Vom Hören und Sagen der Poesie
Teil 7 siehe hier …
Es fällt schwer, aus Alains vielen disparaten Verlautbarungen zur Form, Funktion und Wirkung dichterischer Rede ein plausibles Fazit zu ziehen und ihre Widersprüchlichkeit zu begradigen. Seine begrifflichen und argumentativen Schwächen sind offenkundig, doch werden sie reichlich kompensiert durch eigensinnige Vergleiche, Metaphern, Exkurse und aphoristische Raffungen, die bestehende Ansichten oder Vorurteile zum «Wesen» der Lyrik jäh in Frage stellen und statt dessen überraschende neue Perspektiven eröffnen, auch wenn sich Alain oftmals in abgehobener, kaum noch verständlicher Weise ausdrückt. Die Subjektivität seiner Ausführungen gibt er dadurch zu erkennen, dass er fast durchgehend die Ich-Form verwendet, doch zugleich besteht er darauf, dass auch subjektive Wahrnehmungen und Überzeugungen objektive Relevanz haben.
Alains poetologische Einbildungskraft findet exemplarischen Ausdruck in einprägsamen Merksätzen wie diesen (aus einem «Propos» von 1935): «Der Dichter kann sich kommender Verse nicht sicher sein. Im Gegenteil, je grösser sein Gewinn, desto grösser der zu erwartende Verlust.» – «Der wahre Dichter gibt der menschlichen Sache Vorrang vor der unmenschlichen Sache; also steht auch die ganze Natur für ihn ein und folgt seinem Lauf. Der Reim, dieser tierische Schrei, und das Echo, dieser steinerne Schrei, sie führen gemeinsam die panische Jagd an.» – Wie soll man das verstehen? Soll man, kann man es verstehen?
Oder geht es Alain lediglich darum, etwas anzudeuten, das nicht zu beweisen, vielleicht nicht einmal vernünftig auszusprechen ist, also nur geahnt oder spekuliert werden kann? «Wozu all die Mühe? Der Dichter kennt dieses Wort nicht. Er sagt sich: Das nächste Gedicht kommt ohnehin. Und jedes Mal steht sein Rang auf dem Spiel. Und nichts zwingt ihn. Deshalb sieht man ihn gelegentlich in Wartehaltung.» Denn: «Das Gedicht wartet; das Gedicht ist unersättlich.»
… Fortsetzung am 19.10.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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