Lyrik gegen Fresspakete
Gottfried Benns Comeback im Nachkrieg
Teil 3 siehe hier …
Peter Schifferli, ein junger umtriebiger Büchermacher in Zürich, Gründer des Arche Verlags (1944), bot dem eben noch «verbotenen», weiterhin übel beleumdeten, sonst kaum noch bekannten Autor im Herbst 1947 eine attraktive Publikationsmöglichkeit an. Zuvor hatte er bereits, seinem besondern Interesse an expressionistischer Dichtung folgend, Lyrikbände von Trakl (1946) und Heym (1947) vorgelegt. Durch Gottfried Benn sollte diese prominente, später in grossem Umfang fortgeführte Reihe ergänzt werden. Durch einen schweizerischen Mittelsmann in Berlin liess ihm Schifferli das pauschale Angebot beziehungsweise den Vorschlag zukommen, eine Auslese von 50 Gedichten in Buchform zu verlegen.
Der erfahrene Autor, damals bereits im Pensionsalter, reagierte umgehend auf diese gänzlich unerwartete Offerte. Mit der demonstrativen Beflissenheit und Ehrerbietung eines ambitionierten Debütanten nahm Benn das Ansinnen des Verlegers vollumfänglich auf, indem er unter dem Titel «Statische Gedichte» gleich eine Textauswahl bewerkstelligte und diese auch in einem umfangreichen Geleitbrief erläuterte – «mit besten Empfehlungen» als «sehr ergebener Gottfried Benn». Demnach sollte das kommende Buch seine «innere ästhetische und moralische Lage» erkennen lassen, und es sollte darüber hinaus die «schöpferische Bändigung der schweren existentiellen Zerwürfnisse und Krisen» bezeugen, mit denen er und seine Generation «aus konstitutioneller Anlage und durch die exorbitanten äusseren Verwicklungen von Anfang an zu kämpfen hatte».
Das ist ein ebenso vages wie hochtrabendes Projekt, dem nach Benns Bekunden auch die «formale Methode der Gedichte» entsprechen musste, und zwar «in die Richtung des durch Konstruktion beherrschten, in sich ruhenden Materials». Damit wollte er seinen «Rückzug auf Mass und Form» einleiten, ein Vorhaben, das bei der deutschen Nachkriegsliteratur damals noch keinen Anklang finden konnte, da naturgemäss die Aufarbeitung des Nationalsozialismus im Vordergrund stand. Noch war das Sprachvertrauen schwer gestört durch die Erfahrung des langjährigen Missbrauchs sowohl der Alltags- wie der Dichtersprache im Dienst der NS-Ideologie – zu früh also für einen «Rückzug» ausgerechnet und vorrangig auf die Sprache als Garant für «Mass und Form».
… Fortsetzung am 5.11.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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