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Oswalds Stimme am Telefon
wie Laub, das sich legt, gelegt hat,
schichtet und raschelt. Waldbodenfeuchte Stille,
hineinreichend, Humus
16.11.07
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Bemerkungen zu Urs Engelers Edition roughbook
Diese mir neue Editionsform begegnete mir mit meinem eigenen Text
zuerst als Mail-Sendung einer provisorischen Darstellung der Seiten
und in der für alle books gleichen Schrift.
Zur Ansicht und zur Text-Korrektur.
Obwohl ich die beiden fertigen books, die ich gesehen hatte
(das Cowboylyrikbuch, 003, und das von Christian Filips, 005)
als Erscheinung noch nicht verstand,
kam ich beim Korrekturlesen sofort zurecht.
Das erste Neue, was auf mich wirkte, war:
Diese Schrift auf den sehr weißen fast quadratischen Seiten
trägt die Stimme vor.
Zum Buch hin gedacht:
Die Buchseiten tragen also nicht die Stimme vor.
Sie nehmen den Text in sich auf.
Daß ich die Stimme hörte,
bewirkte außer der Schrift und dem Weiß
der geringe obere Rand und der zuweilen kleine Textrest
oben allein auf weißer Seite. Mit ihm wurde die Stimme fast ohrfüllend.
Indem er die Schrift die Hauptsache sein läßt,
favorisiert der Druck die Stimme. Sie führt.
Auch auf gewohnten Buchseiten liest man, wie beim Schreiben,
die Stimme mit, aber sie führt nicht.
Eine zweite Wirkung war, als erriete der Satz
eine Tendenz, die bei dem neuen Manuskript selbst neu war:
nämlich gegenwärtige Umstände eines Gedankens und Textes
als seine Eigenschaften mitzugeben.
(Das Startbeispiel für diese Tendenz war der Text „Reaktion“ gewesen).
Das roughbook setzte die Daten in gleichgroßer Schrift unter den Text.
Auch hatte ich Anmerkungen in einen Textablauf hineingenommen,
keß & streng in der bei Anmerkungen kleineren Schrift.
Urs setzte sie gleichgroß (s. „Studienblatt“).
So bekamen sie gleiche Geltung mit dem wortführenden Text.
Gleiche Geltung: dieser kleine Hokuspokus-Effekt, wo gleich gültig
das genaue, direkte, prompte Gegenteil von gleichgültig ist!
Da ja das roughbook von dem gewohnten Buch,
samt dessen gewohnter mannigfaltigen Art und Qualität,
sich durchaus abhebt und neu behauptet,
wird es möglich, die Gewohnheit selbst wahrzunehmen,
mit diesem Außenlicht.
Da blicke ich auf die drei Sternchen (statt eines Titels).
Mein Blick ist wegen ihrer Größe etwas irritiert.
Deswegen schaue ich länger hin,
und es begibt sich etwas Ungewöhnliches:
Ich spüre, daß ich mich gewöhnen werde,
spüre eine künftige Gewohnheit, aha?:
Gewohnheit als Zukunft!
„Du gewöhnst dich, nachher merkst dus nicht mehr.“
Ja, ohne das Außenlicht, das das roughbook ihm gibt,
könnte ich die Gewöhnung an die drei kleinen Sternchen
im gewohnten Buch nicht wahrnehmen,
und umgekehrt, ohne sie nähme ich die Gewöhnung
an die drei neuen nicht wahr!
Noch undeutlich fühle ich, das das kleine weiße Ding
nicht provokant ist, sondern Kraft hat, diesen Unterschied.
Es ist, wie beim gewöhnlichen Buch, nicht meine Kraft,
sondern seine eigene.
Zuerst ist darin wohl Urs Engelers Kraft,
aber auch die Kraft der Rezipienten, denen das Buch gefällt,
und zwar jedesmal auf die ihnen eigene Weise, erstaunend!
Und ganz allgemein, neben der jeweils ideellen, die materielle,
jene die gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Produktion
schön und bescheiden würdigende Kraft.
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Elke Erb, roughbooks.wordpress.com, 18.10.2010
Weitere Informationen zu diesem Buch finden sie bei roughbook. Hier erscheinen auch in regelmäßiger Folge die „Sätze zur Poetologie“ von Elke Erb.
Mit gewitzter Courage
fängt Elke Erb den Alltag in lautmalerischen Fließtexten ein. Rau und formal uneben sind die tagebuchartig komponierten Verse, gespickt mit Prosaspots und Reflexionen. Das Erb’sche Prinzip, eigene und fremde Lebensgrundmuster im Textfluss zu verdichten, kommt hier voll zum Zuge. Das vom Frühjahr 2003 bis Dezember 2009 dokumentierte Meins steht der Auffassung vom Gedicht als rundes, in sich geschlossenes Sprachgebilde entgegen. Es empfängt nicht nur Impulse aus Musik, Malerei und Werken anderer Dichter, sondern korrespondiert auch mit dem Internet. „Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht“ heißt es im dritten Teil der Folge „Sätze zur Poetik“, die Elke Erb seit dem 13. Juli 2010 im Internet kundtut. Da kann jeder kommentieren, streiten – eine gute Möglichkeit, den Kreis der „Eingeweihten“ zu erweitern und aufzulockern.
Als elitär verstand sich Erb ohnehin nie. Vor Jahrzehnten schon hatte sie in ihrem Buch Kastanienallee begonnen, ihre Gedichte selbst zu kommentieren, ein Verfahren, das damals vielen als abwegig galt. Die Verlautbarungen zur eigenen Poetologie nun weitgehend vom Gedicht zu trennen und ins Internet zu verlegen, scheint die bessere Lösung zu sein. Die Alltagsszenen beim Morgentee und in fahrenden Zügen erfreuen den Leser. Dem sprechenden Ich nachzuspüren, wie es sich irrt, ärgert oder stundenlang schlaflos liegt, ergreift und befreit ihn. Aus Entdeckungen, Erfahrungen, Erinnerungen webt Erb zarte Gespinste, aus denen leicht ironische Wortschöpfungen wie „Erlösungsgraus“ oder „Dorfeskram“ tönen. Natürlich ist Elke Erb nach wie vor auch eine politische Dichterin, die beiläufig, aber mit unschlagbar absurd wirkender Logik nachdenkt über eine „spezifische DDR-Stoa“ oder über den besonderen Beigeschmack des Wortes „Emigrant“. Aus dem anziehenden oder abstoßenden Reiz von Worten entwickelt die Zweiundsiebzigjährige unermüdlich ein schier unerschöpfliches „work in progress“.
