Christian Lehnert: Cherubinischer Staub

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christian Lehnert: Cherubinischer Staub

Lehnert-Cherubinischer Staub

DIE WÄCHTER

Ausgesondert zu wachen, bei kärglicher Kost, nur aus Pflanzen,
graugrün, dem Gaumen kein Reiz, und immer allein an den Zäunen:

Keinerlei Schein darf die scharfe Linie des Himmels verstellen,
keinerlei Schwere die Sinne zwingen zu Schlaf und zur Erde.

Ohne Vorsicht, dem sich zu öffnen, was niemand erwartet:
maßloses Schauen, Unabsehbares, jenseits der Wälle.

Viele standen hier, ein Leben lang, gaben nie Zeichen,
waren vergessen – wer achtet schon auf die stummen Verwahrer?

Manchmal folgen sie Kindern von fern und rufen Zikaden-
laute. Es hängt nicht am Sprechen, sondern am Gang in die Nächte,

dann wenn gar nicht mehr klar ist, ob Sehen genügt oder vielmehr
Schwärze gebiert, was wirklich wird, und zu warten ist alles.

Doppeltes Amt im Dämmern: ein Jubel und das Erschrecken.
Morgens schlägt der Amselhahn ohne Falsch in den Eiben,

Töne wie Blitze, die überreiche, blendende Helle.
Nachts im Dickicht brüllt es und bricht vor Schmerz in die Sümpfe,

Tollwut, das Wort und der Hirsch, zwei Augen verfolgen
langsam, langsam den Rand der Gegend, wo sie sich auflöst.

 

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Christian Lehnerts siebentes Gedichtbuch

versucht erneut ein Äußerstes: Ausgehend von zweizeiligen Verknappungen bis an den Rand des Schweigens, über Sonett, Ode und Terzine bis hin zu vielgestaltig ausgreifenden Poemen sendet diese Dichtung experimentelle Sonden ins Unbekannte.
Mehrfach begibt sich der Dichter in ein „Wörterbuch der natürlichen Erscheinungen“. Darin öffnen sich ihm Welt und Signatur von Schnee und Frost, Moos und Laub. Zu Sprache werden ihm Federgeistchen, Feuerkäfer, Fliegen und Falken. Ebenso versteht er sich später auf die Rede der Fichten und Buchen. Schließlich geht es um menschliches Schicksal, um mythische wie historisch-reale Stoffe. Hier verbindet er Polaritäten wie den Baal von Palmyra und die Todeserfahrung des Obersten Lehnert im Zweiten Weltkrieg.
Lehnerts Dichtung speist sich aus der deutschen Mystik. Von Jacob Böhme und Angelus Silesius übernimmt er die doppelbödig-eindringliche, Spiritualität und Physis verbindende Rede.  In Lehnerts Gedichten ereignet sich, im vielberufenen Zeitalter des Digitalen, eine Wiederauferstehung analogen Denkens – und hier haben die Gedichte auch ihren widerständigen Ort in der Gegenwart: als Behauptungen von „Sinn“ in den Erscheinungen, als Näherungen an eine letztlich unsagbare Mitte.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2018

 

Des Sommers lange Schatten

– Es lohnt sich, all den Dingen zuzuhören, die in diesem Versen zum Sprechen gebracht werden: In seinem Gedichtband Cherubinischer Staub huldigt Christian Lehnert der Schöpfung. –

Ein Cherub ist ein Diener Gottes, ein engelhaftes Mischwesen, dargestellt zum Beispiel als geflügelter Löwe mit Menschenkopf. Mehr als 90 Erwähnungen finden cherubinische Wesen im alten Testament, zuerst in der Paradiesgeschichte, wo sie nach der Vertreibung von Adam und Eva den Baum des Lebens zu bewachen haben.
Wenn Christian Lehnert seinen jüngsten Gedichtband Cherubinischer Staub nennt, sammelt er also ein wenig des göttlichen Abglanzes ein. Dichtung ist für Lehnert die Feier der Schöpfung – und das heißt: der Natur. Jedes seiner Gedichte ist ein Gebet, eine Gottsuche, ein Gespräch. Als Theologe und Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts an der Uni Leipzig hat er keine Scheu davor, Sprache und Religiosität zu verknüpfen. Am Anfang war das Wort. Wer zu sprechen oder gar zu dichten vermag, bringt die Welt immer wieder aufs Neue hervor.
In Lehnerts Gedichten gewinnt die Sprache eine seltene Intensität. Oft geht es nur darum, die richtigen Wörter und Namen zu finden, damit etwas in der Benennung entsteht. So sucht er das „Urwort“ mit den Zeilen:

Wer fand zuerst ein Wort wie „Schaumkraut“, Wellennamen?
Ein Wind kam auf und trug heran die Samen.

