ROSA LUXEMBURG
Schmerz
wie ein Vogel singt.
Mauer. Lüfte, hörbar
über der Angst.
Wer verschließt deinen Mund,
Lerche? Du fliegst
auf vom Wiesenstädtchen,
in die Verwüstung, vorüber
Türmen, atemlos, dort:
Lerche, sing deinem Volk,
sing der Schläfen
Gewalt. Ich hör einen Alten
reden von finsteren Jahren.
Zärtlichkeit, eine Träne,
sagt deinen Namen.
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Im Halbschatten
Als Johannes Bobrowski 1962 bei der Tagung der Gruppe 47 im Alten Casino am Berliner Wannsee las, das später das Literarische Colloquium werden sollte, stockte den Zuhörern der Atem. Man konnte auf vieles gefaßt sein in diesen Tagen, der alte Streit zwischen littérature pure und littérature engagée war wieder einmal aufgeflammt, und die alte Generation der gesellschaftspolitisch denkenden Roman- und Reportageautoren stritt sich mit der jüngeren, die an den nouveau roman anknüpfte und das Wortmaterial abhorchte, um die Deutungshoheit. Dann aber erhob sich die ostpreußisch langsame Stimme Bobrowskis im Raum. Sie schien von ganz woanders her zu kommen, aus entlegenen Regionen, mit weiten östlichen Ebenen und unübersichtlichen Wäldern – „kein Atem hat sie bewegt“, las Bobrowski.
Die Teilnehmer dieser Gruppentagung, mit allen Wassern gewaschen, wirkten irritiert. Auf Bobrowski war keiner vorbereitet. Als Favorit für den begehrten Preis der Gruppe 47 galt Peter Weiss, dessen „Gespräch der drei Gehenden“ auf der Höhe der Zeit war, mit raffinierten Verschiebe- und Perspektivtechniken, und diese forderten die anwesenden Germanistikprofessoren, die damals auch die tonangebenden Kritiker waren, zu rhetorischen Höchstleistungen heraus. Bobrowski aber schien aus einer anderen Zeit zu stammen, aus einer lyrischen Tradition, die irgendwie im 18. Jahrhundert abgebrochen war und erst jetzt wieder, auf merkwürdige Weise zeitgenössisch aufgeladen, ans Tageslicht befördert wurde. Alte Vorstellungen von Versmaß und Metrum bestimmten bei ihm den Ton, Anrufungen im Geiste Klopstocks und der klassischen Ode, aber dennoch hatte das etwas mit dem Hier und Heute zu tun. Bobrowski sprach deutlich von den Landschaften und Siedlungen Osteuropas, die kurz zuvor von der deutschen Wehrmacht verwüstet und zerstört worden waren, er zeigte sich geschichtsbewußt und hochpolitisch. Daß er ein Schriftsteller aus der DDR sein sollte, war ebenfalls kaum zu glauben: in einer kulturpolitischen Situation, in der soeben der „Bitterfelder Weg“ ausgerufen worden war und die Parole „Greif zur Feder, Kumpel!“ die Tagesdiskussionen bestimmte, schienen diese Gedichte überhaupt nicht vorstellbar zu sein.
Man merkte, wie sich die kritischen Koryphäen der Gruppe 47 bemühten, ihrer Verblüffung Herr zu werden. Klaus Wagenbach erinnerte sich später sehr gern an diese Szene: Hans Mayer, Walter Jens, Walter Höllerer, Joachim Kaiser, sie seien alle ziemlich verunsichert gewesen „und versuchten, die Sache irgendwie in ihr literarhistorisches, ästhetisches Netz einzubauen“.1 In Walter Höllerers Nachlaß finden sich die Notizen, die er sich während der Lesung machte: groß steht da unterstrichen das Wort „Kalmus“, der Titel eines Bobrowski-Gedichts, und darunter Zeilen und Wendungen, die ihm besonders aufgefallen waren. Groß umrahmt ragt das Wort „Spürbares“ heraus. Höllerer tastete sich erkennbar vor. Und der sonst so wortgewaltige Walter Jens rang hörbar nach Luft:
Hier sind die höchsten Maßstäbe anzusetzen, hier denkt man an Hölderlin!2
Bobrowski war offenkundig ein Solitär. Er erhielt den Preis der Gruppe 47. Für wenige Jahre, bis zu seinem frühen Tod nach einer Blinddarmentzündung am 2. September 1965 im Alter von 48 Jahren, spielte er nun eine einzigartige Rolle als Vermittler zwischen Ost und West. Er galt in der BRD wie in der DDR gleichermaßen als Instanz, viele Kollegen aus Westberlin pilgerten zu seinem gastlichen Haus in der Ahornallee in Berlin-Friedrichshagen. In diesen wenigen Jahren entstanden, wie rastlos anmutend, auch seine herausragenden Werke: die beiden Gedichtbände Sarmatische Zeit und Schattenland Ströme erschienen 1961 und 1962, der Roman Levins Mühle 1964 und der Erzählband Boehlendorff und Mäusefest 1965, aus dem Nachlaß wurden danach der Roman Litauische Claviere, der Gedichtband Wetterzeichen sowie Erzählungen unter dem Titel Der Mahner herausgebracht.
Herkunft wie Gegenwart des Dichters waren schwer zu erfassen. Bobrowski wurde am 9. April 1917 als Sohn eines Eisenbahnbeamten in Tilsit geboren, einer Industriestadt an der Memel mit 50.000 Einwohnern, an der Grenze zu Litauen. Prägend waren für ihn die langen Aufenthalte bei seinen Großeltern in Willkischken und Motzkischken, 25 Kilometer östlich am Flüßchen Jura, das wie andere Namen aus seiner Herkunftsregion immer wieder in Bobrowskis Gedichten aufgerufen wird: die Daunas (der litauische Name für das linke Memelufer bei Ragnit) etwa, ein Holzhaus über der Wilia, die Düna und ihre Möwen, das litauische Wilna. Johanna Bobrowski, die Ehefrau, die aus Willkischken stammte, erinnerte sich:
Im Sommer waren wir ja nur draußen. Wenn man so auf dem Bauernhof aufwächst, dann gibt es diese Trennungen nicht, Elternarbeit, Kinder – das gehöre alles zusammen. Das geht alles eins ins andere über. Ich bin auch nicht erzogen worden, ich bin einfach aufgewachsen!3
Das Grenzgebiet, in dem Bobrowski seine Kindheit und Jugend verbrachte, war von verschiedenen Nationalitäten geprägt. Die Selbstverständlichkeit dieser Umgebung bildete das Fundament für Bobrowskis Literatur: in dem Moment, als sie zerstört wurde, wurde sein Schreiben bewußter und eigenständiger. Als Soldat der deutschen Wehrmacht war er am Einmarsch in die Sowjetunion beteiligt. Vielzitiert ist seine Selbstauskunft in der von Hans Bender 1961 herausgegebenen Anthologie Widerspiel:
Zu schreiben begonnen habe ich am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder, als Deutscher. Daraus ist ein Thema geworden, ungefähr: die Deutschen und der europäische Osten. Weil ich um die Memel herum aufgewachsen bin, wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit. Eine lange Geschichte aus Unglück und Verschuldung seit den Tagen des deutschen Ordens, die meinem Volk zu Buch steht. Wohl nicht zu tilgen und zu sühnen, aber eine Hoffnung wert und einen redlichen Versuch in deutschen Gedichten. Zu Hilfe habe ich einen Zuchtmeister: Klopstock.
„Zu schreiben begonnen“ hatte er natürlich schon vorher, doch in einem höheren Sinn ist diese Selbstaussage durchaus wahr: Bobrowski hatte im Krieg sein „Thema“ gefunden, so mißverständlich dieses Wort auch ist – der Autor setzte sich über alle begriffliche Zuweisungen hinweg. Sein Schreiben erhielt eine existentielle Dimension, in der biographische, geschichtliche und literarische Bezüge untrennbar zusammenliefen und ein unverwechselbar neues Muster ergaben. Sieben Oden und ein gereimter Vierzeiler aus dem Jahr 1943 sind – das mutet paradox an – im März 1944 auf Vermittlung Ina Seidels im vorletzten Heft der Zeitschrift Das Innere Reich erschienen. Der Sophien-Kathedrale in Nowgorod ist ein „Anruf“ gewidmet, dessen Schluß lautet:
(…) doch es füge der Himmel
nur das zertretene Bild zusammen
Sehr komplexe Gefühle werden hier benannt: das Gefühl der verlorenen Kindheit, des Schmerzes, der Schuld. Eine Zuflucht scheint dabei das Christentum zu bieten, Bobrowski war in der Bekennenden Kirche im Rahmen des Protestantismus aktiv, einer Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus.
Wie Bobrowski seine ersten Gedichte niederschrieb, ist vor dem Hintergrund einer von der Moderne abgeschotteten, sich am Klassischen orientierenden Welt nicht sehr ungewöhnlich, aber formal dennoch auffallend. Es handelt sich tatsächlich um eine Wiederaufnahme der klassischen Odenform, der „Zuchtmeister“ Klopstock hat eindeutig Pate gestanden. Und damit tritt zu dem ländlichen, bäuerlich geprägten Bobrowski etwas hinzu, was für ihn mindestens genauso bedeutsam war: die Selbstvergewisserung durch den klassischen Bildungskanon. Nachdem seine Familie 1928 nach Königsberg umgezogen war, besuchte er dort die berühmte Domschule. Gegenüber konnte man das Grab Immanuel Kants sehen. In diesem humanistischen Gymnasium lernten die Schüler altgriechische und lateinische Texte im Original lesen. Das Zusammenspiel von ländlicher, oft sehr derber Ausdrucksweise, vom Bodenständigen und Erdverbundenen mit dem Bewußtsein für klassische Formen und Meeren ist das Eigenartige und Faszinierende an diesem Autor.