Dorothea von Törne, welt.de, 7.8.2010
Störrische Zweige
Manchmal liegen die Gedanken der Schreibenden wie Reisig zu Füssen. Dann kann es ihr passieren, dass sie sich „sperrig, widrig“ fühlt und die Reflexion die «eigenen, störrischen Zweige» neu entzünden muss. Elke Erbs Gedichte sind Erkenntniswerkzeuge. Das Ich ist hier eine Art Medium, um die Welt und die Sprache abzutasten. Vorsichtig, in Fragen, Schleifen und kleinen Bildern, schlängeln sich die Verse voran, nehmen Beziehungen zwischen Menschen genauso in ihre Denkbewegung hinein wie die Erscheinungen der Natur. Selbst der Blick in ein Wörterbuch kann zu einem Nachdenken über das Begreifen führen, an dessen Ende keine Pointe steht, sondern
die verschüttete, verbaute, sich mühsam hinwindende,
darbende, entstellte, die sich selbst unkenntliche…,
„unsere“
kreative Natur!
Es sind Texte, die den Leser mit jedem Wort in ihren Rhythmus ziehen und ihn zu höchster Aufmerksamkeit führen. Dabei kann er beobachten, wie Tagebuchskizzen unvermittelt in Gedichte übergehen, wie das Denken seine Bilder findet und scheinbar vertraute Kategorien aushebelt. Jeder Vers lässt die Welt neu sehen, gibt dem „Hirn diesen kleinen Schwung, Schwapp“ mit auf den Weg.
ncb, Neue Zürcher Zeitung, 26.10.2010
Urs Engeler, der umtriebige Lyrikverleger,
hat nun sein Bücherzelt im Internet aufgeschlagen, und vertreibt dort roughbooks, Paperbacks im Fast-CD-Format, handlich, schön und kostengünstig. Als Band 006 der neuen Reihe, die sich vom Buchhandel losgekoppelt hat und direkt übers Internet bestellt werden kann, ist dort nun Elke Erbs Gedichtband mit dem besitzergreifenden und –ausstreuenden Titel Meins erschienen. Gedichte wie Kurzfilme, die einen Gedanken, eine Beobachtung, Erfahrung, Erinnerung fixieren, sich ranzoomen mit immer präziser fokussierender Sprache, dann zur Seite schwenken, Haken schlagen, Sprünge machen, Pfade bahnen ins Dickicht der Wörter, sie befreien, sie leben lassen – und plötzlich steht man auf einer Wortlichtung, so hell, so klar, das einem vor Glück, vor induzierter Lebenslust das Herz galoppiert.
beha, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.12.2010
Elke Erb: Meins
Urs Engeler, der umtriebige Lyrikverleger, hat nun sein Bücherzelt im Internet aufgeschlagen und vertreibt dort rough books, Paperbacks im Fast-CD-Hüllen-Format, handlich, schön und kostengünstig. Als Band 006 der neuen Reihe, die sich vom Buchhandel losgekoppelt hat und direkt übers Internet bestellt werden kann (www.roughbooks.ch), ist dort nun Elke Erbs Gedichtband mit dem besitzergreifenden und -ausstreuenden Titel Meins erschienen (140 Euro, 11 Euro). Gedichte wie Kurzfilme, die einen Gedanken, eine Beobachtung, Erfahrung, Erinnerung fixieren, sich ranzoomen mit immer präziser fokussierender Sprache, dann zur Seite schwenken, Haken schlagen, Sprünge machen, Pfade bahnen ins Dickicht der Wörter, sie befreien, sie leben lassen – und plötzlich steht man auf einer Wortlichtung, so hell, so klar, dass einem vor Glück, vor induzierter Lebenslust das Herz galoppiert.
Bettina Hartz
Am 16.11.2010 sprach Elke Erb in der Literaturwerkstatt Berlin im Poesiegespräch mit Nico Bleutge über ihren Band Meins.
Die Wortwanderin
− Dieselloktreue und Erlösungsgraus: Begegnung mit der Dichterin Elke Erb. −
Durch drei Tore geht man in der Weddinger Schwedenstraße. Da steht Elke Erb schon am Fenster ihrer Hinterhofwohnung und winkt. So hat Raphael Urweider sie gerade beschrieben:
grüßt immer äußerst wirsch
und klar mit stets offenem
visier blickfang schalkgriff.
Der große Sitzball mit der selbstgehäkelten Ringeldesignhülle im Wohnzimmer lädt zum Platznehmen ein. Ein feenhaftes, zartes Mädchen steckt nach wie vor in der 73-Jährigen. Einer der tagebuchartigen Texte ihres jüngsten Buchs Meins weiß es genauer:
Dieser Tage habe ich erblickt, gefühlt & verstanden,
dass in meinem Schreib-Ich das Kind-Ich,
die Eifeler Ich-Person mitspricht.
Sie ist noch da, ich habe sie erblickt:
Kenntlich an Auge und Stirn.
Auf ihrer Lesetour zum Preis der Literaturhäuser war sie gerade in Leipzig, Salzburg, Graz und Hamburg. Am Freitag liest sie in Berlin. Für jede der elf Städte hat sie ein anderes Konzept. In Rostock will sie mit politischen Gedichten beginnen und betont, dass sie viel „Außenwelt“ beim Schreiben brauche. „Es ist sogar besser, wenn ich nicht im Zimmer bin. Dann habe ich Unterstützung vom Licht, von den Bäumen, von der Rasenkante. Wenn ich im Zimmer bin, denke ich ständig an die Außenwelt. Das ist aber die soziale Außenwelt. Die bleibt doch im Ich, weil ich es geschrieben habe. Deshalb sage ich auch: Das Lyrik-Ich ist ein politisches Ich.“
Und wie war das damals in Ostberlin, wohin die in der Eifel geborene Tochter des marxistischen Literaturwissenschaftlers Ewald Erb 1966 aus Halle kam? Da herrschte, erinnert sie sich, in der Stube in der Wolliner Straße purer Schöpfergeist und draußen, in der Nähe von Mauer und Grenzstreifen Stille. Temperamentvoll funkeln ihre Augen: Sie will nicht gelten lassen, dass die Schriftsteller vom Prenzlauer Berg im Elfenbeinturm geschrieben hätten – weder sie noch Adolf Endler, mit dem sie von 1968 bis 1978 verheiratet war, noch sonst einer. „Wo waren denn die, die aus den Stalinschen Prozessen zurückkamen? Waren die etwa in Sturm und Wetter? Die waren doch selber borniert und verknöchert und immer verrannt in ihre idiotischen Konkurrenzkämpfe!“
Sie selbst hat in der Konfrontation mit den Dogmatikern bittere Erfahrungen gesammelt – bis hin zu Hermann Kants Versuch, sie aus dem Schriftstellerverband der DDR auszuschließen. Ihr Sommerhaus im sorbischen Wuischke war für sie immer eine Gegenwelt: „Pappelschwärmer-Welt, Giersch-Welt, Katzen-Welt“. Aber auch die auf den Feldern schuftenden Opas gehen ihr nicht aus dem Sinn: „Ackerrackerer“.
