2019-05-10

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Mitten im Wald, da, wo ich jetzt auf einem grossen bemoosten Kiesel sitzend diese Sätze ins Gerät diktiere, wuselt eine winzige Frau mit gefiedertem Jägerhut im feuchten Laub umher, in der Linken hält sie ein A4-Blatt, das sie sich immer wieder vor die dicke Brille hält, rechts stochert sie mit einem sehr dünnen, chromblitzenden Stab, einer Sonde vielleicht, in der Erde, um dann immer wieder etwas zu notieren – Zeichen oder Zahl? ein Strahlungswert? – auf ihrem Blatt, das sie beim Schreiben auf den knochigen Vorderarm drückt.

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Der ältere Plinius soll seine 37bändige Naturgeschichte, in der ich grade mit höchster Begeisterung und nachhaltigem Gewinn lese, aus rund 2.000 der damals erreichbaren Schriftwerke kompiliert haben. Lust am Weiterschreiben und Weiterdenken.
Lust an der Kopie, an der Kombinatorik.
Wer unter den Heutigen, ausgenommen die Wenigsten von ihnen, vermag vergleichbar viel zu lesen, zu bewahren, zu mehren, weiterzugeben?

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Am TV unlängst die Reportage aus dem syrischen Homs, ein einziges Trümmerfeld, wohin man sieht, ausgebrannte und ausgeschlachtete Ruinen, dazwischen ein buntes Gewimmel von Überlebenden und Zurückgekehrten, die bereits wieder am Werk sind, die das Nötigste, das Mögliche sichern: Der Markt ist wieder aufgebaut, und er funktioniert angeblich „wie früher“ (vor der Belagerung), auch ein Katzenasyl hat man eingerichtet, ein paar Kindergärten und Sanitätsposten. Auf einem Drehständer in der Mittagsglut werden alte zerschlissene Ansichtskarten, alte Zeitungen und Bücher angeboten.
Der Mensch überlebt, wenn er überlebt, als Gewohnheitstier.

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Eigentlich sollten als Lesestoff, als Leseprogramm für ein leidlich erfülltes Leben die Universalbibliothek von Reclam und die Bibliothek Suhrkamp genügen. Insgesamt wohl die beste Auslese aus den alten und neuern Literaturen der Welt. Selbst diese habe ich, versteht sich, bei weitem nicht ausgelesen. Jüngst kamen neu dazu Dissipatio humani generis von Morselli und Kyrklunds dreister Essay Vom Guten.
Täglich, seit langem, ein paar Seiten von Montaigne oder Cicero oder Hippokrates.
Trost oder Schande, dass so viele der Alten so vieles schon gewusst haben? Eigentlich doch alles Wesentliche! Auch wenn sie sich da und dort irrten, sich auf Spekulationen einliessen, wo’s noch keine wissenschaftliche Forschung und Forschungsinstrumente gab; ihr Wissen erwuchs aus ästhetischer Erfahrung und Erkenntnis, aus der noch rezenten Fähigkeit zu sehen, zu hören, hinzufassen, anzupacken und solcherart eben auch zu begreifen.
Man lese Aristoteles zum Verhalten, zur Fortpflanzung, zur Anatomie unterschiedlichster Tiere – grosse Wahrnehmungsprosa, getragen und angetrieben von einem Denken, dass mehr dem freien Philosophieren als der Schulphilosophie zugehört.

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Ein gemütlicher, dabei höchst selbstgewisser Dennett – Daniel Dennett – neulich in einem TV-Gespräch: Bakterien können von uns Menschen nichts wissen, sie wissen ja nicht mal von sich selbst etwas! Und …
… aber wie kann ein Professor, ein Philosoph wissen, was Bakterien wissen oder nicht wissen können!
Woher weiss Dennett, was er weiss, und was kann er wissen von dem, was er weiss?

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Zur Zeit liegen bei mir neben dem Bett Bücher von Leiris, Faulkner, Alain, versehen mit Unterstreichungen und Randnotizen, Bücher, die mich umtreiben, Lektüren, die fortwirken bis hierher in den Wald, die aber samt und sonders im Ungefähren bleiben, aus denen ich nicht textgetreu zitieren kann, nichts. Das Gelesene klingt bestenfalls irgendwie nach, bleibt aber in seiner originalen Ausformulierung unerreichbar. Nur die eine oder andere Idee daraus, der eine oder Anstoss wirkt und trägt weiter. Ganz leicht beginnt es nun zu regnen. Der Wind wird stärker, die schwankenden Wipfel sehr weit oben wischen den grau gewordenen Himmel zu.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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