Infantilia (XI)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Mit dem Beten … mit dem Gebet hab ich mich schon als Schulkind nie richtig abfinden können. „Herr, hab Dank für Speis und Trank!“ Das allzu oft gehörte Tischgebet irritierte mich wegen der Wörter „Trank“ und „Speis“, die ich wohl verstand, die aber in meiner Alltagssprache nicht vorkamen. Die Tatsache, dass „Dank“ und „Trank“ sehr ähnlich lautende, fast identische Reimwörter sind, liess mich aber doch annehmen, sie gehörten tatsächlich zusammen: So konnte der Dank für den Trank zum Automatismus und Obligatorium werden. Anderseits begriff ich nicht, dass der oberste „Herr“ persönlich dafür gesorgt haben sollte, dass bei uns das auf den Tisch kam, was in aller Regel meine Mutter zubereitet hatte; und dass der „Herr“ also auch persönlichen Dank dafür erhalten musste.
Befremdlich, fast peinlich fand ich’s, dass jener hohe „Herr“, also Gott, ungeniert geduzt wurde („hab Dank“; „mach, dass …“; „gib, dass …“), derweil wir in der Schule − die Reminiszenz geht in die mittleren 1950er Jahre zurück − beim Eintritt des Lehrers in die Klasse aufzustehn und zu rufen hatten: „Grüssgott, Herr Lehrer!“ Herr und Gott in einer Formel vereint.
Einer meiner damaligen Schulkameraden, nicht gerade mein Freund, aber klar der klügste und sportlichste in der Klasse, war ein besonders engagierter und demonstrativ bekennender Beter. Den rituellen Dank für Speis und Trank sprach er auch jedesmal überm Pausenbrot laut aus. Dabei grinste und strahlte er, als wär er zu Höherem auserwählt. Wir andern fanden das zweideutige Ritual lächerlich, wagten es allerdings nicht, uns über den frommen Kameraden lustig zu machen − er war der Primus, er konnte alles besser als wir, und womöglich war an dem Gebet doch etwas dran.

&

Ich selbst habe mir in der Folge − bis heute − nie ein Gebet merken können, verwende aber häufig den Ausdruck „gottseidank“, nicht um dem Herrn zu danken, sondern um diesen oder jenen glücklichen Moment zu vermerken, wenn er unvermutet, bisweilen kaum merklich eintritt − das Erwachen aus einem starken Traum, die kurze Empfindung gänzlicher Schmerzlosigkeit, ein niegehörtes Klangereignis in freier Natur, eine wundersame Farb- oder Formempfindung, das Gefühl heiterer und souveräner Abgehobenheit.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Bacchus

such das Buch im Bach…

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

0:00
0:00