Jetzt überlegt sie, ob sie es schafft, wieder den Frühsommer dort zu verbringen, denn bis Ende Mai dauert die Lesereise. Jetzt erst mal einen Rooibos-Tee! Und dann mit dem Fahrrad an den Spielcasinos und den Auslagen des türkischen Bäckers vorbei, die Schinkel-Kirche rechts liegen lassen und ein Bioöl holen. Das soll gut sein für die Augen.
Elke Erb blättert in Deins, dem kleinen Buch, das 31 Huldigungen namhafter Autoren von Nora Bossong bis Ursula Krechel, von Steffen Popp bis Hans Thill, von Barbara Köhler bis Uljana Wolf enthält. Bert Papenfuß hat eine Montage beigesteuert, Ernest Wichner ein wunderbares Gedicht über die Erbsche Grammatik. Ihr Gedicht „Ladies betreffend“ steht gleich drei Mal im Fokus. Überhaupt genießt sie eine Bewunderung junger Dichter, die nicht viele ihrer Generation für sich beanspruchen können.
Deins nimmt die blitzenden Gedankenfäden der Elke Erb auf und spinnt sie weiter. Wer immer von Erbs hermetischer Lyrik spricht, sieht sich hier mit offenen Dialogen konfrontiert. Und die taschenbuchartigen, im Digitaldruck hergestellten Roughbooks, die Urs Engeler ohne ISBN-Nummer nur übers Internet vertreibt, verleiht ihnen etwas angenehm Alltägliches. „Diese Bücher sind Gebrauchsgegenstände“, sagt die Autorin: „Man kann sie in die Tasche stecken Und zugleich sind sie doch sehr edel! Die Friederike Mayröcker hat gesagt, so ein Roughbook sei von einer Helligkeit, dass man sich nur so hineinstürzt. Oder umgekehrt: Die Helligkeit stürzt in den Leser.“
Wir freuen uns über ihre neuesten Worterfindungen: „Dieselloktreue“, „Fichtennadelfeinicht“, „Erlösungsgraus“, während es draußen langsam dunkel wird. „Man verwendet oft ein sprachliches Instrumentarium, das unvollkommen ist und immer auch verwaltende Funktion hat.“ Sie schaut deshalb gerne ins Grimmsche Wörterbuch. „Da staune ich, wie viele Worte eigentlich aus Gerichtsverhandlungen kommen. Unglaublich! Die Wörter sind im Laufe der Zeit geglättet worden. Man kann ihre Herkunft nicht mehr erkennen. Aber ich habe einen Instinkt dafür. Die aktiviere ich, wahrscheinlich mit so einer Art rhetorischer Raffinesse, wie sie Zigeunern eigen ist: mit Überreden, Hinströmen, so dass man sich dem nicht mehr entziehen kann.“
Und wie ist es mit den szenischen Texten? Haben die Dialoge tatsächlich stattgefunden? „Nicht unbedingt“, sagt sie. „Da war ich willens, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören. Ich muss aus dem Alltag heraus schreiben. Es gibt nicht überall Verbindungen. Aber dann ist da plötzlich ein Thema. Worte schließen sich aneinander. Das ist wie Leitungen bauen. Und ein Spiel mit Unbestimmtem.“
Eines ihrer Gedichte endet mit den Worten: „Zur Absicht, nein, hätte ich nicht getaugt“. Ist das ihr Credo? „Nein, dahinter steckt ein Geheimnis. Zuerst sollte es heißen: „Zur Nonne, nein, hätte ich nicht getaugt. Aber dann habe ich es geändert. Ich wollte keine vorhandene Existenz angreifen.“ Aus Achtsamkeit? „Auch. Das ist nicht assoziativ, das hat Kraft.“ Und Mitleid und Liebe für alle Kreatur – selbst den „Hirsch, der an den Hufen friert“.
Dorothea von Törne, Der Tagesspiegel, 11.4.2011
Mit uns gehen die Worte
− Anmerkungen zu Elke Erbs Gedichtband Meins. −
Ich hielt mich auf in der Unsicherheit betitelt Elke Erb eines ihrer Gedichte und vermittelt den Eindruck, daß die Unsicherheit ein Raum, in dem ein Sich-Bewegen möglich, oder ein Mantel (ja, eingedenk der stehenden Redewendung: in den Mantel des Schweigens gehüllt) – wir sehen eine auf wackligen Beinen stehende Alte, in den Mantel ihrer Unsicherheit gewandet, die sich kaum über die Straße wagt und uns veranlaßt, herbeizueilen… Diese Interpretation erscheint nach Art ihrer Dichtung und ihres dichterischen Selbstverständnisses nur konsequent, denn sowohl die Sprache als auch der Textkörper bilden für sie gleichsam Instrumentarium wie Raum für die Erkundungsgänge, auf die sie sich begibt.
Ihrem Band Meins, den sie Ende des letzten Jahres vorgelegt hat, eignet in gewisser Weise der Charakter eines Tagebuchs, was sich nicht allein an der genauen Datierung der Texte festmachen läßt, von denen etliche im besten Sinne Gelegenheitsgedichte sind, die ihren Stoff aus Alltagserleben, der Wahrnehmungsintensität der Autorin, ihrem Zwiegespräch mit fremden Texten und künstlerischen Arbeiten gewinnen. Es ist eine Bestimmtheit in ihrem tastenden Sich-Bewegen, der man sich nicht zu entziehen vermag. Manche der Texte erscheinen skizzenhaft, wie unterwegs aufnotiert, von der Intensität geborgener Augenblicke lebend.
Ablenkung im Zugfenster
Stetige Bäume zart.
Langhin zwischen den saatgrünen Feldern.
Er ist wahr, der Harz steigt an.
Lange Tunnel…
Maulwürfe… Das Stirnhaar – Gras
Dieselloktreue.
In Arbeitshaft. – Gut erfaßt!