Königsberg, eine Bastion alter deutscher Gelehrsamkeit, muß den jungen Bobrowski sehr beeindruckt haben. In seiner späten Erzählung „Der Mahner“ spricht er davon, daß diese Stadt wie Rom sieben Hügel zähle, sie sei zudem „im Besitz einer Universität, einer Kunstakademie, mehrerer Gelehrter Gesellschaften, darunter einer Altertumsgesellschaft“. Königsberg war ein Hort der Aufklärung, eine Universitätsstadt mit reicher theologischer und philosophischer Tradition, verbunden mit großen Namen der deutschen Geistesgeschichte. Immanuel Kant brauchte die Mauern dieser Stadt nie zu verlassen, und konnte trotzdem mitten in den aktuellen Geistesströmungen agieren, Bobrowski beschrieb in „Epitaph für Pinnau“ diese Atmosphäre. In Königsberg lebten auch der junge Herder und vor allem der dunkle, enigmatische und faszinierende Johann Georg Hamann (1730–1788), ein Philosoph und Ästhetiker, der auf Bobrowski den größten Einfluß ausübte und dem er ein „Lebensbuch“ widmen wollte.
Über einige Aufzeichnungen hinaus ist von Bobrowskis Hamann-Projekt im Nachlaß leider nichts zu finden; in seinen literarischen Texten kommt Bobrowski jedoch öfter auf Hamann zu sprechen. Kurz nachdem dieser 1760 sein Buch Die Magi aus dem Morgenlande veröffentlicht hatte – „Magi“ stand hier für persische Priester, Weise und Wahrsager –, blieb der Begriff des „Magus aus Norden“ an ihm haften. Bobrowski sah in Hamanns „Aesthetica in nuce“, einer aphoristisch zugespitzten, fragmentarischen, die Begriffe oft poetisch verdunkelnden und aufladenden Schrift, eine Hauptquelle für seine eigenen literarischen Überlegungen. Hamann wandte sich gegen einen dogmatisch verhärteten Vernunftbegriff in der Aufklärung, gegen einen schulmäßigen Begriff von „Dichtung“, mit dem diese wie ein Handwerk erlernt werden sollte. Aus Hamanns Rezension von Kants Kritik der reinen Vernunft hat Bobrowski einen Abschnitt in sein Notizbuch übertragen:
Entspringen Sinnlichkeit und Verstand, als die zween Stämme der menschlichen Erkenntnis, aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel, so daß durch jene Gegenstände gegeben, und durch diesen gedacht (verstanden und begriffen) werde, wozu eine so gewaltige, unbefugte Scheidung dessen, was die Natur zusammengefügt hat?4
Der schwierige, geheimnisumwitterte Hamann berührte von Anfang an einen wunden Punkt der Aufklärung: er dachte „Sinnlichkeit und Verstand“ zusammen, nicht als Gegensätze, und er bewertete sie auch nicht unterschiedlich. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Dieser Gedanke scheint Bobrowski in allererster Linie bewegt zu haben. Hier sah er den wahren Genius Loci Königsbergs, abseits der Sphäre allzureinen Geistes. Zunächst wollte Bobrowski auch Musiker werden. Es existiere ein Notenbüchlein von ihm, er übte sich in Kompositionsversuchen und lernte Orgel spielen, und er orientierte sich dabei vor allem an Dietrich Buxtehude, weniger an Bach. Das Clavichord bildete auch später in seinem Haus in der Ahornallee immer noch den Mittelpunkt, Gerhard Wolf hat ihm in seinem schönen Bändchen Beschreibung eines Zimmers ein Denkmal gesetzt. Bobrowskis vielbeschworenes Talent, Menschen zusammenzubringen und dabei durchaus auch in Rezitationen und Gesänge auszubrechen, hatte eindeutig etwas Barockes. Und man spürt das gelegentlich in seinen Texten, so in der kurzen Nachbemerkung zu der von ihm 1964 herausgegebenen kleinen Anthologie Wer mich und Ilse sieht im Grase. Deutsche Poeten des 18. Jahrhunderts über die Liebe und das Frauenzimmer:
Daß bei ihnen allen, obwohl manchmal die Muster – Marot, Grécourt – deutlich hervorscheinen und die immer wieder zum Bade sich entkleidenden Damen gelegentlich schon ein wenig ermüden könnten, Feuer und Grazie sich mit frischem Witz vereinen, das wird, meine ich, über den heiteren Spaß hinaus auch ein literarisches Vergnügen bereiten können.
Es falle bei alldem auf, daß Bobrowski sich eher am Rand hielt, bei Außenseitern, die nicht das klassische Zentrum abdeckten – statt Bach Buxtehude, Hamann und nicht Kant, Klopstock und nicht Goethe. Bobrowski zeigte sich später auch fasziniert von Autoren wie Jean Paul und Robert Walser, Widmungsgedichte und manche Erzählungen von ihm kreisen um solche Figuren im Halbschatten. Die künstlerische Existenz, unverstanden und isoliert, bildet ein geheimes Zentrum seines Werks, sie steht im Zeichen des Grenzlands. Seine Entdeckung des vergessenen kurländischen Dichters Casimir Ulrich Karl Boehlendorff wie die Anlehnung an Hölderlin sind dazugehörige Ausrufezeichen.
Hamanns Gewährsmann, wenn es um die Poesie ging, war eindeutig jener Friedrich Gottlieb Klopstock, der den deutschen Vers aus den schulmäßigen Einengungen befreite, sich von der Fixierung auf den Reim löste und, in Verbindung mit einem antiken Versmaß wie dem Hexameter, zu freien Rhythmen vorstieß. Bobrowski nennt dies als seinen wichtigsten Anknüpfungspunkt:
die griechische Ode in der von Klopstock bis Hölderlin versuchten Eindeutschung.
Durch Klopstock vermittelte sich ihm eine „Verlebendigung der Sprache, Ausnutzung der sprachlichen Möglichkeiten und Neufassung der Metrik“. Entscheidend ist dabei Klopstocks Erkenntnis, daß „auch das Silbenmaß etwas mit ausdrücken könne“. In der Form, in der Metrik teilt sich etwas mit, was in den Wörtern automatisch mitschwingt und ihnen einen spezifischen Ton verleihe. Es geht um Nichtgehörtes, um Leerstellen. Bobrowski muß an der Domschule früh mit Klopstocks berühmtem Diktum in Berührung gekommen sein, das dann auch für ihn zeitlebens die Dichtung definierte:
Überhaupt wandele das Wortlose in einem guten Gedicht umher, wie in Homers Schlachten die nur von wenigen gesehenen Götter.5
Klopstock und Hamann: Bobrowski stellt sich bewußt in diese Traditionslinie. In seiner Hamann-Ausgabe strich er eine Stelle an, die ihn besonders elektrisiert hatte. Hier wird jene kühne Verbindung gezogen, die auch er neu zu erfassen versuchte: das Zusammenspiel der klassischen Odenstrophe mit der Landschaft zwischen Kurland und Livland:
Homers monotonisches Metrum sollte uns wenigstens ebenso paradox vorkommen, als die Ungebundenheit des deutschen Pindars (Klopstock), Meine Bewunderung oder Unwissenheit von der Ursache eines durchgängigen Silbenmaßes in dem griechischen Dichter ist bei einer Reise durch Curland und Livland gemäßigt worden. Es gibt in angeführten Gegenden gewisse Striche, wo man das lettische oder undeutsche Volk bei aller ihrer Arbeit singen hört, aber nichts als eine Cadenz von wenigen Tönen, die mit einem Metro viel Ähnlichkeit hat. Sollte ein Dichter unter ihnen aufstehen: so wäre es ganz natürlich, daß alle seine Verse nach diesem eingeführten Maßstab ihrer Stimme zugeschnitten sein würden.6
Kein Zweifel: bei dem Dichter, den Hamann in Curland und Livland aufstehen sieht, fühlte sich Bobrowski höchstpersönlich angesprochen. Das Volk und das „Metro“, seine Landschaft und das Klopstocksche Versmaß waren eins. In seinem Gedicht „An Klopstock“ nimmt er indirekt auf Hamanns Vision Bezug, mit der nachdenklichen Wendung „wenn mich ein kleiner Ruhm fände“. Das Gedicht ist aber auch eine programmatische Aussage. Das „Wirkliche“ wird ästhetisch gefaßt, der metrische Duktus des 18. Jahrhunderts wird aufgenommen und ins Moderne gewendet, und es kommt die „Schattenfabel von den Verschuldungen“ zur Sprache, die auf der Landschaft lastet. Das Beharren darauf, daß in eben dieser Sprache, die die „Vergeßlichen“ sprechen, Erinnerung möglich ist, geschieht in Bildern, die von der Natur ausgehen, mit dieser allein aber nicht zu fassen sind:
Wenn ich das Wirkliche nicht
wollte, dieses: ich sag
Strom und Wald,
ich hab in die Sinne aber
gebunden die Finsternis,
Stimme des eilenden Vogels, den Pfeilstoß
Licht um den Abhang
und die tönenden Wasser –
wie wollt ich
sagen deinen Namen,
wenn mich ein kleiner Ruhm
fände – ich hab
aufgehoben, dran ich vorüberging,
Schattenfabel von den Verschuldungen
und der Sühnung:
so als den Taten
trau ich – du führtest sie – trau ich
der Vergeßlichen Sprache,
sag ich hinab in die Winter
ungeflügelt, aus Röhricht
ihr Wort.
