Egon Bondy: Die ersten zehn Jahre

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Egon Bondy: Die ersten zehn Jahre

Bondy-Die ersten zehn Jahre

DAS RUSSISCHE WÖRTERBUCH

Die vereinigten Stahlwalzwerke guten Rufs
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Dagegen das holde Stichwort „Freiheit“
besingt die des frohen Volkes Arebeit

Dem gebundenen Russischen Wörterbuch
gehört umgebunden ein stolzes Rotarmistentuch

Übersetzung: Jan Faktor und Annette Simon

 

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Egon Bondys explosiver Aufbruch in Zeiten der Straflager und Justizmorde

Im deutschen Sprachraum gibt es leider keine so schrille literarische Persönlichkeit, die sich mit dem Prager Dichter Egon Bondy vergleichen ließe. Robert Walser war eine reine und stille Seele – Bondy dagegen ein manischer Rebell, ein Provokateur, ein politischer Phantast. Gleichzeitig aber auch ein ernstzunehmender Philosoph. Und Georg Trakl? Auf keinen Fall – der gehört in einen ganz anderen literarischen und menschlichen Raum. Wenn man sich in der Weltliteratur umsieht, wird es leider auch nicht viel einfacher. Bondy hat als Mensch nichts vom tapferen Postsortierer Charles Bukowski. Auch fast nichts gemein mit Antonin Artaud und sehr wenig mit dem unberechenbaren Wüterich Louis-Ferdinand Céline. Dann vielleicht mit dem akademischen „Querdichter“ Ezra Pound oder dem diebischen „saint“ Jean Genet? Bloß nicht! Wenn schon, dann eher mit William S. Burroughs – und das eher nur aufgrund von dessen speziellen Kenntnissen über Psychopillen. Dann gäbe es natürlich auch noch den herrlich verärgerten und gern ärgernden Edelintellektuellen Witold Gombrowicz. Für eine derartige Zuordnung ist Bondys fiktive Prosa aber nicht originell und stark genug. Würde hier dann wenigstens der Vergleich mit dem leicht entzündlichen Friedrich Nietzsche gelingen, um einen kleinen Missgriff in die Vergangenheit zu wagen? Da wäre sicher einiges dran – ich höre trotzdem lieber auf. Einerseits sind es alles ziemlich falsche Fährten, die ich hier gerade gelegt habe, andererseits habe ich bei der Wahl der Namen auf keinen Fall zu hoch gegriffen. Wir Tschechen haben lediglich den Nachteil, keine Weltsprache zu sprechen. In Wirklichkeit hatte aber das, was im Nachkriegs-Prag seinerzeit künstlerisch gezündet wurde, tatsächlich Weltniveau. Allerdings sollte man ruhig noch Folgendes festhalten: Eine Erscheinung wie Egon Bondy konnte es wahrscheinlich nur in Prag geben. In einer etwas dekadenten, teilweise immer noch durch die k.-k.-Monarchie-Nachwehen geprägten Stadt; vor allem aber während der Turboerrichtung eines neuen Systems sowjetischer Bauart – und das ausgerechnet mitten im bürgerlichen Europa.
Der vorliegende autobiografische Bericht „Die ersten zehn Jahre“ umfasst die Jahre 1947 bis 1957 und legt ein – im guten Sinne – extrem außenseiterlastiges Zeugnis über die Zustände in der damaligen Tschechoslowakei ab. Authentischer, unmittelbarer, ungeschützter als es der entfesselte Exzentriker Egon Bondy – damals noch Zbyněk Fišer, geboren 1930 – festgehalten hat, lässt sich das künstlerische Aufbegehren eines Individuums kaum beschreiben. Wobei ausgerechnet Menschen wie er damals eigentlich kaum eine Chance hatten, mit heiler Haut davonzukommen – geschweige denn über diese Zeit zu berichten.
Für den jungen Zbyněk Fišer, der aus bürgerlichen Verhältnissen stammte, hatten der Surrealismus und der Bebop die erste künstlerische Erweckung gebracht. Hinzu kam dann die hoch ansteckende Begeisterung für die Weltrevolution, logischerweise bald vorrangig für den Trotzkismus. Etwas später noch für Taoismus, Buddhismus… Der wache marxistische Schwärmer Zbyněk Fišer spürte allerdings schon am Tag der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948, ausgerechnet beim Marschieren an der Seite der Fabrikarbeiter, dass an dem inszenierten revolutionären Neuanfang etwas faul war. Und er legte sich schon bald den Namen Egon Bondy zu, als er Anfang der 195oer Jahre eine illegale surrealistische Anthologie initiierte und mitherausgab. Aus Protest gegen den in der Sowjetunion aufgekommenen und propagandistisch angeheizten Antisemitismus hatten alle Beteiligten beschlossen, sich jüdische Namen zu geben.
Egon Bondy hat seine „Ersten zehn Jahre“ zwar erst im Jahre 1981 handschriftlich und etwas hastig, also ziemlich ungefiltert, an sieben „Arbeitsnachmittagen“ zu Papier gebracht; allerdings fällt die Entstehung in eine Zeit, als dies immer noch nicht ungefährlich war. Und eins scheint für den etwas legeren, alles andere als eitlen Ton des Berichts mitverantwortlich zu sein: Bondy entschloss sich zu der Niederschrift nicht aus eigenem Antrieb, er wurde dazu von seinem Umfeld regelrecht gedrängt. Da der handschriftliche Text anschließend noch sauber abgetippt, das heißt vor allem auch inhaltlich durchgesehen werden sollte, hat ihn Bondy auf Tonband gesprochen. Das Korrekturlesen und Vervielfältigen besorgte sein junger Bewunderer und späterer Herausgeber Martin Machovec. In aller Heimlichkeit wurde das nur in fünf Exemplaren existierende Typoskript dann an verschiedenen Orten aufbewahrt; von seiner Existenz wusste über lange Jahre nur eine Handvoll Freunde. Aber auch nach dem Zusammenbruch des Systems im Jahre 1989 weigerte sich Bondy beharrlich, „Die ersten zehn Jahre“ zum Druck freizugeben, obwohl in den 1990er Jahren fast sein gesamtes dichterisches, prosaisches und noch nicht erschienenes philosophisches Werk publiziert worden war oder zur Publikation vorbereitet wurde.1 Die seinerzeit ohne jegliche persönliche Rücksichten „hingeworfenen“ „Ersten zehn Jahre“ sollten erst fünfzig Jahre nach seinem Tod veröffentlich werden. Schließlich gab Bondy dem Drängen aus den Literaturkreisen um ihn herum aber nach. „Die ersten zehn Jahre“ erschienen im Jahre 2002.
Wie Tomáš Mazal in seinem erhellenden Vorwort der tschechischen Ausgabe schreibt, gibt es im Zusammenhang mit dem Schaffen von Egon Bondy als Dichter aber doch einen eindeutigen Bezug zur Literatur von Schriftstellern von Weltrang – und diese Parallele wird in der tschechischen Literaturgeschichtsschreibung nicht infrage gestellt. Das, was den Kreis der nichtangepassten Prager Literaten und Künstler Anfang der 1950er Jahre ausmachte, trug alle Merkmale der etwas später aufgekommenen „Beat Generation“ in den USA.2 Jack Kerouac begann an seinem Roman On The Road zwar schon 1948 zu arbeiten, publiziert wurde das Buch nach langwierigen Kämpfen mit seinem Verlag aber erst 1958. Howl von Allen Ginsberg kam 1956 heraus; dass es dann einen Gerichtsprozess nach sich zog, begründete teilweise Ginsbergs Ruhm. Was in Prag damals verbotenerweise – und sogar etliche Jahre früher – in der Kunst passierte, war mit der „typisch amerikanischen“ Rebellion tatsächlich eng verwandt. Man war darauf aus, Regeln und Konventionen der Mehrheitsgesellschaft zu missachten, und man nahm in Kauf, dass man von dieser verstoßen, verdammt und verfolgt werden würde. Zwar brachen Desperados wie Bondy in erster Linie mit den literarischen Konventionen und Normen, sie attackierten aber ebenso direkt auch ihr politisches Umfeld; ähnlich wie ihre geistigen Brüder – die amerikanischen Beatniks. Und noch eine wichtige Gemeinsamkeit der beiden rebellischen Gruppierungen gibt es: Auf beiden Seiten des Ozeans war es nur eine Handvoll Menschen, die für eine derartige Kompromisslosigkeit mutig genug war.

