödelstern zerstört hatte“ – doch der „trödelstern“ und seine Verbindung zum „ich“ hören, soviel sei hier verraten, nicht auf, Rätsel aufzugeben.
In „lappland im winter / lappland im sommer“ geht es um eine Reise, die von Verweisen auf die skandinavische Mythologie begleitet wird – vor allem fällt der Urriese Ymir auf, den im Mythos die Götter getötet und aus dessen Körper sie die Welt gebaut haben; „ymir stirbt immerzu“ bei Kreipe.

die berge sind knochen
sein blut wird zu meer, sein geist zieht mit wolken.

Der Akt von Tötung und Schöpfung aus dem Mythos wird also ins Immer-wieder-Gegenwärtige geholt, in „träume / die durch mich hindurchgehen, ymirs kinder, riesenhafte // verwaiste, sternklare, groß wie driftende kontinente“.
Auch das „ich“ des Zyklus wird in existenzielle Grenzsituationen gebracht:

die schwester trägt einen kühlen mundschutz.
sie wird die wahrheit wissen.
[…]
jetzt spricht der mundschutz der wahrheit

 

seine dürren antworten aus. die minute rollt weiter
erblindet; und alle gedanken sinken und werden weiß

 

wie zu viel blutkörperchen, die formlose erste stunde
nach dem befund, morphinkristalle, schreckliche mengen schnee.

Birgit Kreipe, 1964 in Hildesheim geboren, schafft in aire aus vielfältigen Quellen neue, eindrückliche Räume (auch Klangräume – es sei jedem geraten, sich Gedichte daraus laut vorzulesen) und bringt diese in die Luft, die wir beim Lesen atmen.

Daniel Jurjew, Frankfurter Rundschau, 13.1.2022

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Michael Braun: Seelen aus Wasser
signaturen-magazin.de

Marion Poschmann: Lyrikempfehlung 2022
lyrik-empfehlungen.de

 

Birgit Kreipe und Dana Ranga im Gespräch mit Saskia Warzecha über ihre Bücher und über die Stoffe aire und Mond im Literarischen Colloquium Berlin am 30.6.2021

 

 

 

 

 

 

 

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