1960, in einem Vortrag über die Lyrik der DDR, bezog sich Bobrowski emphatisch auf die aufklärerische Definition der Poesie als „vollkommen sinnlicher Rede“. Das hatte einen durchaus provokativen Subtext: er warf dem Mainstream der Lyrik in der DDR vor, daß es an einer „Empfindlichkeit für die veränderte Zeit“ fehle, daß sie hinter der Moderne zurückbleibe. Es ging ihm um ein Gedicht, das „nicht anheimelt“, eine Dichtung, die „beunruhigend, dissonant“ ist, „sie idealisiert nicht, verschönt nicht“. In einem Gespräch sagte Bobrowski, vom 18. Jahrhundert direkt in die „Struktur der modernen Lyrik“, an der er sich sichtlich orientierte, in den Symbolismus und Postsymbolismus springend, daß der Vers „wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel wird werden müssen“. Die Subversion der Moderne benannte er direkt:
Wir müssen unsere Litaneien in die gräßlichen Prospekte hineinsagen, ganz einfach sagen, nicht lautstärker als vorher. Das muß so sein – zwischen allen Stühlen, das ist eine Position…7
Bobrowski benutzte häufig das Stilmittel der Inversion, er zeigte sich in klassischer Rhetorik geschult. Charakteristisch für seine Gedichte ist der Wechsel zwischen Imperfekt und Präsens, er prägt seine Strophen und verbindet die Vergangenheit mit seiner inneren Gegenwart. Den Ausgangspunkt für die „Sinnlichkeit“, die er im Anschluß an seine Hausgötter in seinen eigenen Gedichten ausdrückt, bilden die östlichen Ebenen, und er sieht sie in ihrer historischen Dimension. Sein erster Gedichtband hieß Sarmatische Zeit. „Sarmatien“ ist die Bezeichnung, die sich bei Herodot für die Gegend nördlich des Schwarzen Meeres findet, eine ferne, weite Landschaft, die für Bobrowski zu einem neuen künstlerischen Entwurf wurde, ein geschichtlicher Raum, der in der Jetztzeit gespiegelt wird. Nähe und Ferne, Vergangenheit und Gegenwart werden in Bobrowskis „Sarmatien“ ständig ineinandergeblendet. Die alte geographische Bezeichnung, die sich auf der ptolemäischen Weltkarte findet, war längst vergessen und an keine politische Herrschaft gebunden, Bobrowski betont dezidiert das Archaische – seine sarmatischen Gedichte changieren deshalb immer zwischen dem konkret Benennbaren und etwas Visionärem.
In Bobrowskis engerer Herkunftsregion, zwischen Weichsel und Memel, lebte in vorchristlicher Zeit das Volk der Pruzzen. Es wurde durch den Deutschen Ritterorden, der unter dem Zeichen des christlichen Kreuzes seine Herrschaft ausweitete, vollständig zerstört – ein erstes Zeichen in der Geschichte, das bis an den Ilmensee im Jahr 1941 reicht, als der deutsche Soldat Johannes Bobrowski Gedichte schrieb. „Pruzzische Elegie“ lautete der Titel eines für Bobrowskis Selbstvergewisserungen zentralen Gedichts, mit dem der Lyriker nach der Heimkehr aus Krieg und vierjähriger Kriegsgefangenschaft wieder an sein Urerlebnis anknüpfte. Angerufen wird das „Volk / Perkuns und Pikolls, / des ährenumkränzten Parrimpe!“ – Namen der Götter, die erhalten geblieben sind. In der bundesdeutschen Ausgabe des Gedichtbands Sarmatische Zeit, die pikanterweise trotz peinlicher Nebenwirkungen für die DDR schon einige Monate vor der „eigentlichen“ Ausgabe im Union Verlag erschienen ist, fehlt dieses Gedicht. In DDR-Publikationen wurde der Verdacht geäußert, dies könne etwas mit dem explizit politischen Bezug des Gedichts zu tun haben, mit der Kontinuität vom Deutschen Ritterorden bis zu Hitlers Wehrmacht. Vielleicht liegen aber durchaus auch ästhetische Gründe vor. Die „Pruzzische Elegie“ ist sich ihrer formalen Mittel noch nicht so recht sicher, sie steht am Anfang von Bobrowskis Neuansatz zu Beginn der fünfziger Jahre und erreicht noch nicht die sprachliche Dichte der Gedichte, die ab Ende der fünfziger Jahre in rascher Folge entstehen und den Hauptteil seines Buchdebüts ausmachen.
In einem seiner wenigen Rundfunkinterviews äußerte Bobrowski einmal, daß es ihm in einem speziellen Sinn darum gehe, „die russische Landschaft mal festzulegen“. Es gebe Schilderungen „nicht nur bei Paustowski, sondern schon bei Tolstoi, diese Winterschilderungen, wo versucht wird, diese Landschaft wirklich in den Griff zu bekommen, außerhalb der einfachen Beschreibung. Diese Landschaft, die mir vertraut war, weil ich dort aufgewachsen bin, die mir aber damals – vor allem unter den Umständen, in denen ich damals wieder reingeführt wurde in den russischen Osten – doch neu und bestürzend vorkam, die wollte ich darstellen“. Der Ilmensee und Nowgorod unter dem Zugriff der Deutschen Wehrmacht, diese Konstellation bringt auch das Siedlungsgebiet der alten Pruzzen wieder zum Vorschein. Schon dadurch wird deutlich, daß es sich keineswegs um bloße Naturlyrik handelt. Er sagte, daß es ihm darum gehe, „Menschen in der Landschaft zu sehen, so sehr, daß ich bis heute eine unbelebte Landschaft nicht mag. Daß mich also das Elementare der Landschaft gar nicht reizt, sondern die Landschaft erst im Zusammenhang und als Wirkungsfeld des Menschen“.8
Das zielt in mehrfacher Hinsicht auf die Geschichte, denn Bobrowski entfaltet gerade angesichts der historischen Katastrophe in der Benennung Sarmatiens auch eine in die Zukunft gerichtete Dimension. In seinem Gedicht „Sprache“ wird dies in drei Stufen ausgeführt. Jede der drei Strophen beginnt mit einer klassischen Anrufung, eine direkte formale Aufnahme Klopstockscher Oden: „Der Baum“, „Die Steine“, „Sprache“. Nur durch die Sprache, in der das Gedicht auf der letzten Stufe zu sich selbst kommt, kann das Vorangegangene aufgehoben und eine Hoffnung möglich werden. Sie ist zwar immer gefährdet, aber sie besteht:
Sprache
abgehetzt
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn
Hamanns Lehre vom „Buch der Natur und der Geschichte“, die „nichts als Chyffren, verborgene Zeichen“9 sind, ist hier im Hintergrund deutlich auszumachen. Die Sprache kann, wie der Vorstellungsraum des Sarmatischen, nie völlig ausgelotet werden. Es bleibt ein Rest. Und es ist wohl auch jener Rest, den Walter Höllerer in den Blick zu nehmen versuchte, als er ein magisch wirkendes Wort wie „Kalmus“ während Bobrowskis Lesung notierte. Im Roman Levins Mühle wird einmal ein „normaler Samstag“ beschrieben, an dem der Kalmus – ein aromatischer Wurzelstock, der an sumpfigen Stellen wächst – in Stücke geschnitten und auf die blank gescheuerten Dielen gestreut wird:
Kalmus, diesen Duft, kann man nicht beschreiben: das riecht nach klarem Wasser, von der Sonne gewärmtem Wasser, das aber keinen Kalkgrund haben darf und auch keinen Moorgrund, so einen hellen, ein bißchen rötlichen Sand, auf den langsam die vom letzten Regen aufgerührten Erdteilchen herabsinken, auch ein faulendes Blättchen und ein Halm, und auf dessen Fläche Käfer laufen, solch ein Wasser jedenfalls. Aber da ist noch eine ganz feine Süße, von weit her, und dann auch, daruntergelegt, ein wenig Bitteres, von dem man schon gar nicht weiß, wo es herstammt. Aus der Erde, dem Uferboden, in dem der Kalmus wurzelt, in dem er seine weißen, gelben und rosafarbenen Wurzeln umherschiebt, wird man sagen, aus der Erde am Ufer, wo es eben doch ein bißchen schlammig ist, als ob damit etwas gesagt wäre.
Daß der Kalmus „eine ganz feine Süße“ hat, „von weit her“, das weist in einen Bereich, der sich vom Konkreten entfernt und etwas ganz anderes meint, „ein wenig Bitteres“ ist nämlich auch schon „daruntergelegt“. Der Kalmus ist ein Sehnsuchtsbild, ein widersprüchliches Bild, und er faßt all das Rätselhafte zusammen, das in Bobrowskis lyrischem Kosmos auftaucht. Der Schluß des Gedichts mit dem Titel „Kalmus“ lautet:
Atem,
ich sende dich aus,
find dir ein Dach,
geh ein durch ein Fenster, im weißen
Spiegel erblich dich,
dreh dich lautlos,
ein grünes Schwert.
Der Atem des Dichters und der Kalmus werden hier eins. Anfang der sechziger Jahre hat man so etwas „Chiffre“ genannt, um die Verstörungen der Moderne wenigstens auf einen kleinen Begriff zu bringen. Doch der Kalmus bei Bobrowski reicht viel weiter zurück.
Bobrowskis Lyrik wird zusehends spröder und härter. Der Zeichencharakter der Natur tritt hervor, und der Schwerpunkt verlagert sich fast unmerklich von einer direkten Beschwörung Sarmatiens zu existentiellen, künstlerischen, nicht mehr so eindeutig zuzuordnenden Bezügen. Eberhard Haufe sprach in seiner konzisen Einleitung zur vierbändigen Ausgabe von Bobrowskis Werken 1987 in der DDR von der „fast immer sorgsam verdeckten Lebenswunde“ des Autors: die „hellste Einsicht in den schuldhaften Verlust der Heimat“ und doch die „unlösbare Verwurzelung“ in ihr.10
Bobrowskis Existenz in der DDR als Cheflektor des Union Verlags, seine ihm zugewachsene Rolle als Verbindungsmann zwischen Ost und West, seine Wahrnehmung der gesellschaftlichen und kulturpolitischen Entwicklung – dies alles taucht nie direkt in seinen literarischen Texten auf, aber sie richten sich, so zeitlos ihre Benennungen zunächst wirken mögen, deutlich auch auf die Gegenwart. In seinem nachgelassenen Gedichtband Wetterzeichen mehren sich Fragen, bekommen die zentralen Bilder eine melancholische Färbung, wird der „Schatten“ größer – eines der wichtigsten Wörter in Bobrowskis Lyrik, das wechselnde Bedeutungsfelder abtastet, in jedem Gedicht neue Konturen entfaltet und neu gedacht werden muß. Sarmatien tritt als „Schattenland“ ins Bild, und die „Schattenfabel von den Verschuldungen“ mischt Konkretes und Abstraktes so, daß die Gegenwart zutage tritt. Am 15. April 1963 wird der Zustand so umrissen:
Wenn verlassen sind
die Räume, in denen Antworten erfolgen, wenn
die Wände stürzen und Hohlwege, aus den Bäumen
fliegen die Schatten, wenn aufgegeben ist
unter den Füßen das Gras (…).
