Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sprachverrückte Autorschaft zwischen Lyrik und Klinik – Henri Michaux (Teil 5)

Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik

Teil 9 siehe hier

HENRI MICHAUX

Als Ausnahme kann der nachfolgende titellose Text gelten, den Michaux – in ekstatischer Verfassung – ohne jede Korrektur, ohne Streichungen oder nachträgliche Zusätze auf einem undatierten separaten Blatt niedergeschrieben haben soll. Die typographische Gestalt des Texts (die regelmässige, linksbündige Aufreihung kurzer Zeilen) und einige diskrete Assonanzen (extase/paysage; noir/gloire) lassen vermuten, dass er tatsächlich als Gedicht intendiert war und nicht bloss als Aufzeichnung einer drogenbedingten Vision. Bei der Lektüre der deutschen Fassung ist zu berücksichtigen, dass die lautlichen und rhythmischen Qualitäten des Originals nicht wiedergegeben werden können:

die höllen lodern im kamin
schritte und pflaster im verbund
getränkt
im liegen unweitsichtig
schönheit
kindheit
gewalt
die grabstatt entspricht
fruchtbares ei
die ähnlichen blühen
bittend bauch vor
vage ekstase landschaft
weg ungekannt gestern
verschüttet in meinem [morgen]
auf kosten des autors
die schwärze der ruhm
das …
der [tag]
platz frei für die auflösung
abfallen atem
absterben atem
minimer vogel der zeit
Zobel
das tier trinkt
das tier hat getrunken
das tier hat getrunken
lid hochgezogen
stück frühe
da bebt der knochen
tal des mannes
tal des weibes
unterirdisch schnee
um klar zu sehen
asyl für die hände
sonne der täler
wasser gegoldet
tür an tür
die augen den augen nah
wiesen kurz aufgelacht
um zu reifen
im lippenschein
widerschein von morgentau
ein herz davor das strahlt
meine wüste einfasst
geht nochmals den weg von den blicken entzückt

 

(aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold)

Von Michaux’ übrigen Drogentexten aus dem Labor unterscheidet sich dieses «Gedicht» lediglich seiner äussern Form nach, auf der Aussage- beziehungsweise Bedeutungsebene bietet es sich gleichermassen «verrückt» dar, vielfach gebrochen, ohne erkennbaren Zusammenhang, so dass unentscheidbar bleibt, inwieweit hier unkontrollierter Wahnwitz und gewollter Hermetismus involviert sind. Und wie, so lautet die Zusatzfrage, verhält sich das im Rausch verfertigte «Gedicht» zu den Gedichten, die Michaux als solche geschrieben und veröffentlicht hat?

… Fortsetzung hier

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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