– Zu Günter Eichs Gedicht „Among my souvenirs“ aus dem Band Günter Eich: Ausgewählte Gedichte. –
GÜNTER EICH
Among my souvenirs
Des Mondes weiße Zisterne
ist ausgeschöpft und leer
und zu schlafen ohne die Sterne
ist zu schwer.
Wolken, Boote, die landen
an die Stirn. Traum und Wind
spülen Tote ans Land, es versanden
die Tage, die deutlich sind.
Und es verfangt sich an meinen Küsten
mit Holz und Elfenbein,
Schiffen und Segelgerüsten
Erinnrung, unfaßbar und klein.
Hellblaue Nacht und Ebbe der Winde,
ein Baum, vor dem Herbste geneigt,
schließt mich ein in Blattwerk und Rinde,
in sein Blut, das fließt und steigt.
Und Sommer, Gebirge, Wohnort der Pflanzen
Reflexe des schneeigen Lichts,
war dies – floß es nicht mit den ganzen
Tanginseln ins Nichts?
Ich erwache. In die Tapeten
sind Phantome gewebt
und Worte aus tausend Gebeten.
Sage, wer von uns lebt.
Wenn das Gedenken manchmal ermattet,
fühle ich, muß es sein,
daß dein Gesicht, immer beschattet,
ewig ist und aus Stein.
Zeichen der Erinnerung
Das Gedicht „Among my souvenirs“ gehört zu den bekannteren Texten aus Günter Eichs Frühwerk. Es ist mehrfach interpretiert worden, und Eich selbst hat es zeitlebens geschätzt; noch 1972, über vierzig Jahre nach der Erstpublikation, hat er es in sein Lesebuch aufgenommen. Wenn es auch im Großen und Ganzen zutreffen mag, dass Eich seine frühen Verse „später mit großem Spott“ bedachte. – „Among my souvenirs“ bildet eine Ausnahme.
Entstanden sind die sieben Strophen wahrscheinlich im Jahr 1928, publiziert wurden sie zuerst 1929 in der Zeitschrift Die Kolonne, bald danach noch einmal in Eichs erstem, nur 23 Seiten umfassenden Lyrikbändchen, den Gedichten von 1930. Schon Anfang der fünfziger Jahre war dieses Heft kaum noch auffindbar, so dass es 1953 in der Reihe Konturen nachgedruckt wurde. 1956 hat Walter Höllerer „Among my souvenirs“ mit 16 weiteren Gedichten Eichs in seine Anthologie Transit aufgenommen, allerdings in einer gegenüber den Drucken von 1929/1930 und 1953 stark veränderten Form: Höllerer bringt nur die ersten vier Strophen und ändert darin zwei Verse; Vers 11 lautet bei ihm: „Mit Schiffen und Segelgerüsten“, Vers 14 „Ein Baum, vor dem Winde geneigt“; er lässt den Titel weg und gibt dem Gedicht den ersten Vers als Überschrift: „Des Mondes weiße Zisterne“. Überdies suggeriert Höllerers Quellennachweis, das Gedicht sei in dieser Form in Eichs erstem Nachkriegs-Gedichtband Abgelegene Gehöfte (1948) enthalten, was nicht zutrifft, aber von manchen Interpreten dennoch geglaubt wurde.
Ausgerechnet diese philologisch problematische Fassung hat eine nachhaltige Wirkung gezeitigt, denn sie ist in populären Schülerhilfen und Lehrerhandreichungen zum Gegenstand interpretatorischer Operationen geworden, in denen – zeittypisch – munter mit den aus der antiken Metrik entlehnten Versfuß-Begriffen Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst hantiert wird, obwohl Eichs Strophen mit dieser lyrischen Tradition nicht das Geringste zu tun haben.
Günter Eich selbst hat zwar Verständnis für die Bevorzugung der gekürzten Version geäußert, allerdings darauf bestanden, dass die „siebenstrophige Fassung […] die richtige“ sei – „richtig“ gewiss in erster Linie wegen der Vollständigkeit, aber ebenso gewiss wegen des ursprünglichen Titels „Among my souvenirs“, den Höllerer dem Gedicht vorenthalten hatte. Zur Bedeutung und Funktion dieses Titels haben sich bisher weder die Kommentare zu den beiden Ausgaben der Gesammelten Werke von 1973 und 1991 noch die Interpreten geäußert, auch nicht Peter Horst Neumann, der in seinem Buch Die Rettung der Poesie im Unsinn. Über Günter Eich die gründlichste und überzeugendste Analyse des Gedichts vorgelegt hat. Das wundert umso mehr, als doch bereits die englischsprachige Überschrift zu interpretatorischen Fragen Anlass gibt. Der Titel „Among my souvenirs“ ist ein zwar nicht durch Anführungszeichen, aber allein durch die Fremdsprachigkeit markiertes „Referenzsignal“, das auf einen Bezugstext hindeutet – nicht auf ein literarisches Werk im engeren Sinn, aber ohne Zweifel ein Kunstwerk des Genres: Im Jahre 1927 war in den USA ein Jazz-Song erschienen, eine Komposition von Horatio Nicholls zu einem Text von Edgar Leslie mit dem Titel „Among My Souvenirs“. Der Text lautet:
Your eyes once told me a story;
I built my castles on air.
Life soon was dimmed of its glory,
I loved but you ceased to care.
There’s nothing left for me,
Of days that used to be,
I live in memory among my souvenirs.
Some letters tied with blue,
A photograph or two,
I see a rose from you among my souvenirs.
A few more tokens rest
Within my treasure chest,
And tho’ they do their best
To give me consolation,
I count them all apart,
And as the tear drops start,
I find a broken heart among my souvenirs.
You broke the news to me kindly,
I can’t say you were not fair.
Yet, just because I loved blindly,
I have the burden to bear.
1928, kurz vor der Erstpublikation von Eichs Gedicht, waren gleich vier Versionen dieses Liedes in den amerikanischen Hitparaden zu finden. Zwei der Interpreten waren damals auch in Europa bekannt, zum einen der Bandleader Paul Whiteman, der mit seiner Kapelle in den zwanziger Jahren in Deutschland und Österreich gastierte, zum anderen ein (gelegentlich pianobegleitetes) Vokalquartett mit dem Namen The Revelers, dessen Plattenaufnahmen auch in Deutschland zu kaufen waren und das einen großen Einfluss auf die hierzulande ungleich berühmteren Comedian Harmonists ausübte. Der Song hat zwar nicht die Popularität anderer Jazz-Standards wie „Stardust“, „Georgia On My Mind“ oder „What A Wonderful World“ erreicht, ist aber dennoch nie aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden. Zahllose Sängerinnen und Sänger haben das Lied aufgenommen, von Louis Armstrong, Judy Garland, Frank Sinatra und Connie Francis bis zu Marty Robbins und zuletzt 2007 Laura Cash (die Schwiegertochter von Johnny Cash). 1946 wurde es in dem Film The Best Years Of Our Lives von Hoagy Carmichael auf dem Klavier gespielt. Günter Eich durfte also annehmen, dass der Titel des Gedichts für seine Leser kein unlösbares Rätsel darstellte – allerdings nur, sofern sie sich auch für andere Kunstformen neben der Literatur interessierten.
Die Funktion zitierender Anspielungen, mit denen intertextuelle Beziehungen geknüpft und markiert werden, ist nicht einfach das bloße Ausstellen der Kenntnisse des jeweiligen Autors. Eich geht es hier wie auch in seinen späteren Gedichten – „Latrine“ mit seinen Hölderlin-Zitaten ist hier ein besonders prägnantes Beispiel – nicht nur um ein witziges oder gelehrtes, lediglich äußerlich schmückendes Spiel mit zusammenhanglosen Versatzstücken von Bildungsgut oder Alltagswissen. Bei der Deutung intertextueller Korrespondenzen sind nicht nur die zitierten Bestandteile, sondern alle Elemente des Bezugstexts zu beachten, ihre ,äußere‘ Form, das Vokabular, die gedankliche Struktur und die Bildersprache. Im Falle des amerikanischen Liedes und des deutschen Gedichtes ist die wie immer geartete Musikalität eine erste und grundlegende strukturelle Gemeinsamkeit beider Artefakte. Schon einer der ersten Rezensenten der Gedichte Eichs, Max Herrmann-Neiße, spricht von der „eigne[n] Musik“ dieser Sammlung, und er vernimmt darin „Akkorde, die lange in unsereinem nachklingen“. In der Interpretation von Clemens Heselhaus aus dem Jahr 1961 ist von „einem melodischen Fließen“ der Verse Eichs die Rede, und 2007 zitiert Wulf Segebrecht die erste Strophe des Gedichts „Among my souvenirs“ als Beispiel für die „melodiösen Verse des jungen Dichters aus den zwanziger Jahren“. Die Musikalität, die den Gedichttext mit der nicht-sprachlichen Ausdrucksform des Liedes verbindet, beruht zum einen auf der Verwendung der Volksliedstrophe mit ihren kreuzgereimten dreihebigen Versen bei freier Senkungsfüllung, die Eich zwar nicht sklavisch, aber doch wiedererkennbar nachbildet, zum anderen auf dem virtuosen Gebrauch des Enjambements.
Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Texten gehen indessen über diese Melodik und die Übereinstimmung der Titel weit hinaus. Eichs Gedicht ist ein frühes Beispiel für seine Poetik des „Übersetzens“ in der doppelten Bedeutung von transgressio und translatio: Ein populäres fremdsprachiges Lied wird in einen allein sprachlich verfassten, in der Tradition der deutschen Romantik stehenden poetischen Text hinübergespielt (translatio), und innerhalb des Gedichts ist ein Überschreiten der Grenzen (transgressio) zwischen Traum und Wachen die strukturbildende Bewegung. Ein vergleichbares Schweben zwischen literalem und metaphorischem Sprechen kennzeichnet auch das Lied „Among My Souvenirs“. Wie Eichs Gedicht spricht auch der Song über eine verlorene Geliebte. Die „tokens“, die Zeichen der Erinnerung, sind zunächst konkrete Gegenstände: Photographien, mit blauem Band umwickelte Briefe, eine Rose. Die Gleichzeitigkeit von wörtlicher und übertragener Bedeutung ist in den verwendeten Nomina ,token‘ und „treasure chest“ angelegt: ,token‘ meint sowohl ein materielles wie ein immaterielles Zeichen, und die „treasure chest“ kann ebenso die handfeste „Schatztruhe“ sein wie die „Brust“, in der die Erinnerung an die Geliebte verwahrt wird. Eine reine Metapher ist schließlich das „broken heart“, das der in seinen „souvenirs“ Schwelgende findet. Folgerichtig sind in der Umschlagillustration zur Erstausgabe des Liedes die Schatztruhe, die Briefe und die Rose abgebildet, nicht aber das gebrochene Herz.
Neben der Kategorie des Erinnerns und Gedenkens ist in dem Song „Among My Souvenirs“ ein weiteres, für den frühen Eich zentrales Motiv vorgebildet. Die genannten und ungenannten „tokens“ der Erinnerung, die der Einsame in seiner „treasure chest“ aufstöbert, suchen ihm Trost zu spenden, „consolation“, doch der Verlassene bleibt untröstlich, obwohl es ihn nicht gar so hart getroffen hat wie den Trauernden in Eichs Gedicht: Seine Geliebte hat einfach aufgehört, etwas für ihn zu empfinden („you ceased to care“), während sich die Verse Eichs an eine Tote richten. Folglich ist die Trauer dort eine viel existenziellere als in dem eher rührseligen Lied; sie ist „untröstbar“. Aber der Schmerz wandelt sich bei Eich in anarchische Subversion, wie Peter Horst Neumann wiederum an einer intertextuellen Beziehung gezeigt hat, nämlich am Trost-Motiv in dem von Günter Eich geschätzten Gedicht „Urleid“ von Oskar Loerke: „Es ist untröstbar, aber selbst ein Trost“. Neumann versteht Eichs Gestus der Trauer zwar als einen „Affekt der Ohnmacht“, der „zugleich aber auch eine Haltung der Subversion sein kann“. Auch an „Among my souvenirs“ belegt Neumann seine These von der „Kontinuität und Verschärfung“ des „anarchischen Denkens“ in Eichs Werk. Die Entwicklung führt von der puren Sentimentalität, die den amerikanischen Song kennzeichnet, bruchlos zur anarchischen Verweigerungshaltung, dem „Nichtmehreinverstandensein“ des späten Eich.
Der Titel „Among my souvenirs“ verweist zum Zeitpunkt des Erstdrucks zurück auf den Song als Prätext, auf den sich Eichs Verse beziehen. Im weiteren Verlauf der Publikationsgeschichte von den Gedichten (1930) bis zum Lesebuch (1972) wächst dem Titel jedoch eine neue metaphorische Bedeutung zu. Die „souvenirs“ sind nicht mehr allein die im Gedicht (und seiner Quelle) genannten Zeichen der Erinnerung und des Gedenkens, das Gedicht selbst wird für den späten Eich zu einem solchen „Souvenir“, das ihn über vier Jahrzehnte literarischen Schaffens begleitet hat.
Walter Hettche, Deutsche Bücher, Heft 3, 2008








0 Kommentare