(Zikaden)
Zeilen, die mich in ihrer Diktion zuweilen an Bilder des Surrealisten René Magritte erinnern, zuallererst aber an die auf Fünf-Minuten-Notaten basierenden Gedichte in Sonanz, die voller Assoziationsreichtum sind. Und auch im vorliegenden Band findet sich Vergleichbares, indes in einer noch komprimierteren Weise. Den Gedichten sind mitunter Subtexte beigestellt, die diskursiv oder kontrapunktisch angelegte Weiterungen darstellen. Von Kommentaren mag ich dabei bewußt nicht sprechen, viel eher, den Intentionen der Autorin folgend, von Miniaturen, denn sie bewegen sich letztendlich in derselben poetischen Diktion wie die Gedichte. Elke Erb selbst verweist in einer poetologischen Notiz an anderem Ort darauf, daß diese Anmerkungen und Reflexionen sich gleich gültig zu den wortführenden Texten verhielten – das genaue, direkte, prompte Gegenteil von gleichgültig. Hier schreibt sich eine poetische Methode fort, die zum ersten Mal in Elke Erbs 1983 erschienenem Band Vexierbild zu beobachten war und in Kastanienallee konsequent weitergeführt werden sollte, ein Schreiben, das prozessual und dialogisch zugleich angelegt ist und das den Zeilen folgende Ich in ein fortwährendes Gespräch einzubeziehen vermag. Zeile für Zeile werden wir Zeugen veränderter, sich wandelnder Perspektiven und Sichten und gewinnen möglicherweise den Eindruck, es mit einem Spiel zu tun zu haben, wiewohl es sich um stringent gegliederte Strukturen handelt. Sie spürt in dieser Weise den eigenen Empfindungen, Wahrnehmungen nach, den Sprachbewegungen, hinterfragt, seziert sie und setzt sie in ganz ungewohnter Art wieder zusammen und zueinander ins Verhältnis. Geleitet von Wortklang und –sinn, von Assoziaionen und Assonanzen, einer Satz- oder Sprachmelodie. Und ganz gleich, ob es um Beobachtungen und Impressionen gelegentlich einer Reise geht, den Blick auf Zurückliegendes (Kindheit, Eltern, Mutter) oder etwa das Realisieren des eigenen Alterungsprozesses, der sich nicht ohne einen Schuß Selbstironie widergespiegelt findet: jedes Wort scheint einen Widersinn in sich zu bergen…
Ach, könnte ich
So reden, daß ich den Hintergrund halte
und
nicht, was ich rede, als einziges meine,
die anderen meine, die Waage halte,
daß ich ziele und halte soviel wie
noch bei mir sein – und bei ihnen so auch,
nicht nur
unterwegs gleich dem Schall.
Im Kern dieses Gedichts finden wir auch Elke Erbs etologisches Selbstverständnis versinnbildlicht, denn in ihren Sätzen zur Poetologie, die sie seit 2010 in Abständen auf der Seite des Verlags roughbooks publiziert, heißt es an einer Stelle:
Das Gedicht ist alles, was es tut.
Es ist, als Ganzes, als Komposition mehr als das, was es tut.
Es ist auch das, was es nicht tut.(Sätze zur Poetologie, 4)
Und weiter:
Das Gedicht grenzt nicht aus, verkleinert die Welt nicht.
(Sätze zur Poetologie, 3)
Aussagen, die auch auf die in den letzten sieben Jahren entstandenen Gedichte in diesem Buch unbedingt zutreffen. Wir haben es hierbei zugleich mit einem Experimentierfeld und den Ergebnissen eines Erkundungsprozesses zu tun, die in Buchgestalt wie ihrer eigenwilligen typographischen Gestaltung eine kongeniale Umsetzung erfahren haben.
Die Reihe roughbooks ist ein neues Projekt des ambitionierten Schweizer Verlegers Urs Engeler, der Ende 2009 aus finanziellen Gründen seine Verlagsaktivitäten begrenzen mußte. Die neue Reihe, von der Meins den 6. Band darstellt, gibt sich in quadratischem Format und ist nur über den Herausgeber zu beziehen.
Jayne-Ann Igel, Ostragehege, Nr. 62, Juli 2011
Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett München sprach am 28.6.2011 über dieses Buch und ist zu hören ab 0:40:01.
Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett München vom 17.7.2018
Produktionsbedingungen 1 – Wie ein roughbook entsteht. Elke Erb: Meins, 2010
Kein Funke
Manfred Rothenberger: Die deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 und damit das Ende der DDR, was hat das in dir ausgelöst?
Elke Erb: Das hat natürlich etwas in mir ausgelöst. Ich meine, wenn so ein Staat sich auflöst oder aufgelöst wird, da artikulieren sich die Dinge ganz anders.
Rothenberger: Wie meinst du das?
Erb: Ich würde nicht sagen, dass es mein Denken verändert hat. Es hat eher die Eroberungen vermehrt. Staatsdinge haben mich nie so wirklich interessiert.
Lieber schreibe ich. Mit einem Gedicht bist du immer an einem ersten Punkt. Und wenn du ein Gedicht fertig hast, stehst du wieder an einem ersten Punkt.
Vor einiger Zeit sollte ich mal was schreiben für den Freitag zum Thema „Wie entsteht ein Gedicht“, das wurde dann gedruckt, und der Grünbein war wieder vollkommen scheiße. Das ist wirklich wahr.
Rothenberger: Meinst du Durs Grünbein?
Erb: Ja. Sein Text stand neben meinem, sonst hätte ich ihn ja gar nicht gelesen.
Früher fand ich Grünbein besser, seine ersten Gedichtbände, aber dann hat er das Reimen angefangen, wurde klassizistisch und hat sich dem guten Bürgertum zugewandt. Damit meine ich die Bürger, die sich selbst „gut“ heißen.
Es begann so, dass er irgendwann zu mir sagte, du musst auch 100 Euro verlangen, oder Mark, damals noch. Für eine Lesung. Halt so ein typischer Einsatz, der den anderen passt.
Und der ist nicht unterzukriegen, der Durs, der taucht überall auf.
Rothenberger: Hast du ihn gut gekannt?
Erb: Wir waren eigentlich befreundet. Er kam ursprünglich aus Dresden, aber wir haben uns auseinandergelebt, und dann ist er verschwunden in diesen Düsseldorfer Gefilden, wo er Karriere gemacht hat. Es ist wirklich so. Selbst Edlere kommen ohne den nicht aus.
Weißt du, er kann unter Umständen noch einmal etwas Kluges hervorbringen. Aber eher in Prosa. Wenn er aufhört mit der blöden Reimerei, dann hat er vielleicht noch eine Chance.
Rothenberger: Jetzt habt ihr keinen Kontakt mehr?
Erb: Nein. Aber ich weiß noch, das ist schon einige Zeit her, da kam er einmal bei einer Lesereihe an, als ich gerade dran war, und ich bemerkte, dass sein Gesicht sich freute. Sein Gesicht löste sich.