Wenn man die erst später in den USA entstandene Terminologie zur Hand nimmt, kann man ohne Zögern außerdem sagen, dass Egon Bondy zur ersten Generation des tschechischen Undergrounds gehörte – zusammen mit dem damals offiziell ebenfalls nicht publizierenden Bohumil Hrabal und anderen Schriftstellern, Malern und Grafikern. Zwei von ihnen sollten hier unbedingt genannt werden – Mikuláš Medek und Vladimír Boudník (bekannt vor allem aus Hrabals Roman Sanfte Barbaren). Zusätzlich wagten einige aus dieser kleinen Gemeinschaft auch noch Folgendes: Sie brachten eine illegale, auf Durchschlagpapier vervielfältigte Edition3 heraus, die Půlnoc (Mitternacht) hieß und eine Auflage von vier bis sechs Exemplaren hatte. Insgesamt kamen an die fünfzig Hefte zustande.
Die nachfolgende, also zweite Generation des tschechischen Undergrounds entstand dann erst etwa zwanzig Jahren später – in den Jahren nach der Okkupation von 1968. In dieser Zeit, bekannt als die Ära der politischen „Normalisierung“, gab es selbstverständlich ebenfalls diverse, mitunter harte Repressalien: Berufsverbote, persönliche Drangsalierungen, körperliche Misshandlungen. Von der strafrechtliche Verfolgung durch die politisch gesteuerte Justiz und anderen zermürbenden Alltagsschikanen ganz zu schweigen. Trotzdem waren diese späteren Zeiten wesentlich milder als diejenigen, um die es in Bondys chaotischen und in diesem Buch festgehaltenen zehn (streng genommen waren es elf) Jahren geht. Nach dem kommunistischen Putsch von 1948, als die jungen Wilden wie Bondy künstlerisch erwacht waren, war es lebensgefährlich, sich derartig frei, offen und offensiv zu artikulieren. Die kommunistische Partei war dabei, ihre Macht zu festigen – sie eliminierte aus dem öffentlichen Leben die bürgerliche Intelligenz, liquidierte konsequent die Grundlagen von deren beruflicher Existenz, sie beging Justizmorde, verhaftete massenhaft politische Gegner, „säuberte“ die Gesellschaft ohne jegliche Rücksicht auf wirtschaftliche Folgen… und die Straflager, vor allem die berüchtigten Lager der Uranminen, füllten sich mit Arbeitssklaven. Zu Tode gefoltert oder hingerichtet wurden damals nicht nur hohe Militärs und oppositionelle Politiker, sondern auch „abtrünnige“ linke Intellektuelle wie Záviš Kalandra, mit dem Egon Bondy bis zu dessen Verhaftung in engem Kontakt gestanden hatte. Und was schreibt der immer wieder manisch produzierende Bondy, während um ihn herum „sozrealistisch“ und mit blumigen Metaphern der Generalissimus Stalin besungen wird?4

Als du kamst
las ich gerade einen Bericht über die Hochverratsprozesse
Nach einer Weile zogst du dich aus
…
Nachdem du gegangen warst
las ich noch das Ende über die Hinrichtungen

oder

SSSR
scheißt sich selbst russsammen
5

oder:

Kackscheiß Regierung Kackscheiß Demokratie und Kackscheiß Freiheit… Kackfrieden und Kackscheißarbeit… Kackscheiß im Kopf im Herzen in der Hose… Kackscheiß Marx Kackscheiß Papst Kackrevolution / Kackscheiß euer Glaube Kackscheiß eure fleißigen Kackhände… Kackscheiß Heimat und Kackscheiß Weltenaufbruch / Kackzukunft euch erwartet nur Fortschrittskacke… mit einer Kacke aus einer Kacke seid ihr geboren / in einer Kacke lebt ihr bis ihr euch fertigverkackt habt / für einen Kackscheiß arbeitet ihr / in Jetten Kackhaufen liebt ihr euch / euer Leben schleppt sich von einem Kackscheißhaufen zum nächsten…6

Zugegeben: Primitiver, fäkalschwerer, nacktpoetischer geht es kaum. Aber nichts anderes hatte Bondy im Sinn. Seine erste „nachsurrealistische“ Gedichtsammlung nannte er programmatisch Totaler Realismus. Und die seiner Poesie immanente Art „Realismus“ – „Nackter Realismus“?… „Realismus des Nackten“? – könnte man ohne weiteres als eine Kriegserklärung an jede bemühte Poetik der Zukunft sehen. Zu Bondys raffiniertem Primitivismus noch ein ganz kleines Beispiel:

Gestern beim Sonntagsmarsch
juckte mich mein Alltagsarsch
…
7

Da Bondy perfekt Deutsch sprach und in einer Zeit literarisch erwacht war, bevor die Präsenz der literarischen Moderne im öffentlichen Leben auf ein Minimum reduziert wurde und alles „Unpassende“ aus den Bibliotheken verschwand, kannte er natürlich die bis dahin erschienene experimentelle Literatur aus Westeuropa, neben dem Surrealismus also auch den deutschen Dadaismus.8 Er liebte die deutsche Sprache und schrieb in den 1950er Jahren (nur einige Jahre nach dem Ende des Krieges!) manche Gedichte sogar auf Deutsch. Und Martin Machovec benennt und erläutert in einem seiner vielen Essays und Aufsätze über Bondy einen ganz wichtigen Einfluss auf dessen Schaffen: Bondy war als junger Mann über alle Maßen von der Nonsens-Poesie Christian Morgensterns begeistert, und er entschloss sich – ohne eine reale Chance, etwas davon publizieren zu können –, die Galgenlieder ins Tschechische zu übersetzen. Und obwohl Bondy nicht der Allererste war, der sich im Tschechischen an Morgenstern heranwagte, war seine Arbeit seinerzeit eine Pionierleistung. Und die Übersetzungen sind zum Glück erhalten. Eine Auswahl war 1951 sogar – in einer Auflage von vier Stück – in der schon erwähnten Edition Půlnoc herausgekommen. Insgesamt hat Bondy etwa achtzig Gedichte von Morgenstern übersetzt, wobei er mit dem Ergebnis später nicht wirklich zufrieden war. Die eigentlichen, später offiziell publizierten und auf Dauer kanonisierten Morgenstern-Übersetzungen stammen von dem wichtigsten tschechischen Experimentaldichter der Nachkriegszeit Josef Hiršal.
Wer die frühen Texte von Bohumil Hrabal kennt, wird sich sicher an die dort herumgeisternde, eher fiktiv wirkende Figur Egon Bondy erinnern. Egon Bondy wird von Hrabal – auch in dem schon erwähnten Roman Sanfte Barbaren – absolut treffend und mit einem leicht ironischen Blick porträtiert. Bondy fand diese mit ihm natürlich nicht abgestimmten Auftritte zwar nicht übermäßig witzig, fühlte sich durch die wiederholte Präsenz in Hrabals Prosa allerdings auch geehrt. Hrabal studierte bereits in den 1930er Jahren, wurde nach dem Krieg Doktor der Jurisprudenz. Egon Bondy schaffte es, durch ein kleines Wunder irgendwann das Abitur nachzuholen und in den 196oer Jahren sogar noch ein Philosophiestudium abzuschließen. Ende der 1960er Jahre wurden sogar zwei philosophische Schriften von ihm offiziell publiziert, außerdem noch eine Monografie über Buddha. Das waren aber schon ganz andere Zeiten. Die zehn/elf Jahre, also die Jahre 1947 bis 1957, hat Bondy einfach „stolz durchgammelt“, wie er selbst in seinem Bericht zugibt, es also trotz allgemeiner Arbeitspflicht geschafft, überhaupt nicht zu arbeiten, keine Ausbildung abzuschließen; es aber auch fertiggebracht, nicht als Wiederholungstäter und Krimineller für lange Jahre im Gefängnis zu landen. Im Grunde ist es so etwas wie das nächste kleine Wunder in seinem Leben. Bondy hat in dieser Zeit oft gebettelt, geklaut, auf eine todesmüde Art Schmuggel betrieben, vom Geld seiner Freunde gelebt, in Kneipen andere bezahlen lassen. Er hat sich viele Freiheiten ganz einfach bedenkenlos genommen – tatsächlich genauso wie die amerikanischen Beatniks.
Dass in diesem Nachwort kein „Bondy-naher“ russischer Dichter genannt wird, ist kein Zufall. In welcher Zeit hätten sich dieser Dichter auch entfaltet haben können? Zwar kam es unmittelbar nach der Revolution von 1917 zum erstaunlichen Aufbruch der künstlerischen Avantgarde, von der Atmosphäre der Angst blieben aber auch die linksintellektuellen Künstler nicht unberührt. Und der nachrevolutionäre politische Terror setzte sich – bis 1924 noch unter Lenin, dann unter Stalin – über Jahrzehnte unaufhaltsam fort. Und nach und nach verschwanden auch die egal wie nichtbürgerlichen, „fortschrittlichen“ Dichter, Schriftsteller und Theatermacher in Gefängnissen und Lagern oder brachten sich wie Jessenin oder Majakowski selbst um (um nur zwei der Prominentesten zu nennen). Und nach dem Zweiten Weltkrieg, also in den Zeiten von Bondys Aufbegehren, öffneten sich in der Sowjetunion vorsichtig gewisse Freiheitsräume erst viel zu spät in den 1960er Jahren. Dabei enthüllte Nikita Chruschtschow die Verbrechen Stalins bereits 1956, drei Jahre nach dessen Tod.
Bondy war sich seiner Größe als Dichter selbstverständlich bewusst, und öffentliche Anerkennung hätte ihm natürlich auch einiges bedeutet. Er hat sich in diesem Punkt aber nicht beirren lassen, nicht mal in seinen depressiven Phasen, als er sich „wie ein Stück Scheiße“ fühlte und allen Ehrgeiz als vergeblich, sinnlos und grotesk ansah. Mit dem Thema Sinnlosigkeit allen Tuns beschäftigte er sich ausführlich auch als Philosoph.
Die Lebensgeschichte von Egon Bondy ist auch eine Geschichte seiner Aufenthalte in der Psychiatrie – und eine Geschichte von überbordendem Alkoholkonsum. Das erste Mal wurde er von seinem Vater, einem pensionierten hohen Offizier, in eine psychiatrische Klinik gebracht – vor allem zu seinem eigenen Schutz. Da war der gefährdete Sohn Zbyněk erst neunzehn Jahre alt. Und die Psychiatrie sollte Zbyněk Fišer auch später immer wieder Schutz bieten. Die Nachkriegsjugend trank damals noch vorwiegend billigen Obstwein, später das schwache Nachkriegsbier – davon konnte man angeblich noch die legendären „vollen Bassins“ in sich hineingießen. Und wie jeder – jedenfalls in Tschechien – auch noch weiß, enthält das Bier unter anderem das mit dem THC verwandte Halluzinogen Lupulin.