So gelingt es ihm in vielen Gedichten, Sprache und Natur in einer einzigen Bewegung zu verbinden.
Im ersten der drei Teile des Bandes geht es um Stille. Er beginnt mit einem „Wörterbuch der natürlichen Erscheinungen“. Das sind knappe Zweizeiler, die an einen konkreten Ort und Zeitpunkt gebunden sind. Sie gehen von einer Beobachtung in der Natur aus, benennen, was gemeint ist und verknüpfen das Wort mit einer Assoziation. So heißt es im Oktober 2016 über den herbstlichen Wald im Gottleubatal im Osterzgebirge:

Verloren, wie das Laub, sind Namen, die wir hatten.
So heißt das Buchenrot: des Sommers lange Schatten.

Unklar, was dabei Metapher ist und was Benennung, ob Laub oder Namen verloren gingen und ob das Buchenrot den Sommerschatten bezeichnet oder von diesem hervorgerufen wird. Das Laub aber ist damit durchleuchtet und mehr als es selbst.
Immer wieder geht es um die Verwandlung des Augenblicks in etwas Kostbares, um eine Epiphanie, die gerade in den alltäglichen, natürlichen Dingen aufscheint, seien es Bäume, Kräuter, Krähen, ein Holunderbusch, Wespen, ein Eidechsenjunges oder der Schnee. Das Göttliche zeigt sich in allem, und es zeigt sich jedem, der zu sehen und zu sprechen vermag. Oder, wie Lehnert es formuliert:

Das Undeutliche, GOtt, kann dies und jenes sein.
Wo immer du IHn suchst, schließt ER dich ein.

Den Mystiker Jakob Böhme zitiert er mit dem schlichten Satz:

Wo du nur hinsiehst, da ist Gott.

Genau dieses Hinsehen praktiziert Lehnert mit seinen Gedichten. Das ist auf angenehme Weise unmodern, an strengen Formen und Rhythmen orientiert, manchmal direkte Antwort auf Bibelzitate oder Verse von Böhme, ohne dass es einen Bruch zwischen der heutigen und der alten Sprache gibt.

Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung, 22.1.2019

Der Dichter als Schwan auf der brandungslosen Welle

– In seinem Lyrikband Cherubinischer Staub schürft Christian Lehnert in der religiösen Dichtung der Vergangenheit und sucht nach einer gegenwärtigen Innigkeit. –