Als ich dann diesen Zug hatte, im Lesen, da habe ich den rausgeholt aus seiner bürgerlichen Kacke. Das war so, ganz eindeutig. Auf einmal fing es an, zu leuchten, sein Gesicht. Er konnte da noch die Nahrung zu sich nehmen. Ich weiß nicht, wie das jetzt ist, jetzt kenne ich ihn nicht mehr.
Rothenberger: Er meldet sich auch nicht mehr bei dir?
Erb: Nein. Ich würde auch nicht rangehen. Ich habe so gewisse Abwesenheiten – ich meine Abneigungen. Abneigungen, die zu Abwesenheiten werden, weil du dich von den Menschen fernhältst.
Du, das finde ich jetzt wirklich spannend, denn Durs Grünbein gilt ja als ein großer deutscher Dichter, und ich habe nie verstanden, warum…
Als ob er einem klarmachen wollte, was das Bürgertum überhaupt ist. Aber das Bürgertum ist ja vom Marxistischen her sowieso scheiße. Das Bürgertum, das kann nix, das ist blöd, das hat falsche Gesichtspunkte und meint, es könne das, worum es geht, beim Nachmittagstee erledigen.
Rothenberger: Der Literaturbetrieb macht sich halt die Dichterkönige, die er braucht. Aber die Zeit wird das regeln.
Erb: Das läuft ja immer so, auch in der Bildenden Kunst.
Rothenberger: Ja, da ist das ganz genauso.
Erb: Übrigens kann ich den Gerhard Richter nicht leiden.
Rothenberger: Den Künstler Gerhard Richter? Warum?
Erb: Da ist noch ein anderer, den kann ich leiden – den Sigmar Polke.
Rothenberger: Der ist frecher.
Erb: Nicht frecher. Der Richter, der ist so ein Einrichtungswesen für Bilder, das kann ich nicht leiden. Da läuft irgendwas schief.
Rothenberger: Gibt es denn gar nichts, was dir von Gerhard Richter gefällt?
Erb: Ja, das hängt alles zusammen… ich bin einmal auf die Unehrlichkeit gekommen bei ihm, und dann kann ich nicht weiter. Dann kann ich einfach nicht weiter.
Ich habe ein Vorurteil gegen Unehrlichkeit. Es ist eh schon immer alles so schwierig, da muss man es mit Unehrlichkeit nicht noch schwieriger machen.
Rothenberger: Weißt du noch, worin Richters Unehrlichkeit bestand?
Erb: Sein Bild war nichts. Aber dieser Polke, der hatte einen Strich, und der stimmte.
Das muss irgendwie zusammenhängen, das ist nicht nur ein Gefühl.
Rothenberger: Es sprang kein Funke über zu dir?
Erb: Nein, kein Funke.
Na gut, ich bin auch keine sehr begabte Seherin von Bildern.
Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024
Tumult
Manfred Rothenberger: Was bedeutet dir Musik?
Elke Erb: Ich mache sie nicht, ich höre sie nicht, ich bin unmusikalisch. Mir fehlte dafür immer ein Mentor, der mir gesagt hätte, pass mal auf, nimm jetzt dies, dann das, und dann hör dir diesen Dirigenten an. Ich dachte immer, wenn ich die Dirigenten nicht unterscheiden kann, dann hat das doch gar keinen Sinn. Aber, ich glaube, ich wäre führbar, wenn man mir das genauer zeigen würde.
Rothenberger: Hast du gar keine Erfahrungen gemacht mit Musik?
Erb: Doch, einmal war ich bei Karl Mickel, er spielte etwas von Beethoven und ich sehe es genau vor mir: Beethoven geht mit kräftigen Schritten durch einen Park, durch so einen schmalen Garten, auf etwas zu. Und ich habe plötzlich alles ganz genau verstanden.
Auch mit Brahms hatte ich so eine Erfahrung.
Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh.
Das war irre, ich konnte das in ganz andere Verhältnisse übersetzen. Ich habe während des Musikhörens immer alles in andere Dinge übersetzt. Das ging ziemlich weit.
Rothenberger: Wie meinst du das?
Erb: Bei Haydn habe ich mal gespürt, dass das, was ich beim Hören spüre, nicht mehr in Sätze zu fassen ist. Also habe ich mich zur Musik bewegt. Infolgedessen hat sich eine Rippe über die andere geschoben.
Rothenberger: Du hast dich zu heftig bewegt?
Erb: Nein, ich habe mich nicht zu heftig bewegt. Ich habe mich einfach nur bewegt. Und in dieser völligen Friedfertigkeit rutscht plötzlich die eine Rippe über die andere.
Rothenberger: Du bist nicht gestürzt?
Erb: Nein, ich bin nicht gestürzt und habe nicht getobt. Aber ich hatte dann ein halbes Jahr lang Schwierigkeiten. Der Physiotherapeut hat nur gesagt, das dauert eben. Das wird sich von selbst wieder einrenken.
Rothenberger: Das heißt, du hörst jetzt aus Selbstschutz lieber keine Musik mehr.
Erb: Ich würde schon gerne, aber ich glaube, ich habe selbst zu viel Tumult in mir. Wenn ich Musik höre, bin ich in fünf Minuten erschöpft. Also die verbraucht mich viel zu sehr. Und es ist auch wirklich nicht so einfach, Musik in sich aufzunehmen.
Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024
Dass man sich immer mehr befreit
Manfred Rothenberger: Wann ist ein Gedicht für dich fertig?
Elke Erb: Wenn du den Punkt erreicht hast, dass ein Gedicht fertig ist, dann verläßt du es.
Rothenberger: Was nimmst du von ihm mit?
Erb: Den Genuß des Gedichts kannst du erst viel später kriegen.
Manchmal ist es aber auch so gewesen, dass ich einen Zusammenbruch hatte und anfing, zu weinen, wenn ich ein Gedicht wieder gelesen habe. Besonders bei den Sonanz-Gedichten, die ja sehr unterschwellig sind. Plötzlich überschüttet mich das, mein eigenes natürliches Ich. Ich erschrecke mich richtig.
Rothenberger: Du erschrickst?
Erb: Ja, weil etwas passiert in den Texten, was ich bewußt gar nicht produzieren kann. Ich staune, weil ich ganz unversehens so etwas sage. Und das auch noch alle Eleganz von Formen hat, die überhaupt möglich sind.
Ich habe erkannt: Je weiter ich mich in die Sprache hineinbegebe, desto freier kann ich mit ihr arbeiten. Diese Form von Durchdringung ist ein richtiger Befreiungsprozeß.
Und das ist wiederum das Schöne am Alter… nicht, dass was zu Ende geht, sondern dass man sich immer mehr befreit.
Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024
Ziemlich viel Gesellschaft
Manfred Rothenberger: Seit langem verbringst du die Sommer in Wuischke, was bedeutet dir diese Zeit?