Gestern
war ich nüchtern.
9

So Bondy in einem Kurzgedicht aus dem Jahre 1950. Egon Bondy war aber trotz seiner langjährigen Bierkonsumexzesse offenbar (jedenfalls in seiner zweiten Lebenshälfte) eine Art kontrollierter Alkoholiker, was er eindeutig auch seiner um zehn Jahre älteren, aufopferungsbereiten und körperlich leider noch schwerer als er angeschlagenen Lebensgefährtin Julie zu verdanken hatte. In späteren Jahren sorgte sich Bondy sogar in Eigenverantwortung um seine Gesundheit, trank angeblich nicht mehr – jedenfalls durfte/sollte er nicht trinken. Er wurde siebenundsiebzig Jahre alt, und er starb viel zu früh an Verbrennungen, die er sich – ähnlich wie Ingeborg Bachmann – nachts beim Rauchen im Bett zugezogen hatte. Die Geschichte von Egon Bondy ist zu guter Letzt allerdings auch eine bedrückende Geschichte von Verrat.
Die Prager (literarische) Öffentlichkeit ist – was Bondys Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei StB betrifft – schwer gespalten. Obwohl ich persönlich alles Relevante nach und nach gelesen habe und auch einige Vergleiche zu etlichen, egal wie anders gelagerten ostdeutschen Verratsgeschichten ziehen kann, hat es doch etwas gedauert, bis ich Bondys Doppelleben einigermaßen klar einordnen konnte. Ivan Jirous, der führende Aktivist und Theoretiker des tschechischen nach-1968er Undergrounds, schreibt 1979 in seinem Aufsatz „Ich habe eine Zitterpappel für Sie gepflanzt, Herr Doktor!“:

Ich will ihn [Bondy] nicht verteidigen, weil er so etwas gar nicht braucht, und ich will mich auch nicht damit brüsten, dass ich ihm vergeben habe.

Und:

Bondy lebt in diesem politischen Sumpf schon fünfzehn Jahre länger, und er hat die 1950er Jahre voll abbekommen… Und das ist, als wäre er fünfhundert Jahre älter.10

Dazu muss man unbedingt noch wissen, in welchem Zusammenhang der erwähnte Aufsatz geschrieben worden ist. Jirous galt 1976, als ein großer Prozess gegen die Mitglieder der Rockband The Plastic People of the Universe und ihr Umfeld vorbereitet wurde, für die Strafverfolger als der Hauptschuldige. Er war nun mal nachweislich der künstlerische Leiter der Band. Als er im Untersuchungsgefängnis von seinem Anwalt die Zeugenaussagen von Zbyněk Fišer und anderen vorgelegt bekommen hatte, war er – was Fišer/Bondy betraf – vollkommen entsetzt, regelrecht schockiert. Was Bondy zu Protokoll gab, war unerhört; es waren einfach völlig unnötige und außerdem gefährlich detaillierte Denunziationen. Und Jirous wollte mit Bondy nie wieder etwas zu tun haben, ihm nach der Entlassung nur noch einen vernichtenden letzten Brief schreiben. Als er später nach dem Absitzen seiner Strafe – es war schon seine zweite von insgesamt fünf – Egon Bondy zum ersten Mal wiedersah, umarmte er ihn ohne Zögern. Der ganze Groll war wie vergessen. Und dies lässt sich sicherlich nicht nur damit begründen, dass Jirous ein tief religiöser Mensch war.

