Die Taschenlampe hab ich mal wieder zu Haus vergessen; es gibt nur das klar gepunktete Sternenlicht, das herabglimmt durchs kahle Gezweig.
Die Wege sind ausgelegt mit einer dicken schwarzen Schicht verfaulender Blätter, die sich vom schwach erhellten Dunkel kaum noch abheben. Die Wegränder sind verwischt, alles liegt … alles ruht tief verschattet.
Obwohl ich die Strecke − jede Biegung, jede Steigung, jedes Hindernis − seit langem kenne, komme ich zwei-, dreimal von der richtigen Richtung ab und weiss nicht mehr wirklich, wo genau ich mich befinde.
Am Boden, den ich tastend abschreite, schimmert da und dort ein abgefallenes Blatt, das noch einen Rest von Gelb bewahrt hat; doch zur Erhellung reicht das ebenso wenig wie das karge kalte Licht, das von ungeheuer oben kommt.
Ohne Sturz, ohne grössere Verirrung erreiche ich den Waldausgang, muss aber feststellen, dass es draussen, unter freiem Himmel, kaum heller ist als zuvor zwischen den dicht stehenden Bäumen.
In den feinen Regen mischt sich mehr und mehr Schnee.
Ich kann so gut wie nichts mehr sehen, finde aber, mich am Drahtverhau der Kuhweide entlang hangelnd, ohne Ab- und Umweg heim.
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Jakobson, sehr alt nun schon, ist auf Vortragsreise; grösser gewachsen, als ich ihn in Erinnerung hatte, graue Erscheinung; Kraushaar wie aus Stahlwolle, fliehende Stirn, vorspringend die feine Nase, das Kinn; das Gesicht übersät mit trockenen Pickeln wie bei einem Reptil, obzwar doch eher einem grossen Vogel, einem Kranich gleichend; auf Stirn und Schläfen grünspanähnliche Patina, beim Vortrag bemerkenswert lebhafte Rede, mein Respekt ist so hoch, dass ich in seiner Gegenwart kaum zu denken, geschweige denn zu sprechen wage; doch er zeigt sich zugänglich, freundlich, sogar witzig, wirft sich plötzlich auf einen Sessel, um zu telefonieren, er scheint mit einer (seiner?) Frau zu schäkern, ich frage ihn nach dem alten Kaukasier, von dem ich weiss, dass er, Jakobson, ihn in Prag einst getroffen, mit ihm in der Hotellobby eine Theorie entwickelt hat, ja, doch, die Theorie der Dominante als simultaner Gegenzug gegen Absolutismus und Demokratismus; ja, klar, er erinnert sich, scheint der Sache aber keinerlei Bedeutung beizumessen, also beugen wir uns nun über eine grossflächige Landkarte, die in düstern Farben (grau, dunkelgrün) eine gigantische Flussmündung zeigt; ins Delta eingelassen steht die kreisförmig angelegte, vom trägen Strom girlandenartig umflossene und vielfach durchflutete Hauptstadt, die offenbar eigens für Jakobson errichtet worden ist; denn ihn interessiert wie nichts sonst in der Welt die schäumende Girlandenform der Wasserläufe, die sich wie ein gewaltiger flüssiger Kragen um sie legen und Schwemmgut aus vielen Sprachen mit sich führen.
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Bin grade in den Wald eingetreten, fahre mir mit gespreizten Fingern flüchtig durchs windverwehte Haar, als mich von hinten auf Hüfthöhe etwas anschubst, es könnte eine locker geballte Faust sein, ist aber, wie ich jetzt, da ich mich umwende, sehen kann, die feuchte, im Frost leicht glitzernde Schnauze eines ausgewachsenen Ziegenbocks, der nun kurz mit nach hinten und oben verdrehtem Hals zu mir hochschaut, sich dann auf dem schmalen Weg lautlos und elegant an mir vorbei bewegt, gefolgt, wie sich erweist, von drei weitern, ungefähr gleich hohen Böcken mit dichtem kastanienbraunem Fell, das sich über die scharfe kammartige Rückenkante spannt; das letzte, das vierte der Tiere streift mich sacht, wendet mir beim Überholen seine veilchenblauen Augen zu, sein Fell ist silbergrau, um die Ohren und den Schwanz herum ganz weiss, an den Beinen, von den Knien zu den Hufen, tief schwarz. Bin frappiert darüber, mit welcher Anmut dieser Bock auf dem morastigen Boden nun vor mir her läuft, dabei mit federleichten Sprüngen den Pfützen und Steinen ausweicht, mal nach links, mal nach rechts hüpfend, als wäre er nicht ein zentnerschweres Huftier, sondern ein verspieltes Eichhörnchen.
