Nachts wieder schlaflos, draussen peitschender Eisregen, ein Kratzen an allen Fenstern wie von Fingernägeln, als wollte sich jemand entgegen der Schwerkraft und aller praktischen Vernunft an den Scheiben hochangeln; bin zum Lesen wie zum Schlafen zu müde, seh mir schwachsinnige TV-Movies und Talkshows an. Erst gegen halb fünf Uhr morgens eingeschlafen, danach kurzer verwirrlicher Traum, Zeitraffer mit nie zuvor gesehenen Bildern und Szenen − ruinöse phantasmagorische Kathedralen, massentouristischer Horror, Hunde, die auf Hinterbeinen an der Leine schwarzer Polizistinnen hoppeln, desolate Kinder- und Elternschlafzimmer mit vieläugig schillernden Tapeten, abgewrackte Luxuslimousinen, aus denen lautes Maulgetrommel dringt usf.
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Wer nomadisiert, kann nicht in die Irre gehn.
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Malone stirbt noch immer, und er tut’s (beim Wiederlesen des gleichnamigen Romans) noch überzeugender. − Mit Samuel Beckett bin ich, ganz unangestrengt, auf höchstem literarischem Niveau; merkwürdig eigentlich, dass ich mich da (und nur da) als Leser ernstgenommen fühle, dass ich nur in solchen Höhen bewundern, lernen, danken kann. − Der Text ist streng durchkomponiert bis zum letzten Punkt, erbringt schlichte Sätze und … aber komplexe Überlegungen eines sterbenden Normalverbrauchers, trostlos und witzig, ungemein klug, ungemein verkommen, dabei gleichgültig (wozu allerdings die Formstrenge nicht so recht passt). − Bei einem starken literarischen Text wird auf jeder Seite zumindest ein Satz vorkommen, den zu unterstreichen und sich zu merken lohnt: For it is evening, even night, one of the darkest I can remember, I have a short memory. (Punkt.)
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Dass Ich ein Anderer ist, das ginge noch an; aber Ich ist viele Andere, und zwar gleichermassen.
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Hans Blumenberg war, als er starb, ungefähr so alt, wie ich’s jetzt bin; sein letztes Wort, seine letzten Worte sollen, laut und deutlich ausgesprochen, endlich! endlich! gelautet haben.
Was kann … was könnte ich, in meiner relativen Rüstigkeit und Geistesgegenwart, dazu sagen? Wenn nicht − hier und jetzt! − ein Gleiches!
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Gleich zweimal (warum eigentlich?) hat mir gestern Abend W. Z. die Liebes- und Lebenstragödie des Dichters André du Bouchet zum Besten gegeben: Wie ihm René Char, der Erfolgreiche, Hochberühmte, die Frau abgejagt hat, Char, den er, du Bouchet, als schreibenden Kollegen und Freund verehrte; und dass der solcherart Düpierte danach mit seiner Schwester (seiner Tochter?) den allzu langen Lebensrest verbracht habe; und dass nach dem Verrat des Freunds und dem Verlust der geliebten Frau nie wieder ein Mensch in seinen Texten vorgekommen sei usf.
Das war vor einem halben Jahrhundert, als es noch grossformatige, autoritative Dichter gab, die sich wie Landesfürsten holten (holen durften), was sie begehrten, ohne deshalb wegen Missbrauchs öffentlich geächtet zu werden.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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