In diesem Nachwort auch noch die legendäre Geschichte der Band The Plastic People of the Universe plastisch zu schildern, würde den Text leider sprengen. Trotzdem darf hier einiges nicht unerwähnt bleiben. Nach der ersten, noch in der Legalität verbrachten Schaffensphase der Band, als – wie damals üblich – vorwiegend Englisch gesungen wurde, kam es zu einem entscheidenden Ereignis. Die provokative Experimentalband des Fluxus-Pioniers und Happening-Aktivisten Milan Knížák Aktual sang grundsätzlich auf Tschechisch – und war authentischer und in diesem Punkt noch radikaler als The Plastic People mit ihren vor allem übernommenen Songs von zum Beispiel The Velvet Underground (John Cale, Lou Reed), The Fugs (Ed Sanders, Tuli Kupferberg) oder The Mothers of Invention (Frank Zappa). Die Protagonisten der Band griffen hier einfach – die entsprechenden LPs gelangten vereinzelt natürlich auch nach Prag – intuitiv und dankbar auf alles zurück, was Ende der 1960er Jahre der unversöhnliche, establishmentfeindliche amerikanische Underground zu bieten hatte; musikalisch jedenfalls. Und dank des nachträglichen aufklärerischen Wirkens von Ivan Jirous, der selbst kein Musiker war, wussten auch die notgedrungen proletarisch sozialisierten Plastic People irgendwann Bescheid und kannten dann auch die maßgeblichen Namen und Fakten. Der Kunsthistoriker Jirous und seine damalige Frau Vera hielten für den Umkreis von The Plastic People außerdem Vorträge über bildende Kunst (im Zentrum natürlich: Andy Warhol und die Popart), organisierten Landart-Aktionen oder veranstalteten Bildungsausflüge. Die Musiker erfuhren nach und nach zum Beispiel auch einiges über den Politchaoten Abbie Hoffman, der Ende der 1960er Jahre den „totalen Sturm auf die Kultur“ verkündete, über den Briten Jeff Nuttall und den Drogenpapst Timothy Leary. Außerdem wurde Ivan Martin Jirous, der allerdings mit Vorliebe „Magor“ (Depp) genannt wurde, zum eindrucksvollen Chronisten dieser Zeit, schrieb eine Vielzahl von Essays – und hielt bis ins letzte Detail die ganze Geschichte des gesamten zweiten tschechischen Undergrounds fest. Ein recht früher, prägender und illegal eifrig verbreiteter Essay heißt „Der Bericht über die dritte tschechische musikalische Wiedergeburt“, geschrieben 1975.11 Seinen gesammelten theoretischen Schriften verdanke auch ich einen großen Teil meines hier zum Thema Underground präsentierten Wissens.
Nach einem gemeinsamen Auftritt der beiden Bands – also Aktual und The Plastic People of the Universe – brauchten die Plastic People unbedingt originäre tschechische Texte. Und so lag der Zugriff in die Wunderkiste mit den völlig unbekannten und aus vielen Gründen nicht publizierbaren Gedichten von Egon Bondy auf der Hand. Auf diese Weise verknüpfte und verband sich wie selbstverständlich der sich neu bildende Underground mit den künstlerischen Widerstandskreisen aus den 195oer Jahren. Ivan Jirous und der Doktor der Philosophie Zbyněk Fišer hatten sich bereits bei einem gemeinsamen Aufenthalt in der Psychiatrie im Jahre 1969 oder 1970 kennengelernt; sie verstanden sich ausgezeichnet und mochten sich vom ersten Augenblick an. Wobei Jirous zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass er es bei dieser Begegnung ausgerechnet mit dem in Prag berüchtigten, geheimnisvollen Dichter Egon Bondy zu tun hatte. Die Musik zu Bondys Texten schrieb schließlich der Sänger und Bassist der Band Milan Hlavsa.

Mit welch einer irren Zuneigung
setzt mir zu – meine üble Verstopfung
In meinem Bauch steckt ein harter Klumpen
in der Harnblase flammt es mitunter
Meinem Mund entweichen giftige Gase
oder Dickflüssig-Breiiges mal als Phase
Mein Darmrohr gammelt vor sich hin
oder es wächst da was kantig kristallin
Ach mit welch einer üblen Zuneigung
setzt mir zu – meine irre Verstopfung
12

Die ungewohnte Knappheit mancher Gedichte von Bondy und ihre emotionale Härte, ihre teilweise provokative Trivialität, die Unverschämtheit der Reimerei – aber auch ihr Humor – waren für die Plastic People wie geschaffen, wirkten regelrecht maßgeschneidert; dabei hatten manche der Texte bis zu zwanzig Jahren in irgendwelchen Schubladen gelegen. Die Zeiten, in denen der tschechische Rock’n’Roll auf Englisch sang, waren hiermit endgültig vorbei.13
Die weiter oben erwähnte Strafverfolgung der Plastic People und von deren Umfeld scheiterte größtenteils dank der Publizität, die dieses politisch motivierte Verfahren im Westen hervorgerufen hatte. Dies war in erster Linie das Verdienst von Intellektuellen um Vaclav Havel,14 die sich Zugang zu den Verhandlungen verschafft hatten, sie protokollierten und alle wichtigen Informationen dann in Umlauf brachten. Die Verfolgung scheiterte aber auch an der fehlenden Substanz der Anschuldigungen. Die Anklage warf der Band im Kern vor, aufgrund der Verwendung vulgärer Ausdrücke (die allerschlimmsten und durch „empörte“ Zeugen belegten waren „Arsch“ und „Scheiße“) wiederholt öffentliches Ärgernis, also Ausschreitungen verursacht zu haben. Und dies war dem Gesetz nach nun mal strafbar. Die meisten bis auf Jirous, den Saxofonisten Vratislav Brabenec und zwei andere Musiker (den Liedermacher Svatopluk Karásek und Pavel Zajíček von der Band DG307) wurden aus der Untersuchungshaft schließlich entlassen. Am Ende gab es somit nur drei relativ moderate Verurteilungen ohne Bewährung für die drei gerade Genannten. Jirous bekam als Organisator, Anführer und ein „auf illegale Weise Gewerbetreibender“ anderthalb Jahre, natürlich ebenfalls ohne Bewährung. Diese Zäsur – Gefängnisaufenthalte, Verhöre, diverse Schikanen – hatte aber natürlich trotzdem ernsthafte Folgen. Die Repressionen nahmen bald auch wieder zu, viele Protagonisten des Undergrounds wurden schließlich zur Emigration gezwungen. Jirous musste nach einer kurzen Erholungspause eine weitere Strafe antreten (er verbrachte insgesamt achteinhalb Jahre in unterschiedlichen Gefängnissen, als ein „Wiederholungstäter“ dann unter schwersten Bedingungen).
Den nächsten und übernächsten Einbruch in das Leben von Egon Bondy brachten das Ende des alten Regimes und dann die 1992 illegal erfolgte Veröffentlichung der kompletten Listen15 der von der Staatsicherheit geführten „geheimen Mitarbeiter“16 – samt ihrer Geburtsdaten und Decknamen. Wobei Bondys geheimpolizeiliche Verstrickung in den Kreisen der politischen Opposition und auch des Undergrounds schon lange kein Geheimnis mehr war. Egon Bondy wurde – wohlgemerkt in einem Zeitraum von fast dreißig Jahren – insgesamt drei Mal zur Mitarbeit angeworben und verpflichtet. Angesichts der bedrohlichen Situation, in der er sich von Anfang an befand, war das allerdings kein Wunder. Und die Angst war selbstverständlich auch in der ersten Phase von Bondys Zusammenarbeit in den 1960er Jahren (1961–1968, Deckname „Klima“) entscheidend, obwohl hier die Verpflichtung mitunter eine ideologische, marxismuslastige Komponente hatte. Der Bondy „verführende“ führende Offizier und Kommilitone beim Philosophiestudium Kořínek agierte offenbar sehr geschickt und freundschaftlich, wobei Bondy natürlich klar war, dass die Geheimdienstler auch „ganz anders“ konnten. Und der über dreißigjährige Student Bondy wollte auch noch unbedingt zu Ende studieren. Diese Phase endete für Bondy mit einem Zusammenbruch, einem erneuten Aufenthalt in der Psychiatrie. Schließlich wurde ihm zum Glück eine Art „kopfbedingte“ Invalidenrente zugesprochen; er litt im Grunde sein Leben lang an einer manisch-depressiven Störung. Bondys erschreckend dienstfertige und schwer destruktive Kooperation mit dem Geheimdienst während der Zeit nach der 68er-Invasion (1974–1977, Deckname „Mao“)17 lässt sich dann letztendlich nur mit seiner panischen Angst vor den Methoden der Geheimpolizei, seiner Angst vor einer Haftstrafe und vor den in den Gefängnissen herrschenden Zuständen erklären. Außerdem haben ihm auch seine vielen gesundheitlichen Probleme, seine Schlaflosigkeit zum Beispiel, Angst bereitet. Als Agent erfüllte Bondy, besser gesagt Zbyněk Fišer, in dieser Zeit auch brisante Aufträge und geheimdienstliche Missionen, die für die „Zielpersonen“ aus den Kreisen der Opposition und deren illegale Aktivitäten harte Konsequenzen hatten. Und Bondy lieferte Informationen besonders eifrig über diejenigen Personen, die er persönlich nicht mochte oder mit denen er politisch-ideologisch über Kreuz lag. Trotzdem betrachten viele wichtige Kenner der Akten und der Arbeitsweise des Geheimdienstes – wie der führende Akteur der Totalitarismusaufarbeitung František Stárek18 – Bondys Verrat überraschenderweise recht unaufgeregt und mit Verständnis. Das hat vor allem mit der Einsicht in die Notlage des Menschen Zbyněk Fišer zu tun; teilweise aber auch (nicht so bei Starek) mit der Wertschätzung des Dichters Egon Bondy – des von Mr. Hyde vorsichtshalber separat zu betrachtenden Dr. Jekyll der tschechischen Literatur. Und aus den Akten des Geheimdienstes wurde auch noch – vor allem im Zusammenhang mit dem juristischen Feldzug gegen die Plastic People – klar, wie viel an echter Sympathie Bondy für die jungen Rebellen und die lebendigen Undergroundkreise seinerzeit entwickelt hatte. Es ist ausreichend gut belegt, dass die Geheimdienstler Bondy deswegen zunehmend als unzuverlässig, was seine Kooperationsbereitschaft betrifft als schwankend und daher nicht wirklich brauchbar einstuften. Seinen Offizieren fiel natürlich auch noch auf, dass ihr Agent sie immer wieder belog.19 Und man beendete die Zusammenarbeit mit ihm schließlich im Jahre 1977. In der dritten Phase (1985–1989, Deckname „Oskar“) wurde Bondy schließlich nicht mehr als „Agent“, sondern nur noch als ein „Vertrauensmann“ geführt.
In diese Richtung weisen auch die Einschätzungen des Schriftstellers Peer Placák.20 Bondy war seiner Meinung nach – und das vorliegende Buch illustriert dies ganz plastisch – grundsätzlich das Gegenteil eines regimetreuen Bürgers. In einem sehr persönlichen und wohltuend schlüssigen Essay21 meint Placák außerdem noch, dass Bondy dank seines enormen Einflusses dem Regime hundert Mal mehr schadete, als Zbyněk Fišer für dieses Regime überhaupt tun konnte. Und er erinnert daran, dass Bondy das kommunistische System schon Ende der 1940er Jahre als faschistisch bezeichnet hatte. Außerdem zitiert er einige seiner Gedichte – in einer längeren Fassung des erwähnten Essays zum Beispiel das folgende aus dem Jahre 1974:22

