Lyrik gegen Fresspakete
Gottfried Benns Comeback im Nachkrieg
Teil 4 siehe hier …
Benn hat seinen künftigen Verleger nicht nur auf hohem intellektuellem und literarischem Niveau zu interessieren versucht, er hat ihm auch gleich dargelegt, wie er die anstehenden Geschäftsbeziehungen juristisch und finanziell vertraglich geregelt sehen wollte. Anstandslos akzeptierte Peter Schifferli sämtliche Forderungen des «sehr geehrten Herrn Doktor», auch die ungewöhnliche Bitte, ihm anstelle von Honorarzahlungen «Liebesgabenpakete» aus der Schweiz zukommen zu lassen, d. h. Esswaren, die in Deutschland nicht verfügbar waren. Doch im Hinblick auf Benns Manuskripte zeigte sich der Jungverleger bemerkenswert kritisch und selbstbewusst; er entfernte mehrere Texte aus dessen Vorlage (darunter eins seiner nachmals berühmtesten Gedichte, «Chopin») und übernahm als Ersatz dafür einige Stücke aus einem früheren Band – dies mit dem schlichten Hinweis, dass er sie «besonders liebe» und sie ihm «sehr wohl in den Zusammenhang [des nun gemeinsam geplanten Verlagswerks] sich einzufügen scheinen».
Benns unbedingtes Bedürfnis, den Band möglichst bald gedruckt zu sehen, war wohl grösser als seine Irritation über die schwach begründete verlegerischen Willkür. «Wenn ich über die Gründe Ihrer Ablehnung nachdenke, komme ich zu keinem Resultat», bekannte er, subtil ironisch, in seinem nächsten Brief an Schifferli. Immerhin gelang es ihm, die Wiederaufnahme der Gedichte «Chopin» und «St. Petersburg – Mitte des Jahrhunderts» noch rechtzeitig vor Druckbeginn zu erwirken. Schifferli wiederum versicherte ihn seiner uneingeschränkten Hochachtung und gab überschwänglich seiner Hoffnung auf weitere Zusammenarbeit Ausdruck. Auch beteuerte er bei dieser Gelegenheit erstmals sein «weitgehendes Verständnis» für Benns umstrittene «politische Haltung» im Dritten Reich, dazu die feste Überzeugung, dass allfällige diesbezügliche Debatten – wie im Fall von Ernst Jünger oder Martin Heidegger – zu seinen Gunsten ausgehen würden. In solchem Verständnis hat sich Schifferli nachfolgend in ungebrochener Solidarität für Gottfried Benns Comeback eingesetzt, indem er für die «Statischen Gedichte» Lizenzen nach Deutschland vergab und den Autor mit deutschen Verlagskollegen in Kontakt brachte.
… Fortsetzung am 6.11.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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