Daniele Gorret: Unterhaltungen mit Kater Puffi

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Daniele Gorret: Unterhaltungen mit Kater Puffi

Gorret-Unterhaltungen mit Kater Puffi

60.

Deine Nähe ist eine intravenöse Kraft,
kaum entfernst du dich, bin ich gealtert,
ohne dich würde ich nur aus Angst bestehen.

Immer häufiger frage ich mich selbst,
was ich tun würde, wenn ich allein leben müsste:
leben, ohne zu wissen, dass es dich gibt, und dabei bist du so nah!
Vielleicht würde ich hoffen, dass du da wärst, das wohl,
(das passierte mir), doch das war eine derart
unverschämte Hoffnung, dass ich sie mir nicht sehr oft
und nicht sehr lang gegönnt habe.
Nun jedoch bist du hier und wirst es noch länger sein;
der Verdacht des Gegenteils wäre schändlich.

Ich, der ich behaupten kann zu wissen,
was Treulosigkeit zwischen Menschen bedeutet,
bitte dich nun, Kater Puffi, betrüge mich nicht.

Niemals werde ich dich mit wissenschaftlichen Namen nennen
(Katzensäugetier, felis libica oder silvestris,
felis chaus oder felis margarita),
ebenso wenig aber mit jenen des Marktes
(siamesische oder getigerte Katze,
isländische oder abessinische Katze);
das wäre, als würde man dir deine Seele verwehren,
das wäre -wie es der Pöbel möchte – als hätte man dich gefangen,
als hätte man dich festgenagelt, ein Ding aus dir gemacht,
als wollte man dich zugrunde richten inmitten anderer Dinge.
So wie der Bergsteiger, der den Gipfel
des höchsten und heiß ersehnten Berges erreicht,
sich sehnlichst wünschen würde,
dass das in seinem ganzen Leben am meisten geliebte Unterfangen
nach ihm benannt sein möge,
aber stattdessen den Wind spürt, der ihm
um die Ohren pfeift und nicht in Ruhe lässt,
und den er dennoch liebt, weil ihm alles recht ist,
so würde ich gerne heute mit dir, mein Puffi,
gemeinsam den Abschluss eines Jahres feiern wollen,
an dessen Beginn ich dich kennengelernt habe, als du verblüfft
vor den Schreien der Nachbarn geflohen bist…
Stattdessen mache ich gar nichts. Ich verweise nur darauf,
mit welchem Stolz wir dieses ganze Jahr,
das sich nun seinem Ende zuneigt,
miteinander verbracht haben:
ein Kater und ein Mensch, beide ein wenig verwegen,
die etwas von sich und vom anderen erzählen,
ja sogar ein wenig von der unendlich weiten Welt.
Nun können wir, wenn du willst, es betonen:
wir müssen die verzauberte Terrasse noch einmal erreichen…

Übersetzung: Franziska Raimund

 

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Anmerkungen der Übersetzerin

Schon nach der ersten, flüchtigen Lektüre hat mich dieser Lyrikband von Daniele Gorret angesprochen. Rascher als sonst fasste ich den Entschluss, diese sehr speziellen, eigenartigen Texte zu übersetzen.
Den Titel fand ich bemerkenswert. Wie kann ein Gespräch zwischen einem Menschen und einem Tier, hier einer Katze, stattfinden? Gerade diese Thematik aber zog mich vermutlich an.
Nun gibt es in der Weltliteratur natürlich etliche Beispiele dafür, dass Tiere sprechen und sich mitteilen können, angefangen bei Äsops Fabeln (um 600 v. Chr.), in denen die Tiere moralische Lehren vermitteln, über Jean de La Fontaines Fabeln (1668), den „Gestiefelten Kater“ der Brüder Grimm (1797), E.T.A. Hoffmanns „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ (1819/21), „Spiegel das Kätzchen“ (1856) von Gottfried Keller und Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ (1865) bis zu Natsume Sōsekis „Ich der Kater“ (1905) und Christa Wolfs „Neue Lebensansichten eines Katers“ (1970). All diesen Werken ist gemeinsam, dass die Tiere, interessanterweise zumeist Katzen, vermenschlicht werden und sich wie Menschen verhalten.
Dies ist bei Gorret nicht der Fall. Sein Kater Puffi – ich nehme an, dass es sich um einen Kater handelt,1 – verhält sich während der „Gespräche“, die sich über ein Jahr erstrecken, immer still. Nur sein Schnurren ist zu hören. Es handelt sich also in Wahrheit um einen Monolog des alternden Dichters, den er in Anwesenheit der jungen Katze auf der Terrasse seines Hauses führt. Die Katze ist ihm zugelaufen, geflohen vor den Schreien der Nachbarn, die sie verjagt haben. Diese scheinbar zufällige Begegnung wird zu einem Ritual.

Die beiden beschließen, einander von nun an jeden Abend wiederzusehen, denn sie haben etwas gemeinsam: Beide sind einsam, beide leben ohne Liebe.
So entsteht eine Gewohnheit, die für beide mehr ist als nur dies: Es ist das Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen, ein Gegenüber zu haben, es ist der Wunsch, für den anderen da zu sein. Dass das Gegenüber kein Mensch, sondern ein Tier ist, resultiert aus der Enttäuschung des Dichters über das Verhalten seiner Mitmenschen.
Diese Thematik ist mir vertraut, da auch für mich die „tierische Präsenz“ von unerhörter Wichtigkeit ist, da auch mir das Leben der Vielen, die sogenannte „Normalität“, fremd und häufig unangenehm ist.
Gorret übt Sozialkritik an der Lebensweise der Menschen, für die einzig und allein Geld und Macht Wert haben. Er übt Kritik an den politischen Verhältnissen in seinem Land, nennt Mafia, Camorra, N’drangheta beim Namen, Organisationen, die Italien kennzeichnen.
Das lyrische Ich lebt in totaler Isolation, es bleibt jedoch ungewiss, ob diese Isolation frei gewählt, also selbst auferlegt oder erzwungen wurde. Es scheint keine familiären Beziehungen zu geben. Nur einmal taucht kurz eine Frau auf, die aber rasch wieder verschwindet. Auch die Natur spielt kaum eine Rolle. Nur die Berge werden erwähnt und der unmerkliche Wechsel der Jahreszeiten. Ebenso fällt auf, dass weder Mensch noch Tier je Nahrung zu sich nehmen. Sie leben völlig asketisch, wobei es normalerweise zu den menschlichen Freuden gehört, ein Tier zu füttern, es zu ernähren. Auf meine Frage, warum dieses Element ausgespart wird, antwortet Daniele Gorret:

Weil die beiden einander so viel zu sagen haben!

Gorrets Stil ist unverwechselbar. Er bedient sich einer Sprache, die möglicherweise auf den ersten Blick sogar befremdet, da sie zwar einfach erscheint, in ihrer Einfachheit aber zunehmend rätselhaft wirkt. Der Dichter verwendet vorzugsweise den Elfsilbler („endecasillabo“), ein Versmaß, das Dantes „Göttliche Komödie“ und die „Sonette“ Petrarcas kennzeichnet, das aber nicht ins Deutsche übertragen werden kann. Ein weiteres Merkmal, das der Übersetzerin erhebliche Schwierigkeiten bereitete, ist die Tatsache, dass Gorret mit Vorliebe sämtliche Artikel, bestimmte oder unbestimmte, vermeidet. Diese Eigenheit konnte im Deutschen nicht beibehalten werden, da derart die Sätze unverständlich werden würden.
Sehr auffällig ist Gorrets Einsatz der Interpunktion. Er verwendet mit Vorliebe drei den Redefluss unterbrechende Stilmittel:

– Auslassungspunkte, die eine Pause bewirken, ein Innehalten;
– das Semikolon, den Strichpunkt, wenn ein Komma zu schwach, ein Punkt aber zu stark wäre;
– das Kolon, den Doppelpunkt, der zugleich trennend und betonend wirkt.

Feststellen lässt sich außerdem eine gewisse Neigung zum Aneinanderreihen von Wörtern, die dann ein Wort bilden, aber keine echten Neologismen sind, etwa wenn es „Ichlassmichnichtmehraufhalten“ heißt oder „KümmeredichumdeineAngelegenheiten“.
Die Vorrede am Anfang und das Gebet am Schluss sind in Prosa verfasst, sodass sie wie eine Klammer wirken. Die 60 Gedichte dazwischen sind nummeriert und von unterschiedlicher Länge.

Gorrets Dichtung ist in Italien anerkannt. In anderen Ländern kennt man sie nicht. Meine Übersetzung soll dazu beitragen, diesen Umstand wenigstens in deutschsprachigen Ländern zu verändern. Natürlich hat Lyrik bzw. übersetzte Lyrik ein zahlenmäßig überschaubares Publikum. Das ist sehr bedauerlich, denn die Haltung dieses Autors, die in seinen Texten zum Ausdruck kommt, ist bemerkenswert kritisch und in vielen Belangen vollkommen richtig. In einem Interview2 spricht er davon, dass die Literatur sich „prostituieren“ und dem Zwang zur Verkäuflichkeit unterordnen müsse. Er spricht vom Sieg der Quantität über die Qualität (wer möchte ihm widersprechen?) und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch durch seinen ständigen Wunsch zu wissen, Intelligenz und Würde verloren hat.
Nach Gorret ist der Dichter „ein mühseliges Konzentrat von Oxymora“, ein Unangepasster, der die Isolation gewählt hat und gleichzeitig unter ihr leidet.
Trost vermögen hin und wieder Tiere zu spenden, die durch ihr bloßes Da-Sein den Dichter erfreuen. Derart wird aus dem Kater Puffi, dem unaufdringlichen, diskreten, treuen Gefährten, der wie der Dichter die Musik zu lieben scheint, eine raison d’être. Als Puffi sich entfernt und nicht wiederkehrt, wobei ungewiss bleibt, wohin er geht, bedeutet dies für den Menschen nicht nur einen schmerzlichen Verlust, sondern auch und noch viel mehr den Wegfall dieser raison d’être und vielleicht das Ende seines Lebens.

Franziska Raimund, Nachwort

 

 

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