Und endlich überholt mich nun auch die Ziegentreiberin, die hinter ihrer kleinen Herde herschlurft, eine junge pausbäckige, in dickes Strickzeug gepackte Frau mit glitzernder Nickelbrille.
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Zum Beispiel mal ein Würfel sein, sechs Seiten haben, einundzwanzig Augen, ungefähres Glück und ungefährdetes Unglück gleichermassen in sich tragen, immer wieder auf den Becher warten, auf das Schütteln und den Wurf, und den Flug, und den Fall. Den Zufall. Den Unfug.
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Von Imre Kertész lese ich (nach Der Spurensucher, einem Meisterstück aus den späten 1970er Jahren) nun erstmals die Tagebücher: Hektisch, teils fahrig abgefasste Texte, durchweg aber spannend zu lesen. Merkwürdige − merkwürdig unbestimmte − Konstellation von Autor/Erzähler; Mischung aus Wut/Resignation, Zerknirschung/Melancholie. Alles wird unter „jüdischem“ Gesichtspunkt vorgetragen, so als wäre der Jude der Mensch schlechthin, und alle Übrigen wären „fremde“ (oder keine) Menschen. Neutrale deskriptive Passagen finden sich im Wechsel mit selbstquälerischen und selbstverachtenden Notaten.
Kertész bringt in der Perspektive der Evolutionstheorie Mensch und Tier auf einen Nenner – nicht alle Tiere sind Menschen, aber umgekehrt seien alle Menschen Tiere. Hauptthemen: Alter, Krankheit, Ruhm, Geld, Magyarentum und immer wieder (befremdlich) das Essen, egal, wie desolat die Stimmung und die Umstände sind − bei jeder Gelegenheit wird (meist auf fremde Rechnung) üppig getafelt, getrunken und … aber verdaut?
Ich traue diesem Autor nicht übern Weg; seine Selbstzerknirschung und Selbstentblössung haben einen eitlen, unaufrichtigen mauvais goût, sein Denken mag da und dort jähe Erhellung bringen, bleibt aber insgesamt pauschal und grob simplifizierend – Untergang Europas; bevorstehender definitiver Holocaust gegen die letzten Juden; das Leben als pure Scheisse, die Musik als pure Tröstung usf.
Letzte Einkehr, eins seiner Spätwerke, hat I. K. in dem Alter geschrieben, in dem ich jetzt bin (oder das ich jetzt habe). Übereinstimmungen formaler, vollends thematischer Art kann ich nicht ausmachen. Das insgesamt eher schwache Buch endet triumphal mit ein paar separaten Prosaseiten von höchstem Rang (Sonderberg), ist formal zwar merklich von Thomas Bernhard geprägt (Forcierung indirekter Rede, Eigenname des Erzählers als Leitwort), im Gedanklichen aber, alles in allem, weit stärker und auch origineller als dieser (die alte Geschichte von Lot in neuer Lesart usf.).
Der schwer kranke Autor beschreibt und bemitleidet sich hier als abgewrackte Existenz, glaubt aber offenkundig, allen Selbstzweifeln zum Trotz, an seine Wichtigkeit und Autorität als Nobelpreisträger, geht täglich dreimal auswärts „speisen“, logiert nur noch in teuersten Hotels, gibt sich dem verhassten Smalltalk hin, geniesst ihn aber auch und beklagt sich fortwährend darüber.
Das Einzige, worin ich mit ihm übereinstimme: Kein Tag ohne Zeile!
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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