In der gegenwärtigen deutschen Literatur sind verstärkt die Trümmerfrauen unterwegs. Noch siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind sie damit beschäftigt, Verschüttetes freizulegen und an geistige Traditionen anzuknüpfen, die die deutsche Barbarei, in ihrer Verblendung überzeugt davon, Deutschtum zu bewahren, indem man Fremdes ausgrenzt, beinahe vollständig ausradiert hatte.
Christian Lehnert, der soeben seinen siebten Gedichtband vorlegt, gehört zu diesen erfreulichen Gestalten. Wozu sein Schürfen in der Vergangenheit führt, ist eine Wiederentdeckung der Innigkeit. Matthias Claudius ist in seinem Jahrhundert verankert und sicherlich nicht wiederholbar, aber offenkundig hat hier ein Dichter der Gegenwart den Mut, auf dem Boden geistlicher Überlieferung erneut einen Einklang von Seele und Welt zu suchen.
Das Nachdenken über Literatur hatte in den vergangenen Jahrzehnten im Gefolge Nietzsches gestanden. Der spurlos verschwundene Gott hatte auch die Sätze entleert zurückgelassen, und schwarz auf weiß gedruckt konnte man nichts Sicheres mehr nach Hause tragen. Wie der Dekonstruktivismus zu zeigen bemüht war, erwiesen die Texte der Moderne längst ihre rettungslose Unlesbarkeit. Diese Lektüre-Strategie hatte ihre Berechtigung darin, dass es in der Philosophie galt, traditionelle Vorstellungen von Ursprung und Mitte – und damit von Sinn – tatsächlich in Frage zu stellen, aber sie gefiel sich letztlich doch ein wenig zu sehr in einer Sinnlosigkeit, die sie in ausufernden Kommentaren zelebrierte.
Lehnert setzt hier einen entschiedenen Schnitt. Er greift kühn auf den schlesischen Barockdichter Angelus Silesius zurück und schreibt gleichfalls kurze Epigramme (der Titel seines Buchs spielt auf dessen Werk Cherubinischer Wandersmann an). Was er dadurch erreicht, ist eine gleichsam blendende Verknappung, und der Leser macht die Erfahrung, dass, wenn die Texte schrumpfen, das Wort wieder ersteht. Offenkundig tut die Bezugnahme auf die religiöse Dichtung der Vergangenheit der dichterischen deutschen Sprache derzeit wieder gut.
Das bedeutet nicht, dass Lehnert auf jene schlechte Metaphysik zurückfällt, die der Dekonstruktivismus zu Recht gebrandmarkt hatte. Im Gegenteil. Eine Zeile lautet:

Ein Kreis hat eine Mitte? Hat den Schwindel.

Der Mitte zu gedenken heißt, sie nicht länger als Fundament zu verstehen, sondern als dessen Erschütterung. Wenn in diesen Epigrammen Dinge wieder entziffert, Phänomene der Natur mit einem Doppelpunkt versehen und wieder benannt werden können, dann erweisen sich diese Deutungen eher als von außerhalb einbrechende Offenbarungen denn als eigenmächtige Konstruktionen eines Subjekts.
In einem Zweizeiler aus dem November 2016 heißt es:

Pupillenrund und rot, der Apfel lockt von weit.
So heißt der kahle Baum: Durchbrochen liegt die Zeit.

Allzu gern, hat Derrida uns aufgeklärt, hatte der abendländische Denker sich im Gegenstand gespiegelt, um sich an der Idee des Zentrums zu berauschen: in der Welt ein Zentrum suchen, weil man selbst gerne eines wäre! Lehnert sprengt diese Naivität auf.
Der Naturlyrik eines Wilhelm Lehmann etwa ist anzumerken, dass sie während des „Dritten Reichs“ in der inneren Emigration entstanden und die Natur in ihr auf ein Refugium reduziert worden ist, in dem sie zu ersticken droht. Unser Zeitgenosse Lehnert schreibt dagegen in einem weiten Raum, der nach oben hin offen ist und den Dichter in sein von frischem Wind durchpustetes, vielleicht gar randloses Gewebe mit einbezieht:

Des Morgens Glück, Milan, kreist mit dem Wind nach oben.
So heißt der frühe Tag: Wir werden eingewoben.

Welche stolze Aufgabe dem Dichter damit zufallen kann, macht der Zweizeiler „Epiphanie“ deutlich:

Der Schwan berührt das Meer genau an jener Stelle,
wo Licht verstanden wird, die brandungslose Welle.

Der Dichter – der Schwan ist sein Symbol schon bei Charles Baudelaire – berührt die Welt in großer Treffsicherheit dort, wo sie brandungslose Welle, also überzeitlich ist, und er selbst als Lichtträger gelten und sich als solcher auch erweisen darf. Derlei ist in der gegenwärtigen deutschen Lyrik unerreicht und von bleibender Schönheit.
Schließlich ist es Behausung und Weite zugleich, was Lehnert bei seiner Aufräumarbeit zu schaffen versteht. Der letzter Teil des Buchs enthält erzählende Gedichte. Drei von ihnen sind den Weisen aus dem Morgenland gewidmet, die seinerzeit einem Stern nach Bethlehem folgten.
Über „Kaspar“ heißt es, dass er auf seiner Wanderschaft plötzlich innehält und die Pilgerschaft nicht mehr fortsetzt, weil er begriffen hat, dass die eigentliche Lehre von Bethlehem darin besteht, es nicht länger als Ziel aufzufassen:

Er war es selbst, der sein Ziel
setzte, hat’s lachend verloren:
Wo immer es dem Gott gefiel,
ward Gott in der Welt geboren.

