Felix Philipp Ingold: Das Buch im Buch

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Felix Philipp Ingold: Das Buch im Buch

Ingold-Das Buch im Buch

BUCH (1)

Schlägst du allerdings die Wüste
in der Mitte auf, zerfahren
dir die Lettern und Gerüste
glatt im Sand.
aaaaaaaaaa(Wo sie verharren

wollen, wissen – weißt du? – nicht
einmal die Ziffern, die der Zeit
die Richtung geben.)
aaaaaaaaaDer Bericht
ist besser als der Vorfall: Biederkeit

bleibt kugelrund wie Tschitschikoff
und wird sich niemals ganz verjähren.
Laß Film statt Buch passieren:
aaaaaaaaBis im Off

die Findelbomben durch die leeren
Viertel irren und —-
dir sogar die — Steine wund.

 

NACHDEM MALLARMÉ bei der langwierigen Niederschrift seiner Hérodiade (1864/1867), eines szenischen Textes, der sich „nicht aus Worten, sondern aus Absichten“ zu einem versifizierten Gefüge von „Sensationen“ aufbauen sollte, in eine fundamentale Schaffenskrise geraten war und dadurch unversehens den Zugang zu den „reinsten Gletschern der Ästhetik“ gefunden hatte, blieb er während Jahrzehnten – bis zu seinem Tod – mit einem „wunderbaren Werk“ befaßt, das er, wohl in Anlehnung an die Bibel, schlicht als „Das Buch“ bezeichnete, dessen Realisierung jedoch nie über die Konzeptphase hinausgelangte. Durch immer wieder neue, keineswegs widerspruchsfreie Absichtserklärungen hat Mallarmé „Das Buch“ als Modell einer kosmischen Textarchitektur glaubhaft zu machen versucht, wobei allerdings das Werk, welches daraus hätte entstehen sollen, im Lauf der Zeit vom expandierenden Projekt und den damit verbundenen Theoriebildungen und Phantasmen überlagert, allmählich zur Gänze verdrängt und am Ende auf den imaginären Status des Nichts festgelegt wurde, so daß also der vorweggenommene – „begehrende“ – Kommentar das ungeschriebene – „mangelnde“ – Werk zugleich aufheben und ersetzen konnte: der Werkkommentar wurde zu einem Kommentarwerk, das nichts anderes als seine eigene Absenz, mithin die Nichtigkeit von Werk und Kommentar schlechthin zu bezeugen vermochte.
Die Entstehung – und das heißt hier: die Verhinderung – des „Buchs“ hat Mallarmé in zahlreichen Briefen, in poetologischen Fragmenten und Notizen, zuletzt auch in einigen Texten, die er, kurz vor seinem Tod, unter dem Titel Divagations (1897) erscheinen ließ, sorgfältig, fast pedantisch dokumentiert, und man kann sich eigentlich nur wundern, daß die diesbezüglichen – weit verstreuten – Materialien erst jetzt, dank den Bemühungen Henri Meschonnics, in der geschlossenen Form einer Einzelpublikation zugänglich geworden sind.1
Als ein Werk ohne Anfang, ohne Ende, als einen Text, der – organisch „Seiendes“ und architektonisch „Gemachtes“ zugleich – durch die „totale Entfaltung des Buchstabens“ sich an der Demarkationslinie zwischen Natur und Kultur in unaufhörlichem Werden konstituiert, letztlich als eine restlos versprachlichte und kraft der Sprache zum Schweigen – zur Existenz – gebrachte Welt hat Mallarmé „Das Buch“ gedacht, worin die Geschichte zu purer (weil bloß virtueller) Gegenwärtigkeit gerinnen sollte – als ein „einziges“ vielstimmiges Buch, von dem „alles andere ausgenommen“ wäre, weil alles andere schon immer dazu bestimmt gewesen ist, in ihm, sich vollendend, zu enden. Denn „letztlich ist es so, daß alles auf der Welt nur deshalb existiert, um in ein Buch zu münden“.
Das Buch“ impliziert das Verschwinden des Draußen in der Weiße des Nichts, durch die das Werk sich selbst bestätigt und, indem es dies tut, sich selbst auch verneint; denn die „einzige“ Wahrheit dieses „einzigen“ Werks ist, ewig während, das Nichts, dessen Realität – wie es in Un coup de dés jamais n’abolira le hasard heißt – einzig im Ort des Worts gegeben ist:

RIEN
N’AURA EU LIEU
QUE LE LIEU.

Da „Das Buch“ – „architektonisch und vorgeplant“, „unpersönlich und lebendig“, wie es (gedacht) ist – die Summe aller (denkbaren) Bücher enthält, und da es als das Große (oder Reine) – noch ungeschriebene – Werk gleichzeitig die Welt, mit deren Totalität es identisch ist, ausschließt (so wie es den Zufall ausschließt, indem es ihn als Notwendigkeit anerkennt), muß auch der Mensch, als Subjekt der Geschichte und als Urheber von Geschichten, ausgeschlossen bleiben, ja sein Verschwinden wird zur Voraussetzung dafür, daß das Werk überhaupt entstehen und bestehen kann. „Ich glaube“, sagt Mallarmé in Beantwortung einer Umfrage, „dies alles ist in der Natur schriftlich niedergelegt, auf eine Weise, daß nur diejenigen die Augen davor verschließen, welche Interesse daran haben, nichts zu sehen: dieses Werk ist da, alle Welt hat sich schon daran versucht, ohne sich dessen bewußt zu sein; kein Genie und kein Hanswurst, der nicht unwissentlich einen Zug davon aufgespürt hätte.“ Wo also ein Autor an dem einen Welt-Buch mitschreibt, geschieht es „unwissentlich“; der Mensch hat keinen Anteil daran, sondern ist gleich schon, „ohne sich dessen bewußt zu sein“, Teil davon. Der Autor ist dem Werk weder vor- noch übergeordnet, er erschafft es nicht, vielmehr wird er von ihm erschaffen, er gehört ihm an in dem Maß, wie er darin untergeht – das Äußerste, was er erreichen kann, ist, daß sein Name mit dem Werk identisch wird. Das Werk bedingt den Autoritätsschwund der Urheberschaft nicht mehr der Autor, die Sprache soll das Sagen haben, und zwar ein Sagen jenseits konventionalisierter Wortbedeutung, ein Sagen, dessen Wahrheit darin begründet ist, daß es zwar unverständlich, dennoch aber, in sich, sinnvoll bleibt. „Der Zufall“, so betont Mallarmé bereits 1866 in einem Brief an Coppée, „greift einen Vers nicht an. Wir, mehrere von uns, haben das erreicht, und ich glaube, daß bei so vollkommen eingegrenzten Zeilen unser Blick vor allem darauf gerichtet sein muß, daß im Gedicht die Worte, die schon zur Genüge sie selber sind, um keinerlei Eindruck von außen mehr in sich aufzunehmen, sich ineinander spiegeln, bis sie ohne jedes Eigenkolorit in Erscheinung treten und zu gleitenden Obergängen einer Skala werden.“ Die Sprache selbst, soll, so verstanden, das „re-präsentieren, was seine Präsenz einbüßt, indem es Sprache wird“ (H.-J.Frey).
Wo die Worte nur mehr als „sie selber“ – in ihrer sinnlichen Qualität als Schriftzeichen, als Klangkörper – wahrnehmbar gemacht werden, verliert der Autor seine „diskursbegründende Funktion“ (Foucault); die schöpferische „Initiative“ bleibt der Sprache überlassen, deren autopoietische Dynamik jegliches auktoriale Wollen neutralisiert. „Das Buch“ – die kommende Literatur – wäre demnach ein autorloses anonymes Werk, das ohne persönliche Vertreterschaft und ohne Signatur auskommt; ein Werk, das längst schon eingeschrieben ist in die Welt der Objekte, von der es jedoch gleichzeitig sich abhebt, indem es sie – wie auch sich selbst – verneint; ein Werk also, das lediglich in seiner Abwesenheit Wirklichkeitsstatus gewinnt: es ist das und es ist das,was sich durch seine eigene Negativität am Da-Sein hindert. Folglich kann „Das Buch“ – gegenstandslose „Pracht des Nichts“ – einzig durch Reduktion, durch Elimination sich vollenden, und nicht in einer wie auch immer gearteten Schöpfung:

Genau das beobachtete ich an mir – ich habe mein Werk nur durch Vernichtung geschaffen, und jede erworbene Wahrheit wurde nur über den Verlust eines Eindrucks geboren, der, nachdem er aufgeblitzt war, sich verzehrt hatte und mir, dank seiner freigesetzten Dunkelheiten, erlaubte, tiefer in die Empfindung des Absoluten Dunkels einzudringen. Die Zerstörung war meine Beatrice.

Von diesem kreativen Prozeß der Zerstörung bleibt auch das empirische Ich des Autors nicht ausgenommen – es wird in einem suizidalen Akt der Selbstauflösung eliminiert und durch das absolute Ich des Werks, als seiner eigenen Negation, ersetzt. „Doch dieses Resultat, mein Freund, erfüllt mich keineswegs mit Stolz, viel eher macht es mich traurig“, schreibt Mallarmé an Lefébure:

Denn all dies wurde nicht aufgrund der normalen Entwicklung meiner Fähigkeiten erreicht, sondern auf dem sündhaften und hastigen, dem satanischen und leichten Weg der Zerstörung meiner selbst, was nicht die Kraft, sondern eine Sensibilität erzeugt hat, durch die ich notgedrungen an diesen Punkt gelangt bin. Persönlich kommt mir keinerlei Verdienst zu, und um Gewissensbisse (wegen meiner Mißachtung der Langsamkeit der Naturgesetze) zu vermeiden, ziehe ich mich gerne in die Unpersönlichkeit zurück…

Das Verschwinden des Autors und die dadurch bedingte Absolut-Setzung des Werks erfordern nicht zuletzt auch eine radikale Neubesinnung auf die Funktion des Lesers, der sich ja nun, da der Autor nicht mehr auf eine bestimmte Aussage hin befragt, das Werk nicht mehr auf eine bestimmbare Bedeutung festgelegt werden kann, außerhalb des üblichen Kommunikationszusammenhangs gestellt sieht. „Das entpersönlichte Buch“, sagt Mallarmé, „erhebt, sofern man sich als Autor von ihm scheidet, auch nicht mehr den Anspruch auf das Herantreten des Lesers.“ Das referenzlose Werk kann nicht auf Wirkung angelegt sein, vielmehr bewirkt es sich selbst – als rhythmische („vibratorische“) Bewegung – in seinem stetigen Werden; es bleibt mit dem, was es „aussagt“, mit dem, was es „bedeutet“, identisch, sein „verschütteter Sinn“ jedoch – das, was potentiell über den Text hinausweist – muß durch die „verzweifelte Praxis“ der Lektüre freigesetzt (nicht bestätigt, bloß entdeckt) werden. Folglich büßt der Leser seine Funktion als Interpret ein, er wird zum Medium des Werks, das in ihm und durch ihn einen Sinn gewinnt, an dem es ebenso wenig wie der Autor Anteil hat: Mallarmés „Buch“ weist das von ihm erzeugte hermeneutische Begehren ab, indem es sich, durch seine Abwesenheit, in „schroffer Weiße“ als Mangel zu erkennen gibt und gleichzeitig, hermetisch, sich verschließt. Wer – oder was – spricht denn also aus diesem „Buch“, das nichts sagt und nichts verschweigt? Es ist (wie Michel Foucault in Les mots et les choses ausgeführt hat) „das Wort selbst in seiner Einsamkeit, in seiner fragilen Schwingung, in seinem Nichts – folglich nicht die Bedeutung des Worts, sondern dessen rätselhaftes und prekäres Sein“. Mehrfach hat Mallarmé – in unterschiedlichen Formulierungen – deutlich gemacht, daß es für ihn einen präsentischen Zeitbegriff nicht gebe; daß Gegenwart als „eine Art von Interregnum“ aufzufassen sei, „in das der Dichter sich nicht einzumischen“ habe; daß er, Mallarmé, niemandes – auch nicht sein „eigener“ – Zeitgenosse zu sein wünsche:

… nein, es gibt keine Gegenwart – eine Gegenwart existiert nicht.

Was Mallarmé verneint, ist, wohlverstanden, die – geschichtliche – Gegenwart außerhalb des Buchs; und verneint wird diese Gegenwart, weil sie der ganz anders gearteten Gegenwart des Werks vorbehalten sein soll, die sich durch dessen Abwesenheit konstituiert. Mit dem Erscheinen des „Buchs“ würde, nach Mallarmé, eine neue, eine nachgeschichtliche Zeit anbrechen, die – genau so wie die neue Literatur – unabhängig wäre von der auf Linearität, Kausalität, Progressivität festgelegten Historie, eine aperspektivische Zeit, „hier vorauseilend, dort rückerinnernd, dem Künftigen und dem Vergangenen zugewandt…“ Geschichte soll demnach nicht mehr in der „falschen Gegenwärtigkeit“ der Bücher abgelagert, sondern durch „Das Buch“ definitiv aufgehoben werden; die Realisierung des einen „Buchs“ wird dann erst möglich sein, wenn alle Bücher zugeschlagen sind, und erst dann wird auch die „falsche Gegenwärtigkeit“ der geschichtlichen Existenz abgelöst werden können durch eine nachgeschichtliche, in permanentem Werden begriffene absolute Gegenwart.
Das Verschwinden des Autors und die Entmaterialisierung des Werks, die Destruktion als schöpferisches Prinzip, die Gleichsetzung von Kunst-Text und Welt-Text, der Vorrang des Werdens gegenüber dem Wollen, die Aufwertung des Paradoxons als Denkfigur und des Zufalls als Notwendigkeit, die Abwehr der Hermeneutik durch einen neuen Hermetismus, die Aufhebung des Subjekts und der Geschichte – was Mallarmé, in diesem Sinn, vor mehr als hundert Jahren mit Bezug auf „Das Buch“ postuliert hat, ist heute Allgemeingut „postmodernen Wissens“ und findet seine (jeweils partielle) Bestätigung sowohl in den ästhetischen Theorien der „Simulation“ und der „Immaterialien“ wie auch in der „Rhizomatik“, im „Dekonstruktivismus“, in der „Katastrophentheorie“ oder in der „Selbstorganisationslehre“. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt Mallarmés Projekt einer nachgeschichtlichen Literatur, deren referenzlose „Vorstellungen“ den „wahren Kult der Moderne“ begründen sollten, neue Aktualität.

 

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Jan Kuhlbrodt: Versuch über Ingold
poetenladen.de, 28.10.2012

Jan Kuhlbrodt: Vom Abtragen der Monumente oder das Wesen der Chronologie

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Ulrich M. Schmidt: Das Leben als Werk
Neue Zürcher Zeitung, 25.7.2012

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Magnus Wieland: Der Autor, der die Autorschaft hinterfragt
Berner Zeitung, 25.7.2022

 

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Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

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