Elke Erb: Zum Beispiel liebe ich da die Bäume. Schon weil sie größer sind als die Menschen. Aber was machen die denn, die Bäume? Guck mal, die breiten ihre Arme aus, da haben sie ihr Laub dran. Guck mal da rauf zu den Bäumen. Gottseidank habe ich in Berlin auch Bäume im Hinterhof.
Du müsstest in Wuischke im Sommer mal um die Ecke kommen. Es ist so schön dort mit den Bäumen. Das kann ich gar nicht begründen.
Oder im Herbst, die Blätter im Kastanienbaum – als ob du in reines Gold guckst!
Andererseits bin ich gar nicht so ein Naturmensch, der das alles anbetet. Ich mach aus meiner Beziehung zur Natur kein inneres Propagandawesen.
Rothenberger: Wenn du beinahe die Hälfte des Jahres in Wuischke verbringst, musst du ja immer einen ganzen Hausstand umziehen.
Erb: Naja, zehn Koffer habe ich schon immer mit dabei. Allein drei sind voll mit Büchern. Dann muss ich Manuskripte mitnehmen, Pillen, Wäsche – und dann habe ich auch immer Geschenke für die Leute in Wuischke dabei, für meine Vermieter.
Rothenberger: Kannst du in Wuischke besonders gut arbeiten?
Erb: Ich arbeite sowieso immer. Und wenn du angestrengt arbeitest, hast du infolgedessen eine höchst aufmerksame Intuition. Und auf einmal fühlst du dich sogar mit den Pflanzen verwandt, mit den einzelnen Gräsern. Sonst ist das ja nur Wiese. Und dann musst du das sofort aufschreiben, weil du es sonst verlierst und nicht mehr zur Verfügung hast.
Die Aufgabe des Aufschreibens ist es, das Gedächtnis zu erhalten, damit es nicht im Nirwana verschwindet, denn auf das Nirwana kannst du wirklich nicht setzen.
An einem Johannisbeerstrauch habe ich einmal etwas begriffen, was bis in die Antike zurückreichte. Ein Baum oder ein Strauch kommt ja von ganz weit her. Der trägt die Zeit in sich. Das reicht eigentlich schon für ein Leben, nur darüber nachzudenken.
Rothenberger: In Wuischke hast du ein kleines Häuschen gemietet.
Erb: Ja, und mein Arbeitszimmer dort war früher ein Kinderzimmer – die Deckenlampe mit den bunten Kugeln ist eigentlich eine Kinderzimmerlampe – ich laß das jetzt mal so, weil es so sinnlos ist.
Rothenberger: Wäre es schlimm, wenn du das ganze Jahr in Berlin verbringen müsstest?
Erb: Das weiß ich nicht, ich kenne das Ausmaß meiner Anpassungsfähigkeit nicht.
Aber ich habe gemerkt, als ich in Wuischke anfing, Teeblätter zu sammeln, dass ich Wuischke mitnehmen wollte nach Berlin. Da waren sogar Johannisbeerblätter dabei, und Brombeerblätter. Also ein großumfänglicher Tee. Bis heute trockne ich bestimmte Brennnesseln und so was.
Nachher habe ich mir gedacht, ich nehme jetzt von dem Land, was ja nicht meine Heimat ist, etwas mit… nicht in Stellvertretung… Stellvertretung… was für ein widerliches Wort… ich nehme etwas mit von Wuischke, von diesem Land.
Rothenberger: Hast du in Wuischke Freundinnen oder Freunde?
Erb: Jahrelang bin ich jetzt im Sommer auf dem Land doch auch sehr viel allein.
Rothenberger: Fühlst du dich manchmal einsam?
Erb: Ach, das hat sich so ausgebildet über die Zeit. Du siehst ja, dass ich ziemlich viel Gesellschaft in mir habe.
Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024
Knacknüsse
Manfred Rothenberger: Deine Texte sind Knacknüsse, an denen sich noch einige Generationen von Literaturwissenschaftlern die Zähne ausbeißen können.
Erb: Nein, so was Gemeines, wer hat denn das gesagt?
Rothenberger: Ich.
Erb: Du? Bist du verrückt? Warum wollen die sich die Zähne ausbeißen? Ich bitte dich.
Rothenberger: Weißt du, ich finde, eigentlich müssten die Germanistinnen und Germanisten jeden Tag vor deiner Tür Schlange stehen, dich befragen – dokumentieren, was du machst, und wie du es machst.
Erb: Da steht niemand vor der Tür, sie drücken sich um mich.
Rothenberger: An deinen Texten kann man lange kauen, deswegen habe ich das mit den Knacknüssen gesagt. Das war als Kompliment gemeint.
Erb: Ich hoffe doch sehr, dass man mich nicht zu Ende kauen kann.
Rothenberger: Haben sich denn schon mal Literaturwissenschaftler bei dir gemeldet?
Erb: Nein. Weißt du, dann können sie einen auch nicht verletzen in ihren Scheißdingen da, mit ihren Einordnungen.
Rothenberger: Ich muss lachen, denn ich gönne den Germanisten deine Texte. Die sollen mal richtig was zu tun kriegen.
Erb: Aber das will ich gar nicht, dass sie damit arbeiten. Das ist nicht ihre Sache. Ich möchte nicht, dass sie damit rummachen.
Rothenberger: Das ist auch schön, wenn du das so sagst.
Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024
Wörter, die einen okkupieren
Elke Erb: Ich gucke übrigens inzwischen sehr oft in das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm.
Manfred Rothenberger: Was suchst du da? Wörter, die wir längst vergessen haben? Oder wo unsere Wörter herkommen?
Erb: Es gibt da die Wortherkünfte. Zuerst bekommst du das Wort angenehmerweise auf Lateinisch, dann gibt es Situationsbeschreibungen und wie sich die Wortbedeutungen verändern.
Ich habe mal einen Text geschrieben, den hat die Herta Müller haben wollen. Über Wörter, die einen beherrschen. Wörter, die einen okkupieren. Da wählte ich „Verantwortung“ und bin enttäuscht worden vom Grimm’schen Wörterbuch.
„Verantwortung“ heißt nämlich gar nicht so was Edles wie Verantwortung übernehmen, keineswegs, sondern du sollst dich verantworten für ein Delikt.
Rothenberger: „Verantwortung“ ist also fast schon ein Schuldspruch?
Erb: Ja, du sollst dich verantworten für etwas, was du vielleicht gemacht hast, du sollst Antworten darüber geben, ob du das gemacht hast. Es war ja schon immer so, dass man seiner Verantwortung nicht gerecht wurde.