Daß Klaus Wagenbach in der ersten Ausgabe seines auflagenstarken Jahrbuchs für Literatur Tintenfisch im Jahr 1968 ausgerechnet das äußerst reduzierte, sich in eine scheinbar selbstbezügliche Bildwelt zurückziehende Gedicht „Nachtfischer“ von Bobrowski aufnahm, hat für einige Verstörung gesorgt. Der Wagenbach-Verlag stand dezidiert für politische Lyrik, für pointierte Aussagen und sofort nachvollziehbare Sprachbewegungen. Und im Tintenfisch standen plötzlich Zeilen wie „Im schönen Laub / die Stille / unverschmerzt“. Es scheint sich um eine Szene in der Landschaft zu handeln, man befindet sich in einer deutlich benannten Natur, und doch verweist alles auf ein Geschehen, das im Unklaren bleibt, aber spürbar in der Vergangenheit stattfand und die Wahrnehmung durchdringt.
„Nachtfischer“ entstand am 19. Juli 1963. Das Gedicht wurde einem Brief an Michael Hamburger beigelegt. Dieser antwortete am 23. Juli:
Herzlichen Dank für Ihren Brief und für „Nachtfischer“ – in dem das Geheimnis fast unheimlich wird, so daß ich in Versuchung komme, Sie um eine Erläuterung zu bitten, obwohl ich weiß, daß Ihre Gedichte keine Paraphrase zulassen!
Bobrowski schrieb am 7. August zurück:
Zu NACHTFISCHER: es soll von Vergeblichkeiten im Umgang mit allem Lebenden reden. Jedenfalls kein Naturgedicht. Es ist gekommen aus den Depressionen der letzten Zeit, mit der Absicht freilich, nichts den anderen, der Gegenseite (wenn es das gibt) zuzurechnen, Verschulden ist immer eigenes Verschulden, jetzt. Natürlich keine Paraphrase, die genannten Vorgänge sind auch durchaus als solche gemeint. Ach ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.11
Historisches Bewußtsein – Bobrowski hat es zum ersten Mal am Ilmensee 1941 gespürt, in der Nähe von Stalingrad. Er hat diese Erfahrung, die untrennbar mit dem Verlust seiner Heimat zusammenhing, immer auszudrücken versucht, und alle Schattierungen des Lebens, des Glücks, der Kindheits- und Naturerlebnisse gehen darin ein. Das letzte Gedicht, das er auf der Tagung der Gruppe 47 in Berlin 1962 las, die ihn berühmt machte, wirkt wie ein Vermächtnis. Es heißt „Begegnung“ und endet mit den Zeilen:
Gewölk zieht über dem Strom,
das ist meine Stimme,
Schneelicht über den Wäldern,
das ist mein Haar.
Über den finsteren Himmel
kam ich des Wegs,
Gras im Mund, mein Schatten
lehnte am Holzzaun, er sagte:
Nimm mich zurück.
Helmut Böttiger, Nachwort
Editorische Nachbemerkungen
Zu Teil I
„Die Gedichte“ wurde für den ersten Band der Gesammelten Werke von Johannes Bobrowski zusammengestellt und enthält sämtliche Gedichte, die vom Autor selbst veröffentlicht wurden oder von ihm für den Druck vorgesehen waren.
Der erste Gedichtband Sarmatische Zeit erschien 1961 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart und im Union Verlag Berlin, die „Pruzzische Elegie“ nur in der Berliner Ausgabe. Der zweite Band Schattenland Ströme, den Bobrowski im engsten Zusammenhang mit dem ersten sah, folgte 1962 in dem Stuttgarter, 1963 in dem Berliner Verlag. Von beiden Bänden sind im Nachlaß keine Handschriften oder Typoskripte, von den Satzmanuskripten nur das des zweiten Bandes im Union Verlag erhalten. Dem Abdruck ist der Text der Erstausgaben zugrunde gelegt. Die Entstehungsdaten hat Bobrowski in ein zusammengebundenes Exemplar beider Bände eingetragen. Der dritte Band Wetterzeichen wurde von ihm noch selbst als Typoskript zusammengestellt und mit dem Vermerk „Gedichte III“ versehen, jedoch nur noch in der chronologischen Abfolge der Texte, mit den Entstehungsdaten unter den Gedichten und mit vier Anmerkungen. Seine Veröffentlichung war mit dem Union Verlag Berlin und mit dem Verlag Klaus Wagenbach Berlin/West für das Jahr 1966 vereinbart. Als der Union Verlag nach dem Tod Bobrowskis den Druck vorbereitete, gab er dem Band, mündlichen Äußerungen des Autors folgend, den Titel Wetterzeichen und fügte das als Reinschrift erhaltene Gedicht „Zu Christoph Meckels Graphiken“ und das nur als Bleistiftentwurf überlieferte Gedicht „Das Wort Mensch“ hinzu. Der Band erschien 1966 im Union Verlag und als Lizenzausgabe 1967 im Verlag Klaus Wagenbach. Der Abdruck richtet sich nach dem Typoskript der „Gedichte III“ und den beiden Handschriften im Nachlaß.
Den drei Gedichtbänden, die Bobrowskis lyrisches Hauptwerk darstellen, folgen die Gedichte, die er zwar einzeln publizierte, aber in keine seiner Sammlungen aufnahm. Die sieben Oden und der gereimte Vierzeiler von 1943 entstanden während des Zweiten Weltkrieges in Nordrußland und kamen durch Vermittlung von Ina Seidel im März 1944 im vorletzten Heft der Münchener Zeitschrift Das Innere Reich zum Abdruck. „Wegzeit bei P.“ erschien in Rudolf Ibels Jahrbuch zeitgenössischer Lyrik Das Gedicht 1956/57, Hamburg 1956, „Die Zeit Picassos“ in Sinn und Form, Berlin, 1957/IV und nochmals in Dezennium I, Dresden 1962, „Die Droste“ in Neue Zeit, Berlin, 8.11.1959, „In der Reuse Zeit“ in Alphabet, Stierstadt, 1960, „Der verspätete Hirt“ in dem von Gerhard Rostin herausgegebenen Weihnachtsbuch des Union Verlages Es kommt ein Stern gezogen, Berlin, 1961, und in der Neuen Zeit, Berlin, 24.12.1961, die drei Gedichte „Gedächtnis“, „Freundesgruß“ und „Örtliche Postbehörde“ in der von Günter Bruno Fuchs besorgten Sammlung zeitgenössischer Nonsensverse Die Meisengeige, München, 1964. Die Gedichte von 1943 folgen dem Druck im Inneren Reich, die späteren verstreut veröffentlichten den von Bobrowskis Hand datierten Typoskripten im Nachlaß.
Nicht unter diese Gruppe wurden die siebzehn Doppeldistichen eingereiht, die in dem von Hubert Fichte zusammengestellten Stockholmer Katalog zur Tagung der Gruppe 47 im Herbst 1964 erschienen („Definition“, „Huldigung“, „Reigen seliger Geister“, „Frau Elsner“, „Herr Ledig“, „Gefechtseinheit Unseld“, „h m e“, „Ferber und Frau“, „Nußknacker“, „Höllerer“, „Praeceptor Mundi“, „Märkisches Museum – Christa Reinig“, „Toni“, „Neue Talente“, „Protest“, „Friedlicher Ausklang“, „Kollegial“), Sie gehören in die thematisch und formal geschlossene Epigrammsammlung „Literarisches Klima“, von der im Nachlaß eine handschriftliche und eine Typoskriptfassung überliefert sind. Die Absicht eines teilweisen Drucks der Doppeldistichen hatte Bobrowski 1965 mit dem Verlag Klaus Wagenbach besprochen. 1977 erschien dann die Sammlung im Union Verlag Berlin und als Lizenzausgabe in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart mit einem Nachwort von Bernd Leismer, mit Illustrationen von Klaus Ensikat und in der Textbetreuung und -anordnung von Gerhard Rostin (nach der Typoskriptfassung). Dieser Ausgabe folgt der Neudruck unter Hinzufügung des Epigramms „Pasternak“ und des nur im Druck des Stockholmer Katalogs überlieferten Epigramms „Praeceptor mundi“. In zwei Fällen mußte die Textabfolge geändert werden, um zusammengehörige Epigramme auf einer Seite bringen zu können. Bobrowski hat die Doppeldistichen nicht datiert, zum größten Teil sind sie erst in den Jahren 1963 bis 1965 entstanden, fünf in erster Gestalt schon 1947. Näheres zur Entstehung und Textgeschichte wird in dem Kommentarband zur Lyrik mitgeteilt.