Ich nahm das Porträt unseres Herrn Präsidenten
und das Porträt des Genossen Generalsekretärs
knetete beides mit ordentlich viel Katzenscheiße zusammen
schmiss würzige Fotzenhärchen einer erhängten Alten drauf
und buk mir unter Verwendung weiterer Ingredienzien
eine sättigende Mahlzeit
Am Ende kotzte ich alles frei heraus in die Toilette

Exemplarisch findet Placák auch ein Gedicht aus dem Jahre 1951:23

Alles, was faschistisch ist
ist mir sympathisch
das ist mein klarer Weg zum Kübel
nix gelöst, nicht erlöst – auch nicht übel
24

Placák sagt dazu:

Bondy schreibt Verse wie einer, der sich von der Vorstellung einer Plattform befreit hat, auf der er mit dem herrschenden Regime hätte zusammenfinden können. … Es sind keine Provokationen, das ist nichts anderes als ein ontologisch begründetes Anderssein. Bondy-Autor schlägt in seinen Texten den Diskurs kaputt, den das Regime der Mehrheitsgesellschaft aufgezwungen hatte.25

Ganz charakteristisch für Bondy ist laut Placák vor allem dessen absolute Offenheit, Gnaden- und Schonungslosigkeit sich selbst gegenüber, die in erster Linie in seiner Poesie zum Ausdruck kommen.
Falls jemandem einige Schilderungen von Egon Bondy aus dem vorliegenden Buch zu unwahrscheinlich vorkommen sollten: Der beste Kenner seiner Biografie und Herausgeber seiner Schriften Martin Machovec – nebenbei auch der „Hauptdrängler“, der Bondy zu der Niederschrift des jetzt auf Deutsch vorliegenden Berichts einst bewogen hatte – hat alle im Buch erzählten Geschichten minuziös nachrecherchiert. Und er schlussfolgert, dass bis auf einige Übertreibungen alle im Buch enthaltenen Fakten der Wahrheit entsprechen. Nicht verifiziert werden konnte lediglich, ob Bondy dem französischen, in Wien operierenden Geheimdienst tatsächlich angeboten hatte, mit Hilfe von infizierten Flöhen (ausgesetzt durch Bondys „russisches Agentennetz“ bei einer Parade auf dem Roten Platz) die oberste sowjetische Führungsriege – also Stalin, Woroschilow, Berija, Molotow und andere – zu infizieren und auf diese Weise massiv auszudünnen. Diese Phantasmagorie, die er den Franzosen im Namen des Weltfriedens zu verkaufen suchte, ist ihm allerdings, da er sich gerade in Wien in einer völlig ausweglosen Lage befand, ohne weiteres zuzutrauen. Und Bondy lebte dort tatsächlich eine ganze Weile ausschließlich von den Vorschusszahlungen der französischen Stellen.
Für die heutige Rezeption ist aber sowieso etwas anderes viel wichtiger als die absolute Sicherheit in Sachen Faktentreue: Bondy behandelt in diesem Buch ausschließlich seine geheimdienstlich vollkommen unbefleckten Jahre, also Jahre, in denen er nichts zu verbergen hatte. Ein Glück auch für dieses im engen Austausch mit einigen tschechischen Bondy-Exegeten verfasste Nachwort. Vielleicht dürfte an dieser Stelle auch der vollkommen ehrliche, offenherzige, offenbar leider an nicht zu vernachlässigendem Verfolgungswahn leidende Jean-Jacques Rousseau erwähnt werden? Auf alle Fälle wurde der Einbruch des Kommunismus in die Welt der bürgerlichen Boheme nirgendwo so nackt, unbeleckt und rücksichtslos beschrieben wie in diesem einmaligen Buch von Egon Bondy.
Und noch eine Notiz für diejenigen, die dieses Nachwort aus Interesse an Fakten zuerst lesen sollten: „Die ersten zehn Jahre“ beschreiben unter anderem Bondys schicksalhafte Beziehung zu einer Frau, die ihn, aber nicht nur ihn, wiederholt zum Äußersten trieb. Jana (Honza) Krejcarová war die Tochter von Milena Jesenská.26 Sie war pathologisch maßlos, im kosmischen Sinne asozial, nymphomanisch, kriminell und absolut originell – und angeblich unwiderstehlich. Und wer mit ihr nähere Freundschaft geschlossen hatte, kam von ihr nur unter Qualen und vollkommen blank wieder los.