Dann habe ich aber einen Ausweg gefunden, denn nachher, nachdem das Wort so edel auf mich gewirkt hat, hörte das Schuldgefühl auf, denn ich spürte, ich werde der Verantwortung nun doch gerecht: in der Wortarbeit, in meinen Texten.
Interessant.
Rothenberger: Allerdings.
Erb: Das zweite Wort, dem ich im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm nachforschte, war „Anstand“. Da war ich vielleicht gerade noch davon erfüllt.
Aber dieses Wort hatte ja früher eine ganz andere Bedeutung. „Anstand“ war, wenn man einen Waffenstillstand machte. Oder wenn man wartete – wenn der Jäger auf Anstand ging, dann war das auch ein Warten.
Ja, die Wortbedeutungen – wie das alles plätschert und plätschert, und eigentlich eine unendliche, immense Fortsetzung ist, ohne jede Grenze.
Rothenberger: Hast du noch nach anderen Wörtern geforscht?
Erb: Ja, das dritte Wort war „ritterlich“. „Ritterlich“ war sehr interessant, weil ganz alltäglich. Du gehst ja später wieder und dann bringe ich dich zur U-Bahn. Dafür ziehe ich mir Schuhe an – und während ich mich bücke nach den Schuhen, denke ich: ritterlich. Das heißt, man wird okkupiert von einem Wort, und dieses Wort gibt einem zum Beispiel ein, man sei ritterlich – das erhebt einen doch.
Rothenberger: Jetzt stell dir mal vor, alle Menschen würden mit einem Grimm’schen Wörterbuch unterm Arm durch die Welt laufen, um dem Ursprung der Wörter auf den Grund zu gehen. Wir hätten zwar erst mal keinen gemeinsamen Code mehr, aber dafür eine außerordentliche Offenheit, in der die Wörter neu zu leben beginnen.
Erb: Das wäre durchaus zu empfehlen. Ja, man kann wunderbare Pirschgänge machen im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm.
Ich halte es für eine gute Musik, wenn ein Ton kommt aus der Vergangenheit.
Aus Tanzende Ordnungslust. Manfred Rothenberger im Gespräch mit Elke Erb, starfruit publications, 2024
SCHONEN
Für „Flip-out-Elke“
Bin in Altes Lager gewesen; allet schubbert ab.
Das Pferd ist zu Fuß ein Tusch hinterm Tod.
Ich habe Ales stenar gesehen, steht zwar noch,
aber die Steine sind wie die Wörter verrutscht:
Der Tusch ist ein Pferd hinterm Tod zu Fuß.
So bastelt man kein Sonnenobservatorium.
„Gedanken wie Reisig zu Füßen“1
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“2
„Meine eigenen, störrische Zweige,
zum Winter geworfen“3
„Es hört auf dunkel zu sein
Es fängt an hell zu werden
Und zwei ist eins“4
Von der Erbin5 lernen, heißt erben lernen: Odin war nur
ein Führer, Loki ist Anrührer, Anführer und Aufrührer!
Schoningers Adler resp. Rabe – „ist Greif“6
Zu allem, was recht ist, paßt – was einseift.
Dann sorgt die Biathletin7 für Ordnung:
Frauen ins Land, Männer an den Strand.
Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
„Lieblicher sprachst du […]
als du in dein Bett mich entbotst:
nicht darf ichs verschweigen,
wenn unsre Schandtaten wir / sollen nennen genau8
Frieden ist ewiger Streit, ruhig rollt das Rad,
auf Preis folgt Nachlaß, dann Preisgabe,
Zurücktritt, Unterwerfung des Geistes:
Eingeschworen ist die Pik Zehn,
auf die einheizende Herz Neun.
Gedanken wie Geschling zwischen den Zehen:
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“.
Gletsch, Gleiß und Giersch zu ihrer Zeit,
der Film fängt gleich an:
„Es hört auf dunkel zu sein
Es fängt an hell zu werden
Und zwei ist eins“.
„Unser Gelächter war urböse […],
gespeist von dem Urquell des Unmotivs,
und wir versuchten vergebens,
den Schutzherrn unseres Gemütes zu betrüben9
Nach dem Schlangenverderben
beginnt des Wurmes Werden.
Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
„Lieblicher sprachst du […]
als du in dein Bett mich entbotst:
nicht darf ichs verschweigen…“
„Wann sorgt die Biathletin für Ordnung?“ –
„Welche Ordnung?“ – „Die Mutter der Ordnung!“ –
„Einmal genannt ist die Mutter der Ordnung
jede Ordnung.“ – „Eine spontane Ordnung!“
„Was heißt Regel beim Dichten? – Zweierlei heißt es.
– Was denn? – Normal und Abgewandelt!“10
Gedanken wie Geäst zwischen den Zeiten:
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“.
„Die fünfte Freiheit ist Zeitenwechsel11
in der Halbstrophe.“ Für janz Doofe:
„Es hört auf dunkel zu sein
Es“ fing „an hell zu werden
Und zwei ist eins“.
Pferdeschwänze drehen am Rad, betrauern
gefallene Adoranten, Schiffsheber, Akrobaten,
Krieger und Dollentrolle, die sich selbst ausheben.
Unterstrapazierte Kindergermanen geben kein Gas;
säen und ernten nicht, sparen keinen Strom.
AIDS riskieren oder Arsch abfrieren.
Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
Anzufangen auf hört es
Aufzuhören an fängt es
Zuzuhören auf hört es
Zuzugreifen an fängt es
Nokia: ,,Ich habe jede Möglichkeit so antizipiert,
dass mich Alleen voll Gehängter nicht stören werden,
ein Ziel zu verfolgen, das bei mir immer wiederkehrte.
Den Menschen das abbetteln, was sie nicht geben wollen,
habe ich kein Talent, weil ich an die innere Überwältigung glaube.“12
Die Unterwerfung des Geistes, dem es an Opfern gebricht.
In der Schonung haben wir gefickt.
„Es fängt an dunkel zu werden
Es hört auf hell zu sein“
Aus der Lichtung bricht die Schneise – wüßte der Dadaskalde13
noch die Richtung; brunzt die Scheiße, ich wüßt’s wohl balde:
„Es hört auf dunkel zu sein
Es“ fing „an hell zu werden
Und zwei ist eins“.
Dann steigt der Greif und Donner fährt ins Gebirge.
Der Winterwanderer14
Leggi brauzt ƥú Leiknar,
lamđir ƥrivalda,
steypđir Starkeđi,
stéttu of Gjalp dauđa
Leikn du erlegtest,
Ließ’st fall’n Thriwaldi.