An den Schluß von Teil I sind Bobrowskis wenige Nachdichtungen gestellt. Die Gedichte von Konstantin Biebl erschienen zuerst in Sinn und Form, Berlin, 1962/11, dann in der von Ludvík Kundera und Franz Fühmann herausgegebenen Anthologie tschechischer Gedichte des 20. Jahrhundens Die Glasträne, Berlin, Verlag Volk und Welt, 1964, die Gedichte von Boris Pasternak in der von Edel Mirowa-Florin und Leonhard Kossuth herausgegebenen Anthologie russischer Liebesgedichte Zwei und ein Apfel, Berlin, Verlag Kultur und Fortschritt, 1965. Die Nachdichtung von Samuil Marschaks „Tierhäuschen“ erschien erst 1967 im Kinderbuchverlag Berlin. Dem Druck der Nachdichtungen sind die undatierten Typoskripte im Nachlaß zugrunde gelegt. Der vom Verlag stammende Titel des postumen Erstdrucks der letzten Nachdichtung lautet „Das Tierhäuschen. Eine Verserzählung von Samuil Marschak. In einer Nachdichtung von Johannes Bobrowski. Illustrationen von Ingeborg Meyer-Rey“. Das im Druck folgende Sprecherverzeichnis („Es stellen sich die Tiere vor“) ist Zutat des Verlags und hier fortgelassen worden. Im Typoskript steht unter dem Titel noch die Bemerkung: „Erster Versuch, nur zur Verständigung!“
Zu Teil 2
„Die Gedichte aus dem Nachlaß“ wurde für den zweiten Band der Gesammelten Werke zusammengestellt und enthält den reichen lyrischen Nachlaß aus den Jahren 1935 bis 1965 in chronologischer Abfolge der Texte. Seine umfassende Darbietung leitet ihre Rechtfertigung vom grundsätzlichen Rang des Dichters als Lyriker ab. Besonders zahlreich sind die von Bobrowski sorgfältig aufbewahrten frühen Gedichte bis 1952. Für seine Entwicklung sind sie ebenso aufschlußreich wie für den allgemeinen Gang der deutschsprachigen Lyrik jener Jahre. Auch entstanden nicht wenige der späteren Gedichte in deutlichem thematisch-motivischem Bezug zu frühen Versen.
Soweit Bobrowski die frühen Gedichte zu Anfang der fünfziger Jahre in fünf Reinschriftmappen zusammenfaßte, sind sie in diesen Band vollständig aufgenommen, nur daß die beiden letzten Mappen mit Gedichten von 1950 bis 1954 aufgelöst und die Texte mit den übrigen der Zeit in eine durchgängige chronologische Folge gebracht wurden, allerdings mit dem notwendig scharf zu markierenden Einschnitt vom März 1952, als mit dem Gedicht „Städte sah ich im stäubenden / Wind“ erstmals der ganz eigene Sprachton gefunden war. Aus den übrigen frühen Gedichten bis 1944 traf der Herausgeber eine ergänzende Auswahl und stellte sie den drei Reinschriftsammlungen der Jahre 1941 bis 1948 voran.
Ab 1950 sind alle im Nachlaß erhaltenen ungedruckten Gedichte aufgenommen. Unberücksichtigt blieben nur, mit wenigen Ausnahmen, ältere Fassungen, einschließlich derjenigen von solchen Gedichten, die Bobrowski selbst veröffentlichte; sie werden in dem Kommentarband zur Lyrik mitgeteilt. Eine größere Zahl von Gedichten ist nur in den Händen von Verwandten und von Freunden erhalten, also von Bobrowski selbst offenbar vernichtet worden. Davon sind die wichtigeren Texte mit entsprechender Kennzeichnung (im Inhaltsverzeichnis) in die Abfolge der eigentlichen Nachlaßtexte eingereiht worden, nicht zuletzt, um ihrer – in Einzelfällen schon erfolgten – anderweitigen Veröffentlichung zu begegnen. Die Nachlaßteilpublikation Im Windgesträuch (1970, 1977), die sechzig Gedichte aus den Jahren 1953 bis 1964 enthielt, war selbstredend wieder aufzulösen.
Die chronologische Anordnung war nur möglich, weil Bobrowski die meisten Gedichte seit 1945, Manuskripte wie Typoskripte, handschriftlich datierte. Eine Reihe fehlender Daten konnte aus Briefen ermittelt werden. Wo im Inhaltsverzeichnis dem Titel kein Datum folgt, ist doch die ungefähre zeitliche Einordnung der Gedichte durch die Überlieferung oder durch biographisch-werkgeschichtliche Zusammenhänge so gut wie gesichert. Über die Textvorlagen im einzelnen gibt der Kommentarband zur Lyrik Auskunft.
Um die Nachlaßgedichte von den Gedichten in Band I typographisch deutlich abzuheben und zugleich den Band nicht zu stark werden zu lassen, werden die Texte angehängt dargeboten. Ergänzungen des Herausgebers stehen in eckigen Klammern. Wenige eindeutige Schreibversehen Bobrowskis sind stillschweigend korrigiert worden.
Eberhard Haufe, Nachwort
„Der schafft Sprachbilder, wie ich sie sonst nirgends gelesen habe.“ Herta Müller
Als im Februar 1961 Johannes Bobrowskis erster Gedichtband Sarmatische Zeit erschien, hatte der Schriftsteller nur noch wenige Jahre zu leben. Doch die knappe Zeit reichte ihm aus, um sich bis zu seinem Tod 1965 als einer der suggestivsten und bildkräftigsten Lyriker der deutschen Nachkriegsjahrzehnte zu etablieren. Obwohl in der DDR lebend, stießen seine Texte in beiden Teilen Deutschlands auf Anerkennung: Man machte in ihnen eine neue Art aus, sich zur Welt zu verhalten; seine Themen und Sprachgesten fanden in Lyrik und Prosa anderer Autoren ein vielfältiges Echo.
Inzwischen ist sein Werk weltweit verbreitet und in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Am 9. April 2017 jährt sich der Geburtstag des Schriftstellers zum 100. Mal. Zu diesem Anlass bringt die DVA die Gedichte Johannes Bobrowskis neu in einem Band heraus, ergänzt durch ein Nachwort des vielfach preisgekrönten Literaturkritikers Helmut Böttiger.
Deutsche Verlags Anstalt, Ankündigung
Ostwärts der Elbe
– Auf endlosen Wegen Weltliteratur aus der Weltferne: Zum 100. Geburtstag des großen Dichters Johannes Bobrowski. –
Gern wird erzählt, wie Bobrowski 1962 auf der Tagung der Gruppe 47 im Alten Casino am Wannsee auftrat, aus dem später das Literarische Colloquium werden sollte. Die Irritation unter den ruhmreichen Zuhörern muss groß gewesen sein. Der Literaturbetrieb stritt seinerzeit wieder über das Für und Wider der politischen Kunst im geteilten Deutschland; Peter Weiss galt als Favorit auf den Preis der Gruppe 47, damals begehrter als der Büchner-Preis. Aber dann kam da Bobrowski. Er las Gedichte, die klangen, als wären sie im 18. Jahrhundert geboren, aber im 20. Jahrhundert aufgewachsen. Klaus Wagenbach erinnerte sich später mit diebischer Freude an diese Szene: an die Verblüffung der Großkritiker um Hans Mayer und Walter Höllerer, an die allgemeine Bewunderung und Bestürzung. „Hier sind die höchsten Maßstäbe anzusetzen, hier denkt man an Hölderlin!“, rief Walter Jens. Man kann auch an den Philosophen Johann Georg Hamann und den Dichter Klopstock denken, die beide das Sinnliche und Vernünftige strikt zusammendachten; oder an Paul Celan und Peter Huchel, die die Schönheit der Natur gleichermaßen sahen wie ihre Verletzungen.
Die höchsten Ansprüche, Weltliteratur. Dahin gehört Bobrowski. Am Wannsee gewann er in der Stichwahl gegen Peter Weiss tatsächlich den Preis der Gruppe 47, der Sieger wurde am Tag nach der Lesung verkündet. Da war Bobrowski schon wieder abgereist nach Friedrichshagen in sein Haus in der Ahornallee, in dem man bis vor sechs Jahren noch sein fast unverändertes Arbeitszimmer besuchen konnte.
Bobrowski lesen ist immer wieder – ein Schock. Seine beiden Gedichtbände Sarmartische Zeit und Schattenland Ströme, kurz hintereinander 1961 und 1962 erschienen, Levins Mühle, die Erzählungen Boehlendorff und Mäusefest: schockierend schöne Bücher, frei von jedem Schmock, nie kitschig, nie verschwiemelt, so klar wie rätselhaft, Bücher voller Musikalität, Kraft und Liebe, ja: Liebe, zersplitterte, verzweifelte Liebe zwar, aber doch eben Liebe.
Er wurde vor 100 Jahren, am 9. April, in Tilsit an der Memel geboren; oft war er in den Kinderjahren bei den Großeltern auf dem Bauernhof in Willkischken. Das litauische Grenzgebiet hat ihn tief geprägt, wiederholt hat er beklagt, dass die Deutschen nichts wüssten und nicht wissen wollten von dem, was „ostwärts der Elbe“ läge. Sein Dichten ist auch Versöhnungsversuch, eine „sarmatische“ Phantasie, benannt nach dem antiken Wort für die Gegend zwischen Weichsel, Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer.
Nemona, Rasainen, Wilia oder Ralbitz: Namen in seinen Versen, die auch Statthalter einer poetischen Phantasie sind, Orte, die sich von keinen Grenzen und keiner Politik einhegen lassen. Seine Literatur ist auch Protest gegen eine Aufteilung der Welt in ideologische Blöcke. Erstaunlich oft durfte er dennoch in den Westen reisen, Freunde hatte der „Hannes“ ohnehin hier wie da. In den vorzüglich kommentierten gut 1.200 Briefen, die jetzt in vier Bänden zu haben sind, kann man nachlesen, wie dicht sein freundschaftliches Netzwerk war. Die Liste seiner Briefempfänger ist lang, sprunghaft steigt sie mit seinem späten Ruhm an. Uwe Johnson, Christoph Meckel, Ina Seidel, Günter Bruno Fuchs: Er unterhielt in viele Richtungen Briefkontakt. Noch sein Begräbnis war eine Begegnung deutsch-deutscher Schriftsteller, mit Reden von Stephan Hermlin und Hans Werner Richter, dem Initiator der Gruppe 47.
„Mit dem müden Mund /auf dem endlosen Weg / zum Hause der Nachbarn“, heißt es in dem Gedicht „Sprache“, das jetzt in einem sehr schönen Band Gesammelte Gedichte wiederzulesen ist. Auf diesen Wegen ist seine Dichtung unterwegs. „Meine Tür hat dich gerufen“, so in „Ankunft“ – sie ruft bis heute. Ein stets aufs Neue zu erschließendes Werk, wie der Mensch selbst:
Wo Liebe nicht ist, sprich das Wort nicht aus.
