SIMONE WEIL UND PIERRE TEILHARD DE CHARDIN HEIRATEN
1
Sie sprach von Gnade und Anziehungskraft,
also von Schwerkraft, und davon, dass Christus
kein gefallener Apfel sei, doch auf Erden sei das Böse
die Geisel des Todes, obschon auch dieser Griebs
Himmelslicht brauche und Sonnenschein
von allen Seiten – Gnade.
Ihre zarten kranken Lungen atmeten wie ein Vulkan,
sie glaubte daran, dass das Kreuz Caritas bedeute,
obwohl die Schwerkraft dagegen donnerte:
Lei era la morte. – Była ona śmiercią.
Weil sie den Kommunismus mit der Erlösung
durch das Kreuz verwechselt hatte.
Aber sie verlor nie den Glauben und nie – eben
trotz alldem – nie ließ sie sich römisch-katholisch
berühren und salben: durch die goldenen kirchlichen
Siegelringe all der Nachahmer des Heiligen Petrus.
Und Du, Pierre, wiederholtest ihr gegenüber – dieser
widerspenstigen Braut –
an Deinem „Omega-Punkt“,
als alles enden und neu beginnen sollte,
aber in einer noch besseren Welt
und einem noch besseren Kosmos,
dass aus dem Nichts nichts entstehen werde,
obwohl auch das Nichts in den Händen
der Evolution überleben könne – das hast Du ihr
so gesagt. Und bist dann verschwunden.
2
Das wäre eine wunderschöne Hochzeit – eine Art
Wiedergeburt des Christentums,
so habe ich es verstanden, und dass ich dann
nicht mehr zur Kommunion gehen müsste und dass
man meine Grundschule in Bartoszyce geschlossen hätte
und dass ich zu meinem Aufenthaltsstipendium
in New York gar nicht aufgebrochen gewesen wäre:
zu der Verabredung mit der steinernen Insel,
die vom Geld des Stieres mit seinen großen Nasenlöchern
und seinem großen Herzen der Finsternis dem Erdboden
gleichgemacht wurde, was nur solche toten Stämme
sehen-wissen wie die Manhattan oder die Montauk.
3
Aber bald werde ich wieder schlafen gehen,
mein Hosengürtel wird unter dem Bett liegen,
denn solange ich denken kann – seit Anbeginn
der Zeit – habe ich immer auf einem Campingplatz
übernachtet und auf den Morgen gewartet – mit der
Hoffnung, dass es einen freien Platz im Erholungszentrum
geben würde: Wasser aus dem Brunnen, eine Zahnbürste,
meinen Personalausweis, und dass ich dann noch einmal
an unseren See zurückkehren würde: und zu Deinen
blauen Kornblumenaugen einer 14-jährigen, zu unseren
Badestränden im masurischen Italien 1983.
Verden-Bremen, 5.–6.6.2019
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Vorwort
Hinter den Säulen des Herakles ist nach Bartel und Gustabalda (2019 bei der Parasitenpresse aus Köln erschienen) der 6. Gedichtband in meinem lyrischen Werk seit 1997. Er entstand zwischen 2014 und 2023 auf Polnisch und wurde dann von mir ins Deutsche übersetzt, wobei ich während dieser Übersetzung hin und wieder Korrekturen und Änderungen in der polnischen Mutterversion machte. Der Gedichtband erscheint gleichzeitig in Polen und Deutschland – in meiner alten Heimat im Instytut Mikołowski in Mikołów, das sich um das poetische Erbe des polnischen Kultdichters Rafał Wojaczek kümmert und dessen Verlag seit Jahren schon zahlreiche Lyrikbände polnischer und internationaler Autorinnen und Autoren publiziert. Das Besondere an diesem Institut und Verlag ist, dass beide von den Lyrikern und Schriftstellern Maciej Melecki und Krzysztof Siwczyk geleitet werden, wobei Siwczyk auch im Ausland ein bekannter Lyriker ist. 2022 habe ich eine Auswahl seiner Gedichte, betitelt Auf nächtlicher Reise (bei der Parasitenpresse), in meiner Übersetzung vorgelegt und mit einem Nachwort versehen.
Artur Becker, Hotel Lindley, Frankfurt am Main, 26.4.–4.5.2023
Der Gedichtband Hinter den Säulen des Herakles
von Artur Becker(eigentlich Artur Bekier) kommt mit einer Wucht daher, die in der heutigen poetischen Landschaft ihresgleichen sucht: sowohl stilistisch wie auch thematisch. Man könnte meinen, man durchquere mit diesem Dichter Passagen der menschlichen Zivilisationsgeschichte, der philosophischen Zweifel, der einstigen Erfolge und Niederlagen, der theologischen und existenziellen Fragen nach dem Bösen und seiner Funktion. Und immer wieder taucht die alltägliche Hoffnung auf, dass doch noch nichts verloren sei, dass am Ende des Korridors das Glück uns nie verlassen werde. Poeme und Gedichte, im Polnischen entstanden und publiziert, im Deutschen neu geschrieben und dennoch übertragen ‒ von Artur Bekier für Artur Becker: Endlich haben seine beiden Sprachen zu einer Einheit gefunden.
Bernd Gosau, Parasitenpresse, Klappentext, 2023
Beitrag zu diesem Buch:
Artur Becker: „Ich lebe als Kosmopole – unterwegs seiend“
hr2, 16.1.2024
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram 1 & 2 + Kalliope
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Autorenarchiv Susanne Schleyer + Dirk Skibas Autorenporträts + Keystone-SDA








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