Für die ganz junge, sozusagen übernächste Generation des tschechischen literarischen Undergrounds der 1980er Jahre – ich nenne hier exemplarisch Jáchym Topol und Petr Placák – war Egon Bondy in seiner Radikalität ein prägendes Vorbild. Obwohl ihn gleichzeitig eine etwas monströse, sogar leicht obsolet-groteske Aura umgab; allerdings keinesfalls eine zynische. Man wollte, genauso oder ähnlich wie Bondy, nicht nur literarisch keine besonderen Rücksichten mehr nehmen – weder formal noch inhaltlich noch persönlich. Schamlosigkeiten und Vulgarismen aller Schattierungen, authentische mündliche Ausdrucksweise, peinliche Selbstbesudelung – alles sollte erlaubt sein. Auch in politischen Dingen war schrankenlose Offenheit angesagt, und die deshalb zu erwartende Verfolgung seitens der Staatsmacht nahm man in Kauf. Allerdings war es ausgerechnet an diesem Punkt zu einem unerwartet reinigenden Bruch gekommen, den man eindeutig als den Beitrag der neuen Generation bezeichnen könnte. Angesichts der täglich präsentierten, bodenlosen Lügen des sowjetrusslandhörigen Regimes erwuchs bei den jungen oppositionellen Literaten eine neue strenge Moralität, also eine fast jungfräuliche Sehnsucht nach Reinheit.27 Das Regime reagierte auf den mutig wuchernden „Wildwuchs“ dementsprechend aggressiv. Die Geheimdienstler konnten es einfach nicht fassen, dass es junge Menschen gab, die es trotz der zu erwartenden harten Konsequenzen wagten, sich der bestehenden Gemeinschaft des Widerstands aus freien Stücken anzuschließen. Zumal junge Oppositionelle physisch viel brutaler „angefasst“ wurden als die älteren, sozusagen „langgedienten“ Feinde des Staates. Gerade hier muss Bondy offenbar etwas entdeckt haben, was ihn an seine eigenen Anfange in den 1950er Jahren erinnerte. Und siehe da: Bondy muss an diesem Punkt als „Agent“ oder „Vertrauensmann“ – wie bereits angedeutet – eine mutige Entscheidung getroffen und es vermieden haben, den neuen literarischen, teilweise auch musikalischen Untergrund zu denunzieren. Über die „Moralität“ von Bondy machte man sich in den Undergroundkreisen zwar schon lange keine Illusionen mehr – ob dies bei derart vereinfachter Betrachtung nun gerecht war oder nicht. Bondy beteiligte sich als Autor beispielsweise an der schon erwähnten, konspirativ gedruckten Zeitschrift Vokno – und hielt hier, wie man inzwischen nachprüfen konnte, bei seiner Berichterstattung auch vollkommen dicht.
Der „unabhängige“ Egozentriker Bondy, der nun mal alles seinem Schreiben untergeordnet hatte,28 war alles andere als irre… Oder ganz anders gesagt: Niemand konnte sich beim Schreiben so frei fühlen – meint Petr Placák – wie der ethisch unverwundbare, monströse Antiheld und „Verlierer“ Egon Bondy. Und vielleicht ist er trotz seines Doppellebens, meine ich, wunderlicherweise einer der wenigen, dem die Literaturgeschichte einen würdigen Platz als einen großen Dichter offen halten wird. Das Beispiel Sascha Anderson aus der jüngeren deutschen Vergangenheit muss man dagegen auf eine ganz andere Qualitätsstufe beziehungsweise Stufe der Verderbtheit stellen. Andersons Verschlagenheit und Verlogenheit waren auch in seinem Ostberliner Alltagsleben notorisch. Anerkennend, respektvoll, begeisterungsbereit und ohne jegliche Vorab-Überheblichkeit29 wie Bondy war Anderson nie. Und Anderson hält sich bis heute für jede Gelegenheit eine andere passende Nebelkerze bereit, schützt sich bei konkreten Fragen durch gekonnt-wirres, wirr-gekonntes Pseudophilosophieren und belügt dabei zugleich offensichtlich auch sich selbst. Zugegeben: Bondy konnte gelegentlich auch viel wirres, marxistisch radikalinskihaftes und antikapitalistisch windschiefes Zeug erzählen. Und so gab es natürlich nicht nur berufliche Gründe dafür, warum Bondy 1993 nach Bratislava, in die Hauptstadt der unabhängig gewordenen und politisch wesentlich anders tickenden Slowakei, „emigrierte“. Er war dem Ruf der Universität in Bratislava gefolgt, dort Vorlesungen über Marxismus zu halten – und entzog sich damit allen, in Tschechien zum Teil heftig geführten Debatten beziehungsweise peinlichen Befragungen über seine Vergangenheit. Beerdigt wurde Bondy zum Glück aber in Prag, von wo es angeblich – wie Bohumil Hrabal ihm beim Abschied im Jahre 1995 gesagt haben soll30 – den „kürzesten Weg in den Himmel gibt“.

Jan Faktor, September 2022, Nachwort

 

Egon Bondy (1930–2007)

der „Vater des tschechischen Undergrounds“, saß zeitlebens als radikalverweigernder Außenseiter zwischen allen Stühlen. Sein Erinnerungstext „Die ersten zehn Jahre“ über die Zeit zwischen 1947 und 1957, zeichnet ein Portrait der tschechischen Avantgarde kompromisslos subjektiv, formal und inhaltlich provozierend schildert er die explosive Wirkung des anarchischen Aufbruchs, der die tschechische Literatur auf den Kopf stellte.

Guggolz Verlag, Klappentext, 2023

 

Die Kunst mitten im Höllensturz

– Egon Bondy schrieb über Verfolgung, sexueller Besessenheit und Psychiatrisierung. Seine Autobiografie ist eine wichtige Entdeckung. –

„Gewesene Leute“ ist der Titel einer Kurzgeschichte Maxim Gorkis von 1897 über sozial entgleiste Bürger des Zarenreichs, ein Vorläufertext für sein berühmtestes Stück, das Nachtasyl. Die Bezeichnung aus dem späten 19. Jahrhundert sollte sich nach der russischen Oktoberrevolution dann einbürgern für die entmachteten Eliten der 1917 gestürzten Ordnung, für jene auf den Straßen von St. Petersburg bettelnden ehemaligen Admiräle, Minister und sich prostituierenden Gräfinnen.
Aber auch der kommunistische Putsch 1948 in der Tschechoslowakei hat solche „gewesenen Leute“ hervorgebracht. Zum Beispiel Zbyněk Fišer, der sich später Egon Bondy nannte: Schriftsteller, Philosoph und Bohemien, Sohn eines hohen Militärs im Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit. Oder die Tochter der in Ravensbrück ermordeten Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Kommunistin und Kafka-Freundin Milena Jesenská: Jana Krejcarová, die unter dem Spitznamen „Honza“ in der Prager Boheme berühmt war.
Fišer/Bondy war während der kurzen demokratischen Perioden nach Okkupation und Krieg ein intellektueller It-Boy der High Society in Prag. Aber die Jeunesse dorée der Tschechoslowakei – das Land war vermutlich der fortschrittlichste und modernste Staat Europas, bevor Nazi-Deutschland es zerschlug – stürzte 1948 ins soziale Nichts: eine der wenig bedachten und beschriebenen sozialen Katastrophen der europäischen Nachkriegszeit.
Egon Bondys autobiografische Schilderung dieses Höllensturzes aus dem Rückblick des Jahres 1981 ist jetzt in einer neuen Übersetzung von Eva Profousová, ergänzt durch ausführlich-kenntnisreiche Anmerkungen, Tagebücher und Gedichte Bondys sowie ein informatives Nachwort von Jan Faktor, im Guggolz Verlag erschienen.
Das Buch dokumentiert, wie die ererbte tschechische bürgerliche intellektuelle Kultur, wie Humor, Selbstironie, Resilienz und vor allem: das Schreiben – über den sozialen Vernichtungswillen eines totalitären Regimes triumphieren konnten. Und es zeigt zugleich die ruinösen psychischen und sozialen Verluste und Opfer, die dieser Triumph gekostet hat.
Bondys Die ersten zehn Jahre (es sind die zwischen 1947 und 1957) schildert die Odyssee zweier Menschen, des Autors und seiner Geliebten Honza Krejcarová zwischen staatlicher Verfolgung, Alkoholismus, Bettelei, Obdachlosigkeit, sexueller Besessenheit, Gefängnis, Psychiatrisierung, Schmuggelfahrten nach Wien und dem verzweifelten Versuch, aus der sozialen Katastrophe Kunst und Philosophie zu machen.
Der Lektüreaugenblick zum Beispiel, in dem der junge Marxist und Dadaist Bondy fast epiphanisch begreift, ein wie gedanklich armseliges Buch Friedrich Engels’ Anti-Dühring ist (der damals offiziell gefeierte Grundlagentext des „Dialektischen Materialismus“), und beschließt, auf die Suche nach substantiellerer geistiger Nahrung zu gehen, gehört zu den vielen eindrücklichen Momenten dieser intellektuellen Biografie.
Bondy kam – als jugendlicher Nachzügler – aus der „ersten“ tschechischen Avantgarde, einem surrealistisch-kommunistischen Milieu der dreißiger Jahre um den Schriftsteller und Theoretiker Karel Teige, den späteren Literaturnobelpreisträger Jaroslav Seifert und die Malerin Marie Čermínová („Toyen“); und er wurde in den sechziger Jahren und nach dem Einmarsch von 1968 zum Mentor der „zweiten“ – der antikommunistischen – Prager Avantgarde, als die Band Plastic People of the Universe seine Gedichte vertonte und seine Buddhismus-Studien eine Art tschechische Beat-Generation inspirierten.
Der Aufstieg Václav Havels aus diesem prekären und hochgefährdeten Milieu in die Prager Burg und ins Präsidentenamt ist der weltgeschichtlich sichtbare Ausdrucks desselben intellektuellen und sozialen Überlebenswillens, der mit dieser Autobiografie porträtiert wird.
Bondys Kunst-Ethos des „totalen Realismus“ verschweigt nicht, sondern zeichnet präzise nach, dass der innere und äußere Widerstand mit massiver Selbstzerstörung erkauft war; zu den erstaunlichsten Passagen seines Buchs gehört die Beschreibung psychischer Grenzerfahrungen, die vielleicht psychotisch gewesen sind, aus denen Bondy jedoch literarische und philosophische Einsichten gewann, die plausible literarische und politische Wirkungen entfalteten.
In den neunziger Jahren erwies sich allerdings, dass auch wiederholte Phasen einer Zusammenarbeit mit dem tschechoslowakischen Geheimdienst zu den Kosten gehört hat, die das Überleben damals offenbar forderte. 1993 zog Bondy aus Prag nach Bratislava – eine Art Protest gegen die Teilung seines Landes.
Dort hat er bis 2007 gelebt, den erstaunlichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wiederaufstieg der Slowakei mitverfolgt und vermutlich die glücklichste Zeit seines Lebens verbracht. Der Guggolz Verlag hat mit dieser Edition – zum wievielten Mal – Einblicke in eine intellektuelle Weltgegend eröffnet, die uns räumlich nah, aber innerlich immer noch seltsam fern geblieben ist.