Dabei hatte Bobrowski für seine literarischen Texte neben der Familie wenig Zeit. Er schrieb sie oft in der S-Bahn auf dem Weg zum Union-Verlag, wo er als Lektor arbeitete. Unter den jetzt zugänglichen Briefen finden sich auch Arbeitsbriefe, ein Schreiben an Wolfgang Hilbig im Oktober 1964 etwa. Hilbig hatte Gedichte geschickt, die Bobrowski nicht gefielen:
Wollen Sie an der Umwelt leiden, weil Sie ein solches Verfahren für dichterisch, für bedeutend halten?
Leiden allein reiche nicht, das „deutliche Bemühen, sich nicht mit der abgegriffenen Umgangssprache zufrieden zu geben“, auch nicht. Aber er gab den Dichter Hilbig nicht auf:
Sie werden sehen, dass Ihnen die Menschen entgegenkommen, wenn Sie selber nur mit Ernst und Neigung auf sie zugehen.
Bobrowski wusste es aus eigener Erfahrung, und Hilbig hat es beherzigt, er wurde später ein großer, menschenzugewandter Dichter. Bobrowski war es damals schon.
Dirk Pilz, Frankfurter Rundschau, 7.4.2017
„Du weißt doch, was mit diesen Deutschen ist“
– Am 9. April vor 100 Jahren wurde Johannes Bobrowski geboren: Aus diesem Anlass erscheinen bei der Deutschen Verlags-Anstalt alle seine Gedichte. –
„Dir / ein Lied zu singen, / hell von zorniger Liebe“ ist nicht an eine Frau gerichtet, sondern an eine Landschaft. Johannes Bobrowski, 1965 gestorben, viel zu früh, war dieser Landschaft verfallen, er rühmte bis zuletzt ihre Schönheit. Die „Pruzzische Elegie“ bezeugt das.
Namen reden von dir,
zertretenes Volk, Berghänge,
Flüsse, glanzlos noch oft,
Steine und Wege –
Lieder abends und Sagen,
das Rascheln der Eidechsen nennt dich
und, wie Wasser im Moor,
heut ein Gesang, vor Klage
arm.
Bobrowskis Literatur handelt von Vertreibung und Versöhnung, aber nie revanchistisch. Er haderte am Verlust der Heimat, die nach dem Krieg, den er als Soldat einer Nachrichtenkompanie erlebte, an die Sowjetunion fiel. 1917 war er im ostpreußischen Tilsit geboren, später zog die Familie nach Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Weil es für ihn als DDR-Bürger schwer war, dorthin zu kommen, woher er kam, poetisierte er aus der Erinnerung und seinen Recherchen sein Heimatland zwischen Memel, Weichsel und der Ostsee. „Der schafft Sprachbilder, wie ich sie sonst nie gelesen habe“, hat Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin, gesagt.
Sarmatische Zeit, Schattenland Ströme und Wetterzeichen sind Hymnen an seine Kindheitsregion. Die Deutsche Verlags-Anstalt hat das gesamte lyrische Werk in einer großen Ausgabe und mit einem klugen Nachwort des Kritikers Helmut Böttiger herausgegeben. Wenn sich „die ostpreußisch langsame Stimme Bobrowskis im Raum“ erhob, so Böttiger, einen Auftritt des Dichters schildernd, schien sie „von ganz woanders her zu kommen, aus entlegenen Regionen, mit weiten östlichen Ebenen und unübersichtlichen Wäldern“. Der Dichter selbst charakterisierte sie so:
kein Atem hat sie bewegt.
Bobrowski war ein Sprachmagier, der an seiner Schuld litt. Die deutsche Wehrmacht, der er angehörte, hatte die Landschaft verwüstet und die Orte zerstört. Er rettete sich nicht in die Verdrängung einer Naturlyrik. Eine Landschaft ohne Menschen, schrieb er einmal, sei für ihn keine Landschaft.
Bobrowski, der ein Schriftsteller aus der DDR sein sollte, war gesamtdeutscher Dichter. Er nahm an Tagungen der Gruppe 47 teil und erhielt von ihr einen Preis. Er wohnte im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshagen, fuhr aber zu Lesungen und Begegnungen – etwa mit seinem Verleger Klaus Wagenbach – mit der S-Bahn in den Westteil. Er arbeitete für den Union-Verlag im Osten, wurde aber viel mehr im Westen verlegt. Bobrowski war eine Ausnahmeerscheinung, mit der DDR-Parole „Greif zur Feder, Kumpel“ hatte er nicht das Geringste gemein. Er stand mit seiner Dichtung neben Günter Eich und Peter Huchel, bewunderte Jean Paul, Robert Walser und den ostpreußischen Schriftsteller Hermann Sudermann.
1941 veröffentlichte er erste Gedichte, es war eine Erlösung für ihn, dass er im Krieg zu Sprachthemen fand. Sein Schreibstil war von Beginn an existenziell, geprägt von geschichtlichen und literarischen Bezügen und quälenden Gefühlen der verlorenen Kindheit, der Schuld und der Depression. Das Christentum half ihm, seine Gelehrsamkeit trieb ihn an, er stand aber immer am Rand, ein Außenseiter, ganz in der Sprache versunken.
Auch in seinen Erzählungen blieb Bobrowski eigenwillig. Etwa in seinem bekanntesten Geschichtenband Mäusefest. „Moise Trompeter sitzt auf dem Stühlchen in der Ladenecke. Der Laden ist klein, und er ist leer“, beginnt die Erzählung. Auf viereinhalb Seiten gelingt es dem Autor, das totale Elend zu schildern, das der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen für „das Judenvolk“ bedeutet. Der alte Moise sitzt in seinem Laden, als ein junger Soldat hereinkommt, „ein Milchbart“, der sehen will, wie ein Jud haust. Moise ahnt Schlimmes, weiß aber noch nichts von dem, was der Leser weiß. Er hat ein Stück Brotrinde auf den Boden geworfen und beobachtet, wie die Mäuse sich daran zu schaffen machen. Es ist ein Fressfest für sie.
Moise spricht mit dem Soldaten in dessen Sprache, bietet ihm einen Sitzplatz an. Der Milchbart guckt sich um und geht dann einfach. Moise wartet, dass der Mond zu ihm spricht. „Das war ein Deutscher“, sagt der Mond, „du weißt doch, was mit diesen Deutschen ist.“ Moise will nicht weglaufen, sich nicht mal verstecken, er gehört doch hierhin. Aber sein Gesprächspartner aus dem All ist unerbittlich. „Wie wird es mit deinen Leuten gehen“, fragt er den kleinen Krämer. Moise wird blass, sein Laden wird ganz hell, der kleine Mensch wird „immer mehr eins mit der Wand“. Das Unrecht beginnt für ihn in diesem Moment real zu werden. Erst jetzt denkt er darüber nach. „Da hast du ganz recht“, sagt Moise zum Mond, „ich wird Ärger kriegen mit meinem Gott“.
Diese und andere Geschichten wurden auch in der DDR veröffentlicht. Sie fanden ihre Leser. Zeitweise legte Bobrowski sich mit dem Regime an, aber auch hier als Randfigur. Literatur „idealisiert nicht, verschönt nicht“, gab er den Arbeiterdichtern mit, die das kleine Land befehlsgemäß bejubelten. Literatur sitze „zwischen allen Stühlen“ und sei am besten als „Zauberspruch, Beschwörungsformel“, so Bobrowski.
Die Zensoren rächten sich, manche Bobrowski-Gedichte wurden in der DDR nie veröffentlicht, so auch die oben genannte „Pruzzische Elegie“, zentrale Verse des Dichters und seiner Identität. Er beharrte darauf, ein Vermittler zwischen Ost und West zu sein und blieb sich darin treu bis zu seinem Tod nach einer Blinddarmentzündung im Alter von 48 Jahren. Er konnte melancholisch und freundlich von den Verwüstungen und Verwerfungen des Krieges schreiben. Er beschwor die menschliche Gemeinschaft in seiner verlorenen Heimat, „wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit“.
Roland Mischke, Rhein-Neckar-Zeitung, 9.4.2017
Poesie als sinnliche Rede
Am 9. April 2017 wäre Johannes Bobrowski 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass hat die DVA seine Gedichte neu in einem Band verlegt. Der Band besteht aus drei Teilen:
– Die Gedichte: Sämtliche Gedichte, die Bobrowski selber herausgegeben oder für den Druck bestimmt hat
– Gedichte aus dem Nachlass
– Anhang
Die Gedichte umfassen den Gedichtband Sarmatische Zeit (1961), Schattenlandströme (1962), und Wetterzeichen (leider nicht mehr zu Lebzeiten publiziert, aber für die Publikation vorbereitet). Diese drei Gedichtbände stellen Bobrowskis Hauptwerk dar. Daneben existieren vereinzelte Gedichte, die an unterschiedlichen Orten publiziert, aber zu keiner Sammlung vereinigt worden waren.
Teil 2 des vorliegenden Bandes umfasst die Gedichte aus dem Nachlass. Darin enthalten sind Gedichte aus den Jahren 1935–1965. An ihnen lässt sich auch gut die Entwicklung Bobrowskis als Lyriker ablesen.
Den Abschluss macht ein umfangreicher Anhang, der einerseits ein Nachwort von Helmut Böttinger (Literaturkritiker) enthält, des Weiteren editorische Nachbemerkungen, Bobrowskis Lebensdaten sowie ein alphabetisches Gesamtverzeichnis.
Bobrowski bezeichnete Poesie einst als „vollkommen sinnliche Rede“. Dichtung solle dabei nicht anheimeln, sie solle die Zeit zeigen, wie sie ist, nicht verschönernd, sondern mit all ihren Dissonanzen, Unruhen und Spannungen. Er selber verwirklichte das oft mit Stilmitteln wie der Inversion und des Enjambements. Beide durchbrechen den normalen Fluss der Sprache, setzen Akzente und bauen Spannungen auf. Beide können sie Dissonanzen verstärken und Disharmonie herstellen – das, was Bobrowski auch in der Welt sah und ausdrücken wollte.
