Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Dichtersprache, Gebrauchssprache, Universalsprache (Teil 7)

Dichtersprache, Gebrauchssprache, Universalsprache
Das prekäre Vermächtnis der «konkreten Poesie»

 Teil 6 siehe hier

Von Innovation und Revolution ist die aktuelle literarische Internationale weit entfernt. Weltweit gleichen sich die Schreibweisen wie auch die Themen einander an, der Einsatz von künstlicher Intelligenz verstärkt den Trend zur Gleichmacherei, nicht Neuerungen sind gefragt, sondern Anpassungen an einen bereits etablierten belletristischen Universalstil, der zunehmend nicht nur zwischensprachliche und nationalliterarische Unterschiede einebnet, sondern auch die hergebrachten literarischen Gattungen (Erzählung, Essayistik, Lyrik, Dramentexte) ineinander aufgehen lässt, sie vereinheitlicht und damit suspendiert.
Es ist schwer einzuschätzen, ob und inwieweit Gomringer mit seiner reduktionistischen, zugleich global ausgreifenden Poetik auf diese Vereinheitlichung und Verallgemeinerung des Literaturbegriffs wie auch der literarischen Produktion eingewirkt hat. In seiner Programmschrift über «dichtung und gesellschaft» von 1958 hatte er als Garant und Grundlage eines «elementaren», allgemeinmenschlichen Gemeinschaftsgefühls eine «universale gemeinschaftssprache» gefordert, in der Literatur- und Gebrauchssprache amalgamiert sein sollten: «das praktische ziel der neuen sprachauffassung ist eine universale gemeinschaftssprache. diese soll nicht als neue kunstsprache konstruiert und nicht als eine einzige sprache verstanden werden, sondern mit dem material der bestehenden geeigneten wortsprachen soll innerhalb dieser wortsprachen gleiche funktionalität erstrebt werden …»
​Wenn Gomringer wohlmeinend davon ausgeht, dass die von ihm programmierte «gemeinschaftssprache» ein bereits «mehr und mehr spürbares, elementares gemeinschaftserlebnis» fördern und «wirtschaftliche produktivität und menschliche beziehungen in harmonische korrelation bringen» werde, ist das eine zwar menschenfreundliche, den Menschen aber weit überschätzende und überfordernde Utopie. Es ist naiv, anzunehmen, «die menschlichen beziehungen [könnten] universal rationalisiert, das heisst organisiert werden», und es ist ebenso naiv, den Menschen – der Menschheit – eine streng geregelte, radikal vereinfachte, von Störungen und Redundanzen völlig befreite Universalsprache beliebt zu machen.
​Dem Gomringer’schen Ideal einer klaren, unmissverständlichen, völkerverbindenden und Gemeinschaft stiftenden Universalsprache entspricht die zeitgenössische Sprachkultur insgesamt (mit ihrer hohen Fehlertoleranz und ihrer zunehmenden Formschwäche) jedenfalls ebenso wenig wie die heute international dominante, kolloquial nivellierte Literatursprache. Unter diesem aktuellen Gesichtspunkt war der von den «Konkreten» einst geforderte und sorgsam gepflegte formale Purismus nicht viel mehr als eine vorübergehende sprachhygienische Massnahme. Daran erneut anzuknüpfen, ist sicherlich keine realistische Option, doch zumindest sei daran noch einmal erinnert.

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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