Starkard du stürztest,
Stundst ob Gjalp, toter. (Aus: „Die Dichtersprache [Skáldskaparmál]“, In: Die jüngere Edda, hier S. 139) beschreibt ein Sommergewitter:
Brachst die Knochen der Spielgefährtin,
machst den Dreigewaltigen zum Hoschi,
barbiertest den mächtigen Kampfbart,
malträtierst die leblosen Schreihälse.
Eins ist zwei und
Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es
Anzufangen auf hört es
Aufzuhören an fängt es
Zuzuhören auf hört es
Zuzugreifen an fängt es
Verschiedene sich angelegentlich kreuzende Wege resp. Verse
führen zu der Straße resp. Strophe in das Gebiet resp. Gedicht,
in dem steht, was in Schonen und rund um Schonen rum abgeht:
Abgedrehte Vegetationszyklen und jeweiliges Wetter beugen sich
über schräge Großsteingräber und zerfurchte Felszeichnungen.
Die allgemeine und spezielle Poetologie, die Erörterung zwischen-
menschlicher Beziehungen hingegen,
die – zugegeben, innere – Überwältigung
des spröden Geistes, und der Kommunismus
folgen genauso auf dem Fuß wie der Formalismus.
In der Schonung knospt’s –
„Es hört auf dunkel zu sein
Es“ wird angefangen geworfen sein „hell zu werden
Und zwei ist eins“.
Der Feind des Trichterbechermannes ist der Steinschläger,
Trassen hauend – „Hucker“, die wir sind, ,,nicht Maurer“15–
für Paperbacks? „Wir gehn über die grauen Wiesen.
Wir grüßen den lautlosen Regen über dem Leunawerk.“16
Fehlt dem Raubein das gryphische Element,
hat er glatt die Schiffssetzung verpennt –
„die monologe gehen fremd“17.
Vorbeigefahren, eingeschliffen:
Eins ist zwei und null zugleich.
„Werden zu hell an fängt es
Sein zu dunkel auf hört es
Sein zu hell auf hört es
Werden zu dunkel an fängt es“
Mainstream ist woanders.
„Ich nehme keine Befehle entgegen. Ich folge dem Ratschluß
meiner“18 Schwänze. „Ich sehe den Zauber der Entzauberung?“19
Frauen, die unser Leben teilen, in den enteigneten Betrieben.
[…] nicht gedrückt in die winterliche Struktur.“20
„Die Poesie verwandelt ihre Widerstände in Siege.
[…] Je knapper die Siege sind, desto besser.“21
Schonen… ist die Herausforderung meiner Wassersuppe! 22
Bert Papenfuß
Im roughblog können Sie weitere aktuelle Informationen zum Buch erfahren.
Gedichtverdachte: Zum Werk Elke Erbs. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung In den Vordergrund sprechen Hendrik Jackson, Steffen Popp, Monika Rinck und Saskia Warzecha über Elke Erbs Werk.
Urs Engeler: Fünf Bemerkungen zu E. E.
Franz Hofner: Hinter der Scheibe. Notizen zu Elke Erb
Elke Erb: Die irdische Seele (Ein schriftlich geführtes Interview)
Elke Erbs Dankesrede zur Verleihung des Roswitha-Preises 2012.
Im Juni 1997 trafen sich in der Literaturwerkstatt Berlin zwei der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartslyrik: Elke Erb und Friederike Mayröcker.
Klassiker der Gegenwartslyrik: Elke Erb liest und diskutiert am 19.11.2013 in der literaturWERKstatt berlin mit Steffen Popp.
Lesung von Elke Erb zur Buchmesse 2014
Zum 70. Geburtstag der Autorin:
Steffen Popp: Elke Erb zum Siebzigsten Geburtstag
literaturkritik.de
Zum 80. Geburtstag der Autorin:
Waltraud Schwab: Mit den Gedanken fliegen
taz, 10.2.2018
Olga Martynova: Kastanienallee 30, nachmittags halb fünf
Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018
Michael Braun: Da kamen Kram-Gedanken
Badische Zeitung, 17.2.2018
Michael Braun: Die Königin des poetischen Eigensinns
Die Zeit, 18.2.2018
Karin Großmann: Und ich sitze und halte still
Sächsische Zeitung, 17.2.2018
Christian Eger: Dichterin aus Halle – Wie Literatur und Sprache Lebensimpulse für Elke Erb wurden
Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2018
Ilma Rakusa: Mensch sein, im Wort sein
Neue Zürcher Zeitung, 18.2.2018
Oleg Jurjew: Elke Erb: Bis die Sprache ihr Okay gibt
Die Furche, 8.3.2018
Annett Gröschner: Gebt Elke Erb endlich den Georg-Büchner-Preis!
piqd.de, 27.6.2017
Zum Georg-Büchner-Preis an Elke Erb: FR 1 & 2 + MOZ + StZ + SZ + Echo + Welt + WAZ + BR24 + TTB + MAZ + FAZ 1 & 2 + TS + DP + rbb +taz 1 & 2 + NZZ +mdr 1 & 2 + Zeit + JW + SZ 1 & 2 + Hayer +
Zur Georg-Büchner-Preis-Verleihung an Elke Erb: BaZ + BZ + StZ + AZ + FAZ + SZ
Verleihung des Georg-Büchner-Preises 2020 an Elke Erb am 31.10.2020 im Staatstheater Darmstadt.
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Nachrufe auf Elke Erb: Bundespräsident ✝︎ BZ 1 + 2 ✝︎ Die Zeit ✝︎ Facebook 1, 2 + 3 ✝︎ faustkultur ✝︎ FAZ ✝︎ junge Welt ✝︎ literaturkritik ✝︎ LiteraturLand ✝︎ mdr ✝︎ MZ ✝︎ nd ✝︎ signaturen ✝︎ Sinn und Form ✝︎ SZ ✝︎ Tagesspiegel 1 +2 ✝︎ tagtigall ✝︎ taz ✝︎ Volksbühne
Im Universum von Elke Erb. Beitrag aus dem JUNIVERS-Kollektiv für die Gedenkmatinée in der Volksbühne am 25.2.2024 mit: Verica Tričković, Carmen Gómez García, Shane Anderson, Riikka Johanna Uhlig, Gonzalo Vélez, Dong Li, Namita Khare, Nicholas Grindell, Shane Anderson, Aurélie Maurin, Bela Chekurishvili, Iryna Herasimovich, Brane Čop, Douglas Pompeu. Film/Schnitt: Christian Filips
Zur Erinnerung an Elke Erb und Helga Paris. Lesung mit Steffen Popp, Brigitte Struzyk, Joachim Hildebrandt und Peter Wawerzinek am 6.7.2024 im Salon von Ekke Maaß, Berlin. Martin Schmidt: Improvisationen am Klavier
Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.
Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.










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