Die Enjambements tragen also den Inhalt in die Form und verstärken ihn so. Indem das Enjambement die Versgrenze überschreitet, widerspricht es dem eigentlichen Sprachgefühl und hat so eine akzentuierende Funktion im Gedicht. Dasselbe gilt für die Inversion, bei welcher das Subjekt an den Schluss gestellt wird, Prädikat und Adjektiv ihre angestammten Plätze in der Syntax verlassen, so dass sich eine Spannung hin zum Subjekt aufbaut.
Trotz dieser Stilmittel sind Bobrowskis Gedichte oft in alten Gedichtformen verhaftet. Er legte grossen Wert auf Versmass und Metrum, es findet sich auch die klassische Ode in seinen Werken und Gedichte, die sich ganz offensichtlich an den alten Meistern orientieren. Trotzdem bewegt er sich inhaltlich in der Gegenwart.
Thema seiner Lyrik sind oft die Landschaften und Siedlungen Osteuropas, sind die Zeit und ihre Wunden durch den Krieg. Bobrowski wies auf die Geschichte und war dabei immer auch politisch. Er spielte eine einzigartige Rolle als Vermittler zwischen Ost und West, indem er auf eine Weise schrieb, die für den Osten eigentlich fast nicht denkbar schien.
In den Gedichten aus dem Nachlass finden sich aber auch leisere Töne. Gedichte über Blumen, die seine Sinnesschärfe und Beobachtungsgabe zeigen, die trotz leiser Töne auch ab und an kritische Zwischentöne mitklingen lassen, ohne dabei das schöne Bild zu stören.
Fazit:
Ein wunderbares Buch eines grossartigen Lyrikers. Laute und leise Töne, alte Formen und neue Inhalte, Poesie, die durchdringt, in der Form und Inhalt Hand in Hand gehen. Sehr empfehlenswert.
Sandra Matteotti, amazon.de, 2.5.2017
Gesammelte Gedichte
In die kurze Zeit von Februar 1961 bis September 1965 fallen die Buchveröffentlichungen zu Lebzeiten eines der sprachmächtigsten deutschen Lyriker des 20sten Jahrhunderts: Johannes Bobrowski (Tilsit 1917–1965 Berlin/Ost). Den Beginn seines Schreibens datierte Bobrowski selbst auf 1941, in eine Zeit also, die er als Soldat im Krieg in Russland verbrachte. 1944, inmitten des Krieges, erschienen erste veröffentlichte Gedichte des jungen Lyrikers, vermittelt von Ina Seidel, in der zu München erscheinenden Zeitschrift Das innere Reich. Sein erster Gedichtband Sarmatische Zeit erschien im Februar 1961, der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Band Boehlendorff und Mäusefest, im Mai (bei Wagenbach unter variierendem Titel), August (ebenso in der DVA) und September 1965 (im Union Verlag).
Nun jährte sich der Geburtstag des Dichters im April des Jahres 2017 zum 100sten Mal. Neben der Vielzahl von Gedenkveranstaltungen brachte die DVA das lyrische Werk Bobrowskis geschlossen in dem Band Gesammelte Gedichte heraus, der sich an der im Union Verlag (Berlin/Ost) und der DVA (Stuttgart, ab dem Jahr 2000 in München) gleichermaßen erschienenen Gedichtausgabe innerhalb der Gesammelten Werke Bobrowskis orientiert, so in den 1980er Jahren des 20sten Jahrhunderts und darüber hinaus die Stellung Bobrowskis als deutscher, in der DDR lebender Dichter bedeutend.
Im Aufbau „Die Gedichte“ (= sämtliche Gedichte, die Bobrowski selbst herausgegeben oder für den Druck bestimmt hat), „Gedichte aus dem Nachlass“ und einen „Anhang“ (= Nachwort, editorische Nachbemerkung, Lebensdaten und Index) beinhaltend, bietet sich den Lesenden im vorliegenden Band das lyrische Werk Bobrowskis in seiner Fülle dar.
Ausgesprochen erfreulich ist die Beibehaltung der Paginierung der Gesammelten Werke im erschienenen Band, da so die Auffindung gesuchter Gedichte in den Bänden 1, 2 und 5 jener erleichtert wird. Die ästhetisch gute Aufmachung des Buches im Stil der frühen 1960er Jahre tut ein Übriges, den Band den Augen eines Publikums zu empfehlen, wenngleich sich der Rezensent eine Fadenheftung für diesen Jubiläumsband gewünscht hätte.
Das Nachwort Helmut Böttigers beschreibt kundig und einfühlsam Weg und literarische Stellung Bobrowskis, des Dichters, der Peter Huchel gegenüber 1956 äußerte, eine „Art Sarmatischen Divans“ entwickeln zu wollen und der aus diesem Vorhaben heraus die großartige Abbildung einer lyrischen Landschaft (nicht nur) des Ostens, weit über bloße Naturlyrik hinausgehend, schuf.
Über Bobrowski ist viel geschrieben worden und wird viel geschrieben werden, so dass der Dichter selbst mit einem seiner intensiv rezipierten Gedichte am Beschluss dieser Zeilen stehen soll:
SPRACHE
Der Baum
größer als die Nacht
mit dem Atem der Talseen
mit dem Geflüster über
der Stille
Die Steine
unter dem Fuß
die leuchtenden Adern
lange im Staub
für ewig
Sprache
abgehetzt
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn
Paul Alfred Kleinert, Lyrikwelt.de, 2017
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Buchmesse Leipzig: Helmut Böttiger am 3sat-Stand zu Johannes Bobrowski: Gedichte
Manfred Orlick: Die Deutschen und der europäische Osten
literaturkritik.de, Nr. 4, April 2014
Axel Klappoth: Johannes Bobrowski: Gesammelte Gedichte
literarisches-berlin.de
Klaus Bellin: Anders die Themen, anders der Ton
neues deutschland, 23. 3. 2017
Stimme zu Johannes Bobrowski
Wie kommt es, dass man bei Ihnen so auftaut, während man bei den ganz jungen Berlinern (v. Törne, Reisner, Lenz) auf so viel Zurückhaltung und Abwehr und Verschlossenheit stößt? Im Ernst, sie geben einem das Gefühl, (absichtlich?) als käme man aus der entlegensten Provinz. […]
Herr Bobrowski, ich hoffe sehr, dass wir uns bei der nächsten Gelegenheit über das deutsche Problem der Judenvernichtung weiter unterhalten können. Verstehen Sie bitte, dass ich das alles hier und in den letzten Jahren nicht so verarbeiten konnte wie andere Menschen. Ich bin 25 Jahre alt. Das soll keine Entschuldigung sein und ich kenne manche Dinge inzwischen besser, als es einem ruhigen Schlaf zuträglich ist, aber die endgültige Einstellung zu dem Schrecklichen habe ich noch nicht gefunden.
Nicolas Born
Brief an Johannes Bobrowski
Sehr geehrter Herr Bobrowski,
Sie hatten die Freundlichkeit, mir ein paar Zeilen zu schreiben, wofür ich Ihnen danke. Es sei Ihnen aber gleich zu Beginn gesagt, dass mich diese in einiges Erstaunen setzen, und ich wünschte sehr, es wäre anders. Ich vermag Ihrer Argumentation nämlich nicht so zu folgen, wie Sie es sicherlich von mir erwarten. Niemals habe ich, was Sie anlangt, gemeint, Sie seien verpflichtet, in einer riskanten Zeit meine Nähe zu suchen. Ich sah mich nur immer, wenn Freunde, die in W. waren und im Verlauf des Gesprächs auch auf Sie und unsere vermeintliche Freundschaft kamen, in die peinliche Situation gebracht, der Wahrheit entsprechend zu argumentieren und das zum Ausdruck zu bringen, was Sie selber in Ihrem Brief so offenherzig mit „Unvermögen in derartigen Situationen überhaupt zu reagieren“ bezeichnen. Niemand kann über seinen Schatten springen, und ich bin der letzte, der für sich eine Ihnen nicht gemässe Haltung einfordern wollte. Aber ich vermag gleichfalls nicht über meinen Schatten zu springen, Ihr deutlich spürbar gewordenes Nichtvorhandensein in jenen Monaten, Ihr Verhalten beim Meckel-Telefonat oder nach der Akademie-Lesung, wo es Sie weder Zeit noch Mühe gekostet hätte, en passant ein menschlich nobles Wort zu finden, sind von mir, ich möchte es nicht anders ausdrücken, durchaus bemerkt worden. Doch es erübrigt sich wohl, darüber noch Worte zu verlieren, nachdem Sie mir in Ihrem Brief eindringlich klar gemacht haben, dass Sie, einfach Ihrer Natur nach, zu solchem nicht fähig sind.
Nichts für ungut, der Zweck Ihrer weiteren Argumente hingegen bleibt mir absolut dunkel. Sicherlich fehlt es mir da an der Gabe psychologischer Tiefenforschung auf dem Gebiet innerer Proteste. Ihre rein persönlichen Vorsätze, wie: Sie wollen sich hier nicht etablieren, Sie wollen keine anderen Gedichte schreiben, Sie wollen nicht in Uhses Zeitschrift publizieren, Sie wollen, vom DSV aufgefordert, nicht in Magdeburg und Halle lesen – all das hat mich weder je beschäftigt – noch weiss ich, inwiefern meine Person dabei eine Rolle spielt. Selbst der Fall Uhse war sofort ein so genereller, dass er kaum noch etwas mit mir allein zu tun hatte. Hier muss sich jeder für sich selber entscheiden und vor allem wohl im Hinblick auf die literarische Oeffentlichkeit. Und bestimmt waren es schwerwiegende Gründe, die Sie veranlassten, dem DSV die Autorenlesung abzuschlagen, zumal sich dieser, wenn Sie es auch stets ablehnten, Mitglied zu werden, Ihnen gegenüber doch sehr kollegial verhielt, zumindest in der Aushändigung von Passierscheinen. Sonst müsste man fragen: warum wollen Sie eigentlich nicht in Halle, Magdeburg oder Leipzig lesen? Warum wollen Sie jungen Menschen Ihre schönen Gedichte vorenthalten? Die Studenten hier sind genauso musisch oder unmusisch wie die Studenten in München, Frankfurt am Main, Heidelberg oder Tübingen. Was mich anlangt, so läse ich gern in Halle, Magdeburg oder Leipzig, aber das ist gegenwärtig, Sie hörten ja, wie Hans Mayer es sagte, nicht opportun.
