Die einzige Geschichte, die mein Vater mir als Kind erzählt hat, oftmals erzählt hat, bis zum Überdruss erzählt hat, ist die Geschichte vom Arschfeger des Königs Sigismund.
Die Geschichte (ein Märchen?) ging so:
Ein verwaister Bauernjunge wurde grosszügig ins Schloss aufgenommen, wo er dem König bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Hintern wischen sollte. Standesgemäss wurden bei dieser Handreichung kostbare Seidentücher verwendet. Der damit betraute Junge warf aber, entgegen strenger Vorschrift, die verschmutzten Tücher nicht in die Müllgrube, sondern wusch sie aus und verwahrte sie, über viele Jahre hin, an einem versteckten Ort.
Die zu Hunderten gesammelten Seidentücher wurden später zur Grundlage eines erfolgreichen Textilgeschäfts, das der Junge nach seiner Entlassung in eigener Regie eröffnete, beginnend als fliegender Stoffhändler auf ländlichen Warenmärkten, viel später dann endend als glücklicher Besitzer der landesweit grössten Tuchfabrik, die Stoffe für jeden erdenklichen Gebrauch − vom Putzlappen bis zum Tischtuch und zur Damenbluse − auslieferte.
Eine Moral zu der Geschichte wurde mir nicht geliefert, der hämische Unterton, mit dem mein Vater sie immer wieder zum Besten gab, machte mir aber klar, dass hier der verschwenderische König als der Dumme, der sparsame und vorausdenkende Junge als der Kluge gelten sollte.
Mag ja sein, dass ich in kindlicher Neugier, noch unbewusst, eine Lehre aus diesem Märchenstoff gezogen habe, die Geschichte als solche war mir aber viel zu eintönig und den Jungen empfand ich wohl eher als einen Streberling denn als einen Helden, der sich aus eigener Kraft zum Schmied seines Glücks gemacht hat. Befremdlich doch auch, dass dieser kleine, ganz unangestrengte, aber konsequent agierende Held ausschliesslich über die königlichen Exkremente zu seinem Reichtum kam. Die „anale“ Herkunft des Gelds steht für mich, wenn auch unreflektiert, seit damals fest, und sie wird ja obendrein bekräftigt durch den Gold scheissenden Esel aus einem andern unappetitlichen Märchenkreis.
Im Umgang mit andern Märchen, mit Legenden, mit mythologischen und biblischen Stoffen fiel mir ausserdem auf, dass hier die Helden stets als „Typen“ auftreten, und auch wenn sie einen eigenen Namen tragen, standen sie doch, wie mir schien, stellvertretend für eine anonyme Mehrheit von Menschen: Der Böse, die Schöne, der Tapfere, die Fleissige vertraten immer gleich alle, die fleissig, tapfer, schön, böse oder sonstwas waren − der listenreiche Odysseus sollte als der Listenreiche schlechthin begriffen werden, die treue Penelope als Verkörperung der Treue selbst.
Erst bei meiner späteren Beschäftigung mit William Shakespeares Dramen und Sonetten gewann ich den Eindruck (eher vielleicht das „Gefühl“), zumindest teilweise mit Kunstfiguren konfrontiert zu sein, die gerade nicht als Typen, sondern als Individuen geschaffen waren. Nur solche Figuren konnte ich damals als Identifikationsangebote wahrnehmen − egal, ob Richard III. oder Hamlet, die gerade nicht den prototypischen „Bösewicht“ oder „Zögerer“, also auch nicht die Gesamtheit der „Zögerer“ und „Bösewichte“ verkörperten, sondern ganz für sich selbst einstanden. Einzig so konnten sie für mich, bei allen Unvereinbarkeiten und möglichen Missverständnissen, zu persönlichen Referenzgestalten werden.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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