Stephan Wackwitz, taz, 13.6.2023

Der Dichter Egon Bondy hatte in den wilden 1950er Jahren den tschechischen Underground mitbegründet, später verriet er viele seiner Epigonen an die Staatssicherheit

– Er eiferte den französischen Surrealisten nach und übertraf sie mit seinem anarchischen Lebenswandel. Nun sind Egon Bondys Erinnerungen an die Jahre nach dem Krieg erschienen. –

Es hätte sein grösster Coup werden können. Als 1950 der Koreakrieg ausgebrochen war, nahm Egon Bondy in Wien Kontakt zum französischen Geheimdienst auf. Er wisse, wie sich die explosive weltpolitische Lage entschärfen liesse: durch ein Attentat auf Stalin und die obersten Militärs der Sowjetunion.
Für zwei Millionen Dollar würde Bondy dafür sorgen, dass unter den Tribünen der jährlichen Oktoberrevolutions-Feier am Roten Platz in Moskau Flöhe freigelassen würden. Beisswütige Tiere, „geimpft mit allen liederlichen Pestarten der Welt“. Die Franzosen waren interessiert, aber die Sache mit den infektiösen Todesschwadronen verlief trotzdem im Sand. Stalin starb erst 1953 nach einem Schlaganfall.
Dass Egon Bondy eine der schillerndsten Figuren der tschechischen Literatur war, lässt sich nicht leugnen. Jetzt endlich ist sein autobiografisches Buch Die ersten zehn Jahre übersetzt. Es zeigt ein Enfant terrible, das sich durch amouröse Dramen der Jugendjahre kämpft, während rundum die Welt auseinanderzufallen droht.
Geboren 1930 in Prag, entsagt Bondy früh dem Elternhaus und einer geregelten Lebensführung. Er segelt der Tochter von Milena Jesenská, der berühmten zeitweiligen Freundin Kafkas, in die Arme, einem nymphomanen Wesen, das unter dem Namen Honza die gesamte tschechische Avantgarde erst in den Bann und dann ins Bett zieht. Surrealisten, Dadaisten und Explosionalisten gehen bei ihr ein und aus. Daneben lebt Egon Bondy mit der „unter pathologischer Konfabulation“ leidenden Frau im permanenten Liebeswahnsinn. Acht Jahre seines Lebens und damit einen Gutteil seiner „ersten zehn Jahre“ geht das so.
In seinem Buch erinnert sich Bondy an die Zeit zwischen 1947 und 1957. An einen psychedelischen Strom aus überspannten Ideen, Alkohol und Liebesaffären. Bondy will in den vierziger Jahren Surrealist sein wie André Breton. Was sich künstlerisch nicht sofort verwirklichen lässt, wird durch ein mehr als surreales Leben ersetzt. Und gerade hier liegt die grosse Spannung von Bondys nachträglichen, erst 2002 verfassten Aufzeichnungen.
In Wahrheit ist Die ersten zehn Jahre eine Art Doppelbiografie irrlichternder Wirklichkeiten. Nach dem Februar-Umsturz durch die Kommunisten von 1948 wird die Tschechoslowakische Republik stalinistisch regiert. „Die Zeit war scharf wie ein Säbel“, schreibt Egon Bondy, der eigentlich Zbyněk Fišer heisst, seinen Namen aber aus Protest gegen den wachsenden Antisemitismus jüdisch klingen lassen wollte. Bondy spricht vom „immer schnelleren Vormarsch der Dunkelheit“ in seiner Heimat.
Der junge Mann, der an die Magie des Marxismus glaubte, wird auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, als die ersten seiner Freunde hingerichtet werden. Dass Bondy sich fortan noch stärker gegen Tatsachen ganz allgemein wehrt, gehört zu einem Leben, das wie eine einzige Schwejkiade wirkt.
Die jungen Leute sind ohne Brotberuf und leben in überaus bunten Grauzonen der Kleinkriminalität. Man stiehlt, oder man schmuggelt Bleiglas über die Grenze nach Österreich. In den fünfziger Jahren ein hochgefährliches Unternehmen, an dessen Ziel, in Wien, sich neue konspirative Möglichkeiten ergeben.
Wenn das Leben explodiert, lässt man sich umstandslos „in die Klapse“ einliefern, wie es bei Bondy heisst. Dort ist man mit Systemgegnern und Anarchisten vereint. Die Grenzen zwischen dem Wahnsinn drinnen und dem draussen verschwimmen. Auch Mademoiselle Honza landet immer wieder in Anstalten dieser Art. Die exzentrische Liebesbeziehung ist eine Berg-und-Tal-Fahrt. Unersättlichkeit bei knurrendem Magen.
Egon Bondy schreibt nebenher seine Gedichte, die voller Alkohol und Fäkalsprache sind. In einem kurzen Gedicht steht:

Gestern
war ich nüchtern.

Vom Pathos des Dichtens hält Bondy nicht viel:

Entscheidend für die Poesie sind die Sekunden
in denen die Dichtermacht schlappe macht.

Gut möglich, dass es für Egon Bondy Gründe gab, seine Autobiografie nach den Ereignissen des Jahres 1957 nicht weiter fortzusetzen. Von diesen Gründen erfährt man im erhellenden Nachwort des heute in Berlin lebenden tschechischen Schriftstellerkollegen Jan Faktor. Zur Hinrichtung seines Freundes Záviš Kalandra wegen Landesverrats notiert Bondy:

Ich schwor tausend Eide, die Sowjetunion ab jetzt bis ans Ende meiner Tage zu bekämpfen. Und das nehme ich bis heute ernst.

Das Heute, von dem hier gesprochen wird, ist das Jahr 2002. Schon 1992, nach dem Ende des kommunistischen Systems, waren Listen veröffentlicht worden, auf denen auch Egon Bondy als geheimer Mitarbeiter der Staatssicherheit geführt wurde. Er hatte von den sechziger Jahren bis 1989 immer wieder Freunde aus dem tschechischen Underground denunziert. Aus genau jenem Milieu, dem er selbst seine wilden Jahre verdankte.
Jan Faktor nennt Egon Bondy entschuldigend einen Fundamentaloppositionellen. Einen unpolitischen Anarchisten, dem nur eines heilig war: der Glaube an gar nichts. Den Sound der manischen Avantgarde, wie sie von Egon Bondy verkörpert wurde, hat die Übersetzerin Eva Profousová in ein flirrendes Deutsch übertragen. Und wenn der Autor von Die ersten zehn Jahre nicht auch unter pathologischer Konfabulation gelitten hat, dann ist in seinem Buch das meiste wahr.

Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 10.7.2023

Auf schmalem Grat

– Tschechischer Underground: Egon Bondys leidenschaftliche Erinnerungen Die ersten zehn Jahre erscheinen im Guggolz-Verlag. –

Ein krasser Typ, dieser Egon Bondy. Nicht einmal der Name ist echt. Richtig hieß er Zbyněk Fišer. Das Pseudonym nahm er anfangs der 1950er Jahre an, um gegen den wachsenden Antisemitismus tschechoslowakischer Stalinisten zu protestieren. Wie er im Grunde immer gegen alles protestierte und opponierte. Er dichtete Dinge zwischen Dada und Trash:

salopp und souverän:
draußen wird es hellilo
und wieder eine Nacht ganz nihilo
wollte mich an die Liebe erinnern
wenn ich nicht sterben will
kann aber nicht.