Mit guten Wünschen für Sie
Peter Huchel, 1963
Aus Eberhard Haufe (Hrsg.): Johannes Bobrowski/Peter Huchel. Briefwechsel, Deutsche Schillergesellschaft/Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar 1993
Zum 80. Geburtstag des Herausgebers:
Kai Agthe: Dem lauteren Gelehrten Eberhard Haufe zum 80.
Das Blättchen, 7.2.2011
Thomas Bickelhaupt: Ein Hüter der Überlieferung
mitteldeutsche kirchenzeitungen, 6.2.2011
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Kalliope
WIDMUNG AN JOHANNES BOBROWSKI
den letzten Präsidenten des Neuen Friedrichshagener Dichterkreises
1
Der Präsident wurde einstimmig gewählt. Wir
versuchen uns zu erheben. Der Präsident
wird vereidigt auf einen Satz von Peter Hille:
Nur innerhalb der Wahrheit kann ich
vergnügt und ruhig sein. Es kommt zu einer
Schweigeminute. Der Präsident begibt sich
ans Clavichord. Beim Spielen läßt er die
Blicke seiner schönen Nilpferdaugen
um die Kirchtürme von Buxtehude wandern.
2
An der letzten Zusammenkunft unter Vorsitz
von Johannes Bobrowski beteiligten sich
der Spielwarenhändler M. Bieler, der Mondmaler
R.W. Schnell und deren gemeinsamer
Protokollschreiber F. Gegen Morgen des dritten
Tages wurde ein Spielzeug erfunden, das
gewisse Ähnlichkeiten zeigt mit einem Lehrstuhl
für Neue Poetik. (Vergleiche hierzu den
bekannten Ausruf: Hat der Mensch dafür Worte!)
3
Eine abendliche Reise
spät mit dir um die Welt. Im Gelächter vorbei
am Deutschen Reimlexikon. An Geschichtsbüchern
vorbei, an Königskneipen gleich hinter
Potsdam. Auf den Knien ein Buch
voller Eselsohren, Bildergeschichten von
Vater und Sohn (gemeint ist die Kinderbibel
des Zeichners e.o. plauen
aus Plauen im Vogtland). Vorbei
an Sandstraßen, Havelufern, bevölkert von
fleißigen Ratten (im ersten Schuljahr
pfeifen sie auswendig die frühen Gedichte
des Georg Heym): die märkische
Lokomotive
war alt, verschnaufte ein wenig. Da hört sie
dein Lachen, nimmt es
schnell unter den Arm, läuft
mit kleinen anhänglichen Wagen
fröhlich vorbei am nächsten
Bahnwärterhäuschen. Ein
Fenster stand offen, eine Wunderkerze
flog hinaus in die Nacht. So
jedenfalls sind wir spät um die Welt gefahren
ins Freie.
4
Nun schreibt der Präsident einen Brief an
Johann Pachelbel. Die Zeilen sind
leicht geneigt nach rechts, waagerecht gesetzt
untereinander mit lichten Zwischenräumen. In
derselben Schrift entstanden viele seiner
Gedichte. Seine Briefe in Schönschrift sind
die Reinzeichnungen seiner Gedichte,
eine Mischung aus Sütterlin und Latein, in
deutscher Handschrift, wie es heißt, die
der Jüngere, wird behauptet, heutzutage
nicht mehr lesen kann.
Günter Bruno Fuchs
NOTIZ
Welcher Schlüssel
für jenes Buch,
für dieses Bild,
für welchen Vers?
Welche Vorzeichen
für die Tonart?
Am Ring,
der den Kreis
offen hält,
auch ein Schlüssel,
Vergangenes
aufzuschließen.
Das Zimmer
die Freunde,
Zuflucht,
ein Nachlass.
Dein Zimmer
Ernten
schlafloser Sprache,
die ohne Regen
auf einer trockenen
Seite gedeiht.
Ulrich Grasnick
SPRACHE (WEGEN JOHANNES BOBROWSKI)
Der pfiff
Lauter als das wort
Mit dem atem der tierwärter
Mit dem geschrei
Über der stille
Die augen
Unter dem fuß
Ihr brechender ruf
Lange im staub
Nicht für ewig
Sprache
Gehetzt
Von pfiffen verfolgt
Im endlosen kampf
Gegen das schweigen der menschen
(Jürgen Fuchs, 1969. Das bisher früheste bekannte Gedicht des Autors.)
Johannes Bobrowski liest Gedichte und Prosa 1962 und 1965 für die Quartplatten des Klaus Wagenbach Verlages.
Johannes Bobrowski liest Gedichte und Prosa 1962. Bei dieser Aufnahme handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um die Lesung Johannes Bobrowskis zur Tagung der Gruppe 47 in Berlin, auf der Bobrowski den Preis der Gruppe 47 erhielt.
Gerhard Wolf: Johannes Bobrowski: Leben und Werk
Gerhard Wolf: Beschreibung eines Zimmers. 15 Kapitel über Johannes Bobrowski
Walter Gross: Der Ort, wo wir leben
DU, Heft 2, Februar 1965
Günter Hartung: Johannes Bobrowski
Sinn und Form, Heft 4, 1966
Wilhelm Girnus: Für Johannes Bobrowski
Sinn und Form, Heft 6, 1967
Uwe Schweikert: Lieben Sie Bobrowski?
Die Zeit, 16.7.1993
Jürgen Joachimsthaler: Bobrowskis Häutungen
literaturkritik.de, 5.4.2017
Andreas Degen: Kafka zum Beispiel
literaturkritik.de, 9.4.2017
Thomas Taterka: Der letzte Talissone
literaturkritik.de, 5.4.2017
Sabine Egger: Martin Buber und Johannes Bobrowski
literaturkritik.de, 16.4.2017
Andreas F. Kelletat: Vom Ende der Sesshaftigkeit
literaturkritik.de, 5.4.2017
Reiner Niehoff: Bobrowski-Fragmente
SWR2, 19.6.2017
Alexander Mionskowski: Erkundungen der preußischen Antike
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2024
Zum 1. Todestag des Autors:
Jürgen P. Wallmann: „ich hab gelebt im Land, das ich nenne nicht“
Die Tat, 3.9.1966
Zum 50. Geburtstag des Autors:
Gerhard Desczyk: „… so wird reden der Sand“
Neue Zeit, 9.4.1967
Zum 10. Todestag des Autors:
Peter Jokostra: Gedenkzeichen und Warnzeichen
Die Tat, 29.8.1975
Zum 60. Geburtstag des Autors:
Gerhard Rostin: Der geht uns so leicht nicht fort
Neue Zeit, 9.4.1977
Zum 15. Todestag des Autors:
Jürgen Rennert: Von der Sterblichkeit der Dichter
Das Literaturjournal, 3.9.1980
Zum 20. Todestag des Autors:
Gerhard Wolf: Stimme gegen das Vergessen
Freibeuter, Heft 25, 1985
Reinhold George: Brober
Schattenfabel von den Verschuldungen. Johannes Bobrowski zur 20. Wiederkehr seines Todestages, Amerika Gedenkbibliothek, Berliner Zentralbibliothek, 1985
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Michael Hinze: Mitteilungen auf poetische Weise
Berliner Zeitung, 9.4.1987
Eberhard Haufe: Der Alte im verschossenen Kaftan
Neue Zeit, 9.4.1987
Zum 50. Todestag des Autors:
Annett Gröschner: Der sarmatische Freund
Die Welt, 29.8.2015
Christian Lindner: Mit dem dunklen Unterton der Melancholie
deutschlandradiokultur.de, 2.8.2015
Lothar Müller: Nachrichten aus dem Schattenland
Süddeutsche Zeitung, 1.9.2015
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Helmut Böttiger: Große existenzielle Melodik
Süddeutsche Zeitung, 6.4.2017
Dirk Pilz: Dem großen Dichter zum 100. Geburtstag
Berliner Zeitung, 6.4.2017
Dirk Pilz: Ostwärts der Elbe
Frankfurter Rundschau, 7.4.2017
Arnd Beise: Ein Christenmensch und ein großer Geschichtenerzähler
junge Welt, 8.4.2017
Klaus Walther: Johannes Bobrowski: In „Sarmatien“ eine poetische Heimat gefunden
Freie Presse, 7.4.2017
Richard Kämmerlings: Der Deutsche, der an der Ostfront zum Dichter wurde
Die Welt, 9.4.2017
Cornelius Hell: Wer war Johannes Bobrowski?
Die Presse, 7.4.2017
Klaus Bellin: Erzählen, was die Leute nicht wissen
neues deutschland, 8.4.2017
Tom Schulz: Mein Dunkel ist schon gekommen
Neue Zürcher Zeitung, 9.4.2017
Manfred Orlick: Die Deutschen und der europäische Osten
literaturkritik.de, 5.4.2017
Oliver vom Hove: Der Dichter verlorener Welten
Wiener Zeitung, 9.4.2017
Matthias Weichelt: Eine Poesie der Rettung
Die Zeit, 9.4.2017
Wolf Scheller: Poetische Landnahme im Osten
frankfurter-hefte.de, 1.4.2017
Zum 60. Todestag des Autors:
Ronald Weber: Pruzzische Elegie
junge Welt, 2.9.2025
Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + IZA + Kalliope + KLG + IMDb + Umzug
Porträtgalerie: deutsche FOTOTHEK + Keystone-SDA
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Nachrufe auf Johannes Bobrowski: Grabrede 1 & 2 ✝ Der Sonntag ✝ Die Zeit ✝ Kunze ✝ Kürbiskern ✝ SZ
Klaus Wagenbach spricht über Johannes Bobrowski und Günter Grass liest die Erzählung „Rainfarn“.








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