Christoph Meckel: für clarisse

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christoph Meckel: für clarisse

Meckel/Meckel-für clarisse

ECHO

Einem Geist gehört der Laden
Fenster dicht
ohne Licht
keine Stimme hört man nicht
keinen Menschen sieht man nicht
ohne Stimme
ohne Licht
einem Geist gehört der Laden

 

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Nachsatz

Wer ist Clarisse. Clarisse ist ein Kind, hat diesen einen Namen und jedes Alter zwischen dem fünften und dem achtzehnten Jahr. sie hat keine Herkunft – ich bin nicht ihr Vater, Bruder, Geliebter –, gehört in keine Gesellschaft, Nation oder Schule, hat keinen Besitz und vermißt nichts. Sie ist eine Kunstfigur, die ich erfunden, ich weiß nicht wie geschaffen, das heißt zuerst gezeichnet habe, Clarisse, für die ich seit ein paar Jahren Bilder zeichne und Gedichte mache.
Sie bekommt die Gedichte von mir geschenkt, sie scheint sie zu mögen, jedenfalls zu beachten und zu lesen, weil sie für sie gemacht sind, legt die Papiere in ein Kästchen, vergißt sie vor dem Spiegel, findet sie wieder auf dem Tisch, freut sich darüber und lacht. Ein paar Gedichte habe ich ihr zu früh gegeben, sie ist erstaunt über diese fremden Sachen, aber das sagt sie nicht, sie liest sie später noch mal. Sie ist nie auf den Gedanken gekommen, eine Zeichnung, ein Gedicht könne ihr fremd sein. Fremd ist ein Wort, das sie nicht kennt. Sie mag den Kuckuck lieber als die Krähe, aber deshalb ist ihr die Krähe nicht fremd. Gedichte sind für Clarisse ganz gewöhnliche Sachen, sie geht mit einem Vers um wie mit einem Kamm, einem Handspiegel, einer Blume, wie mit einer Münze aus Blech oder Silber: sie ist da. Daß Gedichte Literatur sind, und, wenn sie sehr gut sind, Kunst sein können, habe ich ihr nicht gesagt. Wenn sie davon erfährt, wird es früh genug sein. Sie hat dann Gedichte schon gelesen, sie besitzt ihre eigenen, kennt eine Zahl par cœur und weiß es besser, wenn jemand ihr sagen sollte, daß Gedichte keinen Sinn haben, keine Bedeutung, überhaupt keinen Wert. Manchmal stellt sie eine Frage, ich antworte ihr mit einem Zitat, einem Hinweis, einem kurzen Bericht, erkläre aber wenig und verrate nichts. Vielleicht ist dies der Grund, daß sie mir glaubt. Dies wiederum kann der Anlaß sein, immer wieder Gedichte und Bilder für sie zu machen.
Wie hätte ich Clarisse erschaffen können, ohne Zärtlichkeit für sie zu empfinden. Ich habe sie dem Tod weggenommen. Eine Kunstfigur kann vergessen werden, aber sie stirbt nicht. Ihr Dasein verkündet in der vernunftlosen Nacht durch eine kleine Grille wieder Gültigkeit des Unverhofften.

Christoph Meckel, Nachwort

 

Clarisse ist ein Kind und…

Clarisse ist ein Kind, und eine Kunstfigur.
Kunstfiguren kommen von weit her, vor allem die Gauner, Spieler und Komödianten, aus wievielen Zwischenräumen realer oder geträumter Biographie, aus wieviel Tagtraum, Nachttraum, Reverie, aus wieviel Erinnerung an wieviel Zeit. Seit einem halben Jahrhundert schreibe ich und zeichne ich Kunstfiguren, sie besitzen nicht viel außer ihren Namen. Zu einen oder anderen gehört ein Gegenstand (von Kennern als Attribut bezeichnet). der ihr Kennzeichen ist und ein Wert ohne Wertangabe, Chaplins Stöckchen, Pinocchios Hut. Diese Figuren sind ohne Herkunft, Stammbaum, Stammtisch, Verwandtschaft, keinen Chef, keinen Schinder und keine Religion. Sollten sie einer Nation angehören, ist das ein Zufall ohne Folgen, solange die Gendarmerie sie in Ruhe läßt. Gesetz kann für sie keine Vorschrift sein, es wird nicht befolgt, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Ihre anarchistischen Kräfte, zwielichtig, strahlend, unschuldig oder grausam, erscheinen märchenhaft, unerschöpflich, selbstverständlich wie Schlaf und Vogelschrei, und sind ein Immunsystem gegen Ideologie jeder Art und Abart. Ihre Rebellion kann heiter sein. Fortschritt ist für sie ein Aberglaube und Gewalt ein Irrtum. Sie erscheinen zum Duell mit der Spielzeugpistole und spucken, wie Puschkin, Kirschkerne auf den Gegner. sie gehn aus Historie und Handlung frei hervor, immer wieder als dieselben. DAS WÄRE WOHL JEDERMANNS ZIEL. Es ist schon viel, daß sie da sind und nichts bedeuten. Es genügt, daß sie angreifbar, aber unverwüstlich sind. DIE KERLE HABEN ETWAS AN SICH, sagt der König im Märchen, und läßt sie laufen. Eine Kunstfigur existiert allein, ohne Anspruch auf Einsamkeit, Tragik, Schicksal. Es zeichnet sie ein totales Unverständnis aus, was Ehrgeiz, Größenwahn, Mobbing, Karrierre und Denunzation betrifft. Sie besitzt keinen Briefkopf und keine Adresse. Ihre Freiheit ist vogelfrei.
Die Kunstfigur exsitiert in allen Literaturen. Sie heißt MONSIEUR TESTE (Paul Valéry), PLUME (Henri Michaux), MALDOROR (Lautréamont) und GASPARD DE LA NUIT, in den sich Aloysius Bertrand aus Dijon verwandelte, das ist 170 Jahre her. Der eine ist der HERR KEUNERT von Brecht, der andere der TUBUTSCH von Ehrenstein. Sie heißen ULENPIEGEL, SCHWEJUK, DON QUICHOTE und SANCHO PANSO, GULLIVER, PALMSTRÖM UND KORF, STRUWELPETER und PINOCCCHIO. Der Verrückte BATLEN des jiddischen Dichter Jizachak Lejb Perez, MALCOLM des Amerikaners James Purdy, MANIG von Reinhard Lettau, der PALMWEINTRINKER des Nigerianers Amos Tutuola, und KASPAR, den Hans Arp für alle Zeit dem Tod streitig machte.
Als LOVELY MONTAINS – Liebliche Berge – hat Hochwürden John Bunyan, Erbaungsschriftsteller und Wanderprediger im englischen siebzehnten Jahrhundert jene Menschen bezeichnet, die Unschuld, Hellsicht, Courage und Charakterstärke verkörpern und vielleicht nichts anderes sind als die Gerechten der jüdischen Überlieferung. Kunstfiguren und Liebliche berge sind Geschwisterleben, sie winken sich zu, in manchen Fällen sind beide dieselben.
Vielleicht wird man wissen wollen, wie und aus was eine Kunstfigur gemacht ist. Ich werde den Teufel tun, für die Frage eine Antwort schustern zu wollen. Kunstfiguren sind Urbilder, Fundamentgestalten, die aus vielen Zeitaltern, aus Welt- und Menschengeschichte zum Vorschein kommen und heute vorhanden sind ohne Triumpf und Spektakel. Ich machte und mache die Erfahrung, daß die Figur zu großen Teilen sich selbst erschaffte, in Schlaf und Traum ihres Créateurs, sich in fortgeschrittenem Zustand von Form und Festigkeit dem Homo faber präsentiert mit der Forderung: Gib mir den Namen.
Die zuletzt beendete Figur ist CLARISSE.
Wer Clarisse folgt, kommt in einen Raum unverhoffter Unschuld und Freiheit.

Christoph Meckel, Plakatumschlag innen

 

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Martina Weber: Der Rufer im Nebel ist da. / Eine weiß ich, die hört ihn.
manafonistas, 12.12.2015

Wulf Segebrecht: Endlich lebt sie ganz!
literaturkritik.de, Juli 2016

 

Ein Händedruck in wilder Landschaft: L’Espace

Post aus Rémuzat, Südfrankreich. Datum des Poststempels: ein Tag in der Ewigkeit. Ich sehe den Absender, Bewohner der Elemente, in der Tagesfrühe durch das kniehohe Gras streifen und Tau aus einem kleinen Glas trinken. Eine Nuß zwischen den Zähnen, Spinnweben im Haar, verneigt er sich leicht vor sieben Bäumen. Vielleicht, um der Erde näherzukommen, legt er sich hin und liest den Rhythmus seines Atems von der Bewegung der Gräser ab. Hin und wieder schreibt ein Kerbtier Runen auf sein Gesicht, die zu entschlüsseln er keine Ambitionen hat. Mitteilungen der Natur kann man getrost in der Schwebe lassen, so wie den Bussard dort oben in den Aufwinden.

Ich öffne den Brief: Pollen fällt aus dem Kuvert.

Jürgen Wellbrock

 

 

FÜR CHRISTOPH MECKEL

So viele Kerzen
an Kerzen angezündet
dem Bruder
der durchs Land streicht
dem Liebhaber
von Gras und von Wurzeln
dem Wortesammler
der das Papier hält
und nicht aufgeben soll es zu trösten

Michael Krüger

 

Klassiker der Gegenwartslyrik: Christoph Meckel – Am 29.10.2012 sprach er in der literaturWERKstatt berlin mit Christian Lehnert über sein Werk.

Robert Schindel: Nicht lange genug gestorben; Laudatio auf Christoph Meckel zum Schillerring 2005.

Zu Besuch bei Christoph Meckel

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Thomas Rietzschel: Das Schneetier
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.6.1995

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Hartmut Buchholz: Die Magie der Entstehung eines Gedichts
Badische Zeitung, 12.6.2015

Michael Braun: Meister der Melancholie
Der Tagesspiegel, 12.6.2015

Michael Braun: Schutzengel der Poesie
Park, Heft 68, 12.6.2015

Wulf Segebrecht: Christoph Meckels bildkünstlerisches und literarisches Werk
literaturkritik.de, Juli 2015

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Johanna Dombois: Nachgeholtes Zwiegespräch nach beider Tod
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.5.2025

 

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Nachrufe auf Christoph Meckel: FAZ ✝︎ FR ✝︎ MDR ✝︎ RBB ✝︎ Sinn und Form ✝︎ SZ ✝︎ Tagesspiegel ✝︎

 

Bild von Juliane Duda mit den Texten von Fritz Schönborn aus seiner Deutschen Dichterflora. Hier „Blauer Meckel“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Christoph Meckel

 

Christoph Meckel berichtet über sich und seine Arbeit, gibt Einblick in seine „Kopfwerkstatt“ und erklärt seine Poetologie.

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