In späterer Zeit arbeitete er mit der Staatssicherheit zusammen. Als das herauskam, waren viele nicht sehr begeistert, den meisten aber war es längst bekannt, weil er im Kreise oppositioneller Künstler zwischen den Zeilen selbst darauf hinwies. Die Spitzeltätigkeit führte er wohl sehr selektiv und somit nicht unbedingt zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber aus.
Wie dem auch sei – eine höchst vielseitige Persönlichkeit, dieser Bondy. Man kann ihn jetzt kennenlernen. Und nicht nur ihn, außerdem eine faszinierende experimentelle Literaturszene aus den Anfangstagen der ČSSR. Der Guggolz-Verlag hat Bondys Band Die ersten zehn Jahre in Übersetzung von Eva Profousová herausgebracht. Das ist verdienstvoll. Einerseits, weil es sich um ein schnell geschriebenes, schnoddriges, autobiographisches Werk handelt, das für sich spannend und interessant zu lesen ist. Andererseits eben des dokumentarischen Werts wegen. Jan Faktor, der einige Gedichte im Anhang mit übersetzt hat, vergleicht die junge Prager Literaturbewegung der Jahre 1947 bis 1957 in seinem instruktiven Nachwort mit der US-amerikanischen Beat-Generation. Wenn man Bondys Schilderungen liest, muss man sagen: zu Recht. Einigermaßen wild geht es dort zu. Surrealistische Dichtung in der Illegalität, Sex, Tramptouren, Betteln und Kleinkriminalität – alles angesichts einer immer rigider waltenden Obrigkeit. Während Bondy und seine Genossen sich herumtreiben, saufen, sich vor gewöhnlicher Arbeit drücken, finden „Säuberungen“ und Schauprozesse statt, werden Leute hingerichtet wegen vermeintlicher ideologischer Verfehlungen. Auch in der Kunstszene kommt es ringsum zu Verhaftungen, jeder könnte der nächste sein. Bondy bewegt sich auf einem schmalen Grat, und das stets unterm Existenzminimum.
Vermutlich trüge er auch so alle Eigenschaften in sich, um sich ordentlich zu ruinieren. Dass er aber augerechnet auf Jana Krejcarová, Honza genannt, trifft, bedeutet für ihn den definitiven Untergang. Auch sie wird später eine bedeutende Dichterin. Zu diesem Zeitpunkt aber ist Honza sprunghaft, haltlos. Und unwiderstehlich. Bondy verfällt ihr. Sie leben ein Leben außerhalb jeder Normalität, kämpfen um Nahrung und Nachtlager. Letzteres erkauft Honza ihnen – mitunter – durch Prostitution. Sie schwört ihm ewige Liebe und verschwindet am nächsten Tag zu Bondys Rivalen Černy. Wenn aber Bondy meint, er könnte sich nun endlich von ihr lösen, steht sie erneut auf der Matte, und er gibt sich ihr wieder hin.
Eine amour fou am Rande der Gosse, stets mit einem Bein im Knast, hinzu kommen Bondys alkoholische Exzesse:

Mein Leben als arbeitsscheues Individuum, kriminelles Element und Saufbold war mehr als offensichtlich – und so ging es einige lange Jahre weiter. Während der Zeit landete ich auch ein paar Mal in der Klapse, aber das half nicht. Für Bier tat ich alles.

Trotzdem schreibt Bondy immer weiter – auch wenn seine Werke nur im Samisdat erscheinen, abgetippt in winzigsten Auflagen, bisweilen vier Exemplare, die illegal von Hand zu Hand wandern. Doch das ist ihm egal, denn trotz allem hat er ein gesundes Selbstbewusstsein:

Mein Überleben verdankte ich nur dem Wissen, dass ich ein großer Dichter war – einer der größten. Darauf habe ich mir nie etwas eingebildet (…), aber ich wusste immer, was ich tat und welchen Wert es hatte. (…) Die Bemühung, alles besser und noch besser zu machen, reichte mir vollkommen aus, ich brauchte keine Veröffentlichung, lange Jahre störte mich sogar nicht einmal, dass kaum einer kannte, was ich schrieb.

Dennoch wird er zur Legende dieses „ersten“ tschechischen Undergrounds, der auch den „zweiten“ Underground des Prager Frühlings 1968 inspiriert, ebenso die Bewegung der 1970er Jahre, die schließlich in der Charta 1977 mündet. Und so taucht er auch als literarische „Realgestalt“ in den Romanen seines Saufkumpanen Bohumil Hrabal auf.
Bondys eigene literarische Werke konnten erst nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten in den 90er Jahren in Buchform publiziert werden. 2004 bis 2006 erschienen seine gesammelten Werke in drei tausendseitigen Bänden. Es wäre spannend, noch mehr von Bondy und anderen Protagonisten dieser Szene zu lesen.

Enno Stahl, junge Welt, 13.10.2023

Aus dem Untergrund: Erinnerungen einer Prager Legende

Egon Bondy – oder Zbyněk Fišer, wie er mit bürgerlichem Namen hieß – war ein Enfant terrible der tschechischen Literatur der kommunistischen Ära. Fišer war zwar ein überzeugter Kommunist und Marxist, lehnte das Regime aber dennoch ab, nicht zuletzt wegen autoritärer Entwicklungen. Deswegen lehnte er auch die Literaturmaxime ab und schrieb lieber im Untergrund, vor allem Gedichte, aber auch Prosa. Dabei nutzte er immer neue poetische Programme, die vor allem mit Surrealismus und dem Absurden spielten – im Gegensatz zur offiziellen Linie. Bis heute ist Bondy eine Prager Legende, auch weil der Autor Bohumil Hrabal ihn als Figur immer wieder in seinen Geschichten auftreten ließ.
Der Band Die ersten zehn Jahre ist eine Art Autobiografie, Erinnerungen an die Zeit zwischen 1947 und 1957. Bondy schildert darin ein Leben, das zum einen von staatlicher Verfolgung geprägt, zum anderen von Exzessen bestimmt ist, von Alkoholismus, Bettelei, Obdachlosigkeit, sexueller Besessenheit. Immer wieder rutscht Bondy in psychotische Zustände, was vielleicht auch einen Teil seiner Literatur erklärt. Er ist aber nicht der einzige Held dieser Geschichte, bei ihm ist auch seine Geliebte Honza Krejcarová.
Das Buch zeigt eine besondere Gestalt, die vor allem die jüngere Literatur in Tschechien geprägt hat. Die Erinnerungen schildern dabei zahlreiche Momente, die zeigen, wie ein intellektueller Mensch trotz inhaltlicher Überzeugung unter dem repressiven System leidet. So ist das Buch auch ein spannendes Zeitdokument der ersten Jahre der Tschechoslowakei. Von der war Bondy übrigens überzeugt: Vermutlich wanderte er nach der Revolution 1989 auch deswegen nach Bratislava aus, weil er mit der Teilung nicht einverstanden war.

mdr.de, 2.10.2025

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Reiner Neubert: Zu Beginn eine Karriere als Bettler und Dieb
Freie Presse, 26.5.2023

Judith Leister: Egon Bondy – Die ersten zehn Jahre
SR 2 KulturRadio, 21.6.2023

Hanna Engelmeier: Eine Schote nach der anderen
Die Zeit, 18.8.2023

Michael Stavarič: Er wollte Stalin mit Pestflöhen stürzen
Die Presse, 19.10.2023

Alexandru Bulucz: Enfant terrible und Femme fatale
faustkultur.de, 14.10.2023

Volker Strebl: Etwas war schiefgelaufen
literaturkritik.de, November 2023

 

 

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Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Faktor“.

 

Jan Faktor präsentiert vom Kunstbüro Wilhelmsburg.

 

 

Michal Hvorecký: Mein Freund, der Spitzel
Die Presse, 19.10.2026

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + Internet Archive
Porträtgalerie: IMAGO

 

Egon Bondy singt auf deutsch.

 

In memoriam Egon Bondy.

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