Für Kaspar ist es ein heiter stimmender Vorgang, wenn Gottes Antlitz unvermutet erkannt werden kann, in Gesichtern von Menschen nah und fern und ohne Unterschied. Lehnert weiß, dass er sich auch in der Ferne Rat holen muss. Gern darf es ein Weiser aus dem Morgenland sein.

Eberhard Geisler, taz, 20.10.2018

Mit Poesie auf der Suche nach Sinn…

– Wie muss ein gelungener Gottesdienst aussehen? Wie lässt sich ein Zugang zur Liturgie finden? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang Sprache? Der evangelische Theologe und Lyriker Christian Lehnert findet in seinen Werken Antworten. –

Wann immer ich einen Gottesdienst besuche, empfinde ich nach wenigen Minuten eine sonderbare innere Gespaltenheit: Enttäuschung mischt sich mit einer Beseelung, die einem Heimweh gleicht. Ich singe die alten Lieder, die mich teils tief berühren, teils museal befremden, ich bete mit den vorgesprochenen Worten, die mich fortnehmen in ihren Fluß oder mich kopfschüttelnd allein lassen mit ihren stilistischen Mißgriffen, hohlem Pathos oder der geistigen Unbedarftheit des Pfarrers.

Das schreibt Christian Lehnert in seinem Buch Der Gott in einer Nuß. Und etwas weiter heißt es in demselben Kapitel:

Ich sehe dann tausend Dinge, die man anders (und ich sage bei mir heimlich: besser) machen könnte… Die Gebete höre ich vollgepackt mit abgegriffenen Metaphern und jener unsäglichen Leier von ‚Lass uns…‘, ‚Gib uns…‘, ‚Guter Gott…‘, die kaum noch erträglich ist, wie klebriger Zuckerguß über fauligem Konfekt, zähes Rinnsal einer völlig kontaminierten religiösen Sprache. Alles strömt träg dahin wie die Elbe meiner Kindheit: aufgewirbelter Schlamm, Müll, Schaumkronen, Modergeruch, nur der Erinnerung nach noch ein natürliches Gewässer.

Die Gemeinde verharre dabei, so beobachtet der Autor, „zahm in gnadenloser Einfalt, in blinder Vereinswärme, die über alles hinwegsehen läßt… Kirche als ein kollektives Überredungsritual, ein kuschelig-gemeinsames Augenschließen, das noch gegen die Wahrnehmungen von innen immunisiert.“
Doch dann schildert derselbe Verfasser solcher Empfindungen die einsetzende Ambivalenz:

Gleichzeitig bin ich hineingenommen in einen Raum, der mich selbst weit überragt. Ich habe das Gefühl, zu flirren in einem grellen Licht oder zu brummen in einer tiefen Resonanz, deren Grund mir nicht erkennbar ist, oder zu vibrieren in einem schweren Rhythmus oder zu tagträumen, leichthin zu schweben… Und abhängig von allem, was ich wahrnehme, besser: durch alles hindurch, was ich wahrnehme, ist eine andere Aktivität am Werk. Ein Agens, das ich nicht identifizieren kann, erfaßt mich. Ich bin nur sein Stoff, sein Schwingungskörper…

Mit gleich mehreren solcher in ihrer Aussagewucht verdichteten literarischen Kostproben gestaltete Lehnert, Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts an der Universität Leipzig, seine zutiefst anrührende und gleichzeitig fesselnde Lesung im Kölner Baptisterium. Zumal für Zuhörer, denen Liturgie und Gottesdienst, Religion und ihre Sprachfähigkeit ein echtes Anliegen sind. Das wurde deutlich in der anschließenden Aussprache mit DOMRADIO.DE-Moderator Johannes Schröer.
Schließlich heißt es im Untertitel Lehnerts Buch eher lapidar „Fliegende Blätter von Kult und Gebet“ – will sagen: eine konsequente Abhandlung, eine Systematik in den poetischen Einzelbetrachtungen und Meditationen zu den kultischen christlichen Vollzügen, wie Lehnert den zentralen Gegenstand seiner Poesie nennt, will auch er selbst in seinem Werk nicht ausmachen.
Vielmehr sei er mit dem Dargelegten – immerhin sind bereits sieben Gedichtbücher und ein Essay über Paulus im Suhrkamp-Verlag von ihm erschienen – auf der Suche nach Einklang von Seele und Welt, aber eben auch nach Sinn in der Liturgie und die Bedeutung von liturgischen Formen. Und so kreist er inhaltlich um den sonntäglichen Gottesdienst, um das Kyrie, Gloria, Glaubensbekenntnis und Abendmahl bzw. die Eucharistie.
Es ist ein sehr eigener und doch werbender Weg, den der 1969 in Dresden geborene Dichter und Theologe einschlägt. Dem – nach eigenen Worten – wegen der Wehrdienstverweigerung in der ehemaligen DDR die meisten Bildungsgänge verwehrt wurden. „Mir blieb nur die Theologie.“ Gottlob, will man erwidern – angesichts der unverblümten Radikalität, mitunter entwaffnend-kritischen Ehrlichkeit und zweifelsohne einmaligen Begabung, mit der sich Lehnert fortan der sprachlichen Auseinandersetzung stellt bei dem, was ihm zum Wichtigsten wird: der Entdeckung seiner persönlichen Glaubensgeschichte und Christwerdung. Persönlich gefärbt ist daher alles, was er schreibt: seine Gedichte, aber auch seine Prosa und alles, was es da noch an Mischformen gibt, mit denen er sich auf Entdeckungsreise nach dem eigenen Selbst, aber auch der christlich gedeuteten Welt macht.
In die Religion „eingewandert“ sei er, schreibt das Wochenmagzin Die Zeit über den im besten Sinne literarischen Exoten, der in jeder Zeile für seine Art, die Welt zu betrachten, einnimmt. Dabei bekennt der nicht christlich Aufgewachsene, was den eigentlichen Reiz seiner Schreibkunst ausmacht: „Das Interesse an Religion kam über mein Interesse an der Literatur“, der er Mitte der 80er Jahre in den Bücherregalen seiner Eltern begegnet. Der sonst noch in diesem Staat verbreiteten „banal-marxistischen Verbalmechanik“ will der Jugendliche ohnehin etwas Individuelles entgegensetzen.
Es ist die „ganz andere Form zu sprechen“, die er findet, als er mehr zufällig an der Tür eines evangelischen – und nicht katholischen – Pfarrhauses klingelt und dort im Gespräch „anderen Worten für die Wirklichkeit“ begegnet. Bald ereignet sich eine „Erweckung zum Denken“, „es kam eine biografische Dynamik in Gang“, berichtet er. Und so beginnen ein „Lauschen nach existenziellen Fragen“ und eine „Glaubensbiografie“, in deren Verlauf er sich der Kunst als „Deutungsform des Lebens“ bedient und Poesie wie auch Religion den Theologen bis heute prägen.
Jeder vorgetragene Satz ist eine Inspirationsquelle für sich und lässt vor dem geistigen Auge eine Vielzahl an neuen Phantasiegebilden entstehen, was den Zuhörer zu widerspruchlosen Gefolgsleuten macht. Eine unverstellte, manchmal verknappte Sprache, Metaphern und vor allem haarfeine Beobachtungen, die manchmal bis an die Schmerzgrenze gehen, weil sie den Finger in die allzu offene Wunde legen – immer geht es letztlich um die Frage nach Gott und angemessene, vor allem liturgische Ausdrucksformen, sich ihm zu nähern – zeichnen das Besondere dieser Dichtkunst aus.
Es werden viele Fragen gestellt, Deutungsräume aufgerissen und am Ende doch keine vorgefertigten Antworten akzeptiert. Gotteserfahrung entzieht sich jeder Machbarkeit, lautet am Ende eine der Überzeugungen Lehnerts, der an sich selbst seismografisch genau beobachtet, wo sich Widerstand gegen Eingefahrenes, unreflektiert Rituelles regt und wo tiefes unverfremdetes Empfinden und Gottesnähe spürbar werden. An all dem lässt Lehnert seine Leser teilhaben; ein Mann, der ringt: um Wahrheit in der Liturgie und seinen Glauben zwischen erstarrter Religionspraxis und einer Ahnung von Himmel. „Das Wesentliche geschieht außerhalb meiner Wahrnehmungen“, sagt er schließlich, der zuvor viel über die „Störung des spirituellen Gleichgewichtssinnes“ sinniert hat. Und er warnt:

Manchmal sieht man eben nur die Nussschale – ohne Kern.

Übrigens gibt es in der soeben veröffentlichten Neuerscheinung Cherubinischer Staub, dem siebtem Gedichtband Lehnerts, auch etwas zu Kaspar, Melchior und Balthasar; wieder etwas gewohnt Anrührendes, das sich der Eichendorff-Preisträger aus dem Jahr 2016 da ausgedacht hat. In jedem Fall etwas ebenso Feinsinniges – diesmal in Reimform –, das bestimmt jedes Kölner Herz bei einer potenziell nächsten Lesung erfreuen würde.

Beatrice Tomasetti, domradio.de, 17.11.2018

Wandern mit den Gestirnen

–Auf der Suche nach einem Einklang zwischen Seele und Welt. Der Autor und Theologe Christian Lehnert öffnet in seinem soeben erschienenen siebten Gedichtband Erfahrungsräume, die hinter den Wörtern liegen und lange in uns nachhallen. –

„Es kommt uns etwas entgegen und gleichzeitig löst es etwas in uns aus“, beschreibt Christian Lehnert seine Erfahrungen mit biblischen Figuren und Texten. „Es sind oft suchende Begegnungen“, sagt er. Lazarus, Herodes, Jakob oder die Heiligen Drei Könige, Lehnert greift in seinem neuen Gedichtband Cherubinischer Staub biblische Gestalten und christliche Traditionen auf. „Eine Tradition gibt man nicht weiter, indem man sie genauso bewahrt, wie sie ist“, erklärt Lehnert, „sondern indem wir sie uns aneignen und gewissermaßen neu erfinden“. Das sei ein fortwährender Rhythmus von Finden und Erfinden, sagt der Autor.
Christian Lehnert ist in der DDR aufgewachsen und in einem Elternhaus sozialisiert worden, das mit Religion nichts am Hut hatte, Literatur aber sehr wohl geschätzt hat. „Zunächst entstand mein Interesse für Kirche und Religion aus der Literatur“, erzählt er im DOMRADIO.DE Interview.

Ich habe im elterlichen Bücherschrank Gedichte gefunden und habe gelesen und mit dem selbstständigen Erwachen tauchte dann auch die Frage nach Gott auf.

Für diese Frage, die plötzlich brennend für ihn wurde, habe es in seinem Umfeld keine Sprache gegeben. Das habe ihn dann zu einer Gemeinde geführt.
Lehnert fühlte sich zur Religion hingezogen. Er studierte evangelische Theologie, er wurde Pfarrer und leitet heute das Liturgiewissenschaftliche Institut an der Universität in Leipzig. Die Wochenzeitung die ZEIT schrieb einmal über ihn, er sei in die christliche Religion eingewandert. „Religiosität war für mich zuerst einmal ein Erwachen zu eigenem Sprechen und eigenem Denken“, sagt er.

Wichtig war dabei der damalige kirchliche Kontext, der in der DDR der achtziger Jahre auch eine letzte Form von anderer Öffentlichkeit war.

Dort habe Lehnert gemerkt, so sagt er, wie Wörter eine andere Bedeutung haben können, wie man anders sprechen könne, wie sich die Wirklichkeit anders darstellen könne, wenn bestimmte Bilder eine andere Bedeutung haben.
Religion und Liturgie erlebte Lehnert als etwas Befreiendes, befreiend auch vom eindimensionalen rein rationalen Denken, das heute oft von einem ökonomischen Optimierungszwang geprägt ist. „Befreiendes aus im Grunde genommen ganz engen Spuren, in denen wir uns bewegen, ganz engen Selbstbildern, ganz engen Lebenshorizonten einer durchökonomisierten und durchrationalisierten Lebenswirklichkeit“, sagt Lehnert.
Der neueste seiner inzwischen sieben Gedichtbände ist soeben erschienen. Cherubinischer Staub heißt der Lyrikband und spielt auf die Cherubim an, die himmlischen Heerscharen, die geflügelten Mischwesen aus der Bibel, die in unserer säkularen Welt kaum noch jemand kennt. „Das sind Wesen, die sich wandeln“, erklärt der Theologe Lehnert, „die sowohl gleichzeitig innen als auch außen sind – schon immer gewesen. Wenn der Leser mit Cherubim nichts anzufangen weiß, ist er auf der richtigen Spur, wenn er zumindest den Anhauch davon hat, hier ist etwas verborgen“.
Über den Heiligen König Melchior schreibt Lehnert:

Warum er aufbrach? Er nannte das „Mitleid“. Mit jener Linie
zwischen Himmel und Erde, die wandert, mit den Gestirnen,
mit den einsamen Göttern, Bewegern von Stürmen und Menschen,
Selbstmitleid, um es genau zu sagen, nur völlig maßlos.

In einem anderen Gedicht schreibt Lehnert:

Pupillenrund und rot, der Apfel lockt von weit.
So heißt der kahle Baum: Durchbrochen liegt die Zeit.

Lehnert hat seinen Lyrikband in drei Teile unterteilt. „Stille ohne Maß“, nennt er den Ersten Teil, dann folgt „Von der Unruhe“. Der Dritte Teil heißt „Baumgespräche“. „Ich bin viel im Wald unterwegs“, sagt der Dichter. „Das sind im Grunde genommen Ergebnisse eines schöpferischen Lauschens, das zugleich findet und erfindet. Ich habe Dinge, die ich höre oder zu hören meine, in Stimmen verwandelt, so als würden die Bäume selbst sprechen. Sie erzählen dann Geschichten, sie erzählen von ihren Kindern, also von den kleinen Keimlingen, sie erzählen von Stürmen, von Schnee. Gewissermaßen unterhalten sie sich“, sagt der Autor.
„Derlei ist in der gegenwärtigen deutschen Lyrik unerreicht und von bleibender Schönheit“ schreibt die Tageszeitung TAZ über Lehnerts Buch Cherubinischer Staub. Offenbar habe hier ein Dichter den Mut, auf dem Boden geistlicher Überlieferung erneut einen Einklang von Seele und Welt zu suchen, heißt es weiter in der Zeitung. Wir können uns dieser Leseempfehlung nur leidenschaftlich anschließen, denn Christian Lehnerts Gedichte öffnen Räume, die hinter den Wörtern liegen und lange in uns nachhallen.

domradio.de, 7.12.2018

Die Andacht der Füchsin

Einem Gedichtband einen Titel wie Cherubinischer Staub zu geben, ist nicht ohne Mut. Noch mutiger ist es, Gedichte zu schreiben, die das Versprechen der Überschrift halten. In der paradoxen Wortfügung bindet Christian Lehnert Immanenz und Transzendenz zusammen. Genau das tut er in fast jedem Gedicht seines achten Lyrikbandes. Vielleicht ist hier bei dem einen oder anderen Leser innerlich schon der Rolladen heruntergegangen. Gläubige Dichtung von Rang – gibt es die noch? Kann es so etwas heute geben? Es kann. Darin gilt einer der namhaftesten deutschen Gegenwartslyriker als Solitär.
Der gebürtige Dresdner, der lieber Bausoldat wurde, als in der DDR seinen Wehrdienst abzuleisten, studierte nach der Wende Religionswissenschaft und evangelische Theologie, war Pfarrer und Studienleiter für Theologie und Kultur an der Evangelischen Akademie in Wittenberg und ist heute wissenschaftlicher Geschäftsführer des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der Universität Leipzig. Als Lyriker verleugnet Lehnert seine Prägung kein bisschen. Die neuen Gedichte sind durchsetzt mit Anspielungen auf die christliche (Schrift-)Tradition. Der Titel verweist auf den Cherubinischen Wandersmann des Johannes Scheffler alias Angelus Silesius, eine Sammlung mystischer Epigramme in Alexandrinern, ein Höhepunkt deutscher Barockdichtung.
Manche Stücke wirken, als seien sie – nicht nur altertümlicher Schreibweisen wie GOtt und ER wegen – aus Schefflers Feder selbst geflossen. Das Epigramm „Wo ist GOtt“ lautet:

Das Undeutliche, GOtt, kann dies und jenes sein.
Wo immer du IHn suchst, schließt ER dich in sich ein

Nicht minder greifen die Gedichte des Kapitels „Aus einem Wörterbuch der natürlichen Erscheinungen“ das Epigramm im Paradevers des Barocks auf.
Doch Christian Lehnert sucht nicht nur formal Anschluss an den Barock. Genüsslich pflegt er einen Retro-Tonfall, streut obsolete Wendungen und Ausdrucksweisen ein. Statt von Holunder spricht er vom Holderstrauch. Er verwendet veraltete grammatische Konstruktionen wie den vorangestellten Genitiv („der Bahnen fremde Mitten“). Ein Gedicht hat den barocken Titel „Beschluss des 2015ten Jahres“.
Meist kündigt sich die religiöse Thematik in der Überschrift an: „Credo quia absurdum“, „Tod und Auferstehung eines Eisvogels“. Lehnert lauscht der „Morgenandacht der Füchsin an der Autobahn“ und führt „Baumgespräche“, sendet wie weiland Paul Gerhardt „Passions-Salven“ an den Leib Christi oder lässt einen „Breitenauer Zauberspruch“ gegen die gottlose Unrast der Gegenwart vom Stapel. Seine Mottos bemühen das Matthäus-Evangelium, die Legenda aurea oder ein Wort des heiligen Beda Venerabilis. Drei Buchstaben beschließen den Band: S.D.G. Soli Deo Gloria. Gott allein die Ehre.
Zu großen Teilen sind es Gedichte, die sich raschem Verständnis verweigern. An nicht wenigen Stellen hat man das Gefühl, hier habe sich der Schlagbaum des Sinns unwiderruflich gesenkt. Über manchen mystischen Paradoxen möchte man verzweifeln. Warum Lehnert dennoch lesenswert ist, auch für Nichtgläubige? Seiner außergewöhnlichen Natur- und Stimmungsbilder wegen: „Traumlos wächst es dahin“ heißt es von der Landschaft in „Peenemünde im Dämmern“. Und in „Mittag“ mit schwirrenden Bienen über den Gleisen blickt, ein magischer Augenblick, „ein GOttgebild aus ihrem Tanz zurück“.

Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung, 5.1.2019

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Michael Schrom: Wir Dämmerungswesen
publik-forum,de, 27.12.2021

FM: Cherubinischer Staub
fixpoetry.com, 12.8.2018

schoenesostrachfueralle: Cherubinischer Staub – ein außergewöhnlicher Gedichtband von Christian Lehnert
schoenesostrach.wordpress.com, 1.3.2019

Mario Keipert: Cherubinischer Staub
mariokeipert.de, 18.7.2019

Friedrich Seven: Poetisches Maß
zeitzeichen.net, September 2018

Christian Lehnert liest aus Cherubinischer Staub am 5.6.2019 im Lyrik Kabinett, München. Moderation Heinrich Detering.

 

 

 

Jessica Brautzsch im Interview mit Christian Lehnert: „Ich sehe ihren Glanz“

Otto Friedrich im Gespräch mit Christian Lehnert: „Hineinsprechen in das Ungesagte“

Richard Kämmerlings: „Schreiben gehört zu den vorletzten Dingen“

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 5.4.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 1 von 4: „Die weggeworfene Leiter. Erste Gedanken eines Dichters zu einer religiösen Sprachlehre“.

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 26.4.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 2 von 4: „Das Kreuz. Vom Verlöschen der Sprache im Herzen des Christentums“.

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 10.5.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 3 von 4: „Fröhliche Urständ. Gedanken zur Sprache als Schöpfungsgestalt“.

 

Poetikvorlesung von Christian Lehnert am 24.5.2022 an der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien. Auf der Schwelle. Von Religion und Poesie Teil 4 von 4: „Atem“.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + InstagramKLG + IZA
Porträtgalerie: akg-images + IMAGO
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Christian Lehnert

 

Dichter im Porträt: